Feb 252010
 

Auf Facebook führte ich eine Diskussion über Westerwelles Aufforderung,  Arbeitslose nun zum Schneeschüppen einsetzen, die ich hier ausschnittsweise wiedergeben will.

“Also ich finde die Idee gar nicht so schlecht. Ich muss auch jeden Tag für mein Geld arbeiten. Und Arbeitslose bekommen ja auch Geld vom Staat und müssen dafür nichts tun! Manche bekommen sogar mehr als Jemand, der arbeiten geht .”

Marco Bülow:

Da muss ich dir leider widersprechen: Arbeitslose haben nur dann mehr, wenn sie vorher ein hohes Gehalt hatten und noch Arbeitslosengeld beziehen. Man sollte lieber darüber nachdenken, warum viele die arbeiten, so wenig Geld bekommt. Warum sind in Dteutschland (anders als sonst in Europa) die durchschnittlichen Reallöhne in den letzten Jahren gesunken? Wir sollten fragen, ob wir noch in einer soziale Marktwirtschaft leben? Warum immer weniger vom erwirtschafteten Wohlstand, auch in Wachstumsphasen profitieren? Arbeitslose zu beschimpfen lenkt nur vor der eigentlichen sozialen Schieflage ab. Westerwelle hat sich einen Teufel um geringe Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen gekümmert. Stattdessen will er spalten und diffamieren!

“Na ich will hier auf gar keinen Fall jemanden beschimpfen! Und ich will auch nicht alle Arbeitslosen über einnen Kamm schären! Ich sage nur, das wenn mann Geld vom Staat bekommt, man dafür auch eine kleine Gegenleistung bringen könnte! Ich bekomme Geld fürs Arbeiten und viele Arbeitslose sitzen zu Hause rum und machen nichts und bekommen auch Geld dafür! Ich sage auch nicht das den Arbeitslosen Geld gekürzt werden soll und das sie zu viel haben! Aber ich bin der Meinung wenn ich jeden Tag arbeiten gehe, sollte ich schon mehr Geld haben!
Mich ärgert aber auch das viele Arbeitslose immer jammern und dann teilweise noch mehr haben als jemand der arbeitet – und dies in drei Schichten. Außerdem bekommen viele Arbeitslose ja auch noch Mietzuschüsse und anderes. Ich muss das alles selber zahlen! Und wenn ich alle Kosten abziehe dann bleibt mir im Monat auch nicht mehr viel zum Leben über!”

Marco Bülow:

Einigen wir uns doch darauf, dass zu viele Menschen die arbeiten gehen, zu wenig Geld für ihre Leistung bekommen. Es sind einige wenige, die wirklich von dem – auch von ihnen – erarbeiteten Mehrwert profitieren.

Ansonsten bleibt es für mich dabei: Es gibt eine Reihe Arbeitslose, die nicht nur einfach zu Hause rumsitzen. Viele Tausende haben einen 1€-Job, arbeiten also für einen minimalen Zuverdienst. Es gibt viele weitere, die eine Bewerbung nach der nächsten schreiben – meist ohne Erfolg und sie bleiben dennoch am Ball, lassen sich umschulen, bilden sich weiter und nutzen jede kleine Chance. Dazu müssen sich alle Arbeitslosen regelmässig melden und sie können Angebote nicht einfach ablehnen (egal wie schlecht sie auch sind).
Ich will gar nicht diejenigen in Schutz, die sich in der Arbeitslosigkeit einrichten – die gibt es sicher auch. Aber bitte nicht alle Pauschal (damit meine ich jetzt Westerwelle und Co) verurteilen. Ich habe genug in meinem Büro sitzen gehabt, die verzweifelt sind und alles tun, um wieder einen Job zu bekommen. Für viele ist es überhaupt nicht behaglich, keine Arbeit zu finden, es schadet das  Selbstwertgefühl, wenn man ohne Beschäftigung, ohne Lohn leben muss. Gerade in unserer Gesellschaft definieren sich immer noch viele über ihre Arbeit. Arbeitslose werden häufig ausgegrenzt, diskriminiert und beschimpft.

Dabei gibt es immer mehr Menschen, die wirklich unverschuldet ihren Arbeitsplatz verlieren und die auf Grund Ihres Alters nur schwer wieder eine neue Stelle finden. Oder Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz finden und damit kaum jemals eine Chance bekommen, einen geregelten Arbeitsplatz zu erhalten.

Feb 222010
 

Herzlich willkommen in der Lobbyrepublik
Die neue Bundesregierung meidet das Thema Atompolitik, weil es in der
Bevölkerung nicht beliebt ist. Auch der Umweltminister Röttgen will die
gefährliche Energieerzeugung öffentlich nicht wirklich liebhaben. Doch die
Realpolitik von Union und FDP sieht anders aus. Wie auch in anderen Bereichen
will die Regierung sich zunächst bei ihren Spendern und Klientelgruppen
bedanken. Selten hat die Arbeit von Lobbyisten solche Früchte getragen, wie in
dieser bisher kurzen Regierungszeit. Da darf natürlich auch die Atomlobby nicht
zu kurz kommen. Zunächst bekamen die deutschen AKW-Betreiber die Garantie,
dass auch die Uraltmeiler, die laut Ausstiegsvertrag nun vom Netzt müssen,
weiterhin eine Gefahrenquelle mit hoher Pannenwahrscheinlichkeit darstellen
dürfen. Schnell kam dann noch ein Geschenk der besonderen Art dazu.

Milliardenförderung für umstrittenes AKW in Brasilien
Die rot-grüne Abkehr von der Förderung von ausländischen Atomkraftwerken
machen Union und FDP im Handstreich wieder rückgängig. Erster Streich: Die
Absicherung des Atomkraftwerks Angra 3 in Brasilien durch eine Hermes-
Bürgschaft. Das heißt, dass der deutsche Steuerzahler nun auch noch für die
Abenteuer der Atomwirtschaft in Brasilien geradestehen soll. Selbst
Atomkraftbefürworter müssen sich doch fragen: Haben wir denn keine anderen
Probleme?

Atom-Ideologie schafft Gefahren
Durch die verbohrte Atomideologie der neuen Regierung werden neue Gefahren
gefördert. Die Bundesregierung hat bei diesem AKW-Projekt nicht einmal die
Hintergründe und Bedingungen ausführlich geprüft. Es interessiert sie nicht, dass
es sich im Falle von Angra 3 um einen veralteten und damit noch unsichereren
Reaktortyp handelt, dass Teile benutzt werden, die seit Jahren eingemottet sind
und dass der Standort im einzigen erdbebengefährdeten Gebiet Brasiliens liegt.
Hinzu kommt, dass die Endlagerfrage komplett ungeklärt ist, dass Brasilien keine
unabhängige Atomaufsicht besitzt und nicht einmal das Zusatzprotokoll des
Atomwaffensperrvertrags unterschrieben hat.
Wir dürfen doch kein Land in einer so sensiblen Technologie unterstützen, wenn
es nicht einmal bereit ist, unangekündigte Kontrollen der Internationalen
Atomenergiebehörde zu akzeptieren! Haben wir nichts aus der Vergangenheit
gelernt? Das Beispiel des iranischen AKW Buschehr sollte abschreckend genug
sein. Auch dieses AKW-Projekt, welches aufgrund seiner Gefahr für den
Weltfrieden weltweit im Fokus steht, wurde mit Hermes-Bürgschaften
abgesichert.

Arbeitsplatzsicherung in Deutschland?
Wozu das Ganze? Angeblich will man mit dieser Hermes-Bürgschaft Arbeitsplätze
in Deutschland sichern. Die Exportgarantie in Milliardenhöhe wird aber einem
Unternehmen gewährt, das nur zu einem Drittel in deutscher Hand ist und in
absehbarer Zeit komplett in französischen Besitz übergeht. Frau Merkel und Herr
Brüderle beschenken also nicht nur ihre Freunde von der Atomlobby, sondern
machen auch noch Herrn Sarkozy eine Freude. Das nennt man wohl zwei Fliegen
mit einer Klappe schlagen.
Es bleibt abzuwarten, ob das Projekt überhaupt zu Ende gebaut wird. Die
Erfahrungen zeigen, dass AKW-Bauten in solchen Ländern nach jahrelangen
Verzögerungen häufiger scheitern. Erst vor kurzem hat es in der Region um
Angra wieder Erdrutsche gegeben. Hoffentlich siegt in Brasilien doch noch die
Vernunft.

Steuergelder sinnlos verschleudert
Alle Erfahrungen zeigen, dass AKW-Neubauten nie zum kalkulierten Preis
fertiggestellt werden. Das Brasilianische AKW Angra 2 war ein ökonomisches
Desaster, der Neubau des finnischen AKW in Olkiluoto wird zu einem
gigantischen Zuschussgeschäft für AREVA und selbst in den USA liegt das
Ausfallrisiko bei AKW-Neubauten laut einer Studie des US-amerikanischen
Bundesrechnungshofes bei über 50 Prozent. Die Kreditausfallwahrscheinlichkeit
bei diesem Projekt ist also hoch. Schon das argentinische AKW Atucha hat den
deutschen Steuerzahler über 900 Millionen Euro gekostet. Sollte Brasilien in eine
finanzielle Notlage geraten, nutzt auch die Gegengarantie des brasilianischen
Finanzministeriums nicht viel. Es ist bitter: Die Motivation der Bundesregierung,
die deutsche Atomwirtschaft zu hofieren, scheint größer zu sein als ihre
Motivation, den Steuerzahler vor zusätzlichen Lasten zu schützen.

Statt Risiken und Lobbyinteressen die Zukunft fördern!
Statt für Sicherheit zu sorgen und zukunftsfähige, saubere Technologien zu
fördern, subventioniert die deutsche Regierung weiterhin eine völlig veraltete
und hochgefährliche Technologie. Wir sollten lieber unsere Vormachtstellung im
Bereich der Erneuerbaren Energien nutzen und den Export dieser Technologie
besser fördern. Dort entstehen sichere Arbeitsplätze, nur so gelingt uns die
notwendige globale Energiewende. Die Lippenbekenntnisse von Union und FDP
bezüglich der Erneuerbaren Energien waren leere Versprechen. Da hilft auch
Röttgens selbstkritischer Einwurf nichts. Wenn es darauf ankommt, wird wieder
die Atomkraft subventioniert.

Feb 222010
 

Meine Empfehlung diesmal: Alois Prinz “Die Geschichte des George Forster” (insel TB / 249 Seiten). Prinz sorgt mit diesem knappen, gut lesbaren Sachbuch, dass eine der beeindruckendsten und tragischsten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte nicht völlig in Vergessenheit gerät.

George Forster galt bereits in seiner Jugendzeit als Wissenschaftsgenie, der seinem Vater schnell geistig überlegen war. Bereits als 18jähriger begleitete er den schon damals berühmten Captain Cook auf dessen Entdeckungsreise durch die Weltmeere (1772-1775). Es oblag dann auch Forster, den offiziellen englischen Reisebericht der Seefahrt aufzuschreiben und ihn später ins Deutsche zu übersetzen. Dieser Bericht ließ ihn aufsteigen in den europäischen Wissenschaftsolymp. Dies bedeutete aber nicht, dass Forster nun ausgesorgt hatte. Im Gegenteil, es plagten ihn zeitlebens Geldsorgen und auch sonst erlebte er nur wenig glückliche Momente.

Der Cook-Begleiter war ein Freigeist, ein Humanist, der sich schon früh gegen Unterdrückung, Bevormundung und auch die Kolonalisierung auflehnte. Bereits mit 19 Jahren missfällt ihm auf der Entdeckerreise, wie die Engländer mit den einheimischen Inselbewohnern umgehen. Er bezweifelt die angeblich positive Wirkung der Europäer und die Missionierung der neuen Welt: “Wahrlich! Wenn die Wissenschaft und Gelehrsamkeit einzelner Menschen auf Kosten der Glückseligkeit ganzer Nationen erkauft werden muss, so wär es für die Entdecker und die Entdeckten besser, dass die Südsee den unruhigen Europäern ewig unbekannt geblieben wäre!”

Alois Prinz greift immer wieder auf Originalzitate von Forster zurück und dadurch entsteht ein lebendiges Bild des Forschers. Neben der Wissenschaft ergreift immer mehr auch die Politik von Forster Besitz. Er ist zunächst begeistert von der Französischen Revolution und sehnt sich nach der Demokratisierung auch in Deutschland. Als die Franzosen die Revolution auf die damalige Heimat der Familie Forster, nach Mainz ausweiten, steigt Forster schnell zu einem der führenden Volksvertreter auf. Doch die Revolution nimmt keinen guten Verlauf und Forster gerät zwischen die Fronten.

Prinz‘ Buch über George Forster ist ein gutes Einsteigerbuch, das die Neugier anstachelt und zum Weiterlesen anregt. Auch wenn Forster zu Unrecht fast vergessen wurde, gibt es glücklicherweise einige weitere Biographien über ihn und natürlich kann ich nur jedem seinen immer wieder neu aufgelegten Bericht über die Cook-Reise (George Forster: Reise um die Welt) ans Herz legen.