Jul 292010
 

Thomas Leif im nr-Dosssier 3/10:

Wer Klartext spricht, legt sich fest und wird überprüfbar. Wer im Allgemeinen und Ungefähren bleibt, kann Festlegungen ausweichen. Die hohe Kunst der sprachlichen Unverbindlichkeit, gestützt auf leere Weichmacher, gilt heute in der politischen Klasse immer noch als besonderer Befähigungsbeweis.

„Die politische Rede ist das stärkste Instrument, um die Autonomie des Politischen zur Geltung zu bringen.“ Prof. Dr. Uwe Pörksen erläutert seine These und die Bedeutung der Sprache für eine orientierende Politik in dieser Disput-Dokumentation.

Erhard Eppler hat bereits vor zwanzig Jahren das vitale Wechselverhältnis von Sprache und Macht in seinem Klassiker „Kavalleriepferde beim Hornsignal“ im einzelnen analysiert. Danach ist kein vergleichbares Buch mehr aus dem Kreis der politischen Klasse erschienen.

Dies mag damit zusammenhängen, dass selbst deren „ghostwriter“ solche Reflexionen für abwegig halten, um so ihr Gefühl der Überforderung zu unterdrücken.

Für Erhard Eppler ist Politik „Benennungshandeln.“ Wenn man dagegen heute die verbreitete Kultur des Nicht-Benennens besichtigt, drängt sich der Eindruck auf, dass der fehlende Kraft für die „Benennung“ wichtiger politischer Projekte eine sprachliche und programmatische Orientierungslosigkeit ausdrückt. Stimmt etwa die Diagnose von Prof. Dr. Josef Klein, die ihn zu einem vernichtenden Urteil der kommunikativen Vermittlung der „Agenda- und Hartz-Politik“ beflügelt hat. Was kann -bezogen auf die realitätsferne „soziale Kälte“ dieser schwach kommunizierten Groß-Reformen- gelernt werden? Frau von der Leyens Gespür für Sprache hat ihr den genialen Einfall beschert, die Hartz IV -Zahlungen für Arbeitslose müssten umbenannt werden. „Ich finde, man darf so ein Wort oder einen Namen nicht von oben verordnen, sondern das muss sich entwickeln.“ (vgl. FAZ, 2.2.2010 „Hartz IV soll schöner werden.“)

vollständiger Text unter: http://www.netzwerkrecherche.de/files/nr-dossier-04.pdf

Jul 272010
 

Warum Wachstum in den Industrieländern weder erreichbar noch wünschenswert ist

von Tanja von Egan-Krieger und Barbara Muraca (veröffentlich in der SPW, Heft 177 – 2/2010*)

In der Nachfolge der Finanzkrise waren die europäischen Regierungen vor allem darum bemüht, das Wirtschaftswachstum wieder anzukurbeln. Dabei wurde der herkömmliche Wachstumsindikator – das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – fraglos vorausgesetzt. Erst Anfang diesen Jahres wurden kritische Stimmen auch
auf Regierungsebene laut. So forderte Angela Merkel in einer Videobotschaft vom Februar:

„Wir müssen lernen, den Wachstumsbegriff für das 21. Jahrhundert neu zu definieren“ (Merkel 2010).

Welches Wachstum meinen wir?

Das BIP wird schon seit langer Zeit als Indikator für Wirtschaftswachstum kritisiert. Zumal es in der Regel nicht nur als ein Indikator für Wirtschaftswachstum, sondern auch als Maßstab unseres Wohlstands verwendet wird. Um nur einige dieser Kritikpunkte zu nennen: Das BIP misst nur die Produktion für den Markt. Leistungen, die nicht auf dem Markt erbracht werden, wie z.B. ein Teil der Kindererziehung, bleiben daher unberücksichtigt. Doch nicht nur auf der  „Einnahmeseite“ wird das BIP kritisiert, sondern auch bezüglich der unzureichenden bzw. falschen Berücksichtigung von Kosten. So werden Schädigungen der natürlichen Umwelt nicht berücksichtigt, sondern im Gegenteil, die  Ausgaben für die Reparatur solcher Schäden noch positiv ins BIP eingerechnet. Diese so genannten defensiven Kosten können auch im sozialen Bereich entstehen (z.B. Ausgaben für Arbeits- oder Verkehrsunfälle). Zudem wird der Wert  der produzierten Güter und Dienstleistungen einfach zu einer Gesamtsumme addiert. Die Verteilung der Einkommen  auf Personen oder Haushalte kann so nicht in den Blick genommen werden.

Die vielfältige Kritik am BIP hat zur Entwicklung verschiedenster alternativer Indikatoren geführt. Insbesondere die  Kritik am BIP aus Sicht der ökologischen Nachhaltigkeit führte zu Indikatoren, die das BIP um ökologische Aspekte bereinigen sollten. Indikatoren, die unter dem Schlagwort „Grünes BIP“ geführt werden, versuchen, das BIP um die  Erschöpfung oder Zerstörung natürlicher Ressourcen zu korrigieren. Andere Indikatoren wie der „Index of Sustainable  Economic Welfare“ (ISEW) und der „Genuine Progress Indicator“ (GPI) gehen in ihren Korrekturen deutlich weiter und entfernen sich damit auch stärker von den üblichen Bilanzierungen des BIP. Im ISEW  beispielsweise werden die Verteilung der Einkommen, die Erschöpfung von Naturkapital (darunter nicht nur Ressourcen, sondern auch Ökosysteme), ökologische Schäden wie Wasser- und Luftverschmutzung und die unbezahlte  Hausarbeit eingerechnet.

Mit der Entwicklung dieser Indikatoren wurden jedoch zwei Fragen miteinander vermischt. Erstens stellt sich die Frage  nach einem angemessenen Wohlstandsindikator, zweitens die Frage, ob ein Wirtschaftswachstum im Sinne des  BIP und/oder im Sinne eines alternativen Wohlstandsindikators nachhaltig sein kann, d.h. ob ein solches Wachstum  unendlich fortgesetzt werden kann. Zu Recht fordert daher die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission in ihrem „Report by  the Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress“ diese zwei Aspekte zu trennen. Im  Falle des Wohlstandsindikators schlägt sie vor, den Fokus stärker auf die Einkommens- und Konsumseite zu legen,  anstatt auf die Produktion.

Zudem fordert sie dazu auf, die Verteilung der Einkommen und die nicht markt-basierten Leistungen einzubeziehen. Ein solcher Indikator könnte den materiellen Wohlstand besser abbilden. Doch ist solch ein  Wachstum auf lange Sicht erreichbar, ohne die Chancen zukünftiger Generationen zu schmälern, ihre Bedürfnisse gleichermaßen zu befriedigen? Letzteres ist ein Gebot der intergenerationellen Gerechtigkeit. Ein nachhaltiges  Wachstum wäre aber nur erreichbar, wenn das Wirtschaftswachstum von der Nutzung natürlicher Ressourcen entkoppelt werden könnte.

Wachstum und Ressourcenverbrauch

Die Möglichkeit einer Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcennutzung wurde unter dem Stichwort „Effi zienzrevolution“, „Faktor 4“ oder gar  „Faktor 10“ u.a. von Ernst Ulrich von Weizäcker propagiert. Eine solche ‚Dematerialisierung‘ der Wirtschaft sei zum einen durch technischen Fortschritt erreichbar, der zu einer erhöhten Ressourcenproduktivität führe und zum anderen durch die Verschiebung der Wertschöpfung auf den  Dienstleistungssektor. Eine Effizienzrevolution wäre eine willkommene Chance, am Modell des auf  Wirtschaftswachstum basierenden Gesellschafts- und Wirtschaftssystems festzuhalten und dabei gleichzeitig den  ökologischen Anforderungen gerecht zu werden. Doch ist diese Möglichkeit umstritten.

Um ein nachhaltiges Wachstum erreichen zu können, müsste die Ressourcenproduktivität deutlich schneller steigen  als das BIP. Tatsächlich lässt sich zwar gegenwärtig eine Steigerung der relativen Ressourcenproduktivität feststellen  (d.h. pro Endprodukt werden vergleichsweise immer weniger Ressourcen eingesetzt). Sie wächst jedoch nicht schneller als das BIP, so dass die absolute Ressourcennutzung weiter zunimmt. Parallel zu der Effizienzerhöhung und der damit  verbundenen Kosten- und Preisreduktion nimmt nämlich auch die Nachfrage zu. Dieses Phänomen, das in der Ökonomie als ‚Jevon-Paradox‘ oder ‚Rebound-Effekt‘ bekannt ist, ist laut einigen Ökonomen wie dem französischen Degrowth-Theoretiker François Schneider kein unerwünschter Nebeneffekt, sondern ein immanenter Widerspruch einer auf Wachstum basierenden Wirtschaftsstruktur: Technische Verbesserungen führen nämlich zu einer Senkung  der Kosten der Ressourcennutzung und begünstigen daher ihre intensivere Inanspruchnahme. Am Ende steigt die  gesamte Ressourcenutzung trotz steigender Ressourceneffi zienz. Ohne Regulierungsmechanismen führt eine  ökologische Modernisierung der Wirtschaft daher nicht automatisch zu einer geringen Inanspruchnahme von  natürlichen Ressourcen.

Auch eine Dematerialisierung durch die Verschiebung der Produktion auf den dritten Sektor kann illusorisch sein:  Denn bislang ist eine wichtige Bedingung dieser Verschiebung in den Industrieländer die Verlagerung von ressourcen-  und senkenintensiven Produktionssektoren (Bergbau; intensive Landnutzung) in die Länder des globalen Südens.  Zahlreiche EntwicklungskritikerInnen aus verschiedenen Ländern betonen, dass das Wirtschaftswachstum in den so genannten Entwicklungsländern vor allem die Industrieländer begünstigt.

Selbst wenn die Frage danach, ob ein nachhaltiges Wachstum überhaupt erreichbar ist oder nicht, beantwortet ist,  bleibt eineweitere Frage offen: Wollen wir, dass unsere Wirtschaft ins Unendliche wächst? Auch ein veränderter  Wohlstandsindikator, der unseren materiellen Wohlstand besser abbildet und dabei sogar Aspekte der  Verteilungsgerechtigkeit berücksichtigt, bleibt ein Indikator für materiellen Wohlstand. Andere Aspekte unserer Lebensqualität bleiben so außen vor.

Wachstum und Lebensqualität

Inwieweit steigender Wohlstand auch eine Steigerung an Lebensqualität mit sich bringt, ist schwer nachweisbar:  Max-Neef entwickelte 1995 anhand eines Vergleichs des BIP und alternativer Indikatoren seine sog. Schwellen- Hypothese. Dieser Hypothese zufolge hat seit den 1980er Jahren die Lebensqualität in vielen westlichen  Industrieländern bei wachsendem (materiellen) Lebensstandard nicht mehr zugenommen. Ergebnisse der  Glücksforschung unterstützen diese Hypothese. So hat zum Beispiel der Glücksforscher Layard gezeigt, dass ab einer  bestimmten Schwelle von Einkommen, die in etwa bei 10.000 bis 15.000 USDollars liegt, das individuelle selbst- definierte Glück nicht weiter steigt, sondern sogar abnimmt. Dies lässt sich laut Binswanger durch so genannte  Tretmühlen erklären, die durch Wachstum verursacht werden: Durch die Perspektive eines zunehmenden Wohlstands steigt der Bedarf an einer kontinuierlichen Statusdifferenzierung.

Dementsprechend fordert Layard eine Fokussierung auf Glück als alternativen Indikator zum BIP. Gegen diese  Vorstellung weisen der Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen und die Philosophin Martha Nussbaum darauf hin,  dass subjektiv wahrgenommenes Glück keine gute Grundlage bietet, um festzustellen, ob Menschen tatsächlich ein  ‚gutes Leben‘ führen. Subjektive Wertungen und Präferenzen lassen sich nämlich sehr stark von gesellschaftlichen und  kulturellen Machtverhältnissen beeinflussen – so dass die Zufriedenheit einzelner Menschen stark von ihrer Erziehung und Sozialisation abhängig ist. Der Begriff des guten Lebens geht laut Nussbaum auf die antike Bestimmung der  ‚Eudaimonia‘ zurück und bezieht sich nicht auf einzelne subjektive Momente des Glückempfindens, sondern vielmehr auf die Gesamtheit eines ‚glückseligen‘, weil menschenwürdigen Lebens.

Menschen sind in unterschiedlichem Maße in der Lage, Güter zum Zwecke ihres guten Lebens einzusetzen, je nachdem,  wie ihre konkreten Lebensbedingungen aussehen (Behinderungen, Diskriminierungen, Gesundheitszustand, Wissen  etc.). Das heißt, dass die Ausübung eines guten Lebens abhängig von den konkreten Fähigkeiten und reellen  Möglichkeiten der Menschen ist. Sen legt den Fokus daher auf die substantiellen Freiheiten zur Verwirklichung des  Lebens. Diese Freiheiten beziehen sich damit nicht auf alle kontingenten Präferenzen, sondern nur auf diejenigen, die  unter dem Licht der gemeinsamen Vernunft für substantielle Bedingungen für ein gutes menschliches Leben gehalten  werden. Was Menschen tatsächlich imstande sind zu tun, lässt sich laut Sen und Nussbaum daher unabhängig von ihren  subjektiven Wahrnehmungen ermitteln und zum Teil messen. Eine  Konkretisierung dieser Vorstellung findet  sich im so genannten Human Development Index wieder, der verschiedene Indikatoren für die Feststellung von  Lebensqualität zugrunde legt, um einen internationalen Vergleich zu ermöglichen (vgl. http://hdr.undp.org/en/statistics/).

Die Unterscheidung zwischen Lebensqualität und Lebensstandard macht deutlich, dass Wirtschaftswachstum nur einen  Teil zu unserer Lebensqualität beiträgt und es sich darüber hinaus auch negativ auf sie auswirken kann – nicht  nur für zukünftige Generationen, sondern hier und jetzt. Gerade die Zerstörung von lebenswichtigen Ökosystemen  betrifft heute lebende Menschen, vor allem in den Ländern des globalen Südens. Wie der katalanische Ökonom  Martinez-Alier gezeigt hat, werdendurch Bergbau, intensive Landnutzung und industrielle Ressourcennutzung (z.B.   Garnelenzucht an den Stätten von Mangrovenwäldern) die Lebensgrundlagen vieler indigenen Völker vernichtet und  somit auch ihr Zugang zu notwendigen Bedingungen eines guten Lebens erschwert.

Globale Fragen der Umweltgerechtigkeit führen Martinez-Alier zu dem Schluss, dass eine Wachstumsrücknahme in den  Industrieländern zu einer Entlastung des Drucks auf die Länder des globalen Südens führen würde. Er plädiert  deswegen für ‚Degrowth‘ im Norden des Planeten und für ein mäßiges Wachstum im Süden.

Wir verdanken das enorme  Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre auch der Tatsache eines sich verschärfenden Wettbewerbs.  Doch dieser Wettbewerb ist bezüglich Fragen des guten Lebens nicht neutral. Hartmut Rosa weist darauf  hin, dass die scheinbare ethische Neutralität des Wettbewerbs dazu geführt hat, dass der Wettbewerb vom  Mittel zum Selbstzweck wurde. Es sei eine „fortwährende Angst vor dem persönlichen Scheitern“ entstanden. Laut  Ulrich Thielemann führt das Wettbewerbsprinzip dazu, dass jeder zur Steigerung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit gezwungen ist, um nicht zu „den Verlierern“ des Wettbewerbs zu gehören. Damit wird das ursprüngliche Versprechen,  eine wachsende individuelle Autonomie zu ermöglichen, untergraben. Die Freiheit, ein Leben nach den eigenen Vorstellungen des Guten zu führen, wird eingeschränkt.

Der ständige Wettbewerb führt außerdem zu einer Beeinträchtigung von sozialen Netzwerken und Beziehungen, die  nicht über Marktmechanismen koordiniert werden. Die Zerstörung vielfältiger marktunabhängiger Zugänge zu  notwendigen Lebensgrundlagen hat laut manchen EntwicklungskritikerInnen eine noch menschenwürdige und  konviviale Armut in Entwicklungsländern in Elend verwandelt und Menschen vom wirtschaftlichen Wachstum  abhängig gemacht.

Vom Wachstum verabschieden?

Zieht man aus den vorangegangenen Überlegungen den naheliegenden Schluss, dass wir uns – zumindest in den  Industrieländern – ab sofort vom Ziel des Wirtschaftswachstums verabschieden sollten, wird man auch von den  Leuten Widerspruch erhalten, die einem in vielem oben Gesagten zustimmen. Gängige Gegenargumente sind, dass  Wirtschaftswachstum Wohlstandszuwächse für ärmere Bevölkerungsschichten ermögliche, ohne den Reicheren etwas  wegnehmen zu müssen. Doch bleibt bei diesem Argument meist unklar, was genau erreicht werden soll. Geht es nur darum, den absoluten Lebensstandard der ärmeren Bevölkerung anzuheben, egal wie stark der Lebensstandard   anderer steigt, dann ist dies in der Tat leichter politisch durchzusetzen. Aber ist dieses Ziel in den Industrieländern mit ihrem vergleichsweise hohen Lebensstandard noch gerechtfertigt, oder wird die Lebensqualität der ärmeren  Bevölkerung nicht vielmehr vor allem durch ihren relativen materiellen Wohlstand beeinflusst? Die Grundbedürfnisse der Betroffenen sind in aller Regel gesichert. Doch Fähigkeiten, die die soziale und politische Teilhabe, sowie die  Anerkennung betreffen, werden vor allem durch einen relativen niedrigen Lebensstandard eingeschränkt. Die  Bestimmungen von Armut und Reichtum lassen sich nicht trennen.

Es müsste demnach zumindest gelingen, die Ungleichheit mithilfe des Wachstums zu verringern, damit das oben  genannte Argument überzeugen kann. De facto jedoch hat diese in den Industrieländern in den vergangenen Jahren  trotz oder wegen Wachstums stark zugenommen. Vom Wachstum profitiert hat vor allem eine kleine Oberschicht. Es  ist daher fraglich, ob Wachstum eine Bekämpfung  von Ungleichheit wirklich erleichtert, oder ob Maßnahmen zur  Ankurbelung von Wachstum nicht vielmehr dazu führen, dass auch Mechanismen gestärkt werden, die eine Zunahme der Ungleichheit fördern. Manche ExpertInnen halten ein gewisses Maß an Ungleichheit für eine notwendige Bedingung  von Wachstum,  denn sie gilt als Anreiz für soziale Mobilität nach oben.

Ein weiteres, häufig vorgebrachtes   Argument gegen die Abkehr vom Wachstum lautet, dass nur ein ausreichendes Wachstum in der Lage wäre,  Arbeitsplätze zu sichern und zu schaffen. Löpfe und Vontobel merken in ihrem Buch  „Arbeitswut“ dazu an: „Wir müssen endlich eine grundlegende Tatsache zur Kenntnis nehmen: Stetig wachsende  Produktivität, längere Arbeitszeiten und Vollbeschäftigung lassen sich nicht unter einen Hut bringen“. Die Steigerung  der Arbeitsproduktivität und die Zunahme an verfügbaren Arbeitskräften führen zwangsläufig zu einer steigenden  Arbeitslosigkeit, wenn die Gesamtwirtschaft nicht stärker als die Arbeitsproduktivität pro Kopf wächst. Es handelt sich  hier um ein positives Feedback: steigende Arbeitsproduktivität durch technologische Innovationen und Qualifizierung kurbelt das Wachstum an, weil sie freies Kapital für weitere Innovationen und für Investitionen in  Qualifizierungsmaßnahmen frei setzt, was wiederum die Arbeitsproduktivität erhöht. Doch auch ein vergleichsweise hohes Wirtschaftswachstum führt heute nicht mehr automatisch zu einer Reduzierung der Arbeitslosigkeit. Dieses  Phänomen ist unter Experten als ‚jobless growth‘ bekannt.

Außerdem stellt sich die Frage, ob Vollbeschäftigung an sich eine notwendige Bedingung für ein gutes Leben sein muss.  Sicherlich ist Erwerbsarbeit nicht nur als Einkommensquelle wichtig, sondern auch weil dadurch soziale  Anerkennung,  Teilhabe und Gestaltungspotenzial ermöglicht werden. So könnte man sagen, dass Erwerbsarbeit eine  notwendige Bedingung für ein gutes menschliches Leben  ist und dass jedeR ein Recht darauf haben soll. Jedoch stimmt  dies nur innerhalb einer Gesellschaft wie der unseren, die auf der Erwerbsarbeit als Mittel für gesellschaftliche
Teilhabe gründet. In einer nicht wachsenden Wirtschaft müssen daher alternative Modelle eines gesellschaftlichen  ‚Tätig-seins‘ entwickelt werden, die andere Zugänge zur sozialen Anerkennung, zum Gefühl der eigenen Würde und  Wirksamkeit und zur sozialen Partizipation ermöglichen. Das Konzept der so genannten ‚Mischarbeit‘ verknüpft  Erwerbsarbeit mit anderen gesellschaftlich relevanten unbezahlten Arbeitsformen wie zum Beispiel der Versorgungsarbeit und der Gemeinschaftsarbeit, wie u.a. bereits im Jahre 2000 eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung  gezeigt hat. Dieses Konzept kann durch Arbeitszeitverkürzung und -flexibilisierung umgesetzt werden. Ein Gewinn an  Zeit, die für andere gesellschaftlich sinnvolle Tätigkeiten genutzt werden kann, würde sicherlich zu einer Steigerung der  ebensqualität im Sinne von Sen und Nussbaum führen, sofern diese Tätigkeit nicht mit einer sozialen Abwertung  gegenüber der Erwerbsarbeit stigmatisiert sind und nicht zu einer starken Beeinträchtigung der materiellen  Lebensbedingungen führen. Eine Abkopplung von Erwerbsarbeit und Einkommen wird notwendig. Gerade die  Finanzierung von Mischarbeitskonzepten spielt heute eine sehr wichtige Rolle in der wachstumskritischen Debatte, ohne dass sie ausreichend beantwortet wären. Hier sind auch Diskussionen bezogen auf das Grundeinkommen zentral,  obwohl dieses Konzept stark umstritten ist. Insbesondere, weil es eine Vielzahl an Konzepten und diesen zugrunde liegenden Intentionen gibt. Daher halten wir eine Fortführung der differenzierten Auseinandersetzung mit den verschiedenen Modellen für nötig.

Fazit

Dass die Industrieländer nicht mehr weiter wachsen können wie es bisher möglich war, gilt mittlerweile als empirisch  bestätigt. Auch die Verbindung zwischen Wachstum und intensiven Ressourcen- sowie Senkenverbrauch selbst bei  ökotechnologischen Investitionen lässt sich nur schwer abweisen. Dass zumindest die Industrieländer auch nicht mehr wachsen dürfen wie bisher, lässt sich als eine Anforderung der Gerechtigkeit gegenüber künftigen Generationen und – wie manche entwicklungskritische DenkerInnen behaupten – auch gegenüber heute lebenden Menschen in den Ländern des globalen Südens ebenfalls begründen. Glücksforschung und Forschung über Lebensqualität stellen  außerdem in Frage, ob der Wachstumspfad oberhalb einer gewissen Schwelle überhaupt noch wünschenswert und  sinnvoll ist. Es sollte unserer Auffassung nach aber weniger um das Ziel einer Umkehrung der Wachstumstendenzen (Schrumpfung um jeden Preis), als um die Abkopplung von der Bewertung des Zustandes einer Volkswirtschaft vom  ökonomischem Wachstum gehen: Wachstum soll nicht mehr zum Maßstab und zum Ziel einer Volkswirtschaft erhoben  werden.

Tanja von Egan-Krieger promoviert in Philosophie zur Normativität in den Wirtschaftswissenschaften bei Prof. Konrad Ott (Universität Greifswald) und Prof. Peter Ulrich (Universität St. Gallen).

Barbara Muraca hat Philosophie in Turin, Hamburg, Greifswald und Claremont studiert. 2008 hat sie mit einer Dissertation zum philosophisch-theoretischen Rahmen des Nachhaltigkeitskonzepts an der Universität Greifswald promoviert, wo sie z. Zt. als Lehrkraft für besondere Aufgaben tätig ist.

*Mehr Artikel zu dem Thema „Wachstum neu denken! – Was soll eigentlich wachsen?“ finden sich im Heft 177 der SPW.

Jul 222010
 

“Deutschlands Parteien altern noch schneller als die Gesamtbevölkerung. Das ergibt eine Studie des Deutschen Zentrums für Alterfragen (DZA). Demnach ist rund die Hälfte der Parteimitglieder von SPD, CDU und Linken älter als 60 Jahre. Nur fünf bis sechs Prozent der Mitglieder seien jünger als 30 Jahre. Nur die Grünen weisen eine deutlich andere Altersstruktur auf: Über 13 Prozent ihrer Mitglieder sind unter 30. Bei der FDP ist das immerhin noch jeder Zehnte. Der Bundestag ist etwas jünger als die Parteien: Das Durchschnittsalter der Abgeordneten liegt dort bei 50 Jahren.” (www.dza.de)

Quelle: Politik & Kommunikation März 2010 S. 7

Jul 202010
 

veröffentlicht im Rheinischen Merkur Nr. 19/2009

Neue Regeln für den Umweltschutz – Zwei Tonnen CO2 freisetzen und sechs Tonnen Rohstoffe verbrauchen – mehr Ressourcen stehen einem Menschen im Jahr nicht zu

Bis 2030 wird das Weltinlandsprodukt preisbereinigt um 130 Prozent wachsen, die Weltbevölkerung wird bis 2050 um zirka 50 Prozent zunehmen. Das Wirtschaftswachstum wird in den großen Entwicklungsländern China, Indien, Brasilien, Mexiko, Südafrika deutlich stärker sein als in den Industrieländern. Das Bevölkerungswachstum wird sich ausschließlich in den Entwicklungsländern und dort vornehmlich in den Megacitys abspielen.

Gelingt es nicht, in absehbarer Zeit ein globales System zur Reduzierung des Ressourcenverbrauchs einzurichten, werden bis zum Jahr 2030 die Entnahmen von Rohstoffen aus der Natur und die Emission von CO2 in die Atmosphäre um mehr als 50 Prozent wachsen. Die Folgen für die Natur bestehen in einer weiteren Zerstörung wichtiger Ökosysteme und der Beschleunigung des Klimawandels. Die Folgen für die Wirtschaft sind die unmittelbaren Kosten des Klimawandels, sowie ein schärferer Wettbewerb um Ressourcen mit zunehmenden politischen und wirtschaftlichen Krisen. Die Folgen für das Wohlergehen der Menschen sind dramatisch.

Die sonst so erfolgreiche Marktwirtschaft versagt im Hinblick auf dieses Problem. Denn die Nutzung der Natur durch die Entnahme von Rohstoffen und die Emission von Schadstoffen in die Natur verursachen keine Kosten, weil sie keinen Preis haben, weshalb wir übermäßig Rohstoffe verbrauchen und Schadstoffe emittieren. Folge: Güterpreise enthalten nicht die gesellschaftlichen Kosten der Umweltnutzung, denn in jedem konsumierten Gut stecken direkt und indirekt Naturnutzungen. Wenn nun Unternehmen ihre Gewinne und Haushalte ihren Nutzen maximieren, führt das zwangsläufig zur ökologischen Katastrophe.

Aber: Die Ursache ist nicht das ökonomische Verhalten an sich, sondern die Tatsache, dass die Nutzung der Natur keinen Preis hat. Liegen die Seezeichen in einem Fahrwasser an der falschen Stelle, ist der Kapitän schuld, wenn das Schiff strandet.

Um Natur und Ressourcen zu schonen, braucht Umweltnutzung einen Preis. Grundsätzlich bieten sich zwei Möglichkeiten: Erstens kann der Staat das Angebot an nutzbarer Natur vorgeben, indem er Nutzungsrechte versteigert. Er kann diese Rechte auch kostenlos verteilen und Unternehmen sowie Haushalten erlauben, die Rechte zu handeln, wie es heute in der EU  mit CO2-Zertifikaten geschieht. In jedem Fall wird nicht mehr an Naturnutzung möglich sein, als der Staat zulässt, undes bildet sich ein Preis für die Nutzung der Natur, der alle Güterpreise verändert. Ein Beispiel ist der Markt für Emissionsrechte von CO2 in Europa, dem alle Grundstoffindustrien unterworfen sind.

Die zweite Möglichkeit besteht darin, dass der Staat auf die Entnahme von Rohstoffen aus der Natur Steuern erhebt und dafür andere Steuern vermindert. Auch bei dieser Maßnahme werden sich alle Güterpreise in dem Maße verändern, wie die Güter direkt und indirekt Rohstoffe enthalten. Auf diese Weise wird eine Korrektur der Güterpreise in die richtige Richtung erzielt, ohne dass das Preisniveau allgemein angehoben wird.

Fraglich ist aber, wie sehr die Ressourcennutzung eingeschränkt beziehungsweise Emissionen verteuert werden sollten. Im Falle des Klimagases CO2 kommt der Weltklimarat IPCC zu dem Ergebnis, dass bis zum Jahre 2050 die Emissionen von heute fünf auf jährlich zwei Tonnen pro Kopf der Bevölkerung reduziert werden müssen, wenn die Klimaerwärmung die Zwei-Grad-Marke nicht überschreiten soll.

Andere Umweltschädigungen, etwa der Verlust der Regenwälder, Artensterben, Bodenerosion, durch den Menschen verursachter Wassermangel, Verschmutzung der Meere, werden zwar weniger diskutiert, unterliegen aber demselben Problem: Ursache aller Schädigungen ist die Entnahme von Ressourcen aus der Natur. Die Wirtschaft ist in die Natur eingebettet, entnimmt ihr Ressourcen und gibt Restund Schadstoffe in die Natur zurück. Es gibt einen Materialfluss, der bei der Extraktion beginnt und über alle Produktionsstufen bis hin zum Konsum Emissionen verursacht.

Die Schädigung der Natur ist sehr eng mit dem Gewicht der Rohstoffe korreliert, denn Transport, Verteilung und Verarbeitung der Rohstoffe haben strenge Konsequenzen für den Energieverbrauch, die Feinstaubemissionen, die Entstehung von Lärm, die Beeinträchtigung der Biodiversität und viele weitere Belastungen der Natur. Deshalb ergibt es Sinn, den Ressourcenverbrauch einheitlich in Tonnen zu messen. Die Vermeidung von Emissionen erfolgt quasi „automatisch“, wenn es gelingt, die Rohstoffentnahmen zu reduzieren.

Diese Perspektive könnte es nahelegen, die Maßnahmen der Umweltpolitik auf die Entnahme von Rohstoffen allein und nicht auch auf die Emissionen zu richten. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass die Klimaerwärmung katastrophale Auswirkungen hat und deshalb unbedingt vermieden und auch direkt angesteuert werden muss. Insofern ist es sinnvoll, dass das globale Klimaziel um ein globales Ziel der Begrenzung des Ressourcenverbrauchs ergänzt wird . Der Ökologe Friedrich Schmidt-Bleek empfiehlt sechs Tonnen als Ziel des Ressourcenverbrauchs pro Kopf der Weltbevölkerung für das Jahr 2050, wobei Wasser und Sauerstoff nicht mitgezählt sind. Der Vergleichswert für heute beträgt zirka 20 Tonnen pro Kopf der Weltbevölkerung.

Deshalb lautet der Vorschlag für ein globales Umweltschutzsystem: Jedes Land darf im Jahre 2050 pro Kopf der  Bevölkerung nicht mehr als die genannten zwei Tonnen CO2 emittieren und sechs Tonnen Ressourcen verbrauchen.  Für alle Länder, die dem System beitreten, sind Zeitpfade für die jährliche Zielerreichung zu bestimmen. In der  Startphase sollte dieser Klub mindestens aus den Industrieländern USA, Japan sowie Europas bestehen. Mit diesen Zielpfaden werden den Ländern Rohstoffverbrauchsrechte beziehungsweise Treibhausgasemissionsrechte zugeteilt, die zwischen den Ländern gehandelt werden können.

Auf diese Weise ist gewährleistet, dass das globale Ziel auf jeden Fall erreicht wird und gleichzeitig die unterschiedlichen Zielerreichungspotenziale in den einzelnen Ländern  bestmöglich genutzt werden. Eine Beschränkung des Handels der Emissions- beziehungsweise Rohstoffverbrauchsrechte auf die Ebene der Staaten erscheint angebracht, um spekulative Entwicklungen zu vermeiden, die sich sonst bei Beteiligung von Unternehmen spätestens bei der nächsten Finanzkrise von den Finanzmärkten auf die Märkte für Emissions- beziehungsweise Rohstoffverbrauchsrechte übertragen würden.

Um darüber hinaus Verzerrungen im internationalen Güterhandel zu vermeiden, beschließen die Teilnehmer die Besteuerung aller Güterimporte aus den nicht teilnehmenden Ländern, sofern diese Länder einen Rohstoffverbrauch oder CO2-Emissionen pro Kopf haben, die über dem Durchschnitt der Länder des Klubs liegen. Wenn in der Startphase des Systems bereits eine bestimmte Anzahl an wichtigen Industrieländern beteiligt ist, wird damit ein Druck zum Beitritt erzeugt. Erreicht ein Entwicklungsland oder Schwellenland den durchschnittlichen Ressourcenverbrauch pro Kopf beziehungsweise die durchschnittlichen CO2-Emissionen des Klubs, so unterliegen deren Exporte gleichfalls der Ausgleichsabgabe. Solange also der Verbrauch pro Kopf dieser Länder unter dem des Durchschnitts der Länder des Klubs liegt, wird kein Druck auf sie ausgeübt, der Organisation beizutreten.

Jedes der am System beteiligten Länder wird ein Interesse haben, die Rohstoffverbräuche und Treibhausgasemissionen zu vermindern, um die Zielvorgaben zu erreichen, weil sonst die entsprechenden Rechte auf dem internationalen Markt eingekauft werden müssen. Bei der Wahl der Instrumente muss natürlich jedem Land Freiheit gegeben sein. Damit die Kräfte des Wettbewerbs genutzt werden können, ist grundsätzlich der Einsatz marktwirtschaftlicher Instrumente zu empfehlen.

Man mag aber zweifeln, ob das Instrument handelbarer Emissions- und Verbrauchsrechte für ein Land wie etwa China ideal ist. Im europäischen Emissionshandelssystem, das sich nur auf die Grundstoffindustrien erstreckt, müssen 10 000 Anlagen überwacht werden. Die Kosten sind immens, und die Anreize zur Korruption sind bei Milliardenumsätzen sehr groß. Ferner werden durch Spekulation und konjunkturelle Entwicklungen erhebliche Schwankungen des Zertifikatspreises erzeugt, die die Bemühungen zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs destabilisieren können.

Demgegenüber ist eine Steuer auf Ressourcenverbrauch vorteilhafter: Es gibt nur wenige Unternehmen, die in einem Land Ressourcen der Natur entnehmen oder importieren, bei denen die Steuer zu erheben wäre. Die Preise aller anderen Güter werden sich dann nach Maßgabe der direkt und indirekt in ihnen enthaltenen Ressourcen verändern. Natürlich müsste das Steueraufkommen wieder an die Haushalte, die mit steigenden Güterpreisen konfrontiert sind, zurückgegeben werden.

Bernd Meyer ist Gründer des Forums für Verantwortung in Osnabrück, lehrt VWL an der dortigen Universität

mit freundlicher Genehmigung des Rheinischen Merkurs

Jul 152010
 

Auszug aus dem Artikel “Schluss mit rücksichtslos” von Michael Jäger (der Freitag, 8. Juli 2010)

“(…) Auf diesem Planeten verhungern täglich um 25.000 Menschen, jeden Tag also wird die körperliche Unversehrtheit auf massivste Weise 25.000 Mal vernichtet. Ich, dessen Körper unversehrt bleibt, weil ich in einem Staat mit relativ hohem Menschenrechtsstandard lebe, lebe gleichwohl nicht in einer planetarischen Ordnung, die dasselbe auch allen anderen Menschen ermöglicht.

Man sieht daran, dass es tatsächlich nicht angeht, Menschenrechte auf Abwehrrechte zu reduzieren, also darauf, dass „der Staat sich nicht einmischen soll“. Das Gegenteil ist richtig. Es ist verlogen, wenn ein reicher Staat seine bessere Menschenrechtssituation gegen die schlechtere eines armen Staates ausspielt. Denn „der Mensch“ ist ein internationales Wesen. Es war schon fragwürdig, dass einst der „Sozialismus in einem Lande“ versucht wurde. Nicht fragwürdig, sondern verrückt wäre die Rede von „Menschenrechten in einem Lande“. Wer beim Wort „Menschenrechte“ nicht an das Individuum denkt, das in afrikanischer Ödnis vergebens nach Nahrung sucht, soll es nicht in den Mund nehmen.  (…)”

Den vollständigen Artikel findet man unter: http://www.freitag.de/kultur/1027-schluss-mit-r-cksichtslos

Jul 132010
 

Diesmal gibt es an dieser Stelle einen Lesetipp von Thomas Wisniewski:

Herta Müller „Der König verneigt sich und tötet“ (Hanser Verlag, 208 Seiten)

„Wer ist Herta Müller? Hast du schon einmal ein Buch von ihr gelesen?“ Diese Fragen kursierten in meinem Freundeskreis als Herta Müller im Jahr 2009 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Herta Müller ist in Rumänien geboren. Seit 1987 lebt sie in Deutschland. Sie schreibt über ihr Leben in Rumänien: über das totalitäre System des ehemaligen rumänischen Staatschefs Nicolae Ceauşescu, über den Tod von Freunden, über die ständige Observation und die endlosen Verhöre. Sie schreibt auch über das Leben in Deutschland. Wie kommt man als Exilant in einem neuen Land zu Recht? Wie vergisst man? Kann man überhaupt Greueltaten, Folter, vor allem psychische Folter vergessen? Sie macht das literarisch – mit einer unglaublichen Kraft und Schönheit. Doch kann man mit schönen Worten Schreckenstaten beschreiben?

Ceauşescus war von 1967 bis 1989 Staatspräsident Rumäniens. Er ließ sich „der Auserwählte“ oder „unser irdischer Gott“ nennen. Mit der Geheimpolizei Securitate schaltete er seine Gegner und die politische Opposition aus. In dem 2003 geschriebenen Buch schildert Herta Müller den Alltag während des Regimes. Verhöre und Observation der Geheimpolizei, die Ausübung von psychischem Druck und sogar Todesdrohungen waren an der Tagesordnung. Herta Müller sucht im Schreiben eine Zuflucht. Eine Zuflucht in ein normales Leben.  Dort konnte sie auch schreiben, was sie denkt und empfindet:

„Erst in den nächsten Jahren hatte ich Freunde, die beschattet und regelmäßig verhört, deren Wohnungen durchsucht, deren Manuskripte beschlagnahmt, die …verhaftet wurden. Was ich bis dahin als beklemmende Atmosphäre spürte, wurde konkrete Angst. Die Freunde wurden gequält, ich wusste genau wo und wie. Ganze Tage sprachen wir darüber, zwischen Witz und Furcht, draufgängerisch und verstört suchten wir Auswege, die es aber nirgends gab…Die Repressalien rückten mir ins Leben. Und ein paar Jahre später rückten sie mir auf die Haut – ich sollte in der Fabrik meine Kollegen bespitzeln und weigerte mich. Und alles, was ich von Freunden über Verhöre, Hausdurchsuchungen, Todesdrohungen wusste, wiederholte sich an mir.“

Beeindruckend. Beklemmend. Herta Müller gelingt es, mit ihren Worten ihre Angst, aber auch ihre Überlebenslust zu zeigen. Sie hat Repressionen und die Zensur des „Königs“ ertragen und überstanden. Sie hat mit ihrer Sprache, mit ihrer Poesie Befreiung und den Traum nach Normalität gesucht und gefunden. Herta Müller erinnert an das Grauen, das es auch in vielen anderen Ländern noch heute gibt. Die Schönheit ihrer Sprache zeigt das auf eindringliche Weise, und berührt. Das ist unglaublich wichtig. Denn vergessen wird heute sehr schnell.

Ich weiß jetzt, wer Herta Müller ist. Ich habe schon einmal ein Buch von ihr gelesen.

Jul 062010
 

Ignacio Ramonet (spanischer Journalist und Mitorganisator des Weltsozialforums) schrieb schon 1987 in Le Monde:

“Es ist eine Demütigung der Nationalstaaten, als die maßgeblichen Garanten von Demokratie und Allgemeinwohl, dass sich die Finanzwelt längst einen eigenen Staat geschaffen habe – einen supranationalen Staat, der über eigenen Apperat, eigene Beziehungsgeflechte und eigene Handlungsmöglichkeiten verfügt.”

Jul 032010
 

Nicht die Kritik am ehemaligen Amtsträger Horst Köhler war unwürdig, sondern das Verfahren, das den neuen Bundespräsidenten ins Amt gehievt hat.

In Deutschland entscheidet nicht die Bevölkerung darüber, wer uns im höchsten Staatsamt vertreten darf. Eine indirekte Wahl wäre nur dann vertretbar, wenn die Mitglieder der Bundesversammlung wirklich frei, ohne parteitaktische Manöver, ohne Druck und über eine wirkliche Auswahl an Kandidaten entscheiden könnten. Doch so war es wohl noch nie und so wäre Christian Wulff sicher nicht Bundespräsident geworden.

Parteitaktische Dominanz

Einzelne Spitzenpolitiker haben sich zusammengehockt und entschieden, wer für ihre Parteien ins Rennen geht. Kompetenz, Fähigkeit, Ansehen oder gar Überparteilichkeit haben dabei nur eine Nebenrolle gespielt. Im Vordergrund stand die Parteitaktik. Dies gilt besonders für den Auserwählten von Union und FDP. Letztlich sogar für den viel gelobtem parteilosen Kandidaten von GRÜNEN und meiner SPD. Den gewieften Parteitaktikern Gabriel und Trittin gelang mit Joachim Gauck der Coup, den Zwist in der Regierung zu verschärfen und gleichzeitig die Linken an den Rand zu drängen. Eine kurzfristig erfolgreiche Strategie, doch eine glaubwürdige Stärkung der Demokratie gelingt nur dann, wenn zumindest bei der Präsidentenwahl die Parteitaktik beiseite geschoben wird.

Gar nichts gelernt haben Merkel und Co., deren Kandidatenkür völlig nach altem Machtschema vonstattenging. Der neue Bundespräsident startet nach zittrig gewonnener Wahl als angeschlagener Parteipolitiker, der erst einmal kämpfen muss, um die Menschen zu überzeugen, dass er der Würde des Amtes gerecht wird.

„Abweichler“ vom eigenen Gewissen

Bei allen drei Kandidaten folgten die allermeisten Delegierten am Ende dem Vorschlag ihrer Parteispitze und nicht unbedingt ihrem Gewissen. Dies wurde einem zwar erleichtert, weil die Alternativen so rar waren, aber eine wirklich freie Entscheidung mit voller Überzeugung war es für viele sicher nicht.

Ich hätte mit Joachim Gauck leben können, aber in Euphorie wäre ich absolut nicht verfallen. Neben seinem staatstragenden Auftreten, seiner vorzeigbaren Vita und seinem Engagement für Demokratie zeigt er auch ein anderes Gesicht. Zu den Zukunftsfragen Klimawandel, Finanzkrise, Auseinanderdriften von Arm und Reich hat er herzlich wenig zu sagen. Viele seiner Positionen teile ich so nicht und empfinde sie als konservativ und teilweise sogar als neoliberal. Auch wenn sich Gauck selbst als links, liberal und konservativ bezeichnet hat, irren sich alle gewaltig, die glauben, dass linke emanzipatorische Grundprinzipien bei Gauck wirklich verankert sind. Dies muss einem nicht von seiner Wahl abhalten, aber es ist nicht schändlich, dies bei seiner Entscheidung zu berücksichtigen.

Gaucks Kandidatur hat allerdings dazu geführt, dass viele Bürgerinnen und Bürger sich für die Wahl interessierten und sich für den ehemaligen Bürgerrechtler ins Zeug legten. Auch damit geriet das bürgerliche Lager in Bewegung und eine Reihe von ihren Delegierten unterwarf sich nicht der Parteidisziplin. Ich halte dies grundsätzlich für honorig und habe ein Problem damit, diese Personen als „Abweichler“ zu titulieren. Gerade bei der Wahl des Bundespräsidenten, sollte man für den stimmen, den man für am besten geeignet hält und nicht der einem vorgesetzt wurde oder den die Parteitaktik verordnet. Wenn beides zusammenspielt: „gut“, aber ansonsten halte ich eher die „Abnicker“ der Parteienvorgabe für „Abweichler“ und zwar für Abweichler von ihrem eigenen Gewissen, ihrer eigenen Souveränität.

Gaucks Sieg war ausgeschlossen, der Respekt für die LINKE nicht

Nach dem ersten Wahlgang ordneten sich dann aber doch wieder viele Gauckwähler der Parteidisziplin unter. Ihre Stimme beim ersten Wahlgang war also leider auch nur Parteitaktik, wahrscheinlich um ihre Vorsitzenden zu schwächen. Dieses Spielchen ist noch unwürdiger und absolut nicht vergleichbar damit, aus reiner Überzeugung durchgängig einen Kandidaten zu unterstützen. Diese besonderen Parteitaktiker hätten im Übrigen bestimmt auch im ersten Wahlgang Wulff gewählt, wenn sich die Linke von Beginn an auf Gauck eingelassen hätte. Der angeblich mögliche Sieg für den rot-grünen Kandidaten wäre sicher nicht zustande gekommen.

Dennoch halte ich zumindest die dritte Abstimmung der Delegierten der Linken für ebenfalls kritikwürdig. Klar, es ist nicht besonders fair, ohne den Versuch der Einbindung, zu erwarten, dass die Linke den ihnen von SPD und GRÜNEN vorgesetzten Kandidaten gefälligst zu wählen hat. Doch auch sie folgten einer klaren Parteitaktik, als sie sich alle (zumindest fast alle) im letzten Wahlgang enthielten. Bei einer wirklich freien Entscheidung hätte zumindest ein Teil der Linken für einen der verbliebenen Kandidaten gestimmt. Das wäre respektabel gewesen. So aber wurde die Taktik sicher auch zu einem Rettungsanker, um einen Teil der eigenen Klientel nicht zu vergrätzen und die unliebsame Diskussion über das Unrecht in der DDR zu vermeiden. Doch genau diese Debatte sollten immer mehr Linke verstärkt führen, um an Glaubwürdigkeit zu gewinnen und die Reflexe der Anti-Linken zu entzaubern.

Auf zur würdigen Präsidentschaft 2015

Als wirkliche Sieger fühlen sich alle, die Angst vor einem linken Crossoverprojekt der Opposition haben und die sich auch über das Ansehen von Gauck wieder einen Platz in der umkämpften bürgerlichen Mitte sichern wollen. Weil auch die Regierung damit weiter geschwächt wurde, freuen sich viele, die noch unter der Großen Koalition gelitten haben und sich keine Rückkehr der SPD zu neoliberalen Positionen wünschen dürfen.

Gaucks Wahl hätte einen schönen Bruch mit der bisherigen Wahlsystematik des Bundespräsidenten bedeutet, hätte aber nicht zu einem offenen demokratischen Wahlverfahren geführt. Dazu müsste endlich wirklich die Parteientaktik hinter das Gewissen, hinter die freie Entscheidung verbannt werden. Dazu müssten sich aber auch Abgeordnete trauen, von ihrem Recht Gebrauch zu machen (ich werde mich selbst daran erinnern), eigene Kandidaten vorzuschlagen und nicht darauf zu warten, dass dies ihre Parteispitze für sie erledigt. Wenn aus dem Kreis der Abgeordneten, quer durch alle Fraktionen, durch die Lager, gleich mehrere Kandidaten nominiert werden und wenn die sich ohne Vorfestlegung der Parteien dann einem demokratischen Wettbewerb stellen, bekommen wir doch noch eine würdigere Präsidentschaftswahl.

Jul 012010
 

Bundespräsident Gustav W. Heinemann bei der Arbeitertagung der IG Metall für die BRD, 1972:

“Wir stehen inmitten stürmischer industrieller Revolution und steigenden zivilisatorischen Wohlstands in freilich nur begrenzten Bezirken unserer Welt. Der Kongress ruft zu einer Besinnung darüber, ob wir auf richtigen Wegen sind. Was wird das für ein Leben sein, wenn wir so weitermachen wie bisher? Haben wir insbesondere nicht viel zu lange manche Kosten unsers Wohlstandes in den Industrieländern auf die Umwelt abgewälzt, in der wir nun zu ersticken drohen? Haben wir nicht viel zu optimistisch, ja geradezu leichtsinnig manches nur als Fortschritt angesehen, was seine schweren Schattenseiten hat? […]

Darüber hinaus müssen wir uns der Frage stellen, ob die Erde nicht in einen katastrophalen Zustand geraten wird, wenn die Bevölkerungsexplosion anhält und wenn die Menschheit die nicht vermehrbaren Naturschätze weiterhin in steigender Beschleunigung so in Anspruch nimmt, wie sie es zu tun im Begriff ist. Das Tempo, das die unsere Luft, das Wasser, die Erde verseuchenden Einflüsse sowie der Abbau lebenswichtiger Rohstoffe angenommen haben, ist erschreckend. […]

Die junge Generation kritisiert mit Recht das Ausmaß unserer Gedankenlosigkeiten. Es ist an der Zeit, deutlich zu machen und auszusprechen, dass sich niemand mehrt der durchgreifenden Überprüfung unserer Lebensgrundlagen und unserer Wertvorstellungen entziehen kann. […]

Um der Zukunft derer willen, die unsere Kinder und Enkel sind, müssen wir alle bereit sein, anzuhalten und, wo nötig, zurückzustecken. Lebensführung und Lebensstandard der Industrievölker im ganzen können fragwürdig werden. […]

Nur wenn die Verantwortlichen von breiter Zustimmung getragen werden, kann es gelingen, Widerstände gegen Änderungen zu überwinden. […]

Menschengeist und Tatkraft haben die Elemente frei gemacht. Menschengeist und Tatkraft können sie bändigen. Ich wünsche dem Kongress, dass er unser aller Bewusstsein und unser aller Entschlossenheit stärke!”