Upton Sinclair: Öl (rororo TB / 644 Seiten /Hamburg 1986)

Auch wenn Sinclairs Klassiker von 1927 vor über 80 Jahre geschrieben wurde, ist seine Story erschreckend aktuell. Wer die Grundlagen der Ölwirtschaft, ja des gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems eingebettet in einen gut geschriebenen Roman kennenlernen will, sollte Sinclairs Öl lesen.

Ebenso spannend wie die Handlung des Romans war der Mensch Upton Sinclair und dessen Leben. 1878 in Baltimore geboren, wurde Sinclair zu einem der bekanntesten sozialkritischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er verfasste unzählige Dramen, Kinderbücher, Romane, Theaterstücke und Sachbücher. Sinclair arbeitete als Journalist und engagierte sich als Sozialreformer. Sein zentrales Thema war die soziale Gerechtigkeit, der Kampf für mehr Mitbestimmung und Meinungsfreiheit. Der Durchbruch gelang dem Autor mit dem Roman „The Jungle“, in dem er seine eigenen Erlebnisse und die ausbeuterischen Zustände in den amerikanischen Schlachthöfen beschreibt. Sinclair war so etwas wie die US-amerikanische Version von Günter Wallraff. Er wurde von Albert Einstein gelobt und gewann den Pulitzer Preis, doch für die politische Elite blieb er ein unbequemer Störenfried. Präsident Theodore Roosevelt prägte für ihn den Schimpfnamen Muckraker, was so viel bedeutet, wie Dreckwühler oder Nestbeschmutzer. Muckraker wird in der amerikanischen Alltagssprache noch heute für sozialkritische Literatur oder Enthüllungsjournalismus benutzt.

Auch in Europa – vor allem in Deutschland – erlangten Sinclairs Romane vor dem 2. Weltkrieg hohe Auflagen. Danach gerieten seine Werke langsam in Vergessenheit. 1968 starb Upton Sinclair. 2007 wurde das Buch Öl unter dem Titel There will be Blood mit Daniel Day Lewis als Hauptdarsteller erstklassig verfilmt. Doch der Roman Sinclairs bleibt unerreicht. Leider gibt es in Deutschland keine neuere Auflage des Romans (im Antiquariat – beispielsweise unter www.zvab.com – sind noch Exemplare erhältlich). Es wird Zeit, Sinclair und seine Schriften wieder aus der Versenkung ans Tageslicht zu holen. Seine Themen sind brandaktuell, seine Schreibstil bleibt klassisch modern.

Öl ist eine meisterhafte Analyse amerikanischer Wirklichkeit und ein ergreifender Gesellschaftsroman. Die Handlung startet Anfang des 20. Jahrhunderts in Kalifornien. Energie, speziell Öl, wird zum Schmierstoff der Wirtschaft und zur wichtigsten Ressource der westlichen Welt. Der mit allen Wassern gewaschene Businessman John Ross hat sich hochgearbeitet und steigt erfolgreich ins Ölgeschäft ein. Sein Sohn Bunny begleitet seinen Vater auf Schritt und Tritt, um alles über das Ölgeschäft zu lernen. Doch nach anfänglicher Euphorie entwickelt sich Bunny zu einem Idealisten, dem die sozialen Missstände und die Ausbeutung der Lohnarbeiter im Ölbusiness Bauchschmerzen verursachen. Er solidarisiert sich mit den Arbeitern und sympathisiert mit den erstarkenden Sozialisten. Im Spannungsverhältnis zwischen Luxusleben und der Liebe zu seinem Vater einerseits und seinem sich ausprägenden Gewissen andererseits verfolgt der Leser den Lebensweg von Bunny Ross. Seine Zerrissenheit, seine Ideale, seine Liebesbeziehungen würzen, dramatisieren die Handlung.

Neben der besonderen Familiengeschichte dringt der Roman über das wachsende Ölgeschäft tiefgründig in die sozialen Verhältnisse des erstarkenden westlichen Kapitalismus vor. Genau wie Bunny gelingt es dem Leser nicht, wegzuschauen, wenn er mit Ausbeutung, unlauteren Geschäftsmethoden, Korruption und Lobbyismus konfrontiert wird. Sinclair sagte 40 Jahre nach der Veröffentlichung zu seinem Lieblingsroman: „Es ist das umfangreichste meiner Bücher und es ist besonders sorgfältig recherchiert. Es ist voller Abenteuer und sozialer Gegensätze, keine Geschichte könnte wahrer sein.“

Damals begann der Siegeszug des Öls, der heute in einer Sackgasse angelangt ist. Unter anderem die BP-Katastrophe zeigt uns, dass wir trotz aller Nebenwirkung nicht loskommen von unserer fossilen zerstörerischen Droge. Aber trotz aller Aktualität und allem sozialen Sprengstoff ist Sinclairs Roman ein absolutes Highlight, weil er nicht ins Moralisierende abgleitet, auch die Grautöne zeigt und vor allem, weil er unterhaltsam und großartig geschrieben ist.

 

Engagierte Journalisten und Bürger, die Zivilcourage zeigen, die Missstände aufdecken und anprangern, werden nicht selten als „Nestbeschmutzer“ abqualifiziert. Doch eine gesunde Demokratie muss diese Art der Kritik nicht nur ertragen, sondern sollte sie fördern.

Muckraker und Wallraffa

Einer der ersten Journalisten und Schriftsteller, der sich in die schmutzigsten Winkel gewagt hat, um zu recherchieren, der im „Dreck gewühlt hat“, um dann mit Schrift und Wort darüber zu berichten, war der amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair. Er verfasste unzählige Romane, Sachbücher, journalistische Artikel und engagierte sich als Sozialreformer. Sein zentrales Thema war die soziale Gerechtigkeit, der Kampf für mehr Mitbestimmung und Meinungsfreiheit. Sinclairs Erlebnisse und die ausbeuterischen Zustände in den amerikanischen Schlachthöfen ließ er in den Roman „The Jungle“ einfließen. Trotz zahlreicher Preise blieb er für die mächtigen Politiker und Wirtschaftsbosse ein unbequemer Störenfried. Präsident Theodore Roosevelt prägte für ihn den Schimpfnamen Muckraker, was so viel bedeutet, wie Dreckwühler oder Nestbeschmutzer. Muckraker wird in der amerikanischen Alltagssprache noch heute für sozialkritische Literatur oder Enthüllungsjournalismus benutzt.

Günter Wallraff ist so etwas wie die deutsche Version von Upton Sinclair, auch wenn er seine Erlebnisse und Recherchen in Sachbüchern und Artikeln und nicht in Romanen verarbeitet hat. Wallraff hat in Deutschland wie kein anderer den „investigativen Journalismus“ geprägt. In „Der Aufmacher. Der Mann, der bei „BILD“ Hans Esser war“ schildert er beispielsweise seine Erfahrungen bei der BILD und weist der Boulevardzeitung schwere journalistische Versäumnisse und unsaubere Recherchemethoden nach. In Norwegen und Schweden wurde sein Name – „wallraffa“ – in den Wortschatz als Synonym für „verdecktes Ermitteln“ aufgenommen.

Savianos Gomorrha

„Ein Wort sei zurückgekehrt ins Bewusstsein, in unsere Alltagssprache. Ein einziges Wort, das alle bisherigen Geschwister-Scholl-Preisträger charakterisiert, allen voran unseren heutigen, dreißigsten und selbst erst dreißigjährigen Roberto Saviano: ich spreche von Zivilcourage“. So beginnt eine Laudatio für Roberto Saviano, der es gewagt hat, ein Enthüllungsbuch („Gomorrha – Reise ins Reich der Camorra“) über Italiens Unterwelt zu schreiben. Nachdem das Buch ein Welterfolg wurde, musste der Autor wegen der Racheankündigungen der Camorra untertauchen. Er wird seitdem nicht nur aus Angst gemieden und ausgegrenzt, angeheizt wird die Diskreditierung von hochrangigen Politikern, wie Silvio Berlusconi, die Saviano als „Nestbeschmutzer“ beschimpfen.

Saviano schildert in „Gomorrha“ eindrucksvoll, warum mehr schweigen, als reden: „Aber in einem Land, wo das wahr ist, was Geld einbringt, und das eine Lüge, was einem zum Verlierer macht, bleibt solch eine Entscheidung (zur Aufklärung) nicht nachvollziehbar. Und so kommt es, daß selbst die Menschen, die einem nahestehen, plötzlich irritiert und sich von demjenigen entlarvt fühlen, der den Grundregeln des Lebens zuwiderhandelt, dessen Regeln sie selbst ganz fraglos akzeptiert haben. Akzeptiert haben ohne Scham, denn letztlich muß es ja so laufen, weil es schon immer so gelaufen ist, weil man aus eigener Kraft ohnehin nichts ändern kann und es daher besser ist, seine Kräfte zu schonen, in den alten Bahnen zu verharren und so zu leben, wie es einem zugestanden wird.”

Gegengewichte schaffen

Auch prominente Kritiker sind vor Diskreditierungen nicht sicher, auch sie werden ausgegrenzt. Weniger bekannte Querdenker haben zudem kaum eine Chance, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Der Grat zwischen „Nestbeschmutzung“ und „Zivilcourage“ ist schmal. Natürlich schießen viele Kritiker über das Ziel hinaus, sind nicht alle Aufklärer idealistische Überzeugungstäter oder objektive, gute Rechercheure. Dennoch sollten wir gerade die Arbeit schätzen, die Widerspruch erregt, die enthüllt, die sich die Finger schmutzig macht. Wir brauchen ein Korrektiv zu der häufig oberflächlichen Berichterstattung und dem „Gefälligkeitsjournalismus“, der die starken Lobbys und ihre Protagonisten schont oder sich gar ihrer PR-Arbeit angleicht.

Der Ruf nach mehr investigativen und gut recherchiertem Journalismus ist leicht formuliert. Der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl weist zu Recht daraufhin, dass professionelle, gute Recherche auch eine Frage des Geldes ist (ZEIT, 12. August 2010: Qualität kostet): „Journalisten, die verlässlich mit eigenrecherchierten Informationen Schneisen in den Info-Dschungel schlagen und den PR-Sumpf trocken legen, erbringen eine wertvolle Dienstleistung. Wenn nicht wir, die Leser, Hörer, Zuschauer oder User dafür aufkommen, dann werden entweder solche Leistungen nicht erbracht, oder sie müssen von dritter Seite finanziert werden.“ Doch diese „dritte Seite“ hätte natürlich Eigeninteressen und vor allem keine Interesse daran, selbst kritisiert zu werden.

Es geht also um mehr, als die „Dreckwühler“ aus der Schmuddelecke zu holen und ihnen die notwendige Öffentlichkeit zu verschaffen. Wir brauchen auch eine Diskussion, was uns guter Journalismus, aufwändige Recherchen wert sind und wie wir sie finanzieren. Initiativen wie die journalistische Vereinigung „Netzwerk Recherche“ liefern dazu gute Ansatzpunkte und setzen einen Kontrapunkt zum PR-Journalismus. Aber nicht nur Medienleute sind in der Pflicht. Enthüllende Worte, Zivilcourage brauchen wir in allen Gesellschaftbereichen, die immer stärker von mächtigen Lobbyinteressen und ihren Erfüllungsgehilfen beherrscht werden. Der vollständigen Ökonomisierung unserer Lebensbereiche sollten wir Transparenz, Aufklärung und Selbstbestimmung entgegensetzen. Engagierte Organisationen wie „Transparancy“, „Lobbycontrol“ können dafür nur der Anfang sein.

In „Gomorrha“ gibt der italienische Dreckwühler Saviano auch das passende Schlusswort: „Wissen, verstehen und ergründen, ist daher nicht bloß eine moralische Pflicht, es ist eine Überlebensfrage. Ohne diese Selbstverpflichtung ist kein menschenwürdiges Dasein möglich“.

 

Das Öldrama im Golf von Mexiko ist eine historische Zäsur

veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Michael Müller

Die Explosion auf der „Deepwater Horizon“, der gesunkenen Bohrinsel des britischen Ölkonzerns BP, ist nicht nur ein tragischer Unfall, sondern auch die bisher härteste Warnung, endlich die Grenzen des Wachstums zu beachten. Das Desaster im Golf von Mexiko entspringt der puren Not, den Produktionsrückgang in den alten Ölfeldern durch immer riskantere Fördermethoden auszugleichen. Der Peak Oil, der Höhepunkt der Förderung, ist da. Das Zeitalter des fossilen Verkehrs geht zu Ende. Alles andere ist Zweckoptimismus, der den Blick auf die Realitäten verstellt.

Die Schwachstelle aller Industriegesellschaften ist ihre Abhängigkeit von fossilen Energien. Obwohl die Gefahren bekannt sind, kommt es bisher nicht zu einem konsequenten Umstieg auf Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Stattdessen werden Lagerstätten in unwirtlichen Regionen angezapft, verbunden mit gewaltigen technischen Problemen und großen ökologischen Gefahren. Deshalb steht nicht nur BP unter Druck, auch die amerikanische Regierung muss erklären, warum sie Tiefseebohrungen überhaupt zugelassen hat.

In den letzten elf Wochen sprudelten täglich bis zu 40.000 Barrel – umgerechnet fast 6,4 Millionen Liter – Rohöl in den Golf vor Mexiko. Einige Berechnungen liegen sogar noch höher. Auch nach elf Wochen kann eine Entwarnung nicht gegeben werden, denn der Druck aus der Verstopfung des Bohrlochs lässt Risse im Meeresboden befürchten, aus denen viel Öl austreten kann. Und nun erreicht auch noch der erste Hurrikan der Saison 2010, Alex, die Südküste der USA.

Wir wissen, wie trügerisch der Wohlstand ist, der auf der Ausbeutung von Öl beruht. US-Präsident Jimmy Carter wollte bereits Ende der siebziger Jahre seinem Öl süchtigen Land, in dem billige Kraftstoffe und große Autos zum alltäglichen Lebensgefühl gehören, eine Entziehungskur verordnen. Mit einem nationalen Energieprogramm sollten die Importe von bis zu 16 Millionen Barrel täglich auf sechs Millionen bis 1990 gesenkt werden.

Doch Carter scheiterte am Widerstand der sieben großen Ölkonzerne in seinem Land, die kräftig Stimmungen gegen Washingtons „Angriff auf die Freiheit der Bürger“ machten. Stattdessen unterzeichnete er 1979 die Direktive „Rapid Deployment Force“ zur Bildung einer mobilen Einsatztruppe für die Golfregion, um dort die „nationalen Interessen“, der Zugriff auf die Ölquellen, zu sichern. Seitdem ist die Konfliktlinie vorgezeichnet: entweder Umbau und Einsparen oder Gewalt und Verteilungskonflikte.

Das Weltreich des Verkehrs ist die Grundlage unserer Art von Modernität. Es baut auf Öl auf. Deshalb bedeutet es einen tiefen Einschnitt, wenn Barack Obama nun verkündet „Die Zeiten des billigen Öls sind vorbei“ und die Bürger seines Landes auf ein Umsteuern einstimmen will. Doch die Fakten sind eindeutig: Seit 2005 ist die Menschheit auf dem Plateau der Ölförderung angelangt, die Ergiebigkeit der großen Felder geht zurück. In den letzten 30 Jahren hat es an Land keine nennenswerten neuen Funde gegeben und sie sind nach Ansicht der Geologen auch nicht zu erwarten. Obwohl der Abbau von Teersanden, vornehm Ölsande genannt, der zum Beispiel im kanadischen Bundesstaat Alberta Mondlandschaften mit gewaltigen ökologischen Schäden hinterlässt, schon in die Fördermenge eingerechnet ist, konnte der Rückgang der Förderung aus den alten Ölfeldern nicht mehr ausgeglichen werden.

Kurzum: Peak Oil ist jetzt. Der Höhepunkt der Förderung, wird nicht, wie die Ölkonzerne behaupten, erst in den nächsten Jahrzehnten erreicht, selbst wenn die Funde in der Arktis und der Tiefsee – wie vor der Küste Rio de Janeiros das Tupi-Ölfeld, das mit 7.000 Meter fast fünf mal tiefer liegt als Deepwater Horizon – tatsächlich erschlossen würden. Mit der Tiefe erhöht sich das Risiko exponentiell, Techniken zur Gewährleistung der Sicherheit in diesen Tiefen gibt es bisher nicht.

Das Endspiel des Ölzeitalters beginnt, ein historisch singulärer Umbruch, der mit der industriellen Revolution vergleichbar ist. Eine epochale Transformation, denn Öl war in den letzten sechs Jahrzehnten der Treiber des Wachstum und einer Verschwendung, der die Entwicklung der Wirtschaft, das Bild unserer Städte und die Lebensgewohnheiten der Menschen geprägt hat. Öl wurde zur Geschäftsgrundlage der Moderne. Und immer mehr auch in den Tiefseeregionen, aus denen Ende des Jahrzehnts schon zehn Prozent der globalen Ölversorgung kommen soll. Nach üblichen Maßstäben dürften dort Bohranträge nicht genehmigt werden. Doch in der fossilen Denkwelt ist es unvermeidlich, den Anteil des Öls aus der Tiefsee ständig zu erhöhen. Das Tina-Syndrom – there is no alternative – ist der Wettlauf der Besessenen.

Wir erleben jedoch heute den Anfang vom Ende des fossilen Zeitalters, nicht erst dann, wenn der „letzte Tropfen Öl“ verbraucht ist, sondern wenn die wachsende Nachfrage nicht mehr durch ein steigendes Förderangebot befriedigt werden kann. Auf dem Gipfel angelangt, ist das Spiel vorbei – peak oil.  Der Abstieg vom Gipfel beginnt, für das Klima ist das gut so, aber die wesentlichen Akteure sind darauf nicht vorbereitet.

Noch immer ist das Verkehrssystem nahezu ausschließlich vom Öl abhängig, ebenso die internationale Arbeitsteilung, auch die Raum- und Siedlungsstrukturen und die angeblich so modernen Lebensstile. In Kürze werden eine Milliarde Fahrzeuge auf der Erde fahren – mit gewaltigen Ungleichheiten: In Deutschland kommen 560 Fahrzeuge auf 1.000 Einwohner, in China sind es nicht einmal 25 Autos. Im bevölkerungsreichsten Land der Erde kommen jährlich 10 Millionen Fahrzeuge dazu, doppelt so viele, wie in Deutschland produziert werden. In den letzten fünf Jahren betrug das Wachstum knapp 50 Prozent.

Die Zeit für ein Umsteuern wird extrem knapp, aber auch in unserem Land beruht der Bundesverkehrswegeplan, das Nationale Hafenkonzept für die See- und Binnenhäfen oder das Flughafenkonzept der Bundesregierung noch immer auf der Annahme, dass weiterhin billiges Öl reichlich vorhanden ist. Viele behaupten, wir könnten mit nur wenig Änderungen so weiter machen wie bisher. Das ist die Kunde von Durchbrecherstrategien, beispielsweise der Initiative für Elektromobilität. Doch überlegen wir: Brauchen wir für den Nahbereich der Städte ein Fahrzeug, elektrisch angetrieben, das in weniger als 4 Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer beschleunigt, wie derzeit das Elektroauto „Tesla“ angepriesen wird?

Der Hype zeigt, dass wir noch nicht begriffen haben, was das Ende des fossilen Zeitalters wirklich bedeutet: Der verschwenderische Umgang mit Ressourcen muss beendet werden, in Zukunft muss haushälterisch mit der Natur gewirtschaftet werden. Die Überhöhung der Elektromobilität erweckt den Eindruck, dass alles seinen Gang nimmt und (schnell) wieder gut wird. Lassen wir einmal beiseite, dass es Batterien für diese Art von Autos mit bisher gängigen Reichweiten noch nicht gibt. Und seltene Erden, die für die Umstellung auf erneuerbare Energien und Antriebe unverzichtbar sind, knapp sind und kaum rezykliert werden.

Tatsächlich wird die gewaltige Herausforderung, der Umstieg vom fossilen Verkehr zur postfossilen Mobilität, zugedeckt. Dabei stellt er selbst die Krise nach dem Zusammenbruch der Lehman Brothers in den Schatten. Auf jeden Fall geht es um weit mehr als den Austausch der Brennstoffe. Der fossil angetriebene Verkehr ist genau so systemrelevant wie die Finanzwirtschaft. Es gibt keine einfache bail-out Möglichkeit mit Abwrackprämien. Und womit soll der Schiffsverkehr, das Rückgrat der internationalen Arbeitsteilung, angetrieben werden? Womit der Güterflugverkehr und der Güterfernverkehr auf den Straßen?

Doch Lösungen, die es bereits gibt, werden bislang links liegen gelassen, Geschwindigkeitsbegrenzungen und Flottenverbrauchsregelungen oder Pedelecs und E-Scooters, die sofort weniger Ölverbrauch und geringere CO2-Emissionen bedeuten, um noch nicht vorhandene „Lösungen“ wie Elektroautos zu puschen. Oder im Schiffsverkehr: In wenigen  Monaten ist es möglich, durch eine Senkung der Geschwindigkeiten von etwa 24 auf 19 Knoten Treibstoffeinsparungen von 30 bis 50 Prozent zu erzielen. Moderne Formen der Windenergie, mit der die Beluga experimentiert, sind zukunftsweisend.

Der Abschied vom fossilen Verkehr steht an. Das Umsteuern zu einer postfossilen Mobilität ist überfällig. Das ist weit mehr als die lautstark propagierten, nur auf Technik fixierten Lösungen. Die postfossile Mobilität geht vom Menschen aus. Zufußgehen wird nicht länger Restverkehr sein, wie in der Gedankenwelt fossiler Verkehrsplanung, sondern eine tragende Säule der Körperkraftmobilität. Fahrradfahren, das erste moderne postfossile Fortbewegungsmittel steht erst am Beginn seines Aufstiegs. In Kopenhagen, eine Stadt mit höchster Lebensqualität, ist das Fahrrad das Rückgrat des Alltagsverkehrs. „Langsamverkehr“ wird wie in der Schweiz zur dritten Säule der Verkehrspolitik neben dem motorisierten Individualverkehr und dem öffentlichen Verkehr. Dafür müssen wir – ein gigantisches ökologisches Zukunftsprogramm – die verschwenderischen, ineffizienten Raum- und Siedlungsstrukturen umbauen und die Arbeitsteilung neu ordnen.

Postfossile Mobilität kann schnell Attraktivität gewinnen, wenn der Peak Oil nicht länger verdrängt wird. „Mobilitätschancen für alle“ muss die Grundorientierung werden. Der öffentliche Raum darf nicht länger auf die Transportfunktion reduziert werden. Die Nähe gewinnt dann an Attraktivität, eine neue Balance von Schnelligkeit und Langsamkeit, eine Kultur der Bewegung und Beweglichkeit. Nach einer Übergangszeit werden wir erstaunt auf die übermotorisierte und übergewichtige fossile Raserei zurückblicken. Entschlossenes Umsteuern ist angesagt. It’s the end of the world, as we know it. Wir verstehen es und fühlen uns gut dabei.

Martin Held ist Studienleiter der Evangelischen Akademie Tutzing für Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung; Mitautor des Buchs „Postfossile Mobilität – Wegweiser für die Zeit nach dem Peak Oil“.

Michael Müller war langjährig  umweltpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion und Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium.

 

“Auch die Mehrheit der Deutschen will, dass die Atomkraftwerke im Land schnellstmöglich vom Netz genommen werden. In einer am [28.04.2010] veröffentlichten repräsentativen Emnid-Umfrage, die vom Zentralverband Sanitär Heizung Klima in Auftrag gegeben worden war, sprachen sich mit 63 Prozent fast zwei Drittel der Befragten für einen schnellstmöglichen Ausstieg aus der Atomenergie aus. Zugleich habe eine Mehrheit die Weiterentwicklung und Erforschung erneuerbarer Energien gefordert. ”

Quelle: die Tageszeitung, 29.04.2010, Seite 09 (http://www.taz.de/pt/2010/04/29/a0201.nf/text)

 

Ex-Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier im Interview

veröffentlicht in “Politik & Kommunikation” Juli/August 2010

Hans-Jürgen Papier war bis vor kurzem Präsident des Bundesverfassungsgerichts. p&k sprach mit ihm über gute- und schlechte Gesetze – sowie über seine Sorge um die -parlamentarische -Demokratie.

p&k: Herr Professor Papier, zwölf Jahre lang haben Sie als Verfassungsrichter die Arbeit des Gesetzgebers in Augenschein genommen. Wie ist es um die Qualität der Gesetze in Deutschland bestellt?

Hans-Jürgen Papier: Als ehemaliger Repräsentant eines Verfassungsorgans möchte ich grundsätzlich nicht die Qualität der Arbeit anderer Verfassungsorgane des Bundes, hier also insbesondere des Gesetzgebers, bewerten und mit Noten versehen. Soweit Sie mit Ihrer Frage gewisse Mängelerscheinungen ansprechen wollen, so wird man zwischen handwerklichen Mängeln und objektiven Verfassungsverletzungen unterscheiden müssen. Nicht jeder handwerkliche Mangel eines Gesetzgebungsakts begründet einen Verfassungsverstoß, nicht jede Verfassungswidrigkeit einer Norm ist mit handwerklichen Mängeln verbunden.

Als ehemaliges Mitglied des Bundesverfassungsgerichts interessieren mich natürlich in erster Linie die in der Vergangenheit festgestellten Verfassungsverstöße des Gesetzgebers. Hier wird vielfach der Eindruck vermittelt, dass gerade in den letzten Jahren die Verfassungsverletzungen durch die Gesetzgebung zugenommen hätten.

Und dieser Eindruck trügt?

Lassen Sie mich einige Zahlen erwähnen, die geeignet sind, die Situation realitätsgerecht zu erfassen. Das Bundesverfassungsgericht hat seit seiner Gründung im Jahre 1951 etwa 180.000 Verfahren entschieden. Viele von ihnen hatten auch die Frage der Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen oder von einzelnen Normen zum Gegenstand. In den knapp sechs Jahrzehnten seiner Rechtsprechungstätigkeit hat das Bundesverfassungsgericht etwa 620 Gesetze oder Einzelnormen für verfassungswidrig erklärt. Nur zu einem geringen Teil sind also vor dem Bundesverfassungsgericht angegriffene Normen letztendlich für verfassungswidrig erklärt worden. Allerdings kann nicht geleugnet werden, dass gerade in den letzten Jahren im Spannungsfeld von Freiheit und Sicherheit zahlreiche Gesetze oder Einzelnormen des Bundes oder der Länder für unvereinbar mit dem Grundgesetz erklärt worden sind. Dabei darf man jedoch nicht übersehen, dass auf Grund veränderter Bedrohungspotenziale in Folge des internationalen Terrorismus sowie der organisierten Kriminalität auch die Gesetzgebung vor neuen Herausforderungen stand und sich veranlasst sehen musste, das sensible Verhältnis von Freiheit und Sicherheit neu auszubalancieren.

Der Hamburger Jurist Ulrich Karpen sagt, der Politik sei das Bewusstsein für Gesetze als beständige, allgemeingültige Regelung abhanden gekommen. Gießt die Politik zu viele Entscheidungen in Gesetzesform?

Der modernen Gesetzgebung sieht man vielfach an, dass sie angesichts der Stofffülle, der Komplexität der zu regelnden Sachmaterien, des Zeitdrucks im Gesetzgebungsverfahren, der Einwirkung der Verbände, angesichts von Kompromissen „in letzter Minute“ nach Einschaltung von Vermittlungsausschuss, Kanzlerrunden, kleinen und großen Koalitionsgipfeln allen Kodifikationsbestrebungen weitgehend entwöhnt ist. Die Ergebnisse dieser schlagwortartig umrissenen Rahmenbedingungen sind vielfach unklare, unvollständige, widersprüchliche, dem eigenen Gesetzeszweck entgegenstehende, unbillige oder sogar erkennbar unbeabsichtigte Normierungen. In der Flut von Gesetzen, Ausnahme- und Änderungsgesetzen treten nicht selten schon Zweifel im Hinblick auf das jeweils geltende Recht auf. Trotz aller Emsigkeit und Geschäftigkeit schafft eine solchermaßen kurzatmige, überdies mit traditions- und systemlosen Zweckschöpfungen arbeitende Gesetzgebung vielfach nicht Rechtsklarheit, Rechtsfrieden und Rechtssicherheit, sondern im Gegenteil Unklarheit, Streit und Unsicherheit. Eine solche Gesetzgebung erzeugt keine Autorität und Akzeptanz beim Rechtsunterworfenen, befriedigt keinesfalls sein Gerechtigkeitsgefühl.

All das muss dann letztlich der Richter leisten, sodass der Weg zum immer wieder beklagten Richterstaat dadurch unaufhaltsam beschritten wird.

„Das Parlament muss darauf achten, die nötige Distanz zu wahren“

Sie haben kürzlich vor zu großem Einfluss von Lobbyisten auf die Gesetzgebung gewarnt. Finden sich zu viele Partikularinteressen in unseren Gesetzen wieder?

Es gibt unter den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen moderne Demokratien funktionieren, keine Alternative zur parlamentarischen Repräsentation des Volkes. Die parlamentarische Demokratie und das repräsentative Mandat der gewählten Abgeordneten rechtfertigen sich jedoch gerade dadurch, dass die allgemeinen Interessen nicht Gruppen oder Verbänden überlassen werden, sondern dass vielmehr auch den Belangen derer Geltung verschafft wird, die allein von sich aus nicht die Kraft und die Fähigkeit haben, sich zu artikulieren, zu organisieren und durchzusetzen.

Die Parlamentarier müssen zudem unterscheiden zwischen existenziellen Bedürfnissen und berechtigten Erwartungen auf der einen und bloßer Besitzstandswahrung und überzogenem Anspruchsdenken auf der anderen Seite. Die Fähigkeit zu dieser Unterscheidung setzt eine gewisse Distanz zu den Kräftefeldern des gesellschaftlichen Verteilungskampfs voraus. Das Parlament, das in der mittelbaren, parlamentarischen Demokratie der wichtigste Hort des Gemeinwohls zu sein hat, muss darauf achten, diese Distanz zu wahren, wenn es nicht Gefahr laufen will, zu einem verlängerten Arm in einem Verteilungskampf zu werden. Gerade wenn es um die Einflussnahme von Lobbyisten auf die Politik geht, sollte man nie vergessen, dass wir auf einen kraftvollen, lebendigen und in der Bevölkerung auf Akzeptanz stoßenden Parlamentarismus angewiesen sind.

Sind Gesetze weniger demokratisch, wenn sie über das Maß Lobbyinteressen widerspiegeln, wie zum Beispiel die Mehrwertsteuerermäßigung für Hoteliers?

Die parlamentarische Demokratie ist nach meiner Ansicht auch und gerade durch verbändestaatliche Tendenzen und Strukturen gefährdet. Wir müssen aufpassen, dass die „Lobby“ nicht wichtiger wird als der „Plenarsaal“. Wir müssen „die Herrschaft der Verbände“, von der der Politikwissenschaftler Theodor Eschenburg schon im Jahre 1955 gewarnt hatte, mit der gebotenen Aufmerksamkeit verfolgen, weil zumindest gewisse Gefährdungen durch solche Strukturen nicht zu verkennen sind. Oftmals treten Vertreter bestimmter, nicht selten ökonomischer Interessen als gern gesehene Berater von Politikern und Parlamentariern auf. Professionelle Lobbyisten sind in aller Regel Experten auf ihrem Gebiet, deren Sachverstand den Parlamentariern – und übrigens häufig auch Regierungsmitgliedern und Ministerialbürokratie – als wertvoll und manches Mal sogar als unverzichtbar erscheint. Gerade wirtschaftlich potente Interessengruppen – oder auch einzelne, als Lobbyisten in eigener Sache tätige große Unternehmen – bündeln häufig starke Ressourcen an Wissen und Sachverstand, die sie der Politik gern – wenn auch zu eigenen Konditionen – zur Verfügung stellen.

In dieser geschilderten Unterstützung liegt freilich auch die Gefahr, die der parlamentarischen Demokratie aus dem real existierenden Lobbyismus erwächst. Zunächst einmal ist ja offensichtlich, dass nicht alle innerhalb von Wirtschaft und Gesellschaft relevanten Interessen in gleicher Weise von gut organisierten Lobbyisten repräsentiert werden. Vielmehr entscheidet nicht zuletzt die ökonomische Potenz von Interessenvertretern darüber, wie effizient deren Lobbyarbeit gestaltet wird und in welchem Maße sie auf den Politikbetrieb Einfluss gewinnen können. Weniger schlagkräftig repräsentierte Interessen können so leicht unter die Räder kommen.

Es mangelt gewissermaßen an Waffengleichheit zwischen den Interessengruppen. Ist diese denn im Verhältnis der Politik zur Lobby noch gegeben?

Die Abgeordneten können mit dem Fachwissen und dem geballten Sachverstand einer starken Interessenvertretung nicht immer mithalten. Ein daraus resultierendes Informationsgefälle und eine sich womöglich entwickelnde „Abhängigkeit“ von den „Zulieferungen“ von Lobbyisten sind alles andere als unproblematisch. Die zur Bewältigung derartiger Herausforderungen den Parlamentariern – oder auch der Regierung und der Ministerialbürokratie – von Lobbyisten angebotene „Unterstützung“ soll bisweilen bis zur Überlassung vollständiger, durch spezialisierte Juristen und Fachleute ausgearbeiteter Gesetzesentwürfe reichen. Parlament und Regierung dürfen sich nicht an die scheinbaren Gratislieferungen aus der Wirtschaft gewöhnen. Das Ethos der Abgeordneten als Träger eines freien Mandats wird hier auf harte Proben gestellt.

Als der Bundestag im Mai über das Euro-Rettungspaket abgestimmt hat, beklagten einige Abgeordnete, durch das Tempo des Verfahrens würden die ureigensten Rechte des Parlaments ausgehöhlt – sind die Abgeordneten nur noch Abnicker?

In einer großen, überregionalen Zeitung war vor nicht allzu langer Zeit die Frage zu lesen, wie kurzsichtig die politischen Organe seien, wenn es zunehmend zum Drama des Ausnahmezustands komme. Es gelte die fatale Regel, dass die Politik zunehmend – jedenfalls bei komplex­eren Sachverhalten – nur noch unter höchstem Druck entscheidungsfähig, kaum aber zu längerfristiger Rationalität fähig sei. In diesem Beitrag wurde mit einigem Recht auf gewisse Tendenzen im modernen Politikbetrieb, insbesondere zur Bewältigung der Finanzkrise, hingewiesen: kurzfristige Anpassung, wo die Not am Größten ist, Passivität dort, wo Zeit genug wäre, frühere Lektionen zu beherzigen. In der Tat müssen in die Gesetzgebung wieder verstärkt Nachhaltigkeitsüberlegungen, das Bestreben nach Gefahrenvorsorge statt Gefahrenabwehr und Störungsbeseitigung treten. Gesetzgebung im „Ausnahmezustand“ wird immer bedeuten, dass dann die Stunde der Exekutive, übrigens aber auch der Lobbyisten, schlägt. Das Parlament kommt dann immer mehr ins Hintertreffen, zumal dann, wenn die von der Regierung initiierten Maßnahmen als schlechthin alternativlos dargestellt werden.

Interview: Sebastian Lange

mit freundlicher Genehmigung von “Politik & Kommunikation”

 

Die Debatte um ein linkes Bündnis bzw. „Crossover“[1] erlebt eine Renaissance. Doch der Weg zur gemeinsamen Politikgestaltung ist weit und er darf die eigenständige Profilierung der SPD nicht ersetzen.

Das erste Regierungsjahr von Union und FDP hat gezeigt, dass auch Wunschkoalitionen grandios scheitern können. Das bürgerliche Lager ist aber nicht nur chaotisch und neoliberal, sondern verweigert Antworten auf die wichtigsten Zukunftsfragen. Die SPD-Regierung hatte sich nicht gescheut, auch die drängenden Probleme anzugehen. Allerdings ist es ihr nicht gelungen, die eigene Partei mitzunehmen und die Mehrheit der Menschen mit ihren Konzepten zu überzeugen. Die Schwäche des bürgerlichen Lagers sollte uns jetzt nicht vorgaukeln, dass wir unsere Krise bereits überstanden haben. Als Partei werden wir nur dann wirklich erfolgreich sein, wenn wir nicht nur kurzfristig von der Schwäche der Konkurrenz profitieren, sondern uns insgesamt eine hohe Akzeptanz erarbeiten.

Idealismus ohne Illusionen

Immer mehr Menschen wenden sich komplett von Parteien ab. Glaubwürdigkeit auszubauen und zurück zu gewinnen, wird deshalb für die SPD zur zentralen Aufgabe. Dazu brauchen wir ein starkes eigenständiges Profil, aber auch den Willen, die Basis der Partei und die Zivilgesellschaft stärker an den Inhalten und dem Kurs der SPD zu beteiligen. Nur wenn Bastapolitik und die Auslagerung von wichtigen Entscheidungen an kleine unlegitimierte Beratergruppen in die Mottenkiste verbannt werden und stattdessen Mitbestimmung und Parteidiskussionen ernst genommen werden, bauen wir neues Vertrauen auf.

Jürgen Habermas‘ „Idealismus ohne Illusionen“ sollte zu einem sozialdemokratischen Leitmotiv werden. Visionen dürfen nicht an der Regierungsgarderobe abgegeben werden, neben pragmatischer Politik sollte sich unser Handeln immer auch an unseren langfristigen Zielen und Werten messen lassen. Wir müssen benennen, was wünschenswert ist, was mit welchen Partnern machbar oder illusionär ist.

Eine Illusion ist es, zu glauben, wir könnten viele unserer Ziele zusammen mit dem bürgerlichen Lager durchsetzen. Für mich ist die FDP, dicht gefolgt von der CSU (auch deshalb, weil die LINKE bisher darum herum kommt, einen Beweis ihrer Fähigkeit abzuliefern) schon länger die regierungsunfähigste Partei im Bundestag. Es ist eben bei weitem nicht nur Westerwelle, der aus einer vielschichtigen Partei ein neoliberales Zerrbild geformt hat.

Auch Große Koalitionen sollten eine Ausnahmeerscheinung bleiben, selbst wenn wir nicht so viel einbüßen wie 2009. Wir sollten zudem die Realität hinnehmen, dass es schwerer geworden ist, mit einem kleinen Koalitionspartner eine Regierung zu bilden. Es ist aber auch naiv, in Zukunft nur auf ROT-ROT-GRÜN zu setzen.

Crossover ist mehr als eine Machtoption

Dreier-Koalitionen sind immer schwerer zu handhaben. Gegenseitige Abneigungen, die Verklärung der DDR und die strikte Oppositionshaltung eines Teils der LINKEN erschweren ein mögliches Zweckbündnis. Wenn wir für unsere rotgrüne Wunschkonstellation keine Mehrheiten erreichen, sollten wir mittelfristig aber nicht nur zwischen Großer Koalition oder Opposition wählen können.

„Crossover“ kommt also wieder in Mode. Dabei sollte es aber um mehr, als um eine weitere Machtoption gehen. Es ist die Chance, ursozialdemokratische Projekte und Ideen in mehrheitsfähige gestalterische Politik zu gießen. Mindestlohn, solidarische Bürgerversicherung, eine nachhaltige, aber auch sozial gestaltete Energiewende, etc. werden wir nur in einem linken Bündnis umsetzen können. Keiner will sich in ein unkalkulierbares Abenteuer stürzen. Die Möglichkeiten müssen deshalb rechtzeitig ausgelotet und Anknüpfungspunkte diskutiert werden.

Ansätze der Zusammenarbeit

Wer gestalten und Veränderungen herbeiführen möchte, muss neben der parlamentarischen auch eine gesellschaftliche Mehrheit erreichen. Crossover macht an Parteigrenzen nicht halt. Verbände, Gewerkschaften, Initiativen stehen schon längst parteiübergreifend in einem kooperativen Austausch. Es haben sich zudem mehrere lockere und engere Gesprächszusammenhänge gebildet, die über und im Crossover diskutieren. Exemplarisch genannt sei hier das Institut Solidarische Moderne (http://www.solidarische-moderne.de), welches mit bereits etwa 1.500 Mitgliedern über Parteigrenzen hinweg mehrere Diskussionen angestoßen hat.

Dazu gehört auch eine Gruppe meist jüngerer Bundestagsabgeordneter, die unter dem Motto: „Das Leben ist bunter“ ihre Vorstellungen aufgeschrieben haben. Ein Textausschnitt dieser Vorstellungen umfasst den Themenrahmen und könnte eine Grundlage einer modernen Kooperation bilden:

„Wir möchten Denkanstöße für Ideen geben, wie die Gesellschaft von morgen aussehen könnte. Wir ziehen Konsequenzen aus den ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Krisen eines ungezügelten globalen Kapitalismus, der die Grenzen der ökologischen Belastbarkeit längst überschritten hat und auf soziale Herausforderungen nicht angemessen reagieren kann. Wir wollen die soziale Spaltung der Gesellschaft überwinden, statt den Mangel zu verwalten.

Wir müssen das Primat der Politik verteidigen, statt eine Entwicklung zu akzeptieren, die das Politische und die Demokratie aushöhlt. Gerade globalisierte Märkte brauchen demokratische Kontrolle. Wir wollen eine Neudefinition der Rolle des Staates, um mehr soziale Gerechtigkeit, mehr individuelle Freiheit und mehr kulturelle Offenheit sowie Teilhabe zu erreichen. Der Staat darf nach unserer Auffassung nicht zum bloßen Kriseninterventionsdienst verkommen, der mit dem Geld der Steuerzahler die Schäden des Finanzsystems ausbügelt.“

Selbstständigkeit der SPD

Damit Crossover vorankommt und eine wirkliche Alternative bildet, muss sich noch viel bewegen, vor allem bei den LINKEN. Aber auch in der SPD sollte die Einsicht einkehren, dass uns die neoliberalen Verlockungen und Zugeständnisse mehr geschwächt als gestärkt haben. Dies heißt nicht, die LINKE zu umschmeicheln, sondern im Gegenteil, stärker mit ihnen um die Hoheit unseres Stammklientels zu ringen. Dabei kann es hilfreich sein, die LINKE in die Verantwortung zu nehmen, denn nur dort kann sie sich nicht hinter illusionären Forderungen verstecken. Übrigens: den GRÜNEN dürfen wir auch nicht dauerhaft einen wichtigen Teil des engagierten und politikinteressierten Bürgertums überlassen.

Crossover bedeutet nicht, die anderen in Ruhe ihre Politik machen zu lassen oder sein eigenes Profil aufzugeben. Aber es bedeutet mehr über die Inhalte zu streiten, als Personen und vor allem Wählerinnen und Wähler zu verteufeln, stärker gemeinsame Gestaltungsmöglichkeiten zu erarbeiten, als alte Grabenkämpfe zu führen. Dazu brauchen wir eine möglichst starke Sozialdemokratie, die sich den Zukunftsfragen stellt, ohne ihre Traditionen zu verraten. Dazu müssen wir auch unseren eigenen Weg gehen, aber die Scheuklappen ablegen, um mitzubekommen und mitzugestalten, was in unserer Gesellschaft passiert.


[1] Gemeint ist keine Musikrichtung, sondern kurz gesagt die Kooperation von Parteien, Verbänden im linken Spektrum. Gesucht werden Anknüpfungspunkte, Themen, die gemeinsam verwirklicht werden können.

 

Statt grüner Kapitalismus: Plädoyer für einen Red-Green-Deal als Crossover-Projekt der postneoliberalen Linken

veröffentlicht am 10.05.2010 beim Institut Solidarische Moderne

Eine zeitgemäße Aufnahme der Crossover-Idee muss die alten Zöpfe der Mitte-Links-Regierungen der neunziger Jahre abschneiden. Die neue Mitte, ordoliberale „Balance” zwischen Markt und Staat, Drangsalierung der Erwerbslosen, aktivierende Sozialpolitik – all das ist zu Recht diskreditiert und gescheitert. Im Mittelpunkt der aktuellen Crossover-Diskussion muss die Frage stehen, wie das linke Lager eine wirkliche Reformperspektive (Energiewende, demokratischer Sozialstaat, friedliche Außenpolitik) entwickeln kann, die Grundlage für die Konstitution eines gesellschaftlichen Lagers ist, das einem Postneoliberalismus den Weg bereitet. Insofern geht es in den nächsten Jahren nicht nur um die Frage, wie ein linker Veto-Block entstehen kann, der die Politik der schwarz-gelben Bundesregierung erfolgreich blockiert, sondern auch darum, ein Projekt zu formulieren, das die unterschiedlichen Parteien, Milieus und sozialen Bewegungen des linken Lagers verbindet und für das eine neue gesellschaftliche Hegemonie gewonnen werden kann.

Vor dem Hintergrund der ökologischen Entwicklungen (“Klimawandel”) und der neoliberalen Politik der vergangen drei Dekaden, schlagen wir einen Red-Green Deal als gemeinsames Projekt der postneoliberalen Linken vor. Der Klimawandel in seiner jetzigen Form ist – und dies ist durch die so genannte Fußabdruckmethode bewiesen – durch menschlich bedingte Umweltverschmutzung verursacht. Seine Folgen sind enorm und bedrohen zunehmend zivilisatorische Errungenschaften sowie die menschliche Existenz an sich. Wer also die ökologische Frage als Nebenwiderspruch abtut, irrt gewaltig. Denn: All die von der ArbeiterInnenbewegung erkämpften Rechte und sozialen Fortschritte können über kurz oder lang vom Klimawandel im wahrsten Sinne des Wortes weggespült werden. Der Kampf um Klimagerechtigkeit ist eine existentielle Aufgabe und die Herausforderung unserer Zeit.

Klimawandel und Umweltverschmutzung sind Ausdruck dessen, dass sich in einer kapitalistischen Gesellschaft die freigesetzten Produktivkräfte durch den Druck der Profitlogik menschenfeindlich entladen und damit in Destruktivkräfte verwandeln können. Der Kapitalismus neigt sogar dazu, seine eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Er ist sowohl maßlos gegenüber der Arbeit, Schöpfer seines Lebenselixiers des Profits, als auch gegenüber der Umwelt, die die Gebrauchswerte bereit stellt, ohne die kein Tauschwert sein kann. Seine Prinzipien, die auf Wachstum und Kolonialisierung aller Weltregionen und Lebensbereiche ausgerichtet sind, werden für die Menschen zunehmend lebensbedrohlich. Deshalb sind soziale und ökologische Fragen häufig – obwohl zunächst gegensätzlich wahrgenommen – durchaus jeweils Gegenstand des gleichen gesellschaftlichen Konflikts: der Konflikt um eine aus menschlicher Sicht sinnhafte Form der Produktion.

Dem unter diesen Bedingungen produzierten Reichtum wohnt die Tendenz inne, neue Armut zu schaffen. In den 1930er Jahren wurde mit dem New Deal die Maßlosigkeit des Kapitals gegenüber der Arbeit gebändigt. Unmittelbarer Anlass waren der Börsencrash des Jahres 1929. Die meisten Maßnahmen wurden mit Einführung der Kriegsökonomie ohnehin wieder abgelöst. Die Angst, den eigenen Krisen zu erliegen blieb und wurde durch die Systemkonkurrenz mit dem real existierenden Sozialismus noch verstärkt. Deswegen stellte der ideelle Gesamtkapitalist auch später, in der Zeit zwischen 1950 und 1970 Regeln auf, die dem Kapitalismus ein menschliches Antlitz gaben. Der drohende Klimawandel ist nun wieder so ein mächtiges Problem. Und wieder soll ein New Deal helfen, diesmal nicht nur den Kapitalismus, sondern gleich die ganze Menschheit zu retten.

Den Green-New-Deal …

Der Green New Deal – im internationalen Diskurs ehrlicher als „green capitalism” bezeichnet – soll den Kapitalismus grün und nachhaltig werden lassen. In allerlei wissenschaftlichen Studien und politischen Programmen werden Vorschläge erarbeitet, wie mit Hilfe marktwirtschaftlicher Methoden der Kapitalismus vor einem ökologischen Kollaps und die Menschheit vor ihrem Untergang bewahrt werden kann. Gemeinsam ist allen Konzepten, dass sie die Logik kapitalistischer Ökonomie nicht in Frage stellen. So soll der Green New Deal den Handel mit Emissionszertifikaten, eine effektivere regionale Energieversorgung, eine Stärkung des Schienenverkehrs und des ÖPNV gegenüber dem Individualverkehr, die Förderung regenerativer Energien sowie eine Preis- und Steuerpolitik, die ökologische Produkte fördert bzw. umweltschädliche Produkte verteuert, umfassen.

Obwohl der Green New Deal als globales Projekt verstanden wird, ist keineswegs sicher, dass seinen Konzepten eine internationale Perspektive eingeschrieben ist. In der Studie „Auf dem Weg zu einem Green New Deal” der grünen Heinrich-Böll-Stiftung kommt die Problematik der sich industriell entwickelnden Schwellenländer oder gar der Wunsch nach Überwindung materieller Armut in den Ländern der sogenannten Dritten Welt überhaupt nicht vor. Es wird darauf vertraut, dass die bisher zerstörerische Kraft der kapitalistischen Zentren USA und EU zu einer kreativen Kraft mutiert und deren leuchtendes Beispiel China, Indien und andere Länder dazu anhalten möge, in ähnlicher Weise ihre Ökonomie ökologisch umzugestalten bzw. gleich die Fehler der alten kapitalistischen Ökonomien zu vermeiden.

Zwar gibt es innerhalb des grünen Spektrums verschiedene Konzepte des Green-New-Deals. So ist der Beschluss „Die Krisen bewältigen – für einen grünen New Deal!”, welcher auf dem Parteitag der Grünen 2008 eine Mehrheit fand, deutlich sensibler gegenüber der sozialen Dimension als das Papier aus dem Hause der Böll-Stiftung. Ob sich jedoch letztlich im Falle einer möglichen Regierung im konkreten Handeln bei den Grünen die Strömung durchsetzen wird, die einen gerechten „Nord-Süd-Ausgleich” und eine gerechtere Verteilung von Einkommen fordert, bleibt zwar zu hoffen. Ausgemacht ist dies jedoch noch nicht.

Es gibt daher viele Gründe, warum eine politische Linke sich nicht einfach dem Konzept des Green New Deal anschließen sollte. Dabei ist die Kritik, dass er in marktwirtschaftlicher – also kapitalistischer – Logik gefangen bleibt, zu billig. Denn tatsächlich ist seinen Apologeten zuzugestehen, dass sie interessante Konzepte zum Umbau der kapitalistischen Ökonomie vorhalten, die ihre naturzerstörende Kraft bändigen können. Der Green New Deal krankt aber daran, dass er die ökologische Frage ohne die soziale lösen will. Dies wird allerdings dazu führen, dass diejenigen, deren ökologischer Fußabdruck (wenn auch unfreiwillig) am kleinsten ist, die Rechnung derjenigen zu begleichen haben, die ihren Reichtum auf ihrer naturzerstörenden Produktions-und Konsumtionsweise gründeten. Der gegenwärtig in grünen Kreisen diskutierte Green New Deal muss daher um eine soziale und internationale Perspektive erweitert werden.

… zum Red-Green-Deal weiterdenken.

Was wir brauchen ist ein Red-Green-Deal, der weder der Logik einer apokalyptischen Politik verfallen darf, dernach die Welt gerettet werden müsse – egal wie; noch der Logik der alten naturzerstörenden Industriepolitik, wie sie lange Zeit selbst von Betonsozialisten aller Länder und aller Couleur vertreten worden ist. Er muss sich vielmehr zu einer Politik der Entschleunigung und der Wachstumsbegrenzung bekennen. Dem Wahnsinn der kapitalistischen Profitlogik muss die Rationalität der technischen, ökologischen und sozialen Vernunft entgegengesetzt werden. Ökologische Politik – will sie nicht offen autoritär sein – muss letztlich auch eine soziale Politik sein, weil sie ohne die Akzeptanz der Vielen zum Scheitern verurteilt ist. Der Red-Green-Deal muss daher folgende konkrete Punkte umfassen:

1.) Die Kosten des ökologischen Umbaus müssen diejenigen zahlen, die die Mittel dazu haben und die bisher durch ihren verschwenderischen Lebensstil die Klimakatastrophe verantwortet haben. Das bedeutet, dass die Länder des industrialisierten Nordens (hier vor allem die USA und die EU) erhebliche Mittel aufbringen müssen, um Länder des globalen Südens bei der Entwicklung einer ökologisch verträglichen Ökonomie zu unterstützen. Dazu gehören internationale Regeln zur Internalisierung der externen Kosten. Zu den externen Kosten von Emissionen gehört die Zerstörung von Lebensräumen, die Schäden, die durch Extremwetterlagen entstehen, die Krankheiten und Todesfälle, die durch Umweltverschmutzung befördert werden. All diese Kosten sind nicht in den Kosten für Sprit und Kerosin enthalten. Diese Kosten muss die Allgemeinheit tragen. Die Konzerne, die Gewinne machen, dabei Abgase und damit Umweltverschmutzung produzieren, müssen nur die allgemeinen Transportkosten bezahlen. Unternehmen, deren Logistik auf lange Transportwege angelegt ist, zahlen nur die allgemeinen Spritkosten. Die Umweltbewegung fordert deswegen zu Recht seit langem, dass die Verursacher auch die externen Kosten zu tragen haben. Vorstellbar wäre dies durch eine entsprechende Besteuerung der von Unternehmen verursachten Emissionen.

2.) Um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu verhindern, muss es global zu einer enormen Reduktion der Emissionen kommen. Diese Reduktion müssen die westlichen Industrienationen erbringen, während die notwendige Entwicklung der Produktivkräfte in den Entwicklungsländern wohl nicht ganz ohne ein quantitatives Wachstum zu realisieren ist. Allerdings sollten diese Regionen nicht die Fehler der westlichen Welt wiederholen. Konkret bedeutet das: Anstatt zuerst den Irrweg mit Atomkraftwerken und Spritschleudern weiterzuverfolgen, empfiehlt es sich die flächendeckende Energieversorgung auf Grundlage erneuerbarer Energien und dezentraler Kraftwerke sowie die Mobilität für alle auf Grundlage von Bus und Bahn – auch für die Armen im globalen Süden – zu befördern. Die ärmeren Länder haben ein Recht darauf, die Entwicklung der westlichen Welt nachzuholen. Aber hier empfiehlt sich ein Aufholen ohne das Wiederholen der Fehler. Das könnte heißen: Produktionsstätten für Fahrräder oder für Brennstoffzellenautos statt Fabriken, in denen Spritschleudern hergestellt werden. Konkret sollte das bedeuten, soziale Bewegungen und andere zivilgesellschaftliche Akteure an diesen Prozessen zu beteiligen, anstatt die „Organisierung von Fortschritt” den Eliten und dem Kapital zu überlassen.

3.) Es muss für einen Know-How-Transfer ökologischer Technologien gesorgt werden. Eine Politik, die internationale ökologische Standards als Mittel der nationalen Standortpolitik begreift, indem sie stets ausgerechnet jene Technologien und Produktionsformen standardisieren will, in denen die eigene Wirtschaft zu den führenden der Welt gehört, ist abzulehnen. Neue technologische Entwicklungen müssen direkt weltweit verfügbar sein und eingesetzt werden können. Patentrechte sind entsprechend so zu gestalten, dass ökologisch sinnvolle Veränderungen in der Produktion zeitnah vorgenommen werden können.

4.) Innerhalb der Länder des industrialisierten Nordens ist die Steuer-, Verkehrs- und Energiepolitik so zu gestalten, dass der ökologische Umbau nicht zur Exklusion von Teilen der Bevölkerung von Mobilität oder gar der Energieversorgung führt. Die Steuerpolitik als ein zentrales Steuerungsmodul kapitalistischer Ökonomie darf nicht so gestaltet werden, dass durch die Erhöhung indirekter Verbrauchssteuern auf vermeintlich umweltschädliche Produkte die soziale Ausgrenzung im Namen der Umwelt verschäft wird. Ein Red Green Deal muss stattdessen auf direkte Einkommens- und Vermögenssteuern setzen, um eine sozial gerechte Einkommensverteilung zu ermöglichen. Diese Verteilung wiederum ist die Grundlage für eine Besteuerung umweltschädlicher Produkte und Produktionsprozesse, um die Externalisierung ökologischer Folgekosten auf die Gesellschaft zu verhindern.

5.) Das Mitspracherecht der Betroffenen vor Ort bei der Planung und Durchführung von großen Infrastrukturprojekten muss ermöglicht bzw. erweitert werden. Auf diese Weise wird nicht nur die demokratische Teilhabe gestärkt, sondern kann auch die Durchsetzung von irrsinnigen Großprojekten be- bzw. verhindert werden. Atomanlagen, Autobahnen oder Stauseen beispielsweise wären wesentlich schwerer durchzusetzen, wenn es ein umfassendes Mitspracherecht der konkret Betroffenen geben würde.

6.) Schrumpfung und Konversion sind die Schlagworte der neuen Ökonomie. Es gibt auch ein gutes Leben jenseits der Flächen zersiedelnden und versiegelnden Einfamilienhäuser und ohne Spritschleudern. Dabei können ökologische Wohnprojekte, Carsharing, ein kostenfreier und gut ausgebauter ÖPNV oder ein gemeinsamer Technikpool das Leben sogar angenehmer werden lassen. Die Konversion ökologisch schädlicher Produktionen in ökologisch sinnvolle würde auch nicht zur allseits gefürchteten Massenerwerbsarbeitslosigkeit durch eine schrumpfende Wirtschaftskraft führen. Aber selbst wenn insgesamt weniger gearbeitet werden sollte, weil eine geringere Produktion weniger Arbeitskraft erfordert, ist dies nicht dramatisch. Die Menschen würden ein Gut zurückgewinnen, das vielen als nahezu unbezahlbar gilt: Zeit.

Als gemeinsames Projekt der Linken?

Es gibt eine global vernetzte Bewegung für Klimagerechtigkeit. In Kopenhagen war eine Bewegung zu erleben, die sich durch eine Aktions-Orientierung auszeichnet, die Fragen der Ökologie mit der Kritik der Produktionsverhältnisse verbindet und an Aktionsformen aus Gipfelprotesten sowie Formen des zivilen Ungehorsams anknüpft. Die neue Klimabewegung ist aus zwei Gründen eine Hoffnungsträgerin unserer Zeit: Erstens kämpft sie für globale Klimagerechtigkeit und für die Abwendung existenzieller ökologischer Bedrohungen. Zweitens kann sie zu einem Laboratorium für eine neue Linke werden, die global vernetzt ist, soziale und ökologische Problemlagen zusammenbringt und dabei politisches Handeln neu denkt und attraktiv macht. Positiv an der neuen Klimabewegung ist deshalb auch, dass sie bisher nicht zum Spielfeld der dogmatischen Beton-Linken geworden ist.

Die Durchsetzung eines Red Green Deal braucht Mut und Kraft zu harten politischen Auseinandersetzungen. Ohne die Klimabewegung, globalisierungskritische Bewegung und Gewerkschaften sind diese Reformen nicht gegen die Lobby der großen Konzerne und die organisierte politische Rechte in Politik und Medien durchzusetzen. Leider durchzieht bisher sowohl die gesellschaftliche Linke als auch die Parteien der SPD, der GRÜNEN und der LINKEN ein Konflikt zwischen zwei Varianten der Reformpolitik: Die Verwaltungslinke setzt darauf, die bestehenden Problemlagen öffentlicher Institutionen – Haushaltsdefizite, enge Handlungsspielräume, schlechte Einnahmesituation – mit linken Akzenten zu verwalten. Sie nimmt dabei ein „moderierendes” Verhältnis zur neoliberalen Politik ein. Sie will nicht alles anders, aber vieles besser machen.

Der Vorschlag eines Red Green Deal ist allerdings keine Verwaltungsoption im Rahmen bestehender Missstände. Zur Durchsetzung eines Red Green Deal bedarf es daher einer Stärkung der Veränderungslinken, die an der Idee einer Reformpolitik festhält, die substantielle politische Veränderung umfasst, die dazu bereit ist, Sand ins Getriebe zu streuen und die sich um die Forderung nach einem konkreten Politikwechsel sammelt. Zunächst ist der Red Green Deal daher auch nur ein Angebot an die verschiedenen Strömungen der Linken, sich auf eine substantielle Reformpolitik zu verständigen. Hat das linke Lager eine solche gemeinsame Perspektive gefunden, kann Politik aber wieder werden, was sie war, bevor sie sich selbst zur Verwaltung systemischer Zwänge degradierte: die demokratische Steuerung von Staat, Ökonomie und Gesellschaft.

Quelle: http://www.solidarische-moderne.de/de/article/45.lieber-red-als-new.html

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