Oct 292010
 

Lobbymacht, ausgehebelte Abgeordnetenrechte und atomare Zukunft

In acht Jahren Bundestag und über 20 Jahren aktiver Politik in einer Partei, in der Kommune, habe ich doch schon eine Menge erlebt. Ich habe mitbekommen wie stark man demokratische Rechte dehnen, Minderheitenrechte aushebeln und begrenzen kann – wie man Entscheidungen durchpeitscht und Diskussionen unterbindet. Ich bin niemand, der sich mit Kritik gegenüber der eigenen Partei zurückhält; was aber die Regierung und ihre Fraktionen in dieser Sitzungswoche im Bundestag durchgezogen haben, schlägt alle Rekorde.

Es war eine schwarze Woche, in gleich mehrfacher Hinsicht. Die Regierung hat im Bundestag die übelste Entscheidung der Legislaturperiode durchgepeitscht und die Verlängerung der Atomlaufzeiten beschlossen. Inhaltlich ein Super GAU, weil es die Erneuerbaren Energien ausbremst, die Stadtwerke schädigt und uns unnötig weiterem strahlenden Atommmüll und zusätzlichen Gefahren aussetzt (siehe meine Rede vom 1.10.2010 http://tiny.cc/vq6cv). Hinzu kommt, dass ein reines Lobbygesetz beschlossen worden ist. Es wurde für nur vier Konzerne ausgearbeitet und wird zu Lasten vieler mittelständischer Unternehmen gehen.

Der Vorgang ist einmalig: Als erstes holt Umweltminister Röttgen den obersten Atomlobbyisten Gerald Hennhöfer in sein Ministerium, damit er den Atomdeal mit seinen ehemaligen Kollegen verhandelt. Dann wird ein Institut (Energiewirtschaftliches Institut an der Universität zu Köln) beauftragt, das mit den Geldern zweier Atomkonzerne seine Existenz sichert, um ein Gutachten zu erstellen, das als „wissenschaftliche“ Grundlage dienen soll. Als Sahnehäubchen übernimmt im Auftrag des Umweltministeriums eine Anwaltskanzlei die Ausarbeitung des Gesetzes, die sonst hauptsächlich von den Aufträgen des Atomgiganten RWE lebt. Eine heftigere Verflechtung von einseitigen Lobbyinteressen mit politischen Entscheidungen kann es kaum geben.

Als wäre dies nicht schon genug, wurden bei der Durchsetzung vielfach die Rechte des Parlaments ausgehebelt und der Bundesrat erst gar nicht gefragt. Dass die Regierungsfraktionen die Vorlage der Regierung ohne Beratung und Änderung abnickt, gehört ja fast schon zur Normalität. Dass aber der Opposition nicht genügend Beratungszeit eingeräumt und nicht einmal die Geschäftsordnung des Bundestages eingehalten wird, hat schon eine neue Qualität (Mehr dazu in meiner Persönlichen Erklärung, die ich vor der Abstimmung im Bundestag abgegeben habe: http://tiny.cc/sz61i).

Ein Vorgang, der eigentlich einen riesigen öffentlichen Aufschrei zur Folge haben müsste. Im Bundestag und in einem Teil der Öffentlichkeit hat es ihn auch gegeben. In vielen Medien wird aber ganz sachlich berichtet, als wenn es sich um eine ganz normale Debatte handeln würde, in der es halt zwei Meinungen geben kann. Ist es aber nicht. Hier steht mehr auf dem Spiel als die Zukunft unserer Energieversorgung – die natürlich wichtig genug ist. Hier geht es aber zusätzlich um unser Demokratie- und Politikverständnis. Auch Atomfreunde müssten sich dagegen wehren wie die Entscheidung zustande kam. 10 Abgeordnete von Union und FDP, die nicht für die Atomgesetze stimmten, haben dies auch getan. Dafür haben sie Respekt verdient.

Noch wackeln die Laufzeitverlängerungen, denn wir werden klagen und dann entscheidet sich die Zukunft der Atomgesetze in Karlsruhe. Aber auch das wird nicht die letzte Auseinandersetzung sein: In drei Jahren entscheidet die Bevölkerung bei der Bundestagswahl. Bis dahin muss der Widerstand gegen solch ein Vorgehen und gegen die Atompolitik im Parlament und auf der Straße fortgesetzt werden.

Oct 182010
 

vielleicht weil ich mich noch nicht damit abfinden will, dass du nicht mehr bei uns sein wirst, schreibe ich meine Gedanken direkt an dich.

Als ich die Nachricht von deinem Tod früh morgens nüchtern serviert bekam, hat es mich zunächst geschockt und dann war ich furchtbar wütend auf dich. Wie kannst du deine Familie, deine politischen Mitstreiter, die Welt so früh sich selbst überlassen? Mir stieß zudem säuerlich auf, dass ich förmlich neben den Trauernden Gesichter vor mir sah, die erleichtert aufatmen. Besser wird es nicht durch die kalten Profis, die jetzt große Trauerreden halten, dich in erster Linie aber als Stachel im Fleisch oder sogar als Nestbeschmutzer empfanden.

Nerviger Scheer,
zwölf Stunden habe ich gebraucht, um mir meine Traurigkeit einzugestehen, 24 Stunden, um den Brief an dich zu beginnen. Ich weiß, du mochtest meine Offenheit und meine direkte Ruhrgebietssprache. Deshalb werde ich sie auch jetzt nicht ablegen. Ja Scheer, du warst sehr nervig, es war stressig mit dir Termine zu machen, du konntest vielen Menschen das Leben erschweren. Wenn sich aber einer etwas auf seine Leistungen, sein Engagement einbilden kann, dann warst du es, lieber Hermann. Du warst aber auch der Fels, der unerschütterlich nicht nur zu seinen Idealen, sondern auch zu den Menschen gestanden hat, die wichtig für dich waren, egal welche Nachteile du dadurch in Kauf nehmen musstest. Du hast zu Recht genervt, zu Recht diejenigen zur Weißglut getrieben, die ohne Widerstand rücksichtslos ihre häufig rein ökonomischen Interessen durchsetzen wollten. Auch deine Getreuen hast du nicht geschont, aber wir konnten es ertragen, weil wir wussten, wofür es gut war.

In den unzähligen Nachrufen könntest du lesen, welche Preise, Anerkennungen und Positionen du bekleidet hast. Sie würden dich aber sonst meist eher langweilen. Ausnahmen stammen aus der Feder von Peter Unfried und Tom Strohschneider. Vor allem Unfried hätte dir gefallen, der uns vor Augen führt, dass dein Vermächtnis größer ist als das der Beatles. Dies werden wohl viele in diesem Lande erst später, hoffentlich nicht zu spät erkennen. Denn trotz deiner zahlreichen hiesigen Ehrungen ist dein internationales Ansehen größer als bei uns. Von wem in der ganzen Welt wurdest du nicht alles angehört, ernstgenommen und um Rat gefragt. Stetig warst du auf Achse, dich und deine Familie nicht schonend, aber immer mit deiner Mission im Gepäck.

Hierzulande hast du ebenfalls viele Anhänger und noch mehr bewirkt, aber viele haben aus Angst vor deinen Visionen auch versucht, dich zu ignorieren oder auszubremsen. Vor allem der lobbyorientierte Teil der Medien und der Politik hat versucht, dich als Querulanten und als abgehobenen Spinner zu brandmarken. Ich erinnere mich an die Energiedebatte Anfang Oktober im Bundestag, als einige ekelige Zwischenrufe von der Unionsbank deine Kurzintervention stören sollte. Wie so häufig wurden deine Argumente nicht mit sachlichen Gegenargumenten, sondern mit persönlichen Diffamierungen gekontert. Auch aus den eigenen Reihen kennst du die feigen Angriffe, die du schon deshalb kontertest, weil du geschliffene Karrieristen, die dir nicht offen ihre Kritik ins Gesicht sagten, absolut nicht respektiert hast.

Mit denen aber, die nicht von einer Lobby für ihre Meinungsbekundungen bezahlt wurden, konntest du dich leidenschaftlich streiten und danach doch mit vollem Herzen lachen und ihnen freundschaftlich verbunden bleiben, auch wenn sie nicht deiner Meinung waren. Auch dafür habe ich dich bewundert. Mehr noch aber für dein unermüdliches Engagement, deine immer wieder neue Motivation und natürlich für deine Ideale. Als junger Mann habe ich dein Standardwerk die „Solare Weltwirtschaft“ gelesen und mich für deine Vision von der Energiewende begeistert. Erinnerst du dich, als ich dich als Juso damals in die ehemalige Kohlehochburg Dortmund geholt hatte? Dort bin ich dir das erste Mal begegnet. Wir haben einen Antrag gestellt, dass alle Dortmunder, die Erneuerbare Energien einsetzen wollten, eine Zeit lang einen vertraglich zugesicherten Abnahmepreis dafür erhalten würden: Die kostendeckende Einspeisevergütung. Damals eine Vision, heute als weiterentwickeltes Erneuerbares Energien Gesetz nicht nur in Deutschland, sondern in mehr als 45 Länder gängige Praxis. Mit deiner fulminanten Rede gelang uns das Unmögliche – wir gewannen auf dem Parteitag eine Mehrheit für unseren Antrag. Aber wie das manchmal so ist in unserer Sozialdemokratie, nach der Euphorie wurde nach und nach unser Antrag zurechtgerückt, „realitätstauglich“ gemacht. Heute ärgern sich nicht nur in meiner Heimat viele, dass sie nicht so mutig waren, deinen Ideen früher zu folgen. Nach und nach hast du sogar viele unabhängige Konservative und Liberale überzeugt.

Bei allem Idealismus, all deinen Träumen, ein Utopist warst du nicht. Vor etwa einem Jahr wurde in einem ZEIT-Artikel eine interessante Frage aufgeworfen: Ob nicht diejenigen, die seit vielen Jahren ein Umdenken im menschlichen Verhalten gegenüber der Plünderung der Natur, der Verpestung der Umwelt und der Ausbeutung der endlichen Ressourcen fordern und die wir meist als Utopisten abqualifizieren, am Ende nicht die wahren Realisten sind. Du hättest diese Frage natürlich mit einem klaren Ja beantwortet. In einem Interview sagtest du: „Utopisch ist nicht die schnelle Einführung der Erneuerbaren Energien, es ist eine negative Utopie, dies aufzuschieben zu müssen oder zu können.” (Das ganze Interview über die realistische Möglichkeit, die Energiewende umzusetzen: http://www.youtube.com/watch?v=e1cwTBfajmc )

Lieber Hermann,
du warst der Motor, der Pionier, der weltweit die Wende zum Erneuerbaren Energiezeitalter eingeleitet hat. Damit hast du dich verewigt, dennoch war es kein Grund, so früh zu gehen. So vieles gibt es noch zu tun, so viele sind noch da, die mit Macht den Wechsel bekämpfen, die mit der alten überkommenen Energiewirtschaft viel Geld verdienen und mit dem Geld viele Medienmogule und Politiker erfolgreich lobbyieren. Du hast doch mitbekommen, wie die neue Bundesregierung die alte Energiewirtschaft hofiert und den Gegenangriff auf die Erneuerbaren Energien gestartet hat.
Doch ich will dich nicht auf ein Thema – so wichtig es auch ist – reduzieren. Mir hat einmal Erhard Eppler erzählt, dass du dich als junger Mann vor allem mit der Friedens- und Außenpolitik beschäftigt hast und er mitgeholfen hat, dich auch an die globale Umweltpolitik heranzuführen. Du hast dich in viele andere Themen eingemischt, weil du erkannt hast, dass alles in einem großen Zusammenhang steht. Du gingst gegen die Ökonomisierung der Politik an, die Abgeordnete zu Verbündete von mächtigen Konzernen macht. Dir ging es um eine lebendige Demokratie, mit streitbaren aufgeklärten Bürgerinnen und Bürgern, die nicht das Feld alleine uns Politikern überlassen. Auch deshalb bist du bei vielen angeeckt, weil von links bis rechts viele unserer Kollegen meinen, dass der Politikbetrieb nur etwas für hartgesottene Profis sei, in dem sich eben einige wenige durchsetzten, die dann auch das Sagen haben sollten. Mitsprache der Parteimitglieder oder gar der Bevölkerung ist nach diesen Spielregeln immer weniger vorgesehen. Auch dagegen hast du dich wortreich und publizistisch gewehrt. Auf den Punkt gebracht hast du deine Gedanken dazu in deinem Buch „Die Politiker“ von 2003.

Du hattest eine Maxime, über die wir uns einige Male unterhalten haben und die mehr und mehr auch meine geworden ist. Sie stammt von Albert Einstein und lautet: „die Probleme, die es in der Welt gibt, können nicht mit den gleichen Denkweisen gelöst werden, die sie geschaffen haben“. Diese kluge Einsicht hast du nicht nur verinnerlicht, sondern sie hat dich dazu angeleitet, außergewöhnliche Lösungsansätze anzubieten, quer zu denken. Für uns normal strukturierte Menschen war dies eine enorme Herausforderung, statt konservativ auch mal kreativ, innovativ und manchmal sogar revolutionär an Herausforderungen heranzugehen. Kein Wunder, dass du viele überfordert hast. Kein Wunder, dass du deshalb vielen auf die Füße treten musstest und sie sich gewehrt haben. Es ist aber ein Wunder, dass du diesem Gegenwind standgehalten hast, dass du nach einer Niederlage immer wieder aufgestanden bist. So auch, als du nicht der Präsident der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) geworden bist, auch weil hierzulande Neider dir dieses Amt verwehren wollten. Doch du bist der Vater von IRENA, die nach deiner jahrelangen harten Arbeit ebenso erfolgreich entstanden ist, wie viele anderer deiner Vorhaben, an die zunächst kaum jemand geglaubt hat. Dein Lebenswerk wird durch viele deiner Reden, Taten, Bücher und einen Film gekrönt. Dein letztes Buch (Hermann Scheer, 2010: Der energethische Imperativ – 100% jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu den Erneuerbaren Energien zu realisieren ist) soll dein Vermächtnis sein.

Vermisster Hermann,
du lässt viele traurig zurück und wir fragen uns, wie es ohne dich weitergeht. Du würdest sicher die Aufmerksamkeit genießen, die dir nun widerfährt. Doch du wüsstest auch, wie kurzlebig solche Momente sind, so kurzweilig auch dein bewegtes Leben war. Ich bilde mir ein, dich so weit zu kennen, dass dir weniger an tollen Reden, schicken Kränzen und seriösen Kondulenzschreiben gelegen ist, als mehr daran, dass vor allem deine Ideen weiterverfolgt werden. Dir wäre sicher Recht, deine Popularität dafür zu nutzen.

Damit fange ich gleich an, in dem ich dich nochmals zitiere: „Jeder Einzelne kann Politik auch anders praktizieren: mit eigenen Ideen und Initiativen, mit der Vertiefung in Projekte, mit der Bereitschaft darüber zu streiten, mit geistiger Autonomie, statt Unterwerfung, ohne thematische Selbstbeschränkung. (…) Die viel wichtigere Frage an alle ist: Wie haltet ihr das aus, untäig zu bleiben und die Politik für die Gesellschaft anderen zu überlassen, von denen ihr den Eindruck habt, dass sie nicht das Richtige, das Notwendige tun?“ (Hermann Scheer: Die Politiker, S277f) Du siehst also, dass du weiter gebraucht wirst und weiter nerven musst. Du weißt, wir dürfen es uns leider nicht leisten, lange nur still an dich zu denken, ohne weiter zu machen. Jeder nach seinen Möglichkeiten, aber bitte auch einige so hartnäckig, aufmüpfig, wider den verbohrten Spielregeln und dem Ballast der Gewohnheit, wie wir es von dir lernen konnten. Ich jedenfalls werde genau dies versuchen

Du hast mir viel gegeben und du wirst mir sehr fehlen,
mit lieben und solidarischen Grüßen

Marco Bülow

Oct 122010
 

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren!  Ich wünsche allen gerade geborenen Kindern und denen, die demnächst geboren werden, alles Gute. Allerdings: Wenn die Regierung ihre Atomvorhaben wahrmacht, werden diese Kinder unnötigen zusätzlichen Gefahren und Belastungen ausgesetzt. Erst wenn die jetzt neu Geborenen 30 Jahre alt sind, werden sie hoffen können, dass wir endlich aus der Uralttechnologie Atomkraft aussteigen. Der radioaktive Abfall – jährlich zusätzlich 400 Tonnen – wird den nachfolgenden Generationen auch in Tausenden von Jahren noch vor den Füßen liegen. All diese Kinder hatten niemals die Chance, darüber zu entscheiden, ob die Atomkraftwerke länger laufensollen, ob sie Atomkraft überhaupt wollen. Sie müssen mit den Gefahren und dem Abfall leben, egal wie jetzt entschieden wird. Das nennen Sie Demokratie? Das nennen Sie Generationengerechtigkeit?

Zu Biblis A: Wenn Biblis A jetzt noch 8 Jahre länger läuft, dann wird Biblis A am Ende 44 Jahre alt sein. Auf der Welt gibt es kein Atomkraftwerk, das 44 Jahre alt ist. Wir haben weltweit keine Erfahrung damit, was mit Kernkraftwerken passiert, die über 40 Jahre alt sind, wie sie erodieren und welche neuen Gefahren dadurch entstehen. Wir sprechen nämlich nicht nur über die Gefahren, die jetzt entstehen, sondern auch über die Gefahren, die hinzukommen, wenn Atomkraftwerke über 40 Jahre am Netz sind. Wenn wir noch an der Regierung wären, dann wäre Biblis A jetzt verschwunden. So müssen wir diese Gefahr auch in Zukunft hinnehmen.

Es gibt weitere Auswirkungen, beispielsweise auf die Investitionen in die erneuerbaren Energien. Sie postulieren immer wieder die große Brücke. Das Gegenteil ist doch der Fall, und deswegen steigen Ihnen die Stadtwerke aufs Dach. Die Auswirkung davon wird sein, dass die meisten jetzt nicht mehr in erneuerbare Energien investieren, weil sie wissen, dass der Markt gesättigt ist. Das heißt, der Weg ins solare Zeitalter wird deutlich länger.

Es ist ferner fraglich – das ist eine weitere Auswirkung –, ob Gorleben, sofern Sie es als Endlager durchsetzen, für den Atommüll überhaupt ausreicht oder ob wir ein weiteres Endlager brauchen. Auch darüber sollten Sie sich vielleicht einmal Gedanken machen.

Da wir schon beim Thema Müll sind: Jedes Unternehmen, auch jede Currywurstbude braucht einen Entsorgungsplan. Nur diejenigen, die den gefährlichsten Abfall von allen produzieren, haben, 50 Jahre nachdem das erste Atomkraftwerk in Deutschland ans Netz ging – Herr Kauch, wir sprechen nicht von 7, sondern von 50 Jahren –, noch immer keinen Entsorgungsplan und noch immer kein Endlager. Das sollten wir, glaube ich, auch einmal auf den Punkt bringen. Das ist absurd.

Frei nach Minister Brüderle, der heute von Einstiegsregierung gesprochen hat: Ja, Sie sind eine Einstiegsregierung, und zwar steigen Sie ein in eine alte, gefährliche Versorgungs- und Energiepolitik. Sie sind vor allen Dingen eine Einstiegsregierung für die Allmacht der Atomlobby.

Es fing an mit Herrn Hennenhöfer. Das muss man sich noch einmal zu Gemüte führen: Herr Hennenhöfer war einer der größten Atomlobbyisten, den es in Deutschland gab. Den haben Sie als Erstes in die Regierung geholt, um ihn für die Atomfragen zuständig zu machen. Dann haben Sie eine Anwaltskanzlei, die hauptsächlich für RWE arbeitet, beschäftigt, um einen Atomvertrag zu schreiben. Dann haben Sie für Ihre Prognose noch einen Gutachter bestellt, der von den großen Energieversorgungsunternehmen getragen wird.

Herr Kauch, Sie haben gerade davon gesprochen, dass dieses Gutachten und die Prognose nicht in erster Linie berücksichtigt würden. Schauen Sie bitte einmal in Ihr Energiekonzept! Darin steht nicht nur, dass die Prognose wichtig ist, sondern auch, dass das, was darin steht, der Kompass für Ihre Energiepolitik ist. Schauen Sie da vielleicht einmal hinein!

Zusammengefasst: Da haben also Leute ein Atomgesetz erstellt – es ist ja schön, dass die Bundesregierung an diesem Atomgesetz überhaupt beteiligt worden ist –, die hauptsächlich und maßgeblich für die Atomwirtschaft arbeiten. Die haben ihr eigenes Gesetz geschrieben. Das haben Sie hier eingebracht und nennen das auch noch „Revolution“ und „Einstieg in das Zeitalter der Erneuerbaren“. Das ist wirklich ein Hohn. Das ist wirklich das, was ich scheinheilig nenne, Herr Umweltminister.

In Zukunft werden wir uns die Frage stellen müssen, wie überhaupt mit einzelnen Maßnahmen in dem Bereich umgegangen worden ist. Ich will als ein Beispiel die Brennelementesteuer nennen, die Sie hier immer wieder so hochhalten; das sei das Tolle, was Sie der Energiewirtschaft abgerungen haben.

Ja, im Sommer hörte es sich noch ganz gut an. Wir hatten ja als Erste gefordert, dass es eine Brennelementesteuer geben soll. Irgendwann sind Sie dieser Forderung gefolgt und haben dann postuliert, Ihr Finanzminister beispielsweise: Die Brennstoffsteuer kommt unbefristet. Sie wird unabhängig vom Atomgesetz gemacht, und sie hat auch eine bestimmte Höhe. – Was wir jetzt haben, ist eine befristete Brennelementesteuer. Sie fällt deutlich niedriger aus, als Sie im Sommer postuliert haben. Das Allerbeste ist: Im Gesetz steht, dass sich die Atomwirtschaft das Recht nimmt – Sie billigen ihr dieses Recht zu –, dagegen Klage zu führen. Das heißt, Sie gehen doch davon aus, dass es die Brennelementesteuer am Ende vielleicht gar nicht geben wird, und nehmen das nur als Ausrede dafür, dass Sie der Atomwirtschaft irgendetwas abgerungen haben. Das, denke ich, ist scheinheilig.

Dann zu Ihren Argumenten, Herr Brüderle und Herr Fuchs – ich kann es nicht mehr hören; denn das sind die Debatten aus den 70er- und 80er-Jahren –: Wenn wir die Atomkraftwerke nicht länger laufen lassen, dann gehen hier die Lichter aus; dann brauchen wir Energie aus Tschechien usw. – Das sind die alten Kamellen, die immer wieder gebracht werden.

Ich will Ihnen einmal Folgendes sagen – vielleicht kennen Sie die Zahlen ja und verschweigen sie; oder Sie haben keine Ahnung –: Im ersten Halbjahr 2010 gab es in Deutschland einen Stromexportüberschuss von 11 Milliarden Kilowattstunden. Das ist ungefähr die Menge von sieben Atommeilern. Wir könnten also sieben Atommeiler abschalten, ohne auch nur eine Kilowattstunde neu von irgendwo herholen zu müssen oder durch Erneuerbare generieren zu müssen.

Dazu kommen noch zwei Atomreaktoren, die eigentlich immer stillstehen, die wegen Pannen und anderer Ungeschicklichkeiten gar nicht am Netz sind. Das heißt, neun Atomkraftwerke – das ist mehr als die Hälfte – könnten wir sofort abschalten, ohne irgendeinen Effekt zu spüren. Das ist die Realität in Deutschland! Reden Sie doch nicht davon, dass die Lichter ausgehen!

Herr Röttgen, was Ihre tollen, unglaublichen Vorhaben und all die Maßnahmen angeht, die Sie durchführen wollen, so sind 35 von diesen Maßnahmen Prüfaufträge. Wir wissen doch, wie diese Prüfaufträge am Ende ausgehen. Das ist nur Schönmalerei in Ihrem Gesetz. Im Prinzip haben Sie nichts auf den Tisch gelegt, außer der Verlängerung der Atomlaufzeiten. Deswegen, Herr Röttgen, werden Sie auch nicht als Umweltminister in die Geschichte eingehen, sondern als Atomminister.

Ich finde es schade, dass die Umweltpolitiker der Union – sie haben ja heute auch nicht geredet; wahrscheinlich deshalb, weil es ihnen peinlich ist oder weil sie nicht durften –, von denen ich einige sehr schätze, leider nicht mitdiskutieren und Ihnen leider keinen Widerstand leisten.

Zum Schluss. Es gibt ein schönes Sprichwort von Erich Kästner: Du sollst den Kakao, durch den man dich zieht, nicht auch noch trinken. – In diesem Sinne: Leisten Sie doch endlich Widerstand! Wir jedenfalls werden das tun: hier im Parlament und auf der Straße – gegen Ihre verrückten Pläne.

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Oct 082010
 

Heiner Geißler

„Das Kapital hat den Menschen zu dienen und nicht die Menschen zu beherrschen! Aber heute ist es genau umgekehrt: Das Kapital beherrscht die Menschen und die Menschen haben den Kapitalinteressen zu dienen.“

„Es ist nicht so, wie uns dauernd eingeredet wird, dass der Sozialstaat die Probleme für die Ökonomie verursacht. Sondern es ist umgekehrt! Die Ökonomie, die falsche ökonomische Entwicklung bedroht eine gerechte soziale Ordnung!“

Peter Bofinger

„Die Finanzkrise erscheint fast wie ein Betriebsunfall auf dem weiteren Weg zur Entstaatlichung. Als Helfer in der Not war der Staat gerade gut genug, aber man ist froh, wenn man ihn bald wieder loswerden kann.“

„Die selbstzerstörerischen Kräfte des Marktes haben die Grundfesten der marktwirtschaftlichen Ordnung wie auch der Demokratie angegriffen. Der „alte Kurs“ hat in diesem Jahrzehnt für die meisten Arbeitnehmer zu einem Rückgang ihrer Reallöhne und einer deutlich schlechteren kollektiven Absicherung ihrer Lebensrisiken geführt.“

Gesine Schwan

„Für mich sind die Menschen in ihrer Würde gleich, aber nicht in ihren Lebenschancen. Da gibt es furchtbare Diskrepanzen. Die Politik ist dazu da, diese so weit es geht auszugleichen. Es geht um Chancengerechtigkeit.“