Marco Bülow

Mitglied des Deutschen Bundestages stellv. energiepolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion

 

Knapp ein Jahr nach der Reaktor-Katastrophe im japanischen Fukushima weiß man immer noch nicht was für genaue Auswirkungen sie hat. Klar ist aber heute schon, dass ein riesiges Gebiet atomar verseucht wurde, dass unzählige Menschen gezwungen sind sich woanders eine neue Existenz aufzubauen und auch die Wirtschaf leidet. In Deutschland reißt die Diskussion um die Ausgestaltung der Energiewende trotz Atomausstieg nicht ab. In Europa wird sogar über den Neubau von Atomkraftwerken nachgedacht und werden weiterhin Unsummen an Geld an die Erforschung der Atomtechnologie gesteckt.

Bis heute erreichen mich Briefe und Mails von Bürger/innen zur Katastrophe in Fukushima. Die meisten von ihnen sind und waren bestürzt, sprechen den Opfern ihre Anteilnahme aus und machen sich Sorgen über die Nutzung der Atomenergie auch in Deutschland. Leider gibt es auch immer einige wenige, die selbst im Angesicht eines solch schrecklichen Ereignisses nicht davon ablassen können durch Tatsachenverdrehung und Verharmlosung ihre eigene tendenziöse Meinung zu verbreiten. Um darzulegen, mit welchen Ansichten man es teilweise zu tun hat und wie ich darauf reagiere, möchte ich nachfolgend einige Auszüge aus einer Mail und meiner Antwort darauf zitieren:

Bürgermail vom 28. November 2011, Betreff: Das deutsche Fukushima-Desaster

Sehr geehrter Herr Bülow,

Vor einigen Monaten hat der Bundestag entschieden, die Kernenergie in Deutschland abzuschaffen, die Kraftwerke stillzulegen und deren Betreiber damit faktisch – unter Bruch des Art. 14 GG -entschädigungslos zu enteignen. Begründet wurde dies mit der Fukushima-Krise und den daraus angeblich gewonnenen neuen Sichtweisen. Aber legen die Ereignisse in Japan wirklich einen „Ausstieg“ nahe? Oder beweisen sie vielleicht das genaue Gegenteil, daß nämlich bei den bei uns benutzten Reaktortypen selbst ein „Multi-SuperGAU“ glimpflich verläuft? Und daß er bei Vorhandensein der in Deutschland oder der Schweiz üblichen Sicherheitsvorkehrungen in Japan gar nicht entstanden wäre? (…)

Mit freundlichen Grüßen

(…)

Meine Antwort vom 29. Januar 2012:

Sehr geehrter Herr (…),

(…)

Sie werden Verständnis haben, dass ich nicht im Einzelnen auf diesen tendenziösen Report eingehen werde. Ich bin immer bereit, mich mit Analysen und Studien zu befassen, deren Ergebnis nicht ins politische „Kalkül“ passt oder in denen es Erkenntnisse gibt, die meinen bisherigen Ansichten widersprechen. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass den Verfassern an einer objektiven Betrachtung und Untersuchung gelegen war. Wenn das Ziel aber ist, vorgefertigte Meinungen zu bestätigen oder bestimmten Interessen zu dienen, dann kann ich solche Studien nicht Ernst nehmen.

Ein kurzer Blick auf Ihren Report reicht, um zu sehen, dass es nicht Ihre Intention war sich dem Thema auch nur ansatzweise objektiv zu nähern. Allein folgender Absatz aus Ihrem Report zeigt, dass Ihnen an Objektivität nicht gelegen war und ihr Ansatz klar nur bestimmten Interessen dient:

„Offenbar ist das politische Deutschland wild entschlossen, seine leistungsstärksten Kraftwerke zu opfern und auf deren sehr günstige Produktionskosten zu verzichten. Aber gibt es dafür – abgesehen vom Kalkül der Parteiführer und den Profitinteressen der Windmühlzunft – überhaupt einen zwingenden Grund? Oder beobachten wir gerade einen weiteren Akt des Dramas „Deutschland schafft sich ab“ (Fußnote: Thilo Sarrazins genialer Buchtitel ruft hier förmlich nach einer Erwähnung) – diesmal durch vom Staat mutwillig hochgetriebene Energiekosten?“

Sie können von mir demnach nicht ernsthaft eine Auseinandersetzung mit ihren „Ergebnissen“ erwarten.

Ganz unglaublich finde ich, wie Sie den Unfall in Fukushima herunterspielen. Diesen als glimpflich zu bezeichnen, ist beschämend. Tausende Menschen mussten evakuiert werden und können nie wieder in ihre Heimat zurückkehren. Die schlimmen Folgen des Tsunamis kann man mit viel Aufwand versuchen zu beseitigen, die Verstrahlung der Region bleibt. Die Betroffenen haben daher nicht nur Ihr Hab und Gut verloren, sondern sind gezwungen woanders ein neues Leben aufzubauen. Ihre Heimat ist für sie für immer verloren. Die Menschen haben damit ihre Wurzeln und viele Bindungen verloren. Zudem leben sie dauerhaft in der ständigen Angst, dass die erhöhte Strahlenbelastung gesundheitliche Folgen hat.

Ich habe mich mit Opfern aus Fukushima getroffen und kenne ihre Berichte. Dies waren sehr bewegende Momente. Vielleicht sollten Sie sich auch einmal mit Opfern treffen anstatt aus der Ferne deren Schicksal kühl und überheblich herunter zu spielen.

Mit freundlichen Grüßen

Marco Bülow

 

Jedes Jahr werden wir traditionell mit der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten und der Neujahrsansprache des Kanzlers, oder besser gesagt der Kanzlerin, beehrt. Schon unter Kohl war es statt einer Ehre aber eher die pure Langeweile und man war sich sicher, dass er die gleiche Rede doch auch schon ein Jahr zuvor gehalten hat. Auch Merkels Reden wimmeln von Plattitüden, Allgemeinplätzen und sind geprägt von der der typischen Politikersprache. Vielleicht wäre es an der Zeit solch prominent in den Medien platzierte Reden von Menschen halten zu lassen, die wirklich etwas zu sagen haben, die ihre Rede nicht schreiben und von Beratern abschleifen lassen, bis vom Profil nichts mehr übrig ist.

Vor einem Jahr schrieb der Schriftsteller  Christoph Hein eine solche Rede für die ZEIT, die er an die nachfolgenden Generationen richtet. Sie ist intelligent, profiliert und nicht abgeschliffen. Sie regt deshalb auch zur Diskussion und zum Widerspruch an. Genau dies erhoffe ich mir von solch einer Rede – vielleicht nicht zu Weihnachten, aber auf jeden Fall zur Jahreswende.

Allen ein gutes und gesundes Neues Jahr!

 

Christoph Hein: Worauf ich hoffe

(kompletter Text: http://www.zeit.de/2011/01/Neujahrsrede-Hein)

Ich hoffe doch, dass Sie eine Zuversicht auf Erneuerung, auf grundsätzliche Reformen haben. Denn in so gutem Zustand übergeben wir Ihnen die Welt nicht, dass Sie diese fraglos weiterführen dürften. Oder werden auch Sie all Ihre Kraft aufwenden, um die Schönheit und den Reichtum dieser Welt in möglichst viel Papiergeld zu verwandeln? In ein Paket von Wertpapieren, das durch einen Börsencrash, eine Finanzkrise, im Handumdrehen zu einem Müllhaufen wird? Dieser Müll ist das Monument eines verfehlten Lebens, ein Memento vergeudeter Hoffnungen. (…)

Doch wir, die Generationen vor Ihnen, haben das nicht begriffen. Unsere Götter heißen Effizienz, Wirtschaftlichkeit, Rendite, und für diese Götter sind wir bereit, unsere Welt zu zerstören. Die letzte menschliche Gesellschaft, die auf dieser Erde lebte, ohne sie zu schädigen, das waren die Jäger und Sammler. Alle nachfolgenden Gesellschaften haben an der Auslöschung gearbeitet. Es wurde von Jahrtausend zu Jahrtausend immer effektiver und damit schlimmer, immer perfekter und damit auswegloser. (…)

Und daher haben alle Regierungen entschieden, es sei wichtiger, das Kapital zu schützen als das Klima, und sie kümmern sich daher verstärkt um funktionierende Banken und Autofabriken. Und die Bevölkerung widerspricht nicht. Denn wir vertrauen darauf, dass wir auch dieses Mal davonkommen. Wir haben beschlossen, das Problem den nachfolgenden Generationen zu überlassen. Wir lieben unsere Kinder, ganz gewiss, und wir lieben unsere Kindeskinder, unsere Enkel, aber offenbar lieben wir das Geld noch mehr. (…)

Wenn Sie den Mut haben, uns nicht zu folgen, dann werden Sie auch die Kraft dafür finden. Ich wünsche Ihnen Glück. Machen Sie es besser als wir, bitte.

 

Dass die Frage nach sozialer Gerechtigkeit beim ökologischen Umbau zurücktreten müsse, wie etwa der Philosoph Vittorio Hösle noch vor einiger Zeit fabulierte, ist realitätsfern, denn ohne die Veränderung wirtschaftlicher Machtstrukturen wird man kaum voran kommen. Dabei sollte die Sozialdemokratie ihre Chance ergreifen.

Es gilt weithin als Gemeinplatz, dass das Thema Ökologie die herkömmliche Unterscheidung zwischen links und rechts in der Politik hinfällig gemacht habe.

Und wie die meisten Gemeinplätze ist auch dieser falsch. Ökologisch engagiert kann man auch als Konservativer sein, wenn einem beispielsweise als überzeugter Christ die Bewahrung der Schöpfung am Herzen liegt, und ob man sich gegen Atomkraft erklärt, ist eher eine Frage der Intelligenz und der konkreten Interessenverquickung denn eine der parteipolitischen Verortung. Umgekehrt finden wir unter den gewerkschaftlich organisierten, also im üblichen Verständnis linken, Arbeitern viele, die einem überholten Fortschrittsmodell anhängen und bei ökologischen Fragen nach wie vor besonders schwerhörig sind.

Dennoch lässt sich an wenigen Grundüberlegungen zeigen, dass der angesichts von Klimawandel und Rohstoffknappheit notwendige Umbau der Gesellschaft im Kern ein eher linkes Projekt ist, weil es ohne erhebliche steuerliche Eingriffe in die Marktprozesse und ohne Umverteilung von Einkommen und Macht gar nicht zu bewältigen ist:

Während Reiche und Superreiche, die in Villenvierteln und gated communities wohnen und übers Wochenende in die letzten verbliebenen Inseln unberührter Natur jetten, sich noch für einige Zeit von der Zerstörung der Biosphäre freikaufen können, haben Normalverdiener diese Möglichkeit nicht. Sie sind darauf angewiesen, dass in ihrer unmittelbaren Wohnumgebung das Wasser trinkbar und die Luft atembar bleibt, dass sich die Lärmbelästigung in Grenzen hält, Parks und Naherholungsgebiete, ein funktionierendes öffentliches Verkehrssystem, öffentliche Kommunikationsräume und Einrichtungen der Daseinsvorsorge zur Verfügung stehen. Kommunalpolitische Initiativen, wie z.B. im Rahmen der sozialen Stadt, wie sie in den letzten Jahren vor allem von Sozialdemokraten initiiert wurden, sind zugleich Beiträge zur ökologischen Reform. Auch wenn gelegentlich der Eindruck besteht oder mutwillig erweckt wird, als handele es sich bei den ökologischen Fragen um ein Steckenpferd verwöhnter Mittelschichten, so sind es doch vor allem die sogenannten „kleinen Leute“, die vom ökosozialen Umbau profitieren würden, weil ihre Lebensqualität ganz wesentlich von der Verfügbarkeit öffentlicher Güter abhängt.

Fatale Aufholjagd des Statuskonsums

(…)

In der Tat beruht ein erheblicher Teil des modernen Konsums auf einer Statuskonkurrenz, bei der die große Mehrheit der Menschen nichts zu gewinnen hat. Darum ist das gerade unter Sozialdemokraten oft gehörte Argument, das wirtschaftliche Wachstum müsse unter allen Umständen weitergehen, damit die „kleinen Leute“ sich auch einmal gönnen könnten, was heute nur den Reichen zugute komme, auf fatale Weise falsch. Die große Mehrheit kann ihre Lebenssituation in der vermeintlichen Aufholjagd des Statuskonsums gar nicht verbessern; sie kann nur gewinnen, wenn sie in gemeinsamer – politischer! – Anstrengung ihre Lebens- und Arbeitswelt nach Ihren Bedürfnissen gestaltet.

Heute geht es – vordringlich in den hochentwickelten Industriegesellschaften – darum, die zerstörerische Dynamik des Marktradikalismus zu bändigen und die Voraussetzungen für ein Leben in nachhaltigem Wohlstand, Frieden und gleicher Freiheit zu schaffen. Das kann nur gelingen, wenn der Primat der Politik gegenüber der (Finanz-)Wirtschaft durchgesetzt wird, eine Forderung, die auf der Linken seit langem erhoben wird, gegen die sich aber FDP und Union bis heute sträuben.

Umweltschutz durch Umverteilung

Zugleich erweist es sich als unerlässlich, die psychologischen Wachstumszwänge durch eine Politik größerer Gleichheit abzubauen, wie dies Richard Wilkinson und Kate Pickett in ihrem Buch Gleichheit ist Glück: Warum gerechtere Gesellschaften für alle besser sind mit guten Gründen empfehlen. Ein größeres Maß an primärer Gleichheit ist sowohl unter sozialem wie unter ökologischem Gesichtspunkt das Gebot der Stunde. Mindestlöhne, gleicher Lohn für Frauen und Männer, für Leihbeamte und Kernbelegschaften, die Wiedereinführung der Vermögenssteuer und die Anhebung des Spitzensteuersatzes – das sind Forderungen, die auch unter ökologischem Gesichtspunkt aktuell sind. Und sie sind Forderungen, die Sozialdemokraten und Gewerkschafter gleichermaßen erheben und die sie gegen das konservative Lager durchsetzen müssen.

Erst recht plausibel wird die Verbindung der ökologischen mit der sozialen Frage, wenn wir die globale Dimension der Umbauaufgabe in den Blick nehmen.

Die Klimakatastrophe lässt sich ohne beträchtliche Umverteilung zugunsten der benachteiligten Regionen der Welt nicht mehr verhindern. Die nachholende Industrialisierung in den Schwellenländern China, Indien und Brasilien erhöht den Druck auf die westliche Welt enorm, ihre Wirtschafts- und Lebensweise und die Verteilungsrelationen zu verändern. Wenn in absehbarer zeit neun Milliarden Menschen die Erde bevölkern, werden wir halbwegs zivilisiert und angstfrei nur dann leben, wenn wir weltweit soziale Verantwortung übernehmen, d.h. vor allem: mit dem ökosozialen Umbau bei uns beginnen und mit mutigen Schritten in Deutschland vorangehen.

Umverteilung von oben nach unten ist ein klassisch linkes Thema. Das gilt auch für die Umverteilung  politischer und wirtschaftlicher Macht. Dass ein sozialökologischer Kurswechsel ohne eine wirksame demokratische Kontrolle des Finanzsektors nicht möglich ist, wird kaum jemand bezweifeln. Auch im Energiesektor sind die erforderliche Effizienzrevolution und die Wende zu regenerierbaren Energien nur gegen die geballte Macht der Stromkonzerne durchsetzbar. Der Ausbau der Wirtschaftsdemokratie, dezentraler Versorgungsstrukturen, die Revitalisierung der Nahbereiche, die Ergänzung der parlamentarischen Demokratie durch Elemente direkter Demokratie – all diese Forderungen sind eng mit der ökologischen Frage verknüpft – und in der europäischen Tradition eher auf der Linken angesiedelt.

Schließlich erweist sich der sozialökologische Umbau auch als ein wesentliches Moment einer nachhaltigen Friedenspolitik. Nur durch eine radikale Erhöhung der Energie- und Stromeffizienz und den Aufbau einer ökologischen Kreislaufwirtschaft kann eine sich heute bedrohlich abzeichnende Ära ruinöser Ressourcenkriege verhindert werden. Wie Willy Brandt und Egon Bahr einst mit ihrer Ost- und Entspannungspolitik die Welt des 20. Jahrhunderts vor einer möglichen kriegerischen Katastrophe bewahrten, so wäre heute unter den veränderten Bedingungen des 21. Jahrhunderts eine neue friedenspolitische Anstrengung nötig, die energischen Schritte zur Lösung der ökologischen Frage zur Voraussetzung hat.

Für die Sozialdemokratie ergibt sich beim Thema sozialökologischer Umbau eine große, vielleicht letzte große Chance. Wenn sie begreift, dass das heute alles beherrschende Thema der Ökologie im Kern ein linkes und damit ihr Thema ist, kann sie noch einmal zur politisch gestaltenden Kraft werden – in der Bundesrepublik, in Europa, vielleicht sogar darüber hinaus.

(…)

erschienen in: Neue Gesellschaft Frankfurter Hefte 11/2011

mit freundlicher Genehmigung von Johano Strasser

 

“Beispiele, wie Unternehmen ihr Image aufpolieren wollen, sind auf der Seite WikiScanner zu finden. (…) WikiScanner registrierte (…): Ein Nutzer hatte aus dem “Störfall” des Atomkraftwerks Biblis ein harmloses “meldpflichtiges Ereignis” gemacht. Von derselben IP-Nummer aus wurde hinzugefügt, dass “Biblis Meilenstein in puncto Sicherheit” sei. Aus dem “Export von Atommüll” wurde schlicht die “Rückführung von Brennstäben”. Der Nutzer, der die Änderungen eintrug kam von RWE.  (…)”

gefunden in: Die Zeit, Nr. 49, 1.12.2011, S. 35

 

vom Institut Solidarische Moderne, 5.Oktober 2011

Wir leben in einer Situation des Übergangs. Der Wiederaufschwung der Antiatombewegung und die Katastrophe von Fukushima haben binnen weniger Wochen nicht nur den Ausstieg aus der Atomenergie, sondern letztlich aus der gesamten fossilistisch-atomaren Wirtschaftsweise auf die Tagesordnung gesetzt. Monatelange Demonstrationen verwandelten die anfangs bloß lokal bedeutsame Auseinandersetzung um einen Bahnhofsneubau in eine gesamtgesellschaftlich relevante Auseinandersetzung um Verfassung und Zukunft der Demokratie. Beide Entwicklungen führten das Gerede von der „Politikverdrossenheit“ auf seine Wahrheit zurück: auf den Unwillen von immer mehr Menschen, Verhältnisse und Vorgänge weiter hinzunehmen, die jahrzehntelang als „alternativlos“ galten. Dabei ist die Repolitisierung der deutschen Verhältnisse Teil unterschiedlicher, doch in mancher Hinsicht gleichsinniger Prozesse in Griechenland, Spanien, Italien und Großbritannien wie in Nordafrika oder in Lateinamerika. Trotz der Verschiedenheit im konkreten Anlass wie in der aktuellen Form der Proteste artikulieren die Menschen unter der gemeinsamen Losung „real democracy“ ihr Recht auf Mitwirkung und ihren Anspruch auf Mitsprache an der konfliktiven Ausgestaltung ihrer gesellschaftlichen Einrichtungen und ihrer alltäglichen Lebensverhältnisse.

Im weithin geteilten Gefühl, sich auf dem schwankenden und entsicherten Grund einer Situation des Übergangs selbst zu Wort melden zu müssen, drückt sich eine in sich vielfältige Krisendynamik aus. Führen die im globalen Norden vorherrschenden Produktions- und Lebensweisen im globalen Süden seit Jahrhunderten schon zu Verarmung, sozialer Polarisierung bis hin zu hunger-, krankheits- und gewaltbedingtem Massensterben, bedrohen die Umwelt- und Klimakatastrophe wie die Zerstörung der Biodiversität im Zug ihrer gegenseitigen Verschärfung und Ausweitung durch die Finanz- und Schuldenkrise heute zunehmend das Überleben aller. Haben sich infolge des wirtschaftlichen Aufstiegs der Schwellenländer mehrere hundert Millionen Menschen trotzdem aus ihrer Armut befreit und sich Zugang zu den Lebensweisen und dem Konsumniveau der Mittelklassen des Nordens eröffnet, beschleunigen ihr Zugriff auf die natürlichen Ressourcen und die Explosion von Treibhausgasemissionen das Desaster eines Produktions- und Konsummodells, das nicht weiter durchzuhalten sein wird. Mit der gegenseitigen Eskalation der sozialen, ökonomischen, ökologischen und politischen Krisen nehmen die Kriegsgefahr und mit ihr die Gefahr des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen zu. Dazu gehört, dass die formelle Ausbreitung von Demokratie durch deren Aushöhlung in der Sache durchkreuzt wird und dem Anspruch auf Demokratie nach wie vor Diktaturen und die Spirale der Gewalt entgegenstehen, in der Terror und Gegenterror aufeinander folgen. Dabei sind die seit 2008 vor allem mit der „Rettung“ des internationalen Finanzsystems, verschuldeter Staaten und des Euro beschäftigten Regierungen und das Management der Wirtschaft derzeit nicht einmal in der Lage, ihre jeweiligen Krisenpolitiken aufeinander abzustimmen. Sind dabei nachhaltige und tragfähige Lösung nicht abzusehen, liegt das vor allem daran, dass die „Krisenlösungsstrategien“ nicht an die Grundstrukturen des neoliberalen Kapitalismus rühren und das Wagnis scheuen, die Dominanz der globalen Finanzmärkte und die außerhalb demokratischer Kontrolle und Regulierung agierenden transnationalen Unternehmen in Frage zu stellen. Immer augenfälliger wird dabei die Unangemessenheit der kurzfristigen und eindimensionalen Entscheidungsmaßstäbe auf den Märkten und innerhalb der parlamentarischen Wahlperioden zum Langfristcharakter und zur Komplexität der globalen Mehrfachkrise. Die weltgesellschaftliche Entwicklung scheint dem Einfluss staatlichen und erst recht zivilgesellschaftlichen Handelns zu entgleiten. (…)

Den kompletten Text findet man hier: http://www.solidarische-moderne.de/de/article/231.ism-startet-debatte-zum-sozialoekonomischen-umbau.html

 

Helmut Schmidt mit Weitblick

Gerade in Bezug auf die Eurokrise wird das Problem viel zu sehr auf die Situation in Griechenland und Südeuropa verkürzt – und dort wiederum nur auf die Arbeitsmoral und die schlechte Politik der Regierungen, die nicht sparen können, verengt. Kaum jemand spricht noch davon, dass die Bankenkrise ihren riesigen Beitrag zu der jetzigen Situation in Europa beigetragen hat und deren Auswirkungen uns noch lange beschäftigen werden. Auch wird immer nur vom Sparen und von Sozialkkürzungen gesprochen, die wir den Griechen und Co aufzwängen müssen. Aber wie soll denn die südeuropäische Wirtschaft wieder in Schwung kommen, wenn man dort die Binnenkonjunktur abwürgt. Anreize, Investitionen, die Motoren von Wirtschaftskraft bleiben auf der Strecke.

Einer der wenigen bekannteren Köpfe, der nicht den Blick für das ganze verloren hat, ist Helmut Schmidt. Wenn er sich als Elder Statesman aus den Personaldiskussionen der SPD raushalten könnte, würde er als politischer Mahner und Ratgeber immer wertvoller werden.

Hier Auszüge aus einem Interview der ZEIT mit Helmut Schmidt vom Oktober 2011 (http://www.zeit.de/2011/41/Fragen-an-Helmut-Schmidt, ZEITmagazin, 6.10.2011, Nr. 41)

„Es könnte der Eindruck entstehen, dass es um die Solidarität unter den Europäern noch viel schlechter bestellt ist, als wir uns das in den letzten Jahren vorgestellt haben. Das Vertrauen in die Gemeinschaft der 27 Mitglieder würde weiter schwinden. Dieser politische Preis wäre zu hoch. Deshalb müssen die Staaten der Europäischen Union Griechenland helfen.“

(…)

„Ich bin nicht der Meinung, dass man Griechenland allein mit Zahlungen retten kann.“

(…)

„Griechenland braucht Investitionen! Es muss Unternehmer geben, die das Risiko auf sich nehmen, in dem Land zu investieren. Das werden sie nur tun, wenn es in Griechenland eine verlässliche Wirtschaftspolitik gibt. Wenn ich einen europäischen Marshall-Plan für Griechenland fordere, meine ich nicht Geld, sondern konkrete Projekte.“

(…)

„Wissen Sie, ich will das einmal mit der deutschen Situation nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergleichen. Natürlich hätten die Amerikaner oder Franzosen damals sagen können: Die Deutschen haben selber Schuld, lass sie doch verkommen in ihrem Elend! Das haben sie aber nicht getan. Stattdessen haben die Amerikaner den Marshall-Plan erfunden, die Franzosen haben uns 1950 mit ihrem Schuman-Plan die Hand entgegengestreckt. Im Verhältnis zur damaligen Lage Deutschlands und zur Hilfsbereitschaft dieser Länder, die wenige Jahre zuvor noch unsere Kriegsfeinde gewesen waren, ist das gegenwärtige griechische Problem ein minores – und der Teufel soll die europäischen Regierungschefs holen, wenn sie es nicht fertigbrächten, Griechenland zu retten!“

(…)

„Denn die Sparerei ist eine der Ursachen für die Depression.“

(…)

„Die Staatsverschuldung ist ein Problem unter mehreren. Aber ein viel dickeres Problem ist die uferlose Handlungsfreiheit auf den globalen Finanzmärkten.“

(…)

„Auf den sogenannten Finanzmärkten tummeln sich intelligente, aber einäugige Idioten. Sie sind blind auf dem Auge, welches das Gemeinwohl im Blick haben sollte, und mit dem anderen Auge schielen sie auf ihre eigene Bonifikation. Sie haben kein Verantwortungsbewusstsein und gehören deshalb unter viel straffere Aufsicht.“

(…)

„Aber strenge Regulierung löst das Problem der psychotischen Reaktionen auf den globalen Finanzmärkten, die aus zigtausend Devisen- und Wertpapierhändlern bestehen. Dabei wissen die Vorstände der Banken oft gar nicht, was ihre Händler gerade machen.“

 

“Aber in Europa, und sogar im wilden Nordamerika der robber barons, entstanden bald legale und soziale Kontrollinstanzen. Dank ihnen gesellte sich zu der gigantischen, nie da gewesenen Fähigkeit, Reichtum zu schaffen, die Fähigkeit, diesen auch relativ demokratisch zu verteilen. Dazu trugen Gewerkschaften und Arbeiterparteien bei und letztlich auch Volksaufstände und soziale Revolutionen.

So wurde der Kapitalismus immer moderater, bis er sich irgendwann in den Kapitalismus »mit menschlichem Antlitz« des Wohlfahrtsstaats verwandelte. Ebenjenen Wohlfahrtsstaat, der heute in der Zwickmühle steckt. Die Kontrollinstanzen sind geschwächt oder gar verschwunden. Zurück bleiben die Ideen der neoliberalen Rechten: Thatcher, Reagan und ihrer Jünger. Gleichzeitig hat der Niedergang des Kommunismus schon längst die Angst vor Revolutionen verdampfen lassen. Erst diese Angst hatte den Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit möglich gemacht.”

gefunden in: Die Zeit, “Die Dritte Welt ist überall”, 24.11.2011, Nr. 48

 

Der Anteil der Erneuerbaren Energien nimmt kontinuierlich zu. Bereits 2011 stammen in Deutschland etwa 20% des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Energien. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien und der damit verbundene Rückgang fossiler und atomarer Energie aus konventionellen Kraftwerken bringt weitreichende Aufgaben mit sich. Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, Überschüsse aus der erneuerbaren Energieerzeugung zu speichern, um Schwankungen auszugleichen und die dauerhafte Energieversorgung zu gewährleisten.

Hier habe ich einige Fakten zu dem Thema aufgelistet und beschrieben welche Möglichkeiten der Speicherung es bereits gibt.

Welche Technologien stehen bisher für Energiespeicherung zur Verfügung?

-       Für kurz- und mittelfristige Speicherungen sind Technologien wie Pumspeicherkraftwerke oder Druckluftspeicher geeignet.

-       Der Ausgleich von Langzeitfluktuationen stellt eine Herausforderung dar.

  • Pumpspeicherkraftwerke und Co. sind bei einer langfristigen Speicherung nicht wirtschaftlich genug
  • Ein Ausgleich über das europäische Stromverbundnetz ist zwar theoretisch möglich, benötigt aber ebenfalls Speicher und ist mit hohen Kosten und extrem großen Transportkapazitäten verbunden.

-       Volkswirtschaftlich die beste Lösung ist eine Kombination vom Ausbau der Transportkapazitäten und einem regionalen Ausgleich durch Speicher.

-       Bisher sind nur zwei Arten des Langzeitspeichers in der breiten Diskussion:

  • Große Pumpspeicherkapazitäten in Skandinavien, wobei hier sowohl politische als auch technische Fragen der Umsetzung bisher weitgehend ungeklärt sind.
  • Herstellung und Speicherung von Wasserstoff, wobei für diese Art der Speicherung noch keinerlei Infrastruktur vorhanden ist. Die aus der Schaffung nötiger Strukturen entstehenden Kosten sind ebenso wie die generelle technische Umsetzbarkeit fraglich.

-       „Erneuerbares Methan“ (auch Windgas genannt) könnte eine Alternative zu den bisher diskutierten Speichertechnologien darstellen.

Was ist „erneuerbares Methan“ und wie kann es eingesetzt werden?

-       Das EE-Methan Konzept basiert auf einer Kopplung des Stromnetzes mit dem Erdgasnetz.

  • Regenerativer Strom spaltet Wasser über eine Elektrolyse in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff.
  • Der Wasserstoff wird mit Co2  zu Methan konvertiert.
  • Das entstandene EE-Methan kann gespeichert, transportiert und je nach Bedarf in Dampf- oder Dampf- und Druck-Kraftwerken eingesetzt werden.

-       Erfolgt die Rückkopplung dezentral, kann der Nutzungsgrad durch Kraft-Wärme-Kopplung weiter erhöht werden.

-       EE-Methan kann ebenfalls im Wärme- und Transportsektor eingesetzt werden. Als Treibstoff konventioneller PKWs und zur Erhöhung der Reichweite von Elektrofahrzeugen.

-       Aus Wasserstoff und CO2  lassen sich neben Methan noch weitere Kraftstoffe herstellen, z.B Kerosin für Flug-, Schiff- und Güterverkehr.

-       Steht das CO2  zur Verfügung, können etwa 60% des erneuerbaren Stroms als EE-Methan im Erdgasnetz gespeichert werden.

-       Die Speichereffizienz für Strom liegt je nach angewendetem Verfahren bei 28 bis 45%.

Vorteile des EE-Methan gegenüber „konventionellen Speichermedien“

-       Im Gegensatz zum Wasserstoffkonzept kann bei erneuerbarem Methan die vorhandene Erdgas-Infrastruktur genutzt werden. Technologien für Erdgas sind  Stand auf dem der Technik und kommerziell verfügbar.

-       Das Erdgasnetz ist bereits heute der größte vorhandene Energiespeicher in Deutschland.

-       Methan hat eine dreifach höhere Energiedichte und verbraucht somit dreimal weniger Platz als Wasserstoff.

-       Das für die Methan-Herstellung benötigte CO2 kann entweder aus der Luft oder direkt von den CO2-Quellen industrieller Prozesse abgegriffen werden, bevor es an die Luft gelangt.

-      CO2  lässt sich durch Abtrennung bei der Verbrennung von EE-Methan in Gaskraftwerken teilweise recyceln.

Grundlagen des Honigmann-Prozesses

-       Der Prozess basiert auf der Tatsache, dass verschiedene Flüssigkeiten bei unterschiedlichen Temperaturen und Drücken verdampfen.

-       In einem ersten Schritt wird einer konzentrierten Lösung erlaubt Wärme an einen Wassertank abzugeben, wodurch das Wasser im Wassertank verdampft.

-       In einer Expansionsmaschine kann aufgrund des entstehenden Dampfdruckunterschieds mechanische Arbeit produziert werden – Diese Arbeit stellt den Nutzen des Prozesses dar.

-       Der Dampf wird in die konzentrierte Lösung geleitet. Die durch die Aufnahme entstehende Wärme verdampft wiederum mehr Wasser im Tank.

-       Im Verlauf des Prozesses wird die Lösung immer weiter verdünnt, was zur Folge hat, dass sie weniger Arbeit leisten kann. Die Lösung muss also in gewissen Zyklen wieder aufkonzentriert werden.

Welche Vorteile birgt der Honigmann-Prozess?

-       Der Prozess ist sehr flexibel. Ist der Speicher einmal beladen (die Lösung liegt in konzentrierter Form vor), können neben der reinen Speicherung prinzipiell drei verschiedene Energieformen zur Verfügung gestellt werden: Arbeit, Wärme, Kälte.

-       Die Bereitstellung der verschiedenen Energieformen kann zu jedem Zeitpunkt in beliebiger Form erfolgen.

Das Intelligente Brennstoffzelle-Direktspeicher-Hybridsystem

-       Brennstoffzelle und Direktspeicher werden in einem System gebündelt. Ziel des Hybridsystemverbunds ist die Kombination der Vorteile aus den einzelnen Speichertechnologien.

-       Der Direktspeicher dient primär der Abfederung dynamischer Erzeuger- und Verbraucherschwankungen in einem Zeitbereich von Sekunden bis Stunden.

  • Die wichtigste Option für Direktspeicher sind Lithium-Ionen Batterien. Neben Batterien können aber auch elektrochemische Doppel-Kondensatoren (Supercaps) einen Anteil an Direktspeichern bildet.

-       Im Vergleich zur zentralen Energieversorgung haben dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung-Anlagen einen deutlich höheren elektrischen Wirkungsgrad und eine bessere Brennstoffausbeute.

-      Der Wirkungsgrad konventioneller Anlagen liegt bei 30 bis 50%, der von KWK-Anlagen bei um die 80%.

-      Verluste durch lange Transportwege werden vermieden.

 

Warum wir den Regenwald vor der Ölindustrie retten und dafür neue Wege gehen müssen

Das Paradies auf Erden

Papageienrufe, ein Chor von Tierstimmen und Geräuschen. Dichter, grüner Wald, besprenkelt mit bunten exotischen Blumen. Flüsse voller Fische und Heimat rosafarbender Delfine. So stellen wir uns das Paradies vor, das Urbild Amazoniens, der großen, grünen Lunge Amerikas. Doch das Paradies schrumpft. Etwa ein Fünftel der Waldflächen in Amazonien sind bereits verschwunden und die Rodungen gehen täglich unvermindert weiter.[1] Die wirklich artenreichen Lebensräume werden selbst in Südamerika immer seltener.[2]

Noch gibt es diese wildromantischen Landschaften. Eines dieser letzten Paradiese ist der ecuadorianische Yasuní-Nationalpark im westlichen Amazonasgebiet. Der Park wurde 1989 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt. Eine internationale Studie[3] hat belegt, dass der Yasuní einer der artenreichsten Gebiete auf der Erde ist: Er beherbergt mehr Baumarten als ganz Nordamerika. Auf einem Baum finden sich mehr Käferarten als in ganz Europa. Fast nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele verschiedene Arten von Amphibien, Vögeln, Säugetieren und Pflanzen. Der Nationalpark ist außerdem der einzige Lebensraum des indigenen Volkes der Huaorani und anderer Stämme, die sich vor der Zivilisation zurückgezogen haben.

Die schwarze Hölle unter der Erde

Alles wäre zumindest hier noch in Ordnung, gäbe es nicht die zunehmende Gier nach dem schwarzen Gold. 850 Millionen Barrel Öl, mit einem geschätzten Wert von über 7 Milliarden Dollar lagern unter dem Paradies.

Was hat Vorrang, Wald oder Öl? Diese Frage stellt sich in einer ökonomisierten Welt nicht mehr. Die Bedeutung für das weltweite Klima, die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt inklusiver vieler unentdeckter Arten und Stoffe, die wahrscheinlich sogar ökonomische Schätze bergen, sind nur schwer bilanzierbar. Der Nutzen bemisst sich nur nach dem einmaligen Verkaufswert des Holzes und des Bodens. Gegen kurzfristigen Profit, den beispielsweise Ölabbau, neue Weideflächen oder Sojaanbau bringen, haben ideelle Werte und auch langfristige Vorteile keine Chance. Daran änderten auch blumige Politikerreden und dutzende internationale Konferenzen und Vereinbarungen nichts.

Das Geschäft mit dem Öl[4] ist häufig dreckig und für viele Bewohner an den Quellen die reinste Hölle. Dennoch hat bisher kein Land auf die Förderung von Erdöl verzichten wollen. Unzählige Pipelines fressen bereits heute Schneisen in den Amazonas-Regenwald. Für ihren Bau sind zehntausende Ureinwohner vertrieben worden. Überall brennen Gasflammen, aus vielen der Rohre tritt Öl aus. Es verseucht die Flüsse, die Tiere und Pflanzen und das Grundwasser. Das Öl enthält krebserregende Stoffe und radioaktive Elemente, sein Schwefeldioxid kann Lungen- und Kehlkopfkrebs sowie Missbildungen zur Folge haben. Mehrere Studien über die Gesundheitsrisiken der Bevölkerung in den Ölförderregionen haben ergeben, dass dort das Krebsrisiko mehr als drei Mal höher ist als üblich. Die Rate der Fehlgeburten liegt zweieinhalbmal so hoch.[5] Und es wird immer weiter abgeholzt. Allein Ecuador verliert in jedem Jahr rund 150.000 Hektar Wald, 80 Prozent des ecuadorianischen Regenwaldes sind bereits verschwunden.

Ein moralisches Angebot

Doch auf einmal gibt es einen ungewöhnlichen, beispiellosen Vorstoß der ecuadorianischen Regierung: Die sogenannte ITT-Initiative (ITT: benannt nach den drei Ölquellen Ishpingo, Tambococha, Tiputini). Der Vorschlag: Ecuador schützt Yasuní und verzichtet auf die Hälfte des Profits der Ölverkäufe. Die andere Hälfte soll die internationale Gemeinschaft beisteuern. Der Wald bleibt, das Öl auch. Durch den Verzicht auf die Förderung werden insgesamt 1.200  Millionen Tonnen CO2-Emissionen vermieden, weitere 800 Millionen Tonnen CO2 durch die nicht stattfindenden Abholzungen. Das wäre ein Paradigmenwechsel mit Vorbildcharakter. Ecuador könnte einen wichtigen Beitrag für den Schutz des Klimas, der Umwelt und für seine indigenen Völker leisten.

Die ITT-Initiative ist weltweit einzigartig und bietet einen innovativen Ansatz. Anders als der bisher von vielen Staaten favorisierte sogenannte REDD-Mechanismus[6], der lediglich einen finanziellen Ausgleich für die Verringerung der Entwaldung gewährleisten soll, vereint sie nämlich drei Ziele: Klimaschutz durch die Nichtausbeutung fossiler Brennstoffe und damit vermiedene Emissionen, Erhalt der Artenvielfalt und Schutz der indigenen Völker. Das Geld – schätzungsweise 3,6 Mrd. US-Dollar in 13 Jahren – soll verwaltet von den Vereinten Nationen in einem Treuhandfonds gesammelt werden. Das Geld aus dem Fonds soll ausschließlich zur Finanzierung nachhaltiger Projekte in Ecuador verwendet, die Bevölkerung dabei aktiv mit einbezogen werden. 100 Millionen Dollar sollen dieses Jahr noch zusammenkommen, damit das Projekt „Waldrettung“ gestartet werden kann. Ansonsten stehen nächstes Jahr die Ölfirmen und Bagger vor der Tür. Mit Chile und Spanien haben die ersten Länder in den Fonds eingezahlt, bisher ist etwa die Hälfte der Summe für dieses Jahr erreicht.

Deutschland: Vom Förderer zum Blockierer

Deutschland gehörte lange zu den Unterstützern und Antreibern des Projektes. Als ich selbst vor Jahren von der Yasuní-Initiative hörte, war ich gleich eingenommen von der Idee – hatte ich doch vorher bei zahlreichen Konferenzen erlebt, wie mühselig irgendwelche Beschlüsse zum Wald- oder Klimaschutz vorankamen. Vereinbarungen waren meist freiwillig und unverbindlich. Einige Abgeordnete unterstützten das Projekt von Beginn an und 2008 sprach sich der Deutsche Bundestag fraktionsübergreifend für eine finanzielle Beteiligung aus.[7] Heidemarie Wieczorek-Zeul und das zuständige Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) stellten 50 Millionen Euro jährlich für die ITT-Initiative in Aussicht.

Dann kam der Regierungswechsel und mit ihm der FDP-Politiker Dirk Niebel an die Spitze des BMZ. Er hielt und hält gar nichts von der Initiative und fühlt sich an Bundestagsbeschlüsse nicht gebunden. Bislang konnte ihn nichts umstimmen: Weder der Aufschrei unzähliger Umweltverbände und der ecuadorianischen Regierung, noch ein Votum des Umweltausschusses, in dem sich vor kurzem die Opposition bei einer Abstimmung über das Projekt durchsetzte. Er blockiert die Freigabe der Gelder vehement und sendet damit ein fatales Signal an viele andere Länder, die Interesse signalisieren und darauf warten, was Deutschland macht. Die Gegenargumente sind stumpf, teilweise sogar lächerlich. Allen Ernstes behauptete die Umwelt-Staatssekretärin Ursula Heinen-Esser im Umweltausschuss, dass dann auch andere Länder – wie beispielsweise Saudi Arabien – berechtigt seien, ähnliche Forderungen zu stellen, um eigene Ölreserven im Boden zu lassen. Erstens ist das ecuadorianische Angebot bisher einzigartig, zweitens entscheiden wir immer wieder souverän, wenn wir Gelder bereitstellen und drittens ist Yasunís Artenvielfalt weltweit höchst selten. Der Vergleich mit dem „so artenreichen“ Saudi Arabien zeigt die Lächerlichkeit der Debatte.

Sicher kann man generell unkonventionelle Wege ablehnen, doch dann muss man zugeben, dass man die Zerstörung von Ecuadors Naturparadies zulässt. Meine Erfahrung zeigt mir, dass wir erst dann helfen, wenn es zu spät ist – wenn der Wald abgeholzt, die indigenen Stämme vertrieben, die Tiere und Pflanzen vernichtet und die Böden verseucht wurden. Dann werden Gelder fließen, um einen kleinen Teil des Waldes teuer und mühsam wieder aufzuforsten. Das ehemalige Naturparadies wird man damit nicht wieder bekommen, doch so sieht die Entwicklungspolitik leider meistens aus.

Was tun?

Deutschland muss jetzt handeln und Haushaltsmittel für das Projekt bereitstellen. Dann wären die 100 Millionen Dollar für dieses Jahr zusammen und die Initiative könnte in die Realität umgesetzt werden. Ansonsten rollen bald die Bagger. Natürlich muss gewährleistet werden, dass das Geld wirklich an die richtige Stelle fließt und Yasuní dauerhaft bewahrt wird. Doch unter der Treuhand der UN, mit der Garantie der Rückzahlung, wenn eine neue Regierung in Ecuador den Vorschlag zurückzieht, ist die Initiative kein Abenteuer. Ein Restrisiko bleibt, aber das gilt für alle Entwicklungshilfemaßnahmen.

Auch eine Reihe von Unionsabgeordneten wollen Yasuní bewahren. Wir haben und werden im Bundestag versuchen, unsere Kollegen von Union und FDP dazu zu bewegen, ihre Regierung umzustimmen oder zu überstimmen. Es kann doch nicht sein, dass ein Minister ein gesamtes Parlament überstimmt und die Regeln bestimmt. Hier gibt es die Chance zu zeigen, dass das Parlament nicht per se machtlos sondern in der Lage ist, der Regierung Aufträge zu erteilen. Aber auch der öffentliche Druck muss zunehmen. Jeder sollte sich den Aktionen[8] anschließen und seine Abgeordnete und vor allem den zuständigen Minister zum Handeln auffordern.

So wichtig der Yasuní-Nationalpark auch ist, insgesamt müssen wir unseren Umgang mit den letzten Urwäldern und Naturparadiesen auf der anderen Seite radikal verändern. Gerade wir Europäer sind mitverantwortlich dafür, auch die Wälder in Afrika, Asien und Südamerika zu bewahren. Bisher hat die Weltgemeinschaft – wie beim gesamten Klimaschutz – versagt. Yasuní bietet uns die Chance, voran zu kommen, nicht auf den letzten Blockierer zu warten. Wir müssen mehr unkonventionelle Maßnahmen ergreifen und mit denen voran gehen, die begreifen, dass wir keine zweite Welt mehr in der Tasche haben.

 


[1] Ginge es mit der Waldrodung so weiter wie bisher, würde sich der Regenwald am Amazonas bis zum Jahr 2030 um weitere 20 Prozent verkleinern.

[3] Unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW)

[4] siehe zum Thema das von mir erstellte Öl-Dossier (http://www.marco-buelow.de/uploads/media/Marco_Buelow_Oel-Dossier_2011.pdf)

[5] Texaco wird vorgeworfen, 30 Jahre lang Regenwaldflächen im ecuadorianischem Amazonasbecken mit Milliarden Litern giftiger Abwässer und rund 60.000 Tonnen Schweröl verpestet zu haben (Quelle: GEO, 08/2010, S. 20).

[6] REDD = Reducing Emissions from Deforestation and Degradation, dt.: Verringerung von Emissionen aus Entwaldung und zerstörerischer Waldnutzung

[8] z.B. von Rettet den Regenwald e.V.: https://www.regenwald.org/aktion/752/nationalpark-yasuni-in-ecuador-leben-statt-ol

 

dieser Artikel ist in einer leicht gekürzeten Version unter dem Titel “Das Paradies auf Erden” in der Ausgabe 45/11 des Freitag erschienen (http://www.freitag.de/positionen/1145-das-paradies-auf-erden)

 

Vielen ist die Bedeutung des Themas Lebensmittelverschwendung nicht bewusst, da wichtige Fakten in der öffentlichen Diskussion selten bis gar nicht auftauchen.

Während die Menschen in Deutschland, Europa und der westlichen Welt eine Mentalität der Verschwendung leben, sterben die Menschen in anderen Teilen der Welt an Unterernährung.

Lebensmittelverschwendung – ökologisch und ökonomisch

  • Die Hälfte der weltweit erzeugten Lebensmittel landet auf dem Müll – ein Großteil wäre noch genießbar.
  • Jeder Deutsche schmeißt jährlich durchschnittlich 95kg Lebensmittel weg – Produkte im Wert von etwa 400€, das entspricht in Deutschland einem Wert von 20 Milliarden €.
  • Die weggeschmissene Lebensmittel Europas würden reichen um alle Hungernden der Welt 2x zu ernähren.

Ursachen für die Verschwendung von Lebensmitteln

  • Die Wertschätzung für Lebensmittel ist gesunken, auch weil die die Erfahrung der Lebensmittelknappheit der Nachkriegsjahre verblasst ist.
  • Viele Menschen habe verlernt bzw. nie gelernt sich aus Resten eine neue Mahlzeit zu bereiten.
  • Lebensmittel sind Massenware
    • Es gibt ein Überangebot und Discounter unterbieten sich gegenseitig in Preisen
    • Gaben die deutschen in den 60er Jahren noch durchschnittlich 40% ihres Einkommens für Ernährung aus, sind es heute nur 10% (In Frankreich etwa 30%).
    • Milch kostet mittlerweile weniger als so manches Markenwasser
  • Der Verbraucher möchte perfekte Produkt haben (ist ein Blatt faulig wird der ganze Kopfsalat entsorgt, Äpfel mit Druckstellen bleiben um Regal liegen, weil sie nicht gekauft werden).
  • Mindesthaltbarkeitsdaten werden von der Industrie künstlich kurz bemessen. Lediglich Fleisch-, Fisch- und Eierprodukten haben ein Haltbarkeitsdatum im klassischen Sinne, bei den übrigen Produkten werden lediglich gewisse Produkteigenschaften (z.B. Cremigkeit eines Jogurts) zeitlich begrenzt.

Entsorgung von Nahrung bedeutet Verschwendung von natürlichen Ressourcen

  • 1/3 der emittierten Klimagase werden in der Landwirtschaft produziert. Da etwa die Hälfte der landwirtschaftlichen Erzeugnisse weggeschmissen werden, werden etwa 15-20% der Klimagase bei der Herstellung von Lebensmittel-Müll erzeugt.
  • 1/4  des weltweiten Wasserverbrauchs wird für die Produktion von Lebensmitteln verwendet, die anschließend weggeschmissen werden.

Ressourcenverschwendung – Vom Produzenten zum Endverbraucher

  • Jeder zweite Kopfsalat und jedes fünfte Brot wird weggeworfen. Alleine beim Brot entspricht das 500.000 Tonnen Verschwendung in Deutschland.
  • Die meisten Lebensmittel werden aussortiert bevor sie den Endverbraucher erreichen – das System der Verschwendung fängt bereits auf den Ackern an und zieht sich durch die Gesamte Lieferkette.
  • Prozentuale Verluste im Laufe der Produktionskette:
    • Milchprodukte 12,7% ‌
    • Obst u. Gemüse 56%
    • Fleisch 23,8%
    • Getreide 43,5%
  • Ein Großteil der Landwirtschaftlichen Produkte wird bereits auf dem Acker aus optischen Gründen zurückgelassen (der Ausschuss bei Kartoffeln liegt alleine auf dem Acker bei 40-50%).

Wie kann man der Verschwendung entgegenwirken und welche Perspektiven gibt es?

  • Wird viel auf Vorrat gekauft, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass am Ende ein Teil auf dem Müll landet. Einkäufe sollten individueller an den aktuellen Bedarf angepasst werden.
  • Supermärkte sollten ihr Angebot gegen Abend und zum Wochenende hin ausdünnen, um weniger frische Waren am ende des Tages/der Woche wegschmeißen zu müssen.
  • Nähert sich ein Produkt dem Mindesthaltbarkeitsdatum, sollte durch eine Reduzierung ein weiterer Kaufanreiz geschafft werden.
  • Für Händler darf es nicht günstiger sein Lebensmittel wegzuwerfen statt diese reduziert zu verkaufen. Eine Halbierung des Lebensmittelmülls wäre möglich.
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