Einblicke

Hier schreibe ich darüber, was mich bewegt (Fortsetzung meines Tagebuchs)

 

Neue Verantwortung und meine Rückkehr zu meinen alten Pflichten

Seit über drei Monaten liegt meine Tochter Kaya nun im Krankenhaus. Sechs bis acht Stunden verbringen meine Frau und ich täglich bei ihr, um ihr beizustehen, ihr Trost und Geborgenheit zu geben, also all die Dinge zu tun, die sie im Krankenhaus nicht bekommen kann, aber dringend braucht. Durch Technik, Medizin, Schwestern, Ärztinnen und Ärzte und wohl auch durch unsere Anwesenheit hat sich Kaya ins Leben gekämpft. Sie hat deutlich zugenommen, wiegt jetzt etwa 2200 Gramm und misst 47cm. Sie braucht keine Beatmung mehr und bekommt ihre Nahrung nun durch ein Fläschchen. Sie ist fast zu einem kleinen Baby geworden, auf das wir sehr stolz sind und das uns immer mehr Freude bereitet.

Leider hat sie weiterhin mit einigen kleinen aber auch großen Problemen zu kämpfen, die hauptsächlich mit ihrer frühen Geburt zusammenhängen. Seit drei Monaten durchleben wir ein auf und ab, das ich mir in keinen Alpträumen hätte ausmalen können. Unsere Sorgen und Ängste beherrschen unsere Tage und Nächte. Vor allem die Hirnblutung und ihre Folgen und eine wahrscheinlich notwendige OP in der Herzgegend dämpfen Kayas Entwicklung und lassen uns immer noch nicht zur Ruhe kommen. Aber unsere Hoffnung ist wiedergekehrt und wir versuchen uns darauf einzurichten, langsam eine Familie zu werden.

Viel Zuspruch erleichtert Rückkehr in den Alltag
Dazu gehört es auch, dass ich nach und nach wieder in den Alltag zurückkehre. Das ist schwieriger, als sich die meisten dies wohl vorstellen können. Nicht nur unter Vertrauten zu sein, sondern wieder unter Menschen zu gehen. Nicht nur am Schreibtisch zu arbeiten, sondern zu Veranstaltungen zu gehen. Sich wieder Erwartungen und Anforderungen auszusetzen. Was sonst ganz normal ist, kann nach solchen Wochen zu einer großen Belastung werden. Ich hatte große Angst wieder auf einen Parteitag zu gehen und vielen Parteimitgliedern Rede und Antwort, über meine Ängste und mein Privatleben, stehen zu müssen.

Doch die meisten nehmen Rücksicht und viele haben es mir leichter gemacht mich langsam wieder in den Alltag zu integrieren. Ich habe sehr viele Briefe und Mails – von teilweise völlig unbekannten Menschen .- bekommen, die mir und meiner Familie Zuspruch und Verständnis entgegengebracht haben. Ich kann mich dafür nur bedanken, einige Schreiben haben mich sehr gerührt. Das tat gut und half die wenigen bösen Kommentare, die sich einige wenige auch in solchen Situationen leider nicht sparen können, zu verschmerzen. Erst taten einige Zeilen weh, doch mittlerweile fühle ich eher Mitleid für Menschen, die so voller Wut und schlechter Gefühle sind.

Arbeit seit Januar fast vollständig aufgenommen

Wegen des erlebten Traumas und der angespannten Situation meiner Tochter hat mich der Arzt noch bis mindestens Mitte Februar krank geschrieben. Aber ich selbst fühle mich wieder in der Lage, sowohl physisch, aber auch psychisch, meinen Pflichten zumindest teilweise nachzugehen. Ich habe meine Arbeit deshalb seit Anfang Januar wieder größtenteils aufgenommen. Ich nehme auch wieder einige Termine wahr und versuche mich wieder an Versammlungen zu gewöhnen.

Es bleibt aber dabei, dass für mich weiterhin in erster Linie das Wohl meiner kleinen Familie im Vordergrund steht. Dies gilt umso mehr, solange der Zustand von Kaya weiterhin kritisch ist. Doch ich spüre auch immer mehr, dass mich die politischen Diskussionen und Debatten nicht loslassen und wieder mehr interessieren. Die Ereignisse der letzten Monate werden und haben mich verändert, doch ich bleibe ein politischer Mensch, der immer über den Tellerrand geschaut hat und dem es nicht nur um die eigenen Verhältnisse geht.

Erfahrungen haben mich geprägt
Ich werde sicher auch meine Erfahrungen aus der letzten Zeit in die Politik mitnehmen. Ich habe einiges Neues über unser Gesundheitssystem gelernt. Beispielsweise über unsere Zweiklassenmedizin, die ich als weiterhin freiwilliger Kassenpatient ja nun schon länger erlebe. Am Vordringlichsten zu spüren bekommen viele Eltern mit Frühchen (sicher nicht nur die) die Auswirkungen des Ausblutens der Kommunen und die Kürzungen im Gesundheitswesen. Schon bei den kleinsten und schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft, die wir doch alle so toll fördern wollen, deren Bildung uns ach so sehr am Herzen liegt, wird gespart. Wir schwafeln über Eliteuniversitäten, über Englisch im Kindergarten und dabei vergessen wir, dass die Betreuung und Pflege der Kleinsten im Krankenhaus immer weniger ausreichend zu gewährleisten ist, dass immer weniger Schwestern, Ärztinnen und Ärzte, sich um immer mehr Frühchen und kranke Säuglinge kümmern müssen. (Ich will aber auch nicht unerwähnt lassen, dass meine Hochachtung vor Menschen die im Pflegebereich arbeiten gestiegen ist und einige von ihnen wirklich Übermenschliches leisten und damit das System noch einigermaßen aufrecht erhalten).

Die Technik schreitet voran und unsere Tochter hätte ohne die Fortschritte in der Medizin wohl nicht überlebt. Doch es darf nicht sein, dass dieser Fortschritt durch fehlende Fürsorge und überfordertes Personal wieder aufgefressen wird. Es darf nicht sein, dass Eltern mit heftigen Schicksalen und in höchst schwierigen Situationen (wer dies nicht selbst erlebt hat kann sich nicht vorstellen, wie schwierig) ohne psychologische Hilfe alleine gelassen werden. Jeder Manager bekommt, nach den ersten bedrohlichen Stresssymptomen, einen Psychologen für Burnout zur Seite gestellt. Eine junge Mutter, die ihr Kind verliert oder ein krankes und gefährdetes Frühchen zur Welt bringt, selber noch mit der OP zu kämpfen hat, soll dagegen selber zusehen, wie sie damit fertig wird.

 

Ich möchte mich für die vielen Rückmeldungen und Reaktionen bezüglich meiner Erklärung bedanken. Es ist tröstlich, dass die allermeisten davon rücksichtsvoll und bestärkend waren.

Es ist nie zu verhindern, dass es auch andere Reaktionen gibt, die aber leider nicht direkt an mich gerichtet werden. Ich möchte nicht direkt auf einzelne Aussagen eingehen, doch ist es mir wichtig, mögliche Unklarheiten zu beseitigen und mich auch den Vorwürfen zu stellen.

Selbst wenn es um so schreckliche Ereignisse geht, wie sie meine Frau und ich erleben mussten (siehe: http://blog.marco-buelow.de/2010/12/10/wichtiger-als-politik/), wird man leider noch zum Teil bestraft, wenn man dies offen zugibt. Ich hätte – wie es meist üblich ist – einfach die Wahrheit verschweigen und die Abwesenheit mit einem Krankheitsfall oder anderen Ausreden erklären können. Als direkt gewählter Abgeordneter, dem Transparenz bei seiner Arbeit besonders wichtig ist, war es mir aber ein Anliegen, offen und ehrlich zu erklären, warum ich nicht in dem gewohnten Maße meiner Arbeit nachkommen kann.

Meine Arbeit habe ich nur kurzzeitig komplett eingestellt. Ich habe im Blogeintrag deutlich gemacht, dass ich meine Arbeit am Schreibtisch, die auch zeitaufwendig ist, schon längst wieder aufgenommen habe. Ansonsten kann man sich auf meiner Internetseite (www.marco-buelow.de) oder auch in meinem Büro davon überzeugen, dass die Arbeit weitergeht. Ich beantworte Briefe, schreibe Texte und Pressemitteilungen, lese Anträge, Vorlagen und stehe im kontinuierlichen Kontakt mit meinem Büro und meiner Fraktion.

Ich vermeide derzeit lediglich öffentliche Auftritte und gebe keine Interviews. Dies hat nicht allein damit zu tun, dass unser Sohn gestorben ist. Meine kleine Tochter liegt auf der Intensivstation und kämpft um ihr Leben. Sie hat mit lebensbedrohlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und wir können ihr nur helfen, indem wir sie häufig besuchen und für sie da sind. Genau dies bestimmt meinen Tagesablauf.

Diese extreme Lebenssituation, der wir täglich ausgesetzt sind, hat den Gesundheitszustand meiner Frau und von mir sehr stark belastet. Ich bin von einem Arzt wegen des traumatischen Erlebnisses und seiner Folgen krank geschrieben. Dennoch habe ich die Arbeit nicht komplett eingestellt. Das Attest habe ich, wie jeder normale Arbeitnehmer, meinem Arbeitgeber (in diesem Fall dem Bundestagspräsidenten) weitergeleitet und natürlich sowohl meine Partei, als auch meine Fraktion informiert. Ich genieße hier keinerlei Sonderbehandlung.

Wer harte Machtpolitiker haben möchte, für die auch in solchen Situationen die Familie zweitrangig ist, soll sich nicht beklagen, wenn er Volksvertreter bekommt, denen die Schicksale von Menschen nicht mal zweitrangig sind. Wer mir meine Offenheit ankreidet oder meinen zeitweiligen Teilrückzug aus der Politik nicht zugesteht, der hat nicht einmal ansatzweise ein Empfinden dafür, in welcher Situation ich mich befinde. Wer meine Situation ausnutzen möchte, um meine Partei, Politikern insgesamt oder mich persönlich zu diskreditieren, den kann ich nur bemitleiden und dessen Stimme möchte ich gar nicht haben.

Ich stehe nach wie vor zu dem, was ich in meinem Blogeintrag geschrieben habe und werde auch – trotzdem ich dadurch offensichtlich angreifbar geworden bin – weiterhin in aller erster Linie für meine Familie da sein.

 

Warum ich die letzten Wochen nicht im Bundestag war und an keiner Veranstaltung teilgenommen habe.

Ich habe in den letzten Wochen und Monaten erfahren, was mir wichtiger ist als mein politisches Engagement, welches mein Leben dominiert hat. Es ist meine Familie, was ich leider auf schmerzhafte Weise erfahren musste.

Ich war sehr glücklich, als ich im Frühsommer erfuhr, dass meine Frau mit Zwillingen schwanger war. Unser Kinderwunsch sollte sich erfüllen. Doch von Beginn an war die Schwangerschaft problematisch und meine Frau musste meistens Bettruhe einhalten. Ab September lag sie dann nur noch im Krankenhaus, dennoch hofften wir, dass noch alles gut gehen würde. Anfang November ging dann alles sehr schnell und die Kinder mussten in einer Notoperation viel zu früh zur Welt gebracht werden.

Nur drei Stunden nach der Geburt starb leider unser Sohn Liam. Die Ärzte kämpften, konnten sein Leben aber nicht retten. Es tröstet uns ein wenig, dass er in unseren Armen sterben durfte, dennoch wissen wir manchmal nicht wohin mit unserem Schmerz. Er war so klein und unschuldig und hatte nur ein so kurzes Leben. Auch unsere Tochter Kaya ging es bei der Geburt sehr schlecht, aber die kleine Kämpferin hat sich bisher tapfer geschlagen. Sie wog bei der Geburt nur 640 Gramm und konnte ihr Gewicht nach vier Wochen auf 760 Gramm steigern und die größten Beeinträchtigungen sind durch eine schwere Hirnblutung zu erwarten. Kaya ist völlig abhängig von der ärztlichen Fürsorge und den medizinischen Möglichkeiten der Intensivstation. Dies wird auch noch für längere Zeit so bleiben.

Seitdem bestimmt Kaya unseren Tagesablauf und unsere Gefühlswelt. Wir besuchen sie mehrmals am Tag und versuchen ihr zumindest einen Hauch von Geborgenheit zu geben. Ich bin gar nicht in der Lage, mir viele Gedanken über andere Dinge zu machen. Ich möchte jetzt in erster Linie für meine Tochter und meine Frau da sein und meine ganze Kraft für meine Familie aufbringen. Dies ist der Grund, warum ich dem Bundestag und auch anderen Veranstaltungen in den letzten Wochen ferngeblieben bin. Somit konnte ich auch bei vielen Abstimmungen im Bundestag nicht anwesend sein. Dies ist alles mit dem Bundestagspräsidenten, der SPD-Bundestagsfraktionsführung und meiner Partei abgesprochen. Ich möchte mich an dieser Stelle auch für ihr Verständnis bedanken. Den größten Dank schulde ich aber meiner Frau und meiner Familie, einigen Freunden, die mir Halt geben und den vielen Schwestern, Ärztinnen und Ärzten, die sich um unsere Tochter kümmern.

Ich habe begonnen, einen Teil meiner Arbeit wieder aufzunehmen. Mit der guten Unterstützung meines Büroteams können wir so die meisten politischen Pflichten erfüllen. Ich finde langsam wieder die Kraft, auch solche Texte, wie diesen hier, überhaupt schreiben zu können. Die Anwesenheit im Bundestag oder bei anderen Veranstaltungen wird aber auch in den nächsten Wochen weiterhin nicht möglich sein. Ich bitte dafür auch alle Bürgerinnen und Bürger um Verständnis.

Mir ist klar geworden, wie wichtig die Familie ist und dass ich genau dort momentan am meisten gebraucht werde. Politisches Engagement ist notwendig und wird weiterhin ein Teil meines Lebens bleiben. Aber manches in der Politik wurde von mir und den meisten Akteuren für zu wichtig gehalten. Vor allem der einzelne Politiker ist ersetzbar. Vielleicht kann ich erst jetzt die Verhältnismäßigkeiten und Gewichtungen innerhalb der Politik und zwischen Familie und politischer Funktion besser einschätzen.

Ich wünsche allen, nicht nur in der Adventszeit, Gesundheit und mehr Zeit für sich und die Familie.

 

Herbstlaub in leuchtendem gelb, orange und rot, von der tiefen Sonne angestrahlt, verzaubert den grünen Flecken Erde im Westend von Berlin. Eine kleine Gemeinde hat sich hier am 29. Oktober versammelt. Der Anlass ist traurig und scheint im Widerspruch zum golden Oktobertag zu stehen. Die Gäste sind in schwarze Mäntel und Jacken gehüllt, Tränen in den Augen, als sie am frischen Grab stehen. Hermann Scheer wird beerdigt und mir kommt ein Lied in den Sinn, in dem es heißt: „Haltet die Welt an, merkt sie nicht, dass einer fehlt“. Für Frau und Tochter ist die Welt zunächst stehengeblieben. Freunde und Weggefährten sind gekommen, um sich zu verabschieden, zu trösten und die Erde wieder in Bewegung zu setzen. Die letzten Worte gibt Franz Alt dem guten Freund Hermann mit auf die Reise.

Nur einen Tag vorher nahm der Bundestag Abschied von einem seiner profiliertesten und wahrscheinlich engagiertesten Mitglieder. Mit angemessenen Worten erinnerte uns der Bundestagspräsident an Hermanns Taten und Verdienste. Was dann allerdings in der anschließenden Debatte über die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke folgte, war alles andere als würdig; weder dem Andenken Hermann Scheers, noch der Parlamentarischen Demokratie überhaupt. Sicher, es war eine leidenschaftliche Debatte ganz nach dem Geschmack von Hermann, dem streitbaren Demokraten, doch mit einem Vorspiel und einem Gebaren der Regierungsfraktionen, das ich so bisher noch nicht erlebt habe (mehr dazu in meinem Text „Schwarze Woche“ http://tiny.cc/oxlfq).

Ich musste meine Augen immer wieder auf den freien Platz richten, auf dem ein Blumenbouquet zu Hermanns Ehren aufgestellt wurde. Im krassen Widerspruch dazu standen die gehässigen Worte einiger Redner der Regierungskoalition. Redner, die Hermann wegen seines Einsatzes für die Erneuerbaren Energien früher immer wieder verhöhnt haben. Wie sehr haben sie ihn und seine Vision bekämpft. Mahatma Gandhis Ausspruch „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du“, den Hermann Scheer in der Einleitung seines neuen Buches zitiert, könnte es nicht besser auf den Punkt bringen. Doch die Ignoranten und Lobbyisten haben sich angepasst. Seit der Erfolg der Erneuerbaren Energien nicht mehr wegzudiskutieren ist, sind scheinbar viele zu Fans der Energiewende mutiert. Nein, einige frühere erbitterte Feinde, deklarieren sich auf einmal sogar zu den Erfindern, den eigentlichen Beförderern der Erneuerbaren Energien. Auch die Verlängerung der Atomlaufzeiten diene ja eigentlich nur dem Durchbruch der Erneuerbaren Energien, formulieren ihre gespaltenen Zungen nun. Das ist so widerlich dreist, dass mir bei machen Reden die Spucke wegblieb.

Noch drei Wochen zuvor hatte Hermann Scheer sich bei der ersten Lesung zu den Atomgesetz-Novellen mit einer Kurzintervention zu Wort gemeldet und wieder konnten es einige Konservative nicht lassen mit Zwischenrufen gegen ihn zu hetzen. Was hätte Hermann wohl in der entscheidenden Sitzung gesagt? Er hätte Widerstand geleistet und ihre Heuchelei aufgedeckt. Wir haben versucht ihn gut zu vertreten, wohl wissend dass sein Charisma und vor allem seine authentische Überzeugungskraft kaum erreichbar sein werden.

Was die persönlichen Attacken angeht, haben sie sich auch bei einigen von uns nicht zurückgehalten. Der Unionsfraktionschef Kauder musste meine persönliche Erklärung immer wieder unterbrechen (siehe http://tiny.cc/sz61i). Am Ende wurde es so heftig und persönlich, dass ich ihm meine Meinung dazu direkt ins Gesicht sagen musste. Er war zu weit gegangen und entschuldigte sich deshalb im nachhinein bei mir. Daher bin ich trotz vieler Anfragen von Journalisten, denen meine Empörung natürlich nicht verborgen geblieben war, nicht mehr näher darauf eingegangen. Aber auch wenn diese Sache abgehakt ist, inhaltlich werde ich alle Atomfreude und Lobbyistenhörige weiter mit allen demokratischen Mitteln bekämpfen. Zu ihnen gehören viele, die sich nun als Freunde der Erneuerbaren Energien preisen, aber in Wirklichkeit immer noch die alte Energiestruktur beibehalten wollen oder die Illusion aufrechterhalten, als wenn beide Energieformen sich ergänzen könnten. Hermann Scheer wusste es schon sehr lange besser. 100% war seine Devise. Die werden nicht ohne Widerstände zu erreichen sein. Aber es wäre würdiger und ehrlicher, wenn jeder deutlich sagte, was er wirklich will, statt von Brücken zu faseln, die eigentlich Sackgassen sind.

So verabschieden wir uns vorläufig vom Ausstieg aus der Atomenergie und einer schnellen Energiewende. Es war eine schwarze Woche, die Hermanns Andenken keine Ehre gemacht hat. Es wird ein rauer Herbst folgen. Doch auf dem Friedhof strahlte zu Hermanns Geleit die Sonne, als wenn sie uns Mut machen wollte, seinen Weg weiter zu gehen. Sie schien auf das Haupt von Franz Alt, der uns zum Schluss seiner Grabrede verriet, welche Widmung Hermann kurz vor seinem Tode in sein neues Buch für seinen Wegbegleiter schrieb: „Der Kampf geht weiter“.

 

vielleicht weil ich mich noch nicht damit abfinden will, dass du nicht mehr bei uns sein wirst, schreibe ich meine Gedanken direkt an dich.

Als ich die Nachricht von deinem Tod früh morgens nüchtern serviert bekam, hat es mich zunächst geschockt und dann war ich furchtbar wütend auf dich. Wie kannst du deine Familie, deine politischen Mitstreiter, die Welt so früh sich selbst überlassen? Mir stieß zudem säuerlich auf, dass ich förmlich neben den Trauernden Gesichter vor mir sah, die erleichtert aufatmen. Besser wird es nicht durch die kalten Profis, die jetzt große Trauerreden halten, dich in erster Linie aber als Stachel im Fleisch oder sogar als Nestbeschmutzer empfanden.

Nerviger Scheer,
zwölf Stunden habe ich gebraucht, um mir meine Traurigkeit einzugestehen, 24 Stunden, um den Brief an dich zu beginnen. Ich weiß, du mochtest meine Offenheit und meine direkte Ruhrgebietssprache. Deshalb werde ich sie auch jetzt nicht ablegen. Ja Scheer, du warst sehr nervig, es war stressig mit dir Termine zu machen, du konntest vielen Menschen das Leben erschweren. Wenn sich aber einer etwas auf seine Leistungen, sein Engagement einbilden kann, dann warst du es, lieber Hermann. Du warst aber auch der Fels, der unerschütterlich nicht nur zu seinen Idealen, sondern auch zu den Menschen gestanden hat, die wichtig für dich waren, egal welche Nachteile du dadurch in Kauf nehmen musstest. Du hast zu Recht genervt, zu Recht diejenigen zur Weißglut getrieben, die ohne Widerstand rücksichtslos ihre häufig rein ökonomischen Interessen durchsetzen wollten. Auch deine Getreuen hast du nicht geschont, aber wir konnten es ertragen, weil wir wussten, wofür es gut war.

In den unzähligen Nachrufen könntest du lesen, welche Preise, Anerkennungen und Positionen du bekleidet hast. Sie würden dich aber sonst meist eher langweilen. Ausnahmen stammen aus der Feder von Peter Unfried und Tom Strohschneider. Vor allem Unfried hätte dir gefallen, der uns vor Augen führt, dass dein Vermächtnis größer ist als das der Beatles. Dies werden wohl viele in diesem Lande erst später, hoffentlich nicht zu spät erkennen. Denn trotz deiner zahlreichen hiesigen Ehrungen ist dein internationales Ansehen größer als bei uns. Von wem in der ganzen Welt wurdest du nicht alles angehört, ernstgenommen und um Rat gefragt. Stetig warst du auf Achse, dich und deine Familie nicht schonend, aber immer mit deiner Mission im Gepäck.

Hierzulande hast du ebenfalls viele Anhänger und noch mehr bewirkt, aber viele haben aus Angst vor deinen Visionen auch versucht, dich zu ignorieren oder auszubremsen. Vor allem der lobbyorientierte Teil der Medien und der Politik hat versucht, dich als Querulanten und als abgehobenen Spinner zu brandmarken. Ich erinnere mich an die Energiedebatte Anfang Oktober im Bundestag, als einige ekelige Zwischenrufe von der Unionsbank deine Kurzintervention stören sollte. Wie so häufig wurden deine Argumente nicht mit sachlichen Gegenargumenten, sondern mit persönlichen Diffamierungen gekontert. Auch aus den eigenen Reihen kennst du die feigen Angriffe, die du schon deshalb kontertest, weil du geschliffene Karrieristen, die dir nicht offen ihre Kritik ins Gesicht sagten, absolut nicht respektiert hast.

Mit denen aber, die nicht von einer Lobby für ihre Meinungsbekundungen bezahlt wurden, konntest du dich leidenschaftlich streiten und danach doch mit vollem Herzen lachen und ihnen freundschaftlich verbunden bleiben, auch wenn sie nicht deiner Meinung waren. Auch dafür habe ich dich bewundert. Mehr noch aber für dein unermüdliches Engagement, deine immer wieder neue Motivation und natürlich für deine Ideale. Als junger Mann habe ich dein Standardwerk die „Solare Weltwirtschaft“ gelesen und mich für deine Vision von der Energiewende begeistert. Erinnerst du dich, als ich dich als Juso damals in die ehemalige Kohlehochburg Dortmund geholt hatte? Dort bin ich dir das erste Mal begegnet. Wir haben einen Antrag gestellt, dass alle Dortmunder, die Erneuerbare Energien einsetzen wollten, eine Zeit lang einen vertraglich zugesicherten Abnahmepreis dafür erhalten würden: Die kostendeckende Einspeisevergütung. Damals eine Vision, heute als weiterentwickeltes Erneuerbares Energien Gesetz nicht nur in Deutschland, sondern in mehr als 45 Länder gängige Praxis. Mit deiner fulminanten Rede gelang uns das Unmögliche – wir gewannen auf dem Parteitag eine Mehrheit für unseren Antrag. Aber wie das manchmal so ist in unserer Sozialdemokratie, nach der Euphorie wurde nach und nach unser Antrag zurechtgerückt, „realitätstauglich“ gemacht. Heute ärgern sich nicht nur in meiner Heimat viele, dass sie nicht so mutig waren, deinen Ideen früher zu folgen. Nach und nach hast du sogar viele unabhängige Konservative und Liberale überzeugt.

Bei allem Idealismus, all deinen Träumen, ein Utopist warst du nicht. Vor etwa einem Jahr wurde in einem ZEIT-Artikel eine interessante Frage aufgeworfen: Ob nicht diejenigen, die seit vielen Jahren ein Umdenken im menschlichen Verhalten gegenüber der Plünderung der Natur, der Verpestung der Umwelt und der Ausbeutung der endlichen Ressourcen fordern und die wir meist als Utopisten abqualifizieren, am Ende nicht die wahren Realisten sind. Du hättest diese Frage natürlich mit einem klaren Ja beantwortet. In einem Interview sagtest du: „Utopisch ist nicht die schnelle Einführung der Erneuerbaren Energien, es ist eine negative Utopie, dies aufzuschieben zu müssen oder zu können.” (Das ganze Interview über die realistische Möglichkeit, die Energiewende umzusetzen: http://www.youtube.com/watch?v=e1cwTBfajmc )

Lieber Hermann,
du warst der Motor, der Pionier, der weltweit die Wende zum Erneuerbaren Energiezeitalter eingeleitet hat. Damit hast du dich verewigt, dennoch war es kein Grund, so früh zu gehen. So vieles gibt es noch zu tun, so viele sind noch da, die mit Macht den Wechsel bekämpfen, die mit der alten überkommenen Energiewirtschaft viel Geld verdienen und mit dem Geld viele Medienmogule und Politiker erfolgreich lobbyieren. Du hast doch mitbekommen, wie die neue Bundesregierung die alte Energiewirtschaft hofiert und den Gegenangriff auf die Erneuerbaren Energien gestartet hat.
Doch ich will dich nicht auf ein Thema – so wichtig es auch ist – reduzieren. Mir hat einmal Erhard Eppler erzählt, dass du dich als junger Mann vor allem mit der Friedens- und Außenpolitik beschäftigt hast und er mitgeholfen hat, dich auch an die globale Umweltpolitik heranzuführen. Du hast dich in viele andere Themen eingemischt, weil du erkannt hast, dass alles in einem großen Zusammenhang steht. Du gingst gegen die Ökonomisierung der Politik an, die Abgeordnete zu Verbündete von mächtigen Konzernen macht. Dir ging es um eine lebendige Demokratie, mit streitbaren aufgeklärten Bürgerinnen und Bürgern, die nicht das Feld alleine uns Politikern überlassen. Auch deshalb bist du bei vielen angeeckt, weil von links bis rechts viele unserer Kollegen meinen, dass der Politikbetrieb nur etwas für hartgesottene Profis sei, in dem sich eben einige wenige durchsetzten, die dann auch das Sagen haben sollten. Mitsprache der Parteimitglieder oder gar der Bevölkerung ist nach diesen Spielregeln immer weniger vorgesehen. Auch dagegen hast du dich wortreich und publizistisch gewehrt. Auf den Punkt gebracht hast du deine Gedanken dazu in deinem Buch „Die Politiker“ von 2003.

Du hattest eine Maxime, über die wir uns einige Male unterhalten haben und die mehr und mehr auch meine geworden ist. Sie stammt von Albert Einstein und lautet: „die Probleme, die es in der Welt gibt, können nicht mit den gleichen Denkweisen gelöst werden, die sie geschaffen haben“. Diese kluge Einsicht hast du nicht nur verinnerlicht, sondern sie hat dich dazu angeleitet, außergewöhnliche Lösungsansätze anzubieten, quer zu denken. Für uns normal strukturierte Menschen war dies eine enorme Herausforderung, statt konservativ auch mal kreativ, innovativ und manchmal sogar revolutionär an Herausforderungen heranzugehen. Kein Wunder, dass du viele überfordert hast. Kein Wunder, dass du deshalb vielen auf die Füße treten musstest und sie sich gewehrt haben. Es ist aber ein Wunder, dass du diesem Gegenwind standgehalten hast, dass du nach einer Niederlage immer wieder aufgestanden bist. So auch, als du nicht der Präsident der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) geworden bist, auch weil hierzulande Neider dir dieses Amt verwehren wollten. Doch du bist der Vater von IRENA, die nach deiner jahrelangen harten Arbeit ebenso erfolgreich entstanden ist, wie viele anderer deiner Vorhaben, an die zunächst kaum jemand geglaubt hat. Dein Lebenswerk wird durch viele deiner Reden, Taten, Bücher und einen Film gekrönt. Dein letztes Buch (Hermann Scheer, 2010: Der energethische Imperativ – 100% jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu den Erneuerbaren Energien zu realisieren ist) soll dein Vermächtnis sein.

Vermisster Hermann,
du lässt viele traurig zurück und wir fragen uns, wie es ohne dich weitergeht. Du würdest sicher die Aufmerksamkeit genießen, die dir nun widerfährt. Doch du wüsstest auch, wie kurzlebig solche Momente sind, so kurzweilig auch dein bewegtes Leben war. Ich bilde mir ein, dich so weit zu kennen, dass dir weniger an tollen Reden, schicken Kränzen und seriösen Kondulenzschreiben gelegen ist, als mehr daran, dass vor allem deine Ideen weiterverfolgt werden. Dir wäre sicher Recht, deine Popularität dafür zu nutzen.

Damit fange ich gleich an, in dem ich dich nochmals zitiere: „Jeder Einzelne kann Politik auch anders praktizieren: mit eigenen Ideen und Initiativen, mit der Vertiefung in Projekte, mit der Bereitschaft darüber zu streiten, mit geistiger Autonomie, statt Unterwerfung, ohne thematische Selbstbeschränkung. (…) Die viel wichtigere Frage an alle ist: Wie haltet ihr das aus, untäig zu bleiben und die Politik für die Gesellschaft anderen zu überlassen, von denen ihr den Eindruck habt, dass sie nicht das Richtige, das Notwendige tun?“ (Hermann Scheer: Die Politiker, S277f) Du siehst also, dass du weiter gebraucht wirst und weiter nerven musst. Du weißt, wir dürfen es uns leider nicht leisten, lange nur still an dich zu denken, ohne weiter zu machen. Jeder nach seinen Möglichkeiten, aber bitte auch einige so hartnäckig, aufmüpfig, wider den verbohrten Spielregeln und dem Ballast der Gewohnheit, wie wir es von dir lernen konnten. Ich jedenfalls werde genau dies versuchen

Du hast mir viel gegeben und du wirst mir sehr fehlen,
mit lieben und solidarischen Grüßen

Marco Bülow

 

Nicht die Kritik am ehemaligen Amtsträger Horst Köhler war unwürdig, sondern das Verfahren, das den neuen Bundespräsidenten ins Amt gehievt hat.

In Deutschland entscheidet nicht die Bevölkerung darüber, wer uns im höchsten Staatsamt vertreten darf. Eine indirekte Wahl wäre nur dann vertretbar, wenn die Mitglieder der Bundesversammlung wirklich frei, ohne parteitaktische Manöver, ohne Druck und über eine wirkliche Auswahl an Kandidaten entscheiden könnten. Doch so war es wohl noch nie und so wäre Christian Wulff sicher nicht Bundespräsident geworden.

Parteitaktische Dominanz

Einzelne Spitzenpolitiker haben sich zusammengehockt und entschieden, wer für ihre Parteien ins Rennen geht. Kompetenz, Fähigkeit, Ansehen oder gar Überparteilichkeit haben dabei nur eine Nebenrolle gespielt. Im Vordergrund stand die Parteitaktik. Dies gilt besonders für den Auserwählten von Union und FDP. Letztlich sogar für den viel gelobtem parteilosen Kandidaten von GRÜNEN und meiner SPD. Den gewieften Parteitaktikern Gabriel und Trittin gelang mit Joachim Gauck der Coup, den Zwist in der Regierung zu verschärfen und gleichzeitig die Linken an den Rand zu drängen. Eine kurzfristig erfolgreiche Strategie, doch eine glaubwürdige Stärkung der Demokratie gelingt nur dann, wenn zumindest bei der Präsidentenwahl die Parteitaktik beiseite geschoben wird.

Gar nichts gelernt haben Merkel und Co., deren Kandidatenkür völlig nach altem Machtschema vonstattenging. Der neue Bundespräsident startet nach zittrig gewonnener Wahl als angeschlagener Parteipolitiker, der erst einmal kämpfen muss, um die Menschen zu überzeugen, dass er der Würde des Amtes gerecht wird.

„Abweichler“ vom eigenen Gewissen

Bei allen drei Kandidaten folgten die allermeisten Delegierten am Ende dem Vorschlag ihrer Parteispitze und nicht unbedingt ihrem Gewissen. Dies wurde einem zwar erleichtert, weil die Alternativen so rar waren, aber eine wirklich freie Entscheidung mit voller Überzeugung war es für viele sicher nicht.

Ich hätte mit Joachim Gauck leben können, aber in Euphorie wäre ich absolut nicht verfallen. Neben seinem staatstragenden Auftreten, seiner vorzeigbaren Vita und seinem Engagement für Demokratie zeigt er auch ein anderes Gesicht. Zu den Zukunftsfragen Klimawandel, Finanzkrise, Auseinanderdriften von Arm und Reich hat er herzlich wenig zu sagen. Viele seiner Positionen teile ich so nicht und empfinde sie als konservativ und teilweise sogar als neoliberal. Auch wenn sich Gauck selbst als links, liberal und konservativ bezeichnet hat, irren sich alle gewaltig, die glauben, dass linke emanzipatorische Grundprinzipien bei Gauck wirklich verankert sind. Dies muss einem nicht von seiner Wahl abhalten, aber es ist nicht schändlich, dies bei seiner Entscheidung zu berücksichtigen.

Gaucks Kandidatur hat allerdings dazu geführt, dass viele Bürgerinnen und Bürger sich für die Wahl interessierten und sich für den ehemaligen Bürgerrechtler ins Zeug legten. Auch damit geriet das bürgerliche Lager in Bewegung und eine Reihe von ihren Delegierten unterwarf sich nicht der Parteidisziplin. Ich halte dies grundsätzlich für honorig und habe ein Problem damit, diese Personen als „Abweichler“ zu titulieren. Gerade bei der Wahl des Bundespräsidenten, sollte man für den stimmen, den man für am besten geeignet hält und nicht der einem vorgesetzt wurde oder den die Parteitaktik verordnet. Wenn beides zusammenspielt: „gut“, aber ansonsten halte ich eher die „Abnicker“ der Parteienvorgabe für „Abweichler“ und zwar für Abweichler von ihrem eigenen Gewissen, ihrer eigenen Souveränität.

Gaucks Sieg war ausgeschlossen, der Respekt für die LINKE nicht

Nach dem ersten Wahlgang ordneten sich dann aber doch wieder viele Gauckwähler der Parteidisziplin unter. Ihre Stimme beim ersten Wahlgang war also leider auch nur Parteitaktik, wahrscheinlich um ihre Vorsitzenden zu schwächen. Dieses Spielchen ist noch unwürdiger und absolut nicht vergleichbar damit, aus reiner Überzeugung durchgängig einen Kandidaten zu unterstützen. Diese besonderen Parteitaktiker hätten im Übrigen bestimmt auch im ersten Wahlgang Wulff gewählt, wenn sich die Linke von Beginn an auf Gauck eingelassen hätte. Der angeblich mögliche Sieg für den rot-grünen Kandidaten wäre sicher nicht zustande gekommen.

Dennoch halte ich zumindest die dritte Abstimmung der Delegierten der Linken für ebenfalls kritikwürdig. Klar, es ist nicht besonders fair, ohne den Versuch der Einbindung, zu erwarten, dass die Linke den ihnen von SPD und GRÜNEN vorgesetzten Kandidaten gefälligst zu wählen hat. Doch auch sie folgten einer klaren Parteitaktik, als sie sich alle (zumindest fast alle) im letzten Wahlgang enthielten. Bei einer wirklich freien Entscheidung hätte zumindest ein Teil der Linken für einen der verbliebenen Kandidaten gestimmt. Das wäre respektabel gewesen. So aber wurde die Taktik sicher auch zu einem Rettungsanker, um einen Teil der eigenen Klientel nicht zu vergrätzen und die unliebsame Diskussion über das Unrecht in der DDR zu vermeiden. Doch genau diese Debatte sollten immer mehr Linke verstärkt führen, um an Glaubwürdigkeit zu gewinnen und die Reflexe der Anti-Linken zu entzaubern.

Auf zur würdigen Präsidentschaft 2015

Als wirkliche Sieger fühlen sich alle, die Angst vor einem linken Crossoverprojekt der Opposition haben und die sich auch über das Ansehen von Gauck wieder einen Platz in der umkämpften bürgerlichen Mitte sichern wollen. Weil auch die Regierung damit weiter geschwächt wurde, freuen sich viele, die noch unter der Großen Koalition gelitten haben und sich keine Rückkehr der SPD zu neoliberalen Positionen wünschen dürfen.

Gaucks Wahl hätte einen schönen Bruch mit der bisherigen Wahlsystematik des Bundespräsidenten bedeutet, hätte aber nicht zu einem offenen demokratischen Wahlverfahren geführt. Dazu müsste endlich wirklich die Parteientaktik hinter das Gewissen, hinter die freie Entscheidung verbannt werden. Dazu müssten sich aber auch Abgeordnete trauen, von ihrem Recht Gebrauch zu machen (ich werde mich selbst daran erinnern), eigene Kandidaten vorzuschlagen und nicht darauf zu warten, dass dies ihre Parteispitze für sie erledigt. Wenn aus dem Kreis der Abgeordneten, quer durch alle Fraktionen, durch die Lager, gleich mehrere Kandidaten nominiert werden und wenn die sich ohne Vorfestlegung der Parteien dann einem demokratischen Wettbewerb stellen, bekommen wir doch noch eine würdigere Präsidentschaftswahl.

 

Am 23. Juni bekam ich die tolle Chance, Günter Grass bei sich zu Hause in Norddeutschland zu besuchen. Grass hatte mein Buch gelesen und der Journalist Kai Schlüter (Radio Bremen) hatte die Idee, ein einstündiges Interview mit dem Literaturnobelpreisträger und mir über die Themen meines Buches zu führen. Schwerpunkt sollte dabei die Auseinandersetzung mit dem Lobbyismus sein, der von Günter Grass schon häufig kritisch thematisiert wurde. Auch bei unserem Gespräch forderte der Schriftsteller Maßnahmen gegen den ausufernden Lobbyismus, den er als “Staat im Staate” bezeichnete.

Ich bekam einen netten Empfang und war gleich begeistert von Grass‘ Charisma und seiner ungebremsten Leidenschaft, mit der er als Künstler gesellschaftlich und politisch Partei ergreift. Es ist immer etwas anderes, jemanden live zu erleben, als nur durch die Medien oder Erzählungen Dritter.

Günter Grass zeigte sich sehr interessiert und wollte viel zu den Hintergründen meines Buches erfahren. So wollte er auch wissen, wie „Wir Abnicker“ von meinen Kollegen aufgenommen wurde. Grass machte mir Mut, meine Kritik und meine Vorschläge zur parlamentarischen Demokratie aufrecht zu erhalten und wünschte meinem Buch viele Leser.

Es war ein spannendes Gespräch, welches ich sicher lange in Erinnerung behalten werde und mir zusätzliche Motivation für mein Engagement gibt. Ich finde es gut und wichtig, dass sich viele Menschen, die keine Politprofis sind, politisch einmischen und für ihre Positionen einstehen. Wir brauchen lebendige Parteien, aber auch eine konstruktiv kritische Öffentlichkeit, die mitredet. Günter Grass ist dafür ein gutes Vorbild.

Das Interview wird gesendet am 6. Juli, 09:05 – 10:00 Uhr im Nordwestradio (Radio Bremen/NDR). Auf www.nordwestradio.de kann man die Sendung als Livestream verfolgen oder später als Podcast anhören.

 

Ich sitze im Zug zu einem Interview nach Stuttgart. Es ist zehn Tage her, dass der Bundestag zum dritten Mal in recht kurzer Zeit ein gigantisches Rettungspaket durchgewunken hat. Erneut war es angeblich „alternativlos“, erneut wurde es ohne große Diskussionen durch den Bundestag gepeitscht und erneut habe ich dabei ein höchst ungutes Gefühl und frage mich, wie wir diese Entscheidungen eigentlich rechtfertigen können.

Aus der Immobilienkrise der USA wurde eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise. Es offenbart sich, wie anfällig auch das europäische Finanzsystem ist. Grund für die Krise war aber nicht allein Gier und verantwortungsloses Handeln von einigen, sondern das Versagen der Politik und der Staatengemeinschaft insgesamt. Längst hat sich eine elitäre Machtstruktur gebildet, die entkoppelt von der Bevölkerung ihr eigenes System aufgebaut hat. In der Krise begann die Politik zu handeln, aber ihr Aktionismus beschränkte sich hauptsächlich auf die Bereitstellung der drei Rettungspakete: Blankochecks ausgestellt ohne adäquate Gegenleistung, ohne geregelte demokratische Diskussionen, aber mit dem vollen Risiko für die Bevölkerung und die folgende Generationen.

Ganz nah dran und doch meilenweit von den eigentlichen Entscheidungen entfernt habe ich erlebt, wie schnell die Regierung Mehrheiten für Bankenrettungsschirm, Konjunkturprogramme, Griechenlandhilfe und EU-Rettungspaket organisieren konnte. Keine Zeit für Beratungen, Fachpolitiker, die ihren Fraktionen nicht wirklich erklären konnten, ob die Gelder ausreichen, ob sie richtig angelegt und welche negativen Auswirkungen sie haben werden. Die Regierungen – beraten durch einige wenige Finanzexperten und Manager – fallen Beschlüsse und die Parlamente stimmen die Vorlagen gehorsam ab. Es ist nur ein schwacher Trost, dass meine SPD für die letzten zwei großen Rettungspakete keine unmittelbare Verantwortung trägt und wir uns enthalten haben.

Neben Zustimmung habe ich für meine provokative Zuspitzung in der Bezeichnung „Abnicker“ doch einige böse und skeptische Blicke von meinen Kolleginnen und Kollegen geerntet. Ihre Kritik bliebe ihnen mittlerweile sicherlich im Halse stecken angesichts der unwürdigen Gefolgsamkeit des eigentlichen Entscheidungsträgers – des Parlaments – in den letzten Wochen. Schadenfreude ist dafür völlig unangebracht, selbst mich erstaunt, wie der Einflussverlust gerade in solch bewegten und krisenhaften Zeiten immer greifbarer wird.

Doch neben der undemokratischen Machtverschiebung wachsen auch meine inhaltlichen Befürchtungen. Ich kann gar nicht behaupten, dass die Entscheidungen durchweg falsch waren, noch kann ich beurteilen, wie dringlich sie wirklich waren. Ich bin nur fest davon überzeugt, dass neben dem Ruf der Feuerwehr eben auch die Brandschutzmassnahmen und die Prävention auf den Prüfstand kommen sollten. Und zwar nicht erst irgendwann, sondern sofort. Jeder weiß, dass nach Abkühlen des Protests höchstens noch halbherzige Taten folgen werden. Man muss sich nur einmal die Maßnahmen zum Hochwasserschutz anschauen. Nach der Oderjahrhundertflut gab es viel guten Willen und Ankündigungen, nach und nach wichen viele sinnvolle Schutzmaßnahmen aber dem Rotstift und dem Lobbyismus einzelner Interessensgruppen. Dies wird nach dem Finanzdesaster nicht anders sein, nur dass wir zusätzlich einen riesigen Berg an Schulden angehäuft haben.

Ich bin fest davon überzeugt, dass unser Finanzsystem vom Kopf her stinkt. Es ist intransparent, die Risiken sind nicht kalkulierbar und es benachteiligt zu viele, weil die Allgemeinheit beim Scheitern die Kosten tragen muss. Selbst, wenn die Hilfspakete im Prinzip richtig und notwendig sind, doktoren wir an den Symptomen herum – mit Mitteln, die in jedem Fall heftige Nebenwirkungen zeigen werden. Ich frage mich, wie wir der nächsten fast schon vorprogrammierten Krankheit ohne klaren Politikwechsel entgegen treten sollen.

 

Wenn man zwei unterschiedliche Stimmkarten in der Hand hält, kann es schon einmal vorkommen, dass man aus Versehen die falsche der beiden Karten einwirft. Dies ist mir vor wenigen Wochen in meinem achten Bundestagsjahr und nach unzähligen Abstimmungen zum ersten Mal passiert. Statt “Nein” habe ich mit “Ja” gestimmt. Ich habe bei der folgenden zweiten Abstimmung meinen Irrtum bemerkt und ihn bei der Bundestagsverwaltung gemeldet, was dort protokolliert wurde. Solch eine nachträgliche Korrektur wird akzeptiert.

Klar, der Abstimmungsfehler war mir peinlich, aber er war sicher keine große Sache. Eigentlich eher eine Lappalie ohne Auswirkung, die schon Abgeordneten vor mir passierte und wohl auch nach mir passieren wird. Bisher ist niemand auf die Idee gekommen, daraus eine Geschichte zu machen. Doch wenn sich jemand kritisch mit dem politischen System auseinandersetzt und darüber auch noch ein Buch schreibt, verdient er wohl eine besondere Aufmerksamkeit. Auf deutsch gesagt, wer anderen zu genau auf die Finger schaut, der muss mit Gegenreaktionen rechnen. Die ließ dann auch nicht lange auf sich warten.

Kaum zu glauben, dass vielbeschäftigte Journalisten seitenweise Parlamentsprotokolle wälzen. Also wird wohl ein Insider die Information über meine Abstimmung an einen Journalisten vom Spiegel durchgestochen haben. Der meldete sich kurz bei mir und hatte nichts besseres zu tun, als eine süffisante Nachricht darüber zu veröffentlichen. Diese Meldung fällt einem Redakteur eines Boulevardblattes in die Hand, der sich wegen der Osterpause gerade sehr langweilt und deshalb eine Story daraus bastelt. Ist doch lustig einem Politiker mal vorzuhalten, wie dumm er ist. Allen anderen könnte solch ein Fehler sicher nicht passieren. Vor allem wenn ausgerechnet dieser Abgeordnete, der dazu aufruft, nicht alles abzunicken, auf einmal den Haushalt der Regierung abnickt. Dreist oder dämlich? Dies Entscheidung wird großzügig dem Leser überlassen.

Nun wundert mich nicht mehr viel in unserer Medienlandschaft, auch nicht, dass eine so dünne Geschichte aufgebauscht an die Leser gebracht wird. Verständnis hätte ich auch dafür, meinen Fauxpas unter der Rubrik “Kurioses” oder “zum Schmunzeln” kurz abgehandelt vorzufinden. Interessant ist allerdings, dass einige Lokal- und Regionalzeitungen die billige Nullnummer von einem Boulevardblatt einfach abschreiben. Natürlich ohne sich vorher über die Hintergründe zu informieren. Natürlich ohne zu erwähnen, dass meine Korrektur letztendlich zählt oder dass dieser Fehler häufiger vorkommt.

Bei allem Verständnis für den Zeitdruck und die Arbeitsverhältnisse meiner Kolleginnen und Kollegen, aber diese Praxis finde ich peinlicher als meinen Fehler bei der Abstimmung. Osterloch, SPD-Frust? Vielleicht habe ich aber mit meinem Buch auch zu sehr einen Nerv getroffen, der nicht nur Mandatsträger, sondern auch einige Journalisten nervös gemacht hat.

Leider hat sich auch eine Dortmunder Zeitung daran beteiligt. Dabei wurden gleich zwei Artikel reingeklotzt, mit richtig dicker Aufmachung. Man konnte den Eindruck bekommen, ich hätte Staatsgeheimnisse verraten oder wäre sternhagelvoll beim Autofahren erwischt worden. Schade, bisher bin ich gerade von dieser Zeitung meist fair behandelt worden. Schade auch, dass meistens nicht über meine inhaltliche Arbeit, meine Stellungnahmen (Pressemitteilungen), meine großen Veranstaltungen berichtet wird, weil angeblich der “Dortmundbezug” oder die Zeit fehlt. Jetzt reichte es wohl aus, dass es um den Dortmunder Abgeordneten geht. Reine Langeweile oder neuer Stil, der zufällig in die Wahlkampfzeit fällt?

Nach anfänglichem Ärger belustigt mich die ganze Geschichte aber auch ein wenig. Mein Abstimmungsverhalten und ich scheinen ja unglaublich wichtig zu sein. Als gäbe es keine dringenderen Probleme oder Themen. Im Wahlkampf wird über die Arbeit der Abgeordneten anscheinend nur noch berichtet, wenn sie patzen oder sich etwas zu Schulden kommen lassen. So habe ich es also doch noch geschafft, in die Zeitung zu kommen! ( ;-) )

 

Etwas läuft falsch

Gerade in den letzten Monaten erleben wir eine massive Lobby- und Klientelpolitik der neuen Regierung. Aber Mövenpick und “Rent a Rüttgers” sind nur die Gipfel der Eisberge. Die Explosion des Lobbyismus ist ein wichtiges Anzeichen dafür, dass Abgeordnete an Einfluss verlieren. Die beschleunigte Ökonomisierung der Politik, die Machtverschiebung vom Parlament zur Regierung, zu Experten- und Beratergremien und der Druck, sein Gewissen der Fraktionsdisziplin zu opfern, verstärken den Machtverlust. Egal, welche Partei daran den größten Anteil hat, egal, wie viele Abgeordnete pflichtbewusst und unbestechlich ihre Aufgaben erfüllen, wenn wir uns nicht wehren, erleben wir eine Entwicklung, die uns alle überollen wird. Ein ausgehöhltes demokratisches System erzeugt wenige Gewinner und viele Verlierer.

Reaktionen

Es ist spannend, wie sehr ein Buch die Gemüter bewegen kann, obwohl es hauptsächlich nur die Zustände in unserem Parlament beschreibt. Ja – bisher hat ein Abgeordneter dies so deutlich nicht getan, ja – der Titel ist provokant, ja – die Thesen dieses Buches bergen einigen Sprengstoff. Doch wer das Buch wirklich liest, wird zu weiteren Feststellungen kommen. Ich stelle den Arbeitsalltag von Abgeordneten dar, ich räume mit Vorurteilen auf, stelle mich gegen destruktive Politikerbeschimpfer und mache deutlich, wie wichtig es ist, sich zu engagieren.

Vor allem argumentiere ich mit offenem Visier und werde nicht persönlich, wie dies meine Kritiker bisher bevorzugen. Bisher haben sehr wenige offen Kritik mir gegenüber geäußert, aber wenn dann leider hauptsächlich in der Auseinandersetzung mit meiner Person, nicht gegenüber meinen Thesen und Argumenten. Einige Politiker trauen sich nur anonym ihre Kritik an Journalisten oder andere Kollegen weiterzugeben. Ihnen geht es anscheinend darum, meine persönliche Integrität zu beschädigen und nicht darum, sich mit den Aussagen des Buches auseinanderzusetzen. Diese Gegenreaktionen bestätigen leider eindrucksvoll, wie wahr meine im Buch beschriebenen Einschätzungen sind.

Die meisten veröffentlichten Artikel und Interviews zu meinem Buch waren allerdings sehr differenziert und bei aller Zuspitzung größtenteils abwägend. Alle anderen Reaktionen, die mich erreichten (Mails, Briefe, Facebooknachrichten, direkte Ansprachen), auch von Kolleginnen und Kollegen, waren durchweg positiv. Vor allem freue ich mich darüber, dass ich sehr viel Zuspruch von Menschen bekomme, die sich durch mein Buch motiviert sehen, sich selber wieder oder erstmalig politisch zu engagieren.

Nestbeschmutzer

Es gibt Abgeordnete, die im Parlament eindeutige Unternehmensinteressen vertreten oder die Anliegen ausgewählter Konzerne als wichtiger ansehen, als die Meinungen der Fachpolitiker ihrer eigenen Fraktion. Es gibt Mandatsträger, die in mehreren Aufsichtsräten sitzen, zahl- und umfangreichen Nebenjobs nachgehen und versuchen, all dies zu verschleiern. Es gibt Politiker, die andere Kollegen vor allem persönlich attackieren und dabei kein inhaltliches oder sachliches Anliegen haben. All dies gilt – wenn überhaupt – als Kavaliersdelikt. Wenn aber einer öffentlich diese Zustände kritisiert, Vorschläge zur Veränderungen unterbreitet, dann gilt er schnell als “Nestbeschmutzer”, als “Radikaler” oder ein “illusionistischer Trottel”.

Auf diese Wertungen wurde ich auch in Interviews angesprochen. Ich halte dies für eine verkehrte Welt und bin froh, dass dieser Hinweis nicht nur in Zuschriften, sondern auch von einigen Journalisten öffentlich vertreten wird. Vielleicht ist meine Analyse vom bestehenden System noch zu harmlos, vielleicht ist es noch verkrusteter und abgezockter, als ich es beschrieben habe. Für mich jedenfalls ist der Bundestag der öffentlichste politische Raum überhaupt. Die gläserne Kuppel wäre nur ein scheinheiliges Symbol, wenn die Arbeit unter ihr nicht wenigstens halbtransparent auch nach außen dringt. Der Bundestag ist keine Familie, die ich vor der Öffentlichkeit schützen muss, es ist die Volksvertretung, über die das Volk umfangreich informiert werden sollte. Wenn ich meine, dort läuft etwas schief, dann ist es nicht nur mein Recht, sondern sogar meine Pflicht, darauf hinzuweisen.

Bildet euch euer eigenes Urteil

Anscheinend habe ich einen Nerv getroffen und eine Diskussion provoziert, mit der nicht alle umgehen können. Ich hoffe allerdings weiterhin auf eine inhaltliche Debatte. Ich habe die Weisheit nicht mit Löffeln gegessen, ich bin aber weiterhin davon überzeugt, dass es richtig war, einen Anstoß zu einer Debatte über den Einflussverlust der Parlamentarier zu geben. Ich möchte, dass sich jeder sein eigenes Urteil bildet Ich hoffe auf eine sachliche kritische Auseinandersetzung und auf viele offene Meinungsbekundungen. Ich freue mich natürlich über jeden Zuspruch, werde aber auch in Zukunft mit der destruktiven persönlichen Kritik leben müssen. Ich sehe die größte Gefahr eher darin, dass die notwendige Diskussion ignoriert und eine Wattewand aufgebaut wird, die alle Kritik sanft verschluckt. Deshalb müssen andere nachziehen und die Debatte über unsere parlamentarische Demokratie in Gang halten.

Politische Spielregeln oder Machiavelli versus Moral in der Politik

Der Streit ist fast so alt wie die Politik. Grob gesagt, war für Machiavelli der Fürst nicht dann gut, wenn er Rücksicht auf sein Volk nahm, wenn er gütig, friedlich und fürsorglich war, sondern wenn er hart seine Interessen, seine Macht, notfalls auch mit Gewalt durchsetzte und verteidigte. Dieses Bild vom Umgang mit der Macht wurde dann von einigen auch vom Fürsten auf die demokratischen Regenten und Abgeordneten übertragen. Für Machiavellis Erben sollte Politik auch in der Gegenwart nicht moralisch geprägt oder gar definiert werden. Dies äussert sich in der Aussage, so ist Politik eben, so sind die politischen Spielregeln. Alle, die sich darauf einlassen, müssen sich dem beugen oder sie haben in der Politik nichts zu suchen. Noch spitzer formuliert: Wer dies nicht kapiert, ist “unpolitisch”. Harter Tobak! Dann ist es wohl ebenso naiv, sich gegen soziale Verwerfungen, Kriege, Klimawandel und menschliche Gewalt zur Wehr zu setzen. Denn so sind die Menschen halt. Vielleicht ist es wirklich naiv zu glauben, die Entwicklung der Gesellschaft wird im Paradies münden, aber wo wären wir ohne Engagement, ohne Aufbegehren, ohne visionäre Politik?

So gab es schon eine Gegenbewegung zum kühlen Pragmatismus. Humanisten wie Erasmus von Rotterdam haben Machiavelli und seinen Jüngern stets widersprochen. Für sie sollte nicht nur das Wohl des Volkes im Mittelpunkt jedes Regenten stehen, sondern auch die Ausführung der Herrschaft selbst moralischen Grundsätzen unterworfen sein. Gerade mit dem Siegeszug der Demokratie wuchs der Druck auf die politischen Entscheidunsgträger möglichst moralisch integer zu regieren. Doch Machiavellis Anhänger blieben stark, denn es lag den Mächtigen meist näher, mit starkem Arm und kompromisslos zu regieren. Dies bedeutet weniger Aufwand, nur wenige andere Personen an Entscheidungen zu beteiligen. Außerdem ist es lästig, sich an moralische Regeln zu halten. Heute nennen sich die Neo-Machiavellis Pragmatiker und gestandene Politprofis, man könnte sie aber auch als visionslose Technokraten bezeichnen.

Eine Umkehr ist notwendig

Bastapolitik und übersteigerte Fraktionsdisziplin bilden gerade bei knappen Mehrheiten eine große Versuchung. Wenn Politik immer komplizierter wird, wenn durch Globalisierung und Europäisierung sowieso die Macht der nationalen Regenten abnimmt, will man nicht noch den Einfluss der ganzen Abgeordneten oder gar der Parteimitglieder und der Bevölkerung am Hals haben. So hat Machiavellis Denken wieder die Oberhand gewonnen. Moral wird höchstens zum Schein aufrecht erhalten. In diesem Sinne sagte Machiavelli wenigstens offen, wie er sich Politik vorstellt.

Die Bevölkerung, so sehr sie sich teilweise immer wieder mal nach dem “starken Mann” sehnt, ist immer enttäuschter von den Machtspielen, bei denen Politiker die Gutsherren geben. Sie verabscheuen die Kumpanei der Machteliten in Politik, Medien und Wirtschaft. Sie fühlen die wachsende Ohnmacht. Die Politikerverdrossenheit wird ohne Veränderungen zwangsläufig steigen. Keiner will eine moraldurchtränkte Politik, die an ihren hehren Zielen zerbrechen muss. Doch die höchsten Repräsentanten eines Staates haben – ob sie es wollen oder nicht – eine Vorbildfunktion. Auf Dauer genügt es nicht, nur scheinbar hohen Ansprüchen zu genügen. Will man die Mehrheit der Bevölkerung zurückgewinnen für die Politik, für die Demokratie, dann werden die ganzen kleinen Neo-Machiavellis Zugeständnisse machen müssen oder sie werden weggefegt – vielleicht sogar von den idealistischen Träumern und angeblichen Nestbeschmutzern.

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