Neue Verantwortung und meine Rückkehr zu meinen alten Pflichten
Seit über drei Monaten liegt meine Tochter Kaya nun im Krankenhaus. Sechs bis acht Stunden verbringen meine Frau und ich täglich bei ihr, um ihr beizustehen, ihr Trost und Geborgenheit zu geben, also all die Dinge zu tun, die sie im Krankenhaus nicht bekommen kann, aber dringend braucht. Durch Technik, Medizin, Schwestern, Ärztinnen und Ärzte und wohl auch durch unsere Anwesenheit hat sich Kaya ins Leben gekämpft. Sie hat deutlich zugenommen, wiegt jetzt etwa 2200 Gramm und misst 47cm. Sie braucht keine Beatmung mehr und bekommt ihre Nahrung nun durch ein Fläschchen. Sie ist fast zu einem kleinen Baby geworden, auf das wir sehr stolz sind und das uns immer mehr Freude bereitet.
Leider hat sie weiterhin mit einigen kleinen aber auch großen Problemen zu kämpfen, die hauptsächlich mit ihrer frühen Geburt zusammenhängen. Seit drei Monaten durchleben wir ein auf und ab, das ich mir in keinen Alpträumen hätte ausmalen können. Unsere Sorgen und Ängste beherrschen unsere Tage und Nächte. Vor allem die Hirnblutung und ihre Folgen und eine wahrscheinlich notwendige OP in der Herzgegend dämpfen Kayas Entwicklung und lassen uns immer noch nicht zur Ruhe kommen. Aber unsere Hoffnung ist wiedergekehrt und wir versuchen uns darauf einzurichten, langsam eine Familie zu werden.
Viel Zuspruch erleichtert Rückkehr in den Alltag
Dazu gehört es auch, dass ich nach und nach wieder in den Alltag zurückkehre. Das ist schwieriger, als sich die meisten dies wohl vorstellen können. Nicht nur unter Vertrauten zu sein, sondern wieder unter Menschen zu gehen. Nicht nur am Schreibtisch zu arbeiten, sondern zu Veranstaltungen zu gehen. Sich wieder Erwartungen und Anforderungen auszusetzen. Was sonst ganz normal ist, kann nach solchen Wochen zu einer großen Belastung werden. Ich hatte große Angst wieder auf einen Parteitag zu gehen und vielen Parteimitgliedern Rede und Antwort, über meine Ängste und mein Privatleben, stehen zu müssen.
Doch die meisten nehmen Rücksicht und viele haben es mir leichter gemacht mich langsam wieder in den Alltag zu integrieren. Ich habe sehr viele Briefe und Mails – von teilweise völlig unbekannten Menschen .- bekommen, die mir und meiner Familie Zuspruch und Verständnis entgegengebracht haben. Ich kann mich dafür nur bedanken, einige Schreiben haben mich sehr gerührt. Das tat gut und half die wenigen bösen Kommentare, die sich einige wenige auch in solchen Situationen leider nicht sparen können, zu verschmerzen. Erst taten einige Zeilen weh, doch mittlerweile fühle ich eher Mitleid für Menschen, die so voller Wut und schlechter Gefühle sind.
Arbeit seit Januar fast vollständig aufgenommen
Wegen des erlebten Traumas und der angespannten Situation meiner Tochter hat mich der Arzt noch bis mindestens Mitte Februar krank geschrieben. Aber ich selbst fühle mich wieder in der Lage, sowohl physisch, aber auch psychisch, meinen Pflichten zumindest teilweise nachzugehen. Ich habe meine Arbeit deshalb seit Anfang Januar wieder größtenteils aufgenommen. Ich nehme auch wieder einige Termine wahr und versuche mich wieder an Versammlungen zu gewöhnen.
Es bleibt aber dabei, dass für mich weiterhin in erster Linie das Wohl meiner kleinen Familie im Vordergrund steht. Dies gilt umso mehr, solange der Zustand von Kaya weiterhin kritisch ist. Doch ich spüre auch immer mehr, dass mich die politischen Diskussionen und Debatten nicht loslassen und wieder mehr interessieren. Die Ereignisse der letzten Monate werden und haben mich verändert, doch ich bleibe ein politischer Mensch, der immer über den Tellerrand geschaut hat und dem es nicht nur um die eigenen Verhältnisse geht.
Erfahrungen haben mich geprägt
Ich werde sicher auch meine Erfahrungen aus der letzten Zeit in die Politik mitnehmen. Ich habe einiges Neues über unser Gesundheitssystem gelernt. Beispielsweise über unsere Zweiklassenmedizin, die ich als weiterhin freiwilliger Kassenpatient ja nun schon länger erlebe. Am Vordringlichsten zu spüren bekommen viele Eltern mit Frühchen (sicher nicht nur die) die Auswirkungen des Ausblutens der Kommunen und die Kürzungen im Gesundheitswesen. Schon bei den kleinsten und schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft, die wir doch alle so toll fördern wollen, deren Bildung uns ach so sehr am Herzen liegt, wird gespart. Wir schwafeln über Eliteuniversitäten, über Englisch im Kindergarten und dabei vergessen wir, dass die Betreuung und Pflege der Kleinsten im Krankenhaus immer weniger ausreichend zu gewährleisten ist, dass immer weniger Schwestern, Ärztinnen und Ärzte, sich um immer mehr Frühchen und kranke Säuglinge kümmern müssen. (Ich will aber auch nicht unerwähnt lassen, dass meine Hochachtung vor Menschen die im Pflegebereich arbeiten gestiegen ist und einige von ihnen wirklich Übermenschliches leisten und damit das System noch einigermaßen aufrecht erhalten).
Die Technik schreitet voran und unsere Tochter hätte ohne die Fortschritte in der Medizin wohl nicht überlebt. Doch es darf nicht sein, dass dieser Fortschritt durch fehlende Fürsorge und überfordertes Personal wieder aufgefressen wird. Es darf nicht sein, dass Eltern mit heftigen Schicksalen und in höchst schwierigen Situationen (wer dies nicht selbst erlebt hat kann sich nicht vorstellen, wie schwierig) ohne psychologische Hilfe alleine gelassen werden. Jeder Manager bekommt, nach den ersten bedrohlichen Stresssymptomen, einen Psychologen für Burnout zur Seite gestellt. Eine junge Mutter, die ihr Kind verliert oder ein krankes und gefährdetes Frühchen zur Welt bringt, selber noch mit der OP zu kämpfen hat, soll dagegen selber zusehen, wie sie damit fertig wird.

