Fundstücke

Interessante Zitate, Videos oder Auszüge aus Texten und Interviews

 

“Beispiele, wie Unternehmen ihr Image aufpolieren wollen, sind auf der Seite WikiScanner zu finden. (…) WikiScanner registrierte (…): Ein Nutzer hatte aus dem “Störfall” des Atomkraftwerks Biblis ein harmloses “meldpflichtiges Ereignis” gemacht. Von derselben IP-Nummer aus wurde hinzugefügt, dass “Biblis Meilenstein in puncto Sicherheit” sei. Aus dem “Export von Atommüll” wurde schlicht die “Rückführung von Brennstäben”. Der Nutzer, der die Änderungen eintrug kam von RWE.  (…)”

gefunden in: Die Zeit, Nr. 49, 1.12.2011, S. 35

 

“Aber in Europa, und sogar im wilden Nordamerika der robber barons, entstanden bald legale und soziale Kontrollinstanzen. Dank ihnen gesellte sich zu der gigantischen, nie da gewesenen Fähigkeit, Reichtum zu schaffen, die Fähigkeit, diesen auch relativ demokratisch zu verteilen. Dazu trugen Gewerkschaften und Arbeiterparteien bei und letztlich auch Volksaufstände und soziale Revolutionen.

So wurde der Kapitalismus immer moderater, bis er sich irgendwann in den Kapitalismus »mit menschlichem Antlitz« des Wohlfahrtsstaats verwandelte. Ebenjenen Wohlfahrtsstaat, der heute in der Zwickmühle steckt. Die Kontrollinstanzen sind geschwächt oder gar verschwunden. Zurück bleiben die Ideen der neoliberalen Rechten: Thatcher, Reagan und ihrer Jünger. Gleichzeitig hat der Niedergang des Kommunismus schon längst die Angst vor Revolutionen verdampfen lassen. Erst diese Angst hatte den Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit möglich gemacht.”

gefunden in: Die Zeit, “Die Dritte Welt ist überall”, 24.11.2011, Nr. 48

 

„Durch die Kritik am Wohlstandsmodell des Konsums bin ich Ökologe geworden. Mein Ausgangspunkt war ein Artikel, der um 1954 in einer amerikanischen Wochenzeitschrift erschienen ist. Darin wurde erklärt, es sei für den Kapitalismus erforderlich, dass die Leute nicht nur größere Bedürfnisse haben, er müsse darüber hinaus diese Bedürfnisse auch auf die für ihn rentabelste Weise formen und entwickeln, indem er ein Maximum an Überflüssigem in das Notwendige einfließen lässt, die Veraltung der Produkte beschleunigt, ihre Haltbarkeit verringert, dafür sorgt, dass noch die kleinsten Bedürfnisse durch den größtmöglichen Verbrauch befriedigt werden, den Konsum kollektiver Dienstleistungen (z.B. Straßenbahnen und Züge) abschafft, um sie durch den Konsum individueller Dienstleistungen zu ersetzen.“ (…)

„Die Ökologie hat nur dann ihre volle kritische und ethische Kraft, wenn die Verwüstung der Erde, die Zerstörung der natürlichen Grundlagen des Lebens als die Folgen einer bestimmten Produktionsweise verstanden werden; und wenn verstanden wird, dass diese Produktionsweise die Maximierung der Erträge verlangt und zu Techniken greift, die dem biologischen Gleichgewicht Gewalt antun.“

André Gorz: Französischer Sozialphilosoph (1923-2007)

 

“Es geht um Oben und Unten. Und um Drinnen und Draußen. Anders gesagt: um Hartz IV und die tunesischen Flüchtlinge.

Beide Fragen haben gemeinsam, dass sie meist nur an der Oberfläche berührt werden, es scheint beinahe so, als gebe es hier eine Absprache zwischen Politik, Medien und Stammtisch, ein Schweigekartell. (…)

Beim Thema Hartz IV herrscht dasselbe Prinzip. Da wird über Monate um ein paar Euro mehr oder weniger gerungen, um eine Summe, die für die Betroffenen von Belang ist, so sehr, dass sie Grund haben, über die Verzögerung durch die Politik verbittert zu sein. Aber als Diskussion über Gerechtigkeit handelt es sich um eine Ersatzdebatte. Sie verdeckt das eigentlich Anstößige in unserer Gesellschaft. Dass nämlich Menschen, die hart arbeiten, ein Zehntel oder ein Hundertstel von dem verdienen, was andere bekommen, die auch so hart arbeiten, aber weniger schmutzige Arbeit verrichten und sich dabei nicht die Knochen kaputt machen müssen. Wer härter arbeitet, verdient weniger. (…)

Dieses Oben und Unten ebenso wie das Drinnen und Draußen sind hochexplosive Themen, Gratwanderungen zwischen unweigerlicher Ungleichheit und grober Ungerechtigkeit.”

von Bernd Ulrich

gefunden in: ZEIT, 17. Februar 2011
vollständiger Artikel: http://www.zeit.de/2011/08/01-Gerechtigkeit?page=1

 

„Es gibt es viele Gründe, aus denen es rational wäre, für journalistische Produkte zu zahlen. Dank des Internets lassen sich Nachrichten, wenn sie einmal in der Welt sind, zwar rasend schnell und beliebig oft kopieren, ohne dass dabei erhebliche Kosten entstehen. Sie nach professionellen journalistischen Kriterien zu recherchieren und zu prüfen, kostet hingegen viel Geld. Journalisten, die verlässlich mit eigenrecherchierten Informationen Schneisen in den Info-Dschungel schlagen und den PR-Sumpf trockenlegen, erbringen eine wertvolle Dienstleistung. Wenn nicht wir, die Leser, Hörer, Zuschauer oder User dafür aufkommen, dann werden entweder solche Leistungen nicht mehr erbracht, oder sie müssen von dritter Seite finanziert werden. Und wer immer diese »dritte Seite« ist – die werbetreibende Wirtschaft, der Staat oder Mäzene –, bringt Eigeninteressen ins Spiel, die die journalistische Unabhängigkeit bedrohen.“ (…)
„Wenn immer weniger Leute hochwertige Zeitungen kaufen oder abonnieren, müssen Redaktionen ausgedünnt werden. Es kommt zu Einschnitten bei der Qualität, die Glaubwürdigkeit reduziert sich, und dies lässt dann neuerlich die Zahlungsbereitschaft schwinden. In einer Spiralbewegung verdrängt die schlechte Qualität die gute vom Markt.“

von Stephan Russ-Mohl

gefunden in: DIE ZEIT Nr. 33, 12.08.2010
vollständiger Artikel: http://www.zeit.de/2010/33/Forum-Medien

 

“Es gibt diesen Satz, wonach Geld die Welt regiert. (…) Interessant wird der Satz, wenn man fragt, wem das Geld gehört, das über die Erde herrscht. Nicht Bill Gates, dem Gründer des Softwareunternehmens Microsoft, geschätztes Vermögen: 53 Milliarden Dollar. Auch nicht Warren Buffett, dem Finanzinvestor, geschätztes Vermögen: 47 Milliarden Dollar. Der Reichtum der reichsten Männer der Welt ist klein, verglichen mit dem Besitz all derer, die jeden Tag durch die Fußgängerzonen und Shoppingcenter von Los Angeles, London oder Dubai laufen.
Knapp 1,5 Milliarden Menschen, 20 Prozent der Weltbevölkerung, verfügen über genug Geld, um sich Kleider von H&M anzuziehen. Soziologen nennen sie: die globale Konsumentenklasse. Geschätztes Vermögen: 185 Billionen Dollar.

Es sind die Menschen, derentwegen es Werbeagenturen, Topmodels und Imagekampagnen gibt. Sie sind es, die das billige T-Shirt kaufen. Sie sind es, die anfangen könnten, Fragen zu stellen.”

gefunden in: DIE ZEIT, 17. Dezember 2010

 

“Der Ansporn zum Eigensinn durchzieht die Bücher und Briefe Hermann Hesses wie ein Leitmotiv. Nicht mutwillige Aufsässigkeit oder störrische Rechthaberei ist damit gemeint, sondern für ihn ist Eigensinn eine Antwort auf die Anpassungszwänge, welche die individuelle Freiheit bedrohen. Nichts ist seiner Ansicht nach der Evolution der Menschen abträglicher als Stillstand und eine allzu frühe Rollenfixierung auf Kosten der Selbstverwirklichung.”

 

Verleger Jakob Augstein und Chefredakteur Philip Grassmann in einem offenen Brief an die Leser des FREITAG zum 20 jährigen Jubiläum des Blattes am 11. Nov. 2010:

„Dass es ein Blatt wie den Freitag gibt, macht Sinn. Heute mehr denn je. Politik und Medien drängeln sich in der Mitte und verschließen Augen und Ohren vor den Fragen, die sich an den Rändern auftun. Es ist die Aufgabe des Freitag, sich da hinzubewegen: An die Ränder der Gesellschaft und an die Ränder des Denkens.
Diese Bewegung in die Mitte ist uns nämlich ein Greuel. Sie ist eine große Lüge. Eine Täuschung. Sie verschleiert die Herrschaftsverhältnisse. Die meisten Medien im Mainstream wollen sich damit nicht mehr so gerne befassen. Es passt nicht recht in die Zeit, grundsätzliche Fragen zu stellen.“

Anmerkung von mir dazu:

Ich kenne die Wochenzeitung schon recht lange und bin vom unregelmäßigen Käufer zum Abonennten, Vielleser und Fan des neuen Freitags geworden. Ich halte auch den Internetauftritt für sehr gelungen und nutze selbst die Möglichkeit, dort meine Artikel zu veröffentlichen, über andere Beiträge zu diskutieren. Das ausgewählte Zitat zum 20jährigen Jubiläum von Jakob Augstein unterstreicht die Einstellung der Redaktion und Herausgeber des Freitags, die ich nur unterstützen kann. Wir haben viel zu viele Journalisten und Politiker, die den Mainstream bedienen wollen, die farblos und stromlinienförmig ihrer Arbeit nachgehen. Wer wühlt und Grundsätzliches hinterfragt, der eckt an, gilt schnell als Nestbeschmutzer (siehe dazu auch meinen Beitrag: http://blog.marco-buelow.de/2010/08/19/mehr-dreckwuhler/ ). Ich wünsche dem Freitag also alles Gute und Durchhaltevermögen für die nächsten 20 Jahre kritischen Journalismus’.

 

Unter dem artenreichen Regenwald in Ecuador lagert Erdöl, viel Erdöl. Die Staatengemeinschaft soll einen Ausgleich dafür zahlen, dass es nicht gefördert wird – und Flora wie Fauna unversehrt bleiben. Doch ausgerechnet der deutsche Entwicklungsminister Niebel stemmt sich gegen das Modellprojekt.

Die Bundesregierung, so dekretierte Entwicklungsminister Dirk Niebel im September, werde die Einzahlung in den Fonds “nicht in Betracht ziehen”. Dieses Blitz-Urteil hätte der Minister durch einen Besuch im Yasuní-Park überprüfen können. Vergangene Woche war der FDP-Mann in Bolivien, Kolumbien und Peru unterwegs. Um das benachbarte Ecuador machte Niebel einen Bogen: “Es gibt keinen Grund, den Reiseplan zu ändern.”

Im Gepäck hatte der Minister eine dringende Empfehlung des Koalitionspartners CDU/CSU: “Wir wollen, dass Deutschland einen Beitrag zum Schutz des Yasuní-Nationalparks leistet”, sagt der stellvertretende Unions-Fraktionschef Christian Ruck, CSU. Das hatte der Fraktionsarbeitskreis Entwicklungspolitik beschlossen – und nur bekräftigt, was der Bundestag bereits 2008 mit den Stimmen aller Fraktionen angeregt hatte.

Niebel fordert aber “Garantien für einen dauerhaften Verzicht auf die Ölförderung”. Präsident Correa, der täglich neue Bohrlöcher eröffnet, will nur auf die Ölförderung verzichten, wenn bis Ende 2011 wenigstens 100 Millionen Dollar in den Fonds eingezahlt werden. Sollte das Geld dann bereitstehen aber Ecuador trotzdem später das Öl aus dem Boden holen, muss es die Fonds-Beiträge zurückzahlen. Dazu hat das Parlament gerade ein Gesetz verabschiedet.

Der Jurist Bisrat Aklilu, der für das Uno-Entwicklungsprogramm (UNDP) 35 multilaterale Treuhandfonds managt, hält die Konstruktion des Yasuní-Fonds für die beste: “Kein Fonds ist derart erschöpfend untersucht worden”, sagt er. Insgesamt habe die Regierung von Ecuador “die größtmöglichen Garantie geleistet, die eine Regierung geben kann”.

So gesehen klingen Niebels Einwände wie Ausreden.

vollständiger Text unter: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,728316,00.html

 

Heiner Geißler

„Das Kapital hat den Menschen zu dienen und nicht die Menschen zu beherrschen! Aber heute ist es genau umgekehrt: Das Kapital beherrscht die Menschen und die Menschen haben den Kapitalinteressen zu dienen.“

„Es ist nicht so, wie uns dauernd eingeredet wird, dass der Sozialstaat die Probleme für die Ökonomie verursacht. Sondern es ist umgekehrt! Die Ökonomie, die falsche ökonomische Entwicklung bedroht eine gerechte soziale Ordnung!“

Peter Bofinger

„Die Finanzkrise erscheint fast wie ein Betriebsunfall auf dem weiteren Weg zur Entstaatlichung. Als Helfer in der Not war der Staat gerade gut genug, aber man ist froh, wenn man ihn bald wieder loswerden kann.“

„Die selbstzerstörerischen Kräfte des Marktes haben die Grundfesten der marktwirtschaftlichen Ordnung wie auch der Demokratie angegriffen. Der „alte Kurs“ hat in diesem Jahrzehnt für die meisten Arbeitnehmer zu einem Rückgang ihrer Reallöhne und einer deutlich schlechteren kollektiven Absicherung ihrer Lebensrisiken geführt.“

Gesine Schwan

„Für mich sind die Menschen in ihrer Würde gleich, aber nicht in ihren Lebenschancen. Da gibt es furchtbare Diskrepanzen. Die Politik ist dazu da, diese so weit es geht auszugleichen. Es geht um Chancengerechtigkeit.“

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