LeseTipp

Belletristik, Sachbücher, auf die ich aufmerksam machen möchte

 

Meine besondere Empfehlung für den Herbst: Peter Strege: „Grün verrohrt“ (Druckverlag Kettler, Gebundenes Kunstbuch, 2011). Der Künstler Peter Strege lebt in Dortmund-Deusen. Er malt, gestaltet und schreibt. Er mischt sich ein – politisch, sozial, durch Wort, Tat und Kunst. Seine neueste Schöpfung hat der Kettler Verlag in einem schön gestalteten Großformat veröffentlicht.

Die Sonderausgabe „Grün verrohrt“ ist eine Hommage an die Menschen und die Natur im Ruhrgebiet, versinnbildlicht an der Emscher. Ein Flüsschen, das bei Holzwickede durch mehrere kleine Rinnsale gespeist wird und dann nach 80 Kilometern durch Dortmund, Castrop, Herne, Oberhausen in den Rhein mündet. Durch die dichte Besiedlung, die Versumpfung und Bodensenkungen durch den Bergbau, wurde die Emscher zur Kloake des Ruhrgebiets. „Verrohrt“  oder begradigt in einer asphaltierten Rinne floss die Emscher fortan als Abwasser durch die Landschaft. Doch nun folgt die Auferstehung, die Renaturierung. Die wahre Emscher kehrt zurück, zeigt uns und unseren Kindern, wie Flüsse eigentlich fließen – naturnah, mäandernd, ein Segen für die Natur und uns Menschen im Revier.

Be aller neu entdeckten Freude, symbolisieren die Veränderungen der Emscher auch den Strukturwandel des Ruhrgebiets insgesamt. Eine Entwicklung voller Entbehrungen, Ängste, aber mit Licht am Ende des Tunnels. Wer könnte diese Geschichte besser verdeutlichen als ein Künstler, der die Natur und Menschen hier kennt. Peter Strege ist ein exakter Beobachter und mindestens ebenso guter Darsteller. Seine Kunst ist der Zusammenfluss von Bildern, Fotos und Texten. „Grün verrohrt“ ist kein Buch, das man sich vornimmt und dann durchliest wie einen Roman. Nein, es ist eine Entdeckungsreise, ein Ausflug, den man in gemütlichen Stunden durchstöbert. Man verweilt bei einem Bild, liest eine Passage und verliert sich in Gedanken. Vielleicht erinnert man sich an seine eigenen Emscher-Erlebnisse. Oder man zeigt die Bilder seinen Kindern, seinen Freunden, liest vor und reicht das Buch weiter. Nicht schlecht, wenn daraus ein Besuch bei der sich renaturierenden Emscher resultiert und die direkte Erfahrung mit dem Fluss die Eindrücke des Buches ergänzen.

Ich könnte mir vorstellen, dass der Besuch der Emscher auch im Sinne des Autors wäre, der am Ende hier das letzte Wort haben soll. Er schreibt:

„Und nun schleicht sich Natur mit allen ihren unberechenbaren URSPRÜNGLICHKEITEN an die Stelle der offenen Rohre und verwuchert schneller als aus dem Frühling ein Sommer wird. (…) Nun, da die Kanäle gegraben und die Bergwerksgebäude in der Erde voll Wasser gelaufen sind, nachdem also das >schwarze Gold< wieder heimisch schlummert und über´s Meer von fern anreist, beginnen wir mit der Erfindung dessen, was wir verloren zu haben glauben. Re-Natur-Ierung.“

 

Buchtipp von Thomas Wisniewski

Wenn man an Erich Kästner denkt, dann fallen einem wunderbare Kinderbücher ein: „Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“ und natürlich „Das fliegende Klassenzimmer“. Aber Erich Kästner konnte auch anders. 1931 wurde sein Roman: „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ veröffentlicht. Der Roman gilt als einziger Roman von Kästner mit literarischer Bedeutung und spielt im Berlin Ende der 1920er und frühen 1930er Jahre.

Der Germanist Dr. phil. Jakob Fabian arbeitet als Werbetexter in einer Zigarettenfabrik. Fabian genießt das verruchte Leben in Berlin. Das Nachtleben zur damaligen Zeit ist ausschweifend und grenzenlos. Sex wird ohne Vorbehalte und in welcher Konstellation auch immer ausgekostet. Fabian nimmt alles mit, was geht – ohne groß darüber Nachzudenken. Er lebt sein Leben ohne Verantwortung zu übernehmen, er sieht die Dinge ironisch, fast zynisch. Doch dann wird ihm in der Fabrik gekündigt und sein Leben verändert sich. Seine Leichtigkeit ist dahin. Er muss beginnen Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und wird immer mehr zum Moralisten. Fabian setzt sich mit seiner Umwelt auseinander, erleidet dabei viele Enttäuschungen. Seine Freundin, die unbedingt Schauspielerin werden möchte, will nichts mehr von ihm wissen und fängt um ihre Karriere willen ein Verhältnis mit einem Filmdirektor an. Sein bester Freund verzweifelt an seiner Liebesbeziehung und bringt sich um. Und auch die politischen Unruhen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten spitzen sich langsam zu und belasten auch Fabian. Ihm wird sogar ein Job für eine rechtsextreme Zeitung angeboten, den er dann aber ablehnt.

Dieser Roman ist ein spannendes Sittengemälde der Weimarer Republik. Man kann förmlich mit den Händen greifen, wie aufregend das Leben in Berlin damals war, wie frei und zwanglos. Man kann aber auch verfolgen, welche Auswirkungen die damalige Wirtschaftskrise für die Menschen hatte und wie dann auch der moralische und politische Verfall Einzug gehalten hat in das Deutschland der 30er Jahre. Kästner beschreibt das sehr präzise und immer mit seiner typischen Prise Ironie.

Erich Kästner gehört zu den Schriftstellern, dessen Werke 1933 bei der Bücherverbrennung von den Nationalsozialisten verbrannt wurden. Vor allem aufgrund dieses Romans – unter dem Vorwurf der Pornografie – galt Kästner als entartet. Kästner schreibt selbst zu seinem Buch: „dass der ‚Fabian‘ keineswegs ein ‚unmoralisches‘, sondern ein ausgesprochenes moralisches Buch ist. Der ursprüngliche Titel, den, samt einigen krassen Kapiteln, der Erstverleger nicht zuließ, lautete ‚Der Gang vor die Hunde‘. Damit sollte auf dem Buchumschlag deutlich werden, dass der Roman ein bestimmtes Ziel verfolgte: Er wollte warnen. Er wollte vor dem Abgrund warnen, dem sich Deutschland und damit Europa näherten!“

Dieses Buch ist ein tolles Zeitzeugnis und mit der wunderbaren ironischen Schreibe von Kästner sehr lesenswert.

 

Roberto Saviano: Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra (dtv TB / 364 Seiten). Dieses erschütternde Dokument über die Macht der Camorra, ihre Verflechtungen, ihre Opfer ist die mutigste journalistische und schriftstellerische Leistung der europäischen Gegenwart, die ich kenne. Ein aufwühlendes Buch schaurigen Inhalts, brillant recherchiert und mit einer bildlichen Sprache ausgestattet, die jeden Leser atemlos zurücklässt.

Der diplomierte Philosoph und Journalist Roberto Saviano wurde 1979 mitten in der Hochburg der Camorra, nördlich von Neapel geboren. In den 80er-Jahren versorgte sein Vater ein Opfer der Camorra und wurde daraufhin zur Warnung zusammengeschlagen. Nach jahrelangen Recherchen veröffentlichte Saviano 2006 „Gomorrha“, das eine Mischform aus journalistischer Reportage und dokumentarischen Roman darstellt.

Nachdem das Buch ein Welterfolg wurde, musste der Autor wegen der Racheankündigungen der Camorra untertauchen. Er lebt seitdem versteckt an wechselnden Orten und kann kein normales Leben mehr führen. Dennoch wird er auch von hochrangigen Politikern, wie Silvio Berlusconi, beschimpft, die ihn als Nestbeschmutzer sehen. Hotels weigern sich, ihn zu beherbergen, Fluggesellschaften wollen ihn nicht befördern – Angst regiert nun Savianos Alltag. Doch er hat gerade auch in Süditalien viele Anhänger gefunden. „Hört ihm zu“ sprühten Bürger Neapels an ihre Häuserwände. Seine Popularität ist nach der erfolgreichen Verfilmung von „Gomorrha“ durch Matteo Garrone noch gestiegen.

Roberto Saviano beschreibt in seinem Buch detailliert die Praktiken des organisierten Verbrechens und dessen Vernetzung mit legalen Wirtschaftsstrukturen und der Politik. Er schreibt über die Wand des Schweigens, die sich aus Angst, Druck, Ignoranz und Opportunismus aufbaut und die durch nur wenige Menschen durchbrochen wird. Als Beispiel schildert er die Zeugenaussage einer mutigen Kindergärtnerin, die einen Killer der Camorra identifizierte. “Ein Teil ihrer Familie hat sich von ihr distanziert, ein Abgrund der Einsamkeit tat sich vor ihr auf. Eine Einsamkeit, die man besonders schmerzlich im Alltag spürt, (…) und die Freunde sich immer seltener und schließlich überhaupt nicht melden. (…) Was das Handeln der Kindergärtnerin so anstößig machte, war, daß sie es für selbstverständlich, natürlich und notwendig erachtete, Zeugnis abzulegen. Wer eine solche Einstellung hat, glaubt noch an die Wahrheit. Aber in einem Land, wo das wahr ist, was Geld einbringt, und das eine Lüge, was einem zum Verlierer macht, bleibt solch eine Entscheidung nicht nachvollziehbar. Und so kommt es, daß selbst die Menschen, die einem nahestehen, plötzlich irritiert und sich von demjenigen entlarvt fühlen, der den Grundregeln des Lebens zuwiderhandelt, dessen Regeln sie selbst ganz fraglos akzeptiert haben. Akzeptiert haben ohne Scham, denn letztlich muß es ja so laufen, weil es schon immer so gelaufen ist, weil man aus eigener Kraft ohnehin nichts ändern kann und es daher besser ist, seine Kräfte zu schonen, in den alten Bahnen zu verharren und so zu leben, wie es einem zugestanden wird.”

Dennoch lässt Saviano den Leser nicht hoffnungslos zurück. Immer wieder gibt er anderen ein Vorbild, in dem er nicht schweigt, nachforscht, aufdeckt und anklagt. „Als läge der Sinn des Lebens einzig und allein im Überleben. Wissen, verstehen und ergründen ist daher nicht bloß eine moralische Pflicht, es ist eine Überlebensfrage. Ohne diese Selbstverpflichtung ist kein menschenwürdiges Dasein möglich“.

 

Upton Sinclair: Öl (rororo TB / 644 Seiten /Hamburg 1986)

Auch wenn Sinclairs Klassiker von 1927 vor über 80 Jahre geschrieben wurde, ist seine Story erschreckend aktuell. Wer die Grundlagen der Ölwirtschaft, ja des gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems eingebettet in einen gut geschriebenen Roman kennenlernen will, sollte Sinclairs Öl lesen.

Ebenso spannend wie die Handlung des Romans war der Mensch Upton Sinclair und dessen Leben. 1878 in Baltimore geboren, wurde Sinclair zu einem der bekanntesten sozialkritischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er verfasste unzählige Dramen, Kinderbücher, Romane, Theaterstücke und Sachbücher. Sinclair arbeitete als Journalist und engagierte sich als Sozialreformer. Sein zentrales Thema war die soziale Gerechtigkeit, der Kampf für mehr Mitbestimmung und Meinungsfreiheit. Der Durchbruch gelang dem Autor mit dem Roman „The Jungle“, in dem er seine eigenen Erlebnisse und die ausbeuterischen Zustände in den amerikanischen Schlachthöfen beschreibt. Sinclair war so etwas wie die US-amerikanische Version von Günter Wallraff. Er wurde von Albert Einstein gelobt und gewann den Pulitzer Preis, doch für die politische Elite blieb er ein unbequemer Störenfried. Präsident Theodore Roosevelt prägte für ihn den Schimpfnamen Muckraker, was so viel bedeutet, wie Dreckwühler oder Nestbeschmutzer. Muckraker wird in der amerikanischen Alltagssprache noch heute für sozialkritische Literatur oder Enthüllungsjournalismus benutzt.

Auch in Europa – vor allem in Deutschland – erlangten Sinclairs Romane vor dem 2. Weltkrieg hohe Auflagen. Danach gerieten seine Werke langsam in Vergessenheit. 1968 starb Upton Sinclair. 2007 wurde das Buch Öl unter dem Titel There will be Blood mit Daniel Day Lewis als Hauptdarsteller erstklassig verfilmt. Doch der Roman Sinclairs bleibt unerreicht. Leider gibt es in Deutschland keine neuere Auflage des Romans (im Antiquariat – beispielsweise unter www.zvab.com – sind noch Exemplare erhältlich). Es wird Zeit, Sinclair und seine Schriften wieder aus der Versenkung ans Tageslicht zu holen. Seine Themen sind brandaktuell, seine Schreibstil bleibt klassisch modern.

Öl ist eine meisterhafte Analyse amerikanischer Wirklichkeit und ein ergreifender Gesellschaftsroman. Die Handlung startet Anfang des 20. Jahrhunderts in Kalifornien. Energie, speziell Öl, wird zum Schmierstoff der Wirtschaft und zur wichtigsten Ressource der westlichen Welt. Der mit allen Wassern gewaschene Businessman John Ross hat sich hochgearbeitet und steigt erfolgreich ins Ölgeschäft ein. Sein Sohn Bunny begleitet seinen Vater auf Schritt und Tritt, um alles über das Ölgeschäft zu lernen. Doch nach anfänglicher Euphorie entwickelt sich Bunny zu einem Idealisten, dem die sozialen Missstände und die Ausbeutung der Lohnarbeiter im Ölbusiness Bauchschmerzen verursachen. Er solidarisiert sich mit den Arbeitern und sympathisiert mit den erstarkenden Sozialisten. Im Spannungsverhältnis zwischen Luxusleben und der Liebe zu seinem Vater einerseits und seinem sich ausprägenden Gewissen andererseits verfolgt der Leser den Lebensweg von Bunny Ross. Seine Zerrissenheit, seine Ideale, seine Liebesbeziehungen würzen, dramatisieren die Handlung.

Neben der besonderen Familiengeschichte dringt der Roman über das wachsende Ölgeschäft tiefgründig in die sozialen Verhältnisse des erstarkenden westlichen Kapitalismus vor. Genau wie Bunny gelingt es dem Leser nicht, wegzuschauen, wenn er mit Ausbeutung, unlauteren Geschäftsmethoden, Korruption und Lobbyismus konfrontiert wird. Sinclair sagte 40 Jahre nach der Veröffentlichung zu seinem Lieblingsroman: „Es ist das umfangreichste meiner Bücher und es ist besonders sorgfältig recherchiert. Es ist voller Abenteuer und sozialer Gegensätze, keine Geschichte könnte wahrer sein.“

Damals begann der Siegeszug des Öls, der heute in einer Sackgasse angelangt ist. Unter anderem die BP-Katastrophe zeigt uns, dass wir trotz aller Nebenwirkung nicht loskommen von unserer fossilen zerstörerischen Droge. Aber trotz aller Aktualität und allem sozialen Sprengstoff ist Sinclairs Roman ein absolutes Highlight, weil er nicht ins Moralisierende abgleitet, auch die Grautöne zeigt und vor allem, weil er unterhaltsam und großartig geschrieben ist.

 

Diesmal gibt es an dieser Stelle einen Lesetipp von Thomas Wisniewski:

Herta Müller „Der König verneigt sich und tötet“ (Hanser Verlag, 208 Seiten)

„Wer ist Herta Müller? Hast du schon einmal ein Buch von ihr gelesen?“ Diese Fragen kursierten in meinem Freundeskreis als Herta Müller im Jahr 2009 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Herta Müller ist in Rumänien geboren. Seit 1987 lebt sie in Deutschland. Sie schreibt über ihr Leben in Rumänien: über das totalitäre System des ehemaligen rumänischen Staatschefs Nicolae Ceauşescu, über den Tod von Freunden, über die ständige Observation und die endlosen Verhöre. Sie schreibt auch über das Leben in Deutschland. Wie kommt man als Exilant in einem neuen Land zu Recht? Wie vergisst man? Kann man überhaupt Greueltaten, Folter, vor allem psychische Folter vergessen? Sie macht das literarisch – mit einer unglaublichen Kraft und Schönheit. Doch kann man mit schönen Worten Schreckenstaten beschreiben?

Ceauşescus war von 1967 bis 1989 Staatspräsident Rumäniens. Er ließ sich „der Auserwählte“ oder „unser irdischer Gott“ nennen. Mit der Geheimpolizei Securitate schaltete er seine Gegner und die politische Opposition aus. In dem 2003 geschriebenen Buch schildert Herta Müller den Alltag während des Regimes. Verhöre und Observation der Geheimpolizei, die Ausübung von psychischem Druck und sogar Todesdrohungen waren an der Tagesordnung. Herta Müller sucht im Schreiben eine Zuflucht. Eine Zuflucht in ein normales Leben.  Dort konnte sie auch schreiben, was sie denkt und empfindet:

„Erst in den nächsten Jahren hatte ich Freunde, die beschattet und regelmäßig verhört, deren Wohnungen durchsucht, deren Manuskripte beschlagnahmt, die …verhaftet wurden. Was ich bis dahin als beklemmende Atmosphäre spürte, wurde konkrete Angst. Die Freunde wurden gequält, ich wusste genau wo und wie. Ganze Tage sprachen wir darüber, zwischen Witz und Furcht, draufgängerisch und verstört suchten wir Auswege, die es aber nirgends gab…Die Repressalien rückten mir ins Leben. Und ein paar Jahre später rückten sie mir auf die Haut – ich sollte in der Fabrik meine Kollegen bespitzeln und weigerte mich. Und alles, was ich von Freunden über Verhöre, Hausdurchsuchungen, Todesdrohungen wusste, wiederholte sich an mir.“

Beeindruckend. Beklemmend. Herta Müller gelingt es, mit ihren Worten ihre Angst, aber auch ihre Überlebenslust zu zeigen. Sie hat Repressionen und die Zensur des „Königs“ ertragen und überstanden. Sie hat mit ihrer Sprache, mit ihrer Poesie Befreiung und den Traum nach Normalität gesucht und gefunden. Herta Müller erinnert an das Grauen, das es auch in vielen anderen Ländern noch heute gibt. Die Schönheit ihrer Sprache zeigt das auf eindringliche Weise, und berührt. Das ist unglaublich wichtig. Denn vergessen wird heute sehr schnell.

Ich weiß jetzt, wer Herta Müller ist. Ich habe schon einmal ein Buch von ihr gelesen.

 

Ab und zu lohnt es sich einen Klassiker neu zu entdecken oder ein zweites Mal zu lesen. Sicher gilt dies auch für Victor Hugo: Die Elenden (Manesse / 1347 Seiten). Hugo wurde 1802 in Besancon geboren und starb 83 Jahre später in Paris. Vielen Franzosen gilt er als größter Autor überhaupt. Seine Werke werden teilweise der Romantik, teilweise dem Realismus zugeordnet. 1862 erschien “Les Miserables” (Die Elenden) in Paris und es wurde Hugos Meisterwerk.

Es ist immer schwer, ein berühmtes Buch zu bewerten, für einen Laien vielleicht sogar anmaßend. Ich möchte es dennoch versuchen, weil ich allen Mut machen möchte, sich nicht von der hohen Seitenzahl und der Antiquiertheit des Buches abschrecken zulassen. Ich möchte jedem empfehlen – der gerne mal ein Buch zur Hand nimmt, welches etwas anspruchsvoller als einer dieser modernen Vampirromane oder ein Krimi von der Stange ist – es mal mit Victor Hugo zu versuchen.

Beginnen wir aber einfach mal der Darlegung der Rahmenhandlung. Die Hauptfigur des Romans, Jean Valjean, gerät wegen Brotdiebstahls in eine Gefangenschaft, die sehr an Sklaverei erinnert. Erst nach 20 Jahren wird er als verbitterter Mann aus der Haft entlassen. Zunächst irrt er umher und wird rückfällig. Doch seine Begegnung mit der personifizierten Güte versetzen seinen düsteren Gedanken einen Schock. Unter falscher Identität baut er sich in der Provinz ein neues Leben auf. Er kommt durch eine Erfindung und durch Fleiß zu Geld und durch sein Engagement und seine Warmherzigkeit zu Ansehen. Aber natürlich ist die Handlung des Buches längst nicht Reif für ein Happy End. Die bösen Geister der Vergangenheit und seine eigene Mildtätigkeit werden sein Leben erneut dramatisch verändern. Es folgen viele Höhen und Tiefen, viele Handlungen und Entwicklungen, die Jean Valjean durchleben muss. Dabei kommt es immer wieder zum Kampf in seinem Inneren und mit der Außenwelt. Er opfert seine Lebenszeit und seine ganze Liebe einer Waisen, die in der Folge einen immer größeren Raum im Roman einnimmt.

Die Kulisse für das Leben von Jean Valjean bildet ein zerrissener französischer Staat zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sowohl die Revolution von 1789 als auch ihre Aus- und Nachwirkung haben Spuren im Land hinterlassen, die im Roman aufgegriffen werden. Hugo zeichnet eine Sozialstudie Frankreichs und seiner Bewohner. Dabei erhebt er keinen Zeigefinger, sondern lässt die Figuren für sich sprechen. “Die Elenden” handelt von menschlichen Grundwerten, wie Güte, Moral und die Möglichkeit auf eine zweite Chance – aber auch vom Abschaum, der Missgunst und der menschlichen Bosheit.

In einem Brief beschrieb Hugo seine Überzeugung: “Eine Gesellschaft, die das Elend zulässt, eine Religion, die die Hölle zulässt, eine Menschheit, die den Krieg zulässt, scheint mir minderwertig. Mit dem ganzen Willen, den ich besitze, wollte ich die menschliche Fatalität zerstören, ich verdamme die Sklaverei, verjage das Elend, ich behandle die Krankheit, ich erhelle die Nacht, ich hasse den Haß. So bin ich – und darum habe ich die Elenden geschrieben.”

Bei allem Realismus überzeichnet Hugo seine Figuren, romantisiert sie. Hugos Themen bleiben zeitlos. Zeitlos bleibt auch, dass “Die Elenden” den Leser an sich fesselt, ihn mitreißt. Kaum jemand wird das Schicksal von Jean Valjean und seiner aufgenommenen Waisen kaltlassen. Daran ändern auch lange Abschweifungen nichts. Es bleibt der alte Streit darüber, dass auf der einen Seite natürlich auch dieses Meisterwerk hätte deutlich kürzer ausfallen können, ohne damit die Handlung einzuengen, aber auf der anderen Seite gerade auch die Randerzählungen, die Ausschweifungen ihre Brillanz und ihren Wert besitzen. Dies soll jeder Leser selbst beurteilen. Aber selbst wer einige Passagen zu langatmig empfindet, sollte das Buch nicht weglegen, sondern vielleicht einige Zeilen schneller überfliegen, um dann die noch folgenden großartigen Textstellen genießen zu können. Eines sei noch verraten: Der fünfte und letzte Teil wird sehr spannend und ein großes Finale kann ich auch garantieren!

 

Meine Empfehlung diesmal: Alois Prinz “Die Geschichte des George Forster” (insel TB / 249 Seiten). Prinz sorgt mit diesem knappen, gut lesbaren Sachbuch, dass eine der beeindruckendsten und tragischsten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte nicht völlig in Vergessenheit gerät.

George Forster galt bereits in seiner Jugendzeit als Wissenschaftsgenie, der seinem Vater schnell geistig überlegen war. Bereits als 18jähriger begleitete er den schon damals berühmten Captain Cook auf dessen Entdeckungsreise durch die Weltmeere (1772-1775). Es oblag dann auch Forster, den offiziellen englischen Reisebericht der Seefahrt aufzuschreiben und ihn später ins Deutsche zu übersetzen. Dieser Bericht ließ ihn aufsteigen in den europäischen Wissenschaftsolymp. Dies bedeutete aber nicht, dass Forster nun ausgesorgt hatte. Im Gegenteil, es plagten ihn zeitlebens Geldsorgen und auch sonst erlebte er nur wenig glückliche Momente.

Der Cook-Begleiter war ein Freigeist, ein Humanist, der sich schon früh gegen Unterdrückung, Bevormundung und auch die Kolonalisierung auflehnte. Bereits mit 19 Jahren missfällt ihm auf der Entdeckerreise, wie die Engländer mit den einheimischen Inselbewohnern umgehen. Er bezweifelt die angeblich positive Wirkung der Europäer und die Missionierung der neuen Welt: “Wahrlich! Wenn die Wissenschaft und Gelehrsamkeit einzelner Menschen auf Kosten der Glückseligkeit ganzer Nationen erkauft werden muss, so wär es für die Entdecker und die Entdeckten besser, dass die Südsee den unruhigen Europäern ewig unbekannt geblieben wäre!”

Alois Prinz greift immer wieder auf Originalzitate von Forster zurück und dadurch entsteht ein lebendiges Bild des Forschers. Neben der Wissenschaft ergreift immer mehr auch die Politik von Forster Besitz. Er ist zunächst begeistert von der Französischen Revolution und sehnt sich nach der Demokratisierung auch in Deutschland. Als die Franzosen die Revolution auf die damalige Heimat der Familie Forster, nach Mainz ausweiten, steigt Forster schnell zu einem der führenden Volksvertreter auf. Doch die Revolution nimmt keinen guten Verlauf und Forster gerät zwischen die Fronten.

Prinz‘ Buch über George Forster ist ein gutes Einsteigerbuch, das die Neugier anstachelt und zum Weiterlesen anregt. Auch wenn Forster zu Unrecht fast vergessen wurde, gibt es glücklicherweise einige weitere Biographien über ihn und natürlich kann ich nur jedem seinen immer wieder neu aufgelegten Bericht über die Cook-Reise (George Forster: Reise um die Welt) ans Herz legen.

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