Tacheles

Offene und klare Worte zu aktuellen politischen Themen

 

Warum wir den Regenwald vor der Ölindustrie retten und dafür neue Wege gehen müssen

Das Paradies auf Erden

Papageienrufe, ein Chor von Tierstimmen und Geräuschen. Dichter, grüner Wald, besprenkelt mit bunten exotischen Blumen. Flüsse voller Fische und Heimat rosafarbender Delfine. So stellen wir uns das Paradies vor, das Urbild Amazoniens, der großen, grünen Lunge Amerikas. Doch das Paradies schrumpft. Etwa ein Fünftel der Waldflächen in Amazonien sind bereits verschwunden und die Rodungen gehen täglich unvermindert weiter.[1] Die wirklich artenreichen Lebensräume werden selbst in Südamerika immer seltener.[2]

Noch gibt es diese wildromantischen Landschaften. Eines dieser letzten Paradiese ist der ecuadorianische Yasuní-Nationalpark im westlichen Amazonasgebiet. Der Park wurde 1989 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt. Eine internationale Studie[3] hat belegt, dass der Yasuní einer der artenreichsten Gebiete auf der Erde ist: Er beherbergt mehr Baumarten als ganz Nordamerika. Auf einem Baum finden sich mehr Käferarten als in ganz Europa. Fast nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele verschiedene Arten von Amphibien, Vögeln, Säugetieren und Pflanzen. Der Nationalpark ist außerdem der einzige Lebensraum des indigenen Volkes der Huaorani und anderer Stämme, die sich vor der Zivilisation zurückgezogen haben.

Die schwarze Hölle unter der Erde

Alles wäre zumindest hier noch in Ordnung, gäbe es nicht die zunehmende Gier nach dem schwarzen Gold. 850 Millionen Barrel Öl, mit einem geschätzten Wert von über 7 Milliarden Dollar lagern unter dem Paradies.

Was hat Vorrang, Wald oder Öl? Diese Frage stellt sich in einer ökonomisierten Welt nicht mehr. Die Bedeutung für das weltweite Klima, die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt inklusiver vieler unentdeckter Arten und Stoffe, die wahrscheinlich sogar ökonomische Schätze bergen, sind nur schwer bilanzierbar. Der Nutzen bemisst sich nur nach dem einmaligen Verkaufswert des Holzes und des Bodens. Gegen kurzfristigen Profit, den beispielsweise Ölabbau, neue Weideflächen oder Sojaanbau bringen, haben ideelle Werte und auch langfristige Vorteile keine Chance. Daran änderten auch blumige Politikerreden und dutzende internationale Konferenzen und Vereinbarungen nichts.

Das Geschäft mit dem Öl[4] ist häufig dreckig und für viele Bewohner an den Quellen die reinste Hölle. Dennoch hat bisher kein Land auf die Förderung von Erdöl verzichten wollen. Unzählige Pipelines fressen bereits heute Schneisen in den Amazonas-Regenwald. Für ihren Bau sind zehntausende Ureinwohner vertrieben worden. Überall brennen Gasflammen, aus vielen der Rohre tritt Öl aus. Es verseucht die Flüsse, die Tiere und Pflanzen und das Grundwasser. Das Öl enthält krebserregende Stoffe und radioaktive Elemente, sein Schwefeldioxid kann Lungen- und Kehlkopfkrebs sowie Missbildungen zur Folge haben. Mehrere Studien über die Gesundheitsrisiken der Bevölkerung in den Ölförderregionen haben ergeben, dass dort das Krebsrisiko mehr als drei Mal höher ist als üblich. Die Rate der Fehlgeburten liegt zweieinhalbmal so hoch.[5] Und es wird immer weiter abgeholzt. Allein Ecuador verliert in jedem Jahr rund 150.000 Hektar Wald, 80 Prozent des ecuadorianischen Regenwaldes sind bereits verschwunden.

Ein moralisches Angebot

Doch auf einmal gibt es einen ungewöhnlichen, beispiellosen Vorstoß der ecuadorianischen Regierung: Die sogenannte ITT-Initiative (ITT: benannt nach den drei Ölquellen Ishpingo, Tambococha, Tiputini). Der Vorschlag: Ecuador schützt Yasuní und verzichtet auf die Hälfte des Profits der Ölverkäufe. Die andere Hälfte soll die internationale Gemeinschaft beisteuern. Der Wald bleibt, das Öl auch. Durch den Verzicht auf die Förderung werden insgesamt 1.200  Millionen Tonnen CO2-Emissionen vermieden, weitere 800 Millionen Tonnen CO2 durch die nicht stattfindenden Abholzungen. Das wäre ein Paradigmenwechsel mit Vorbildcharakter. Ecuador könnte einen wichtigen Beitrag für den Schutz des Klimas, der Umwelt und für seine indigenen Völker leisten.

Die ITT-Initiative ist weltweit einzigartig und bietet einen innovativen Ansatz. Anders als der bisher von vielen Staaten favorisierte sogenannte REDD-Mechanismus[6], der lediglich einen finanziellen Ausgleich für die Verringerung der Entwaldung gewährleisten soll, vereint sie nämlich drei Ziele: Klimaschutz durch die Nichtausbeutung fossiler Brennstoffe und damit vermiedene Emissionen, Erhalt der Artenvielfalt und Schutz der indigenen Völker. Das Geld – schätzungsweise 3,6 Mrd. US-Dollar in 13 Jahren – soll verwaltet von den Vereinten Nationen in einem Treuhandfonds gesammelt werden. Das Geld aus dem Fonds soll ausschließlich zur Finanzierung nachhaltiger Projekte in Ecuador verwendet, die Bevölkerung dabei aktiv mit einbezogen werden. 100 Millionen Dollar sollen dieses Jahr noch zusammenkommen, damit das Projekt „Waldrettung“ gestartet werden kann. Ansonsten stehen nächstes Jahr die Ölfirmen und Bagger vor der Tür. Mit Chile und Spanien haben die ersten Länder in den Fonds eingezahlt, bisher ist etwa die Hälfte der Summe für dieses Jahr erreicht.

Deutschland: Vom Förderer zum Blockierer

Deutschland gehörte lange zu den Unterstützern und Antreibern des Projektes. Als ich selbst vor Jahren von der Yasuní-Initiative hörte, war ich gleich eingenommen von der Idee – hatte ich doch vorher bei zahlreichen Konferenzen erlebt, wie mühselig irgendwelche Beschlüsse zum Wald- oder Klimaschutz vorankamen. Vereinbarungen waren meist freiwillig und unverbindlich. Einige Abgeordnete unterstützten das Projekt von Beginn an und 2008 sprach sich der Deutsche Bundestag fraktionsübergreifend für eine finanzielle Beteiligung aus.[7] Heidemarie Wieczorek-Zeul und das zuständige Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) stellten 50 Millionen Euro jährlich für die ITT-Initiative in Aussicht.

Dann kam der Regierungswechsel und mit ihm der FDP-Politiker Dirk Niebel an die Spitze des BMZ. Er hielt und hält gar nichts von der Initiative und fühlt sich an Bundestagsbeschlüsse nicht gebunden. Bislang konnte ihn nichts umstimmen: Weder der Aufschrei unzähliger Umweltverbände und der ecuadorianischen Regierung, noch ein Votum des Umweltausschusses, in dem sich vor kurzem die Opposition bei einer Abstimmung über das Projekt durchsetzte. Er blockiert die Freigabe der Gelder vehement und sendet damit ein fatales Signal an viele andere Länder, die Interesse signalisieren und darauf warten, was Deutschland macht. Die Gegenargumente sind stumpf, teilweise sogar lächerlich. Allen Ernstes behauptete die Umwelt-Staatssekretärin Ursula Heinen-Esser im Umweltausschuss, dass dann auch andere Länder – wie beispielsweise Saudi Arabien – berechtigt seien, ähnliche Forderungen zu stellen, um eigene Ölreserven im Boden zu lassen. Erstens ist das ecuadorianische Angebot bisher einzigartig, zweitens entscheiden wir immer wieder souverän, wenn wir Gelder bereitstellen und drittens ist Yasunís Artenvielfalt weltweit höchst selten. Der Vergleich mit dem „so artenreichen“ Saudi Arabien zeigt die Lächerlichkeit der Debatte.

Sicher kann man generell unkonventionelle Wege ablehnen, doch dann muss man zugeben, dass man die Zerstörung von Ecuadors Naturparadies zulässt. Meine Erfahrung zeigt mir, dass wir erst dann helfen, wenn es zu spät ist – wenn der Wald abgeholzt, die indigenen Stämme vertrieben, die Tiere und Pflanzen vernichtet und die Böden verseucht wurden. Dann werden Gelder fließen, um einen kleinen Teil des Waldes teuer und mühsam wieder aufzuforsten. Das ehemalige Naturparadies wird man damit nicht wieder bekommen, doch so sieht die Entwicklungspolitik leider meistens aus.

Was tun?

Deutschland muss jetzt handeln und Haushaltsmittel für das Projekt bereitstellen. Dann wären die 100 Millionen Dollar für dieses Jahr zusammen und die Initiative könnte in die Realität umgesetzt werden. Ansonsten rollen bald die Bagger. Natürlich muss gewährleistet werden, dass das Geld wirklich an die richtige Stelle fließt und Yasuní dauerhaft bewahrt wird. Doch unter der Treuhand der UN, mit der Garantie der Rückzahlung, wenn eine neue Regierung in Ecuador den Vorschlag zurückzieht, ist die Initiative kein Abenteuer. Ein Restrisiko bleibt, aber das gilt für alle Entwicklungshilfemaßnahmen.

Auch eine Reihe von Unionsabgeordneten wollen Yasuní bewahren. Wir haben und werden im Bundestag versuchen, unsere Kollegen von Union und FDP dazu zu bewegen, ihre Regierung umzustimmen oder zu überstimmen. Es kann doch nicht sein, dass ein Minister ein gesamtes Parlament überstimmt und die Regeln bestimmt. Hier gibt es die Chance zu zeigen, dass das Parlament nicht per se machtlos sondern in der Lage ist, der Regierung Aufträge zu erteilen. Aber auch der öffentliche Druck muss zunehmen. Jeder sollte sich den Aktionen[8] anschließen und seine Abgeordnete und vor allem den zuständigen Minister zum Handeln auffordern.

So wichtig der Yasuní-Nationalpark auch ist, insgesamt müssen wir unseren Umgang mit den letzten Urwäldern und Naturparadiesen auf der anderen Seite radikal verändern. Gerade wir Europäer sind mitverantwortlich dafür, auch die Wälder in Afrika, Asien und Südamerika zu bewahren. Bisher hat die Weltgemeinschaft – wie beim gesamten Klimaschutz – versagt. Yasuní bietet uns die Chance, voran zu kommen, nicht auf den letzten Blockierer zu warten. Wir müssen mehr unkonventionelle Maßnahmen ergreifen und mit denen voran gehen, die begreifen, dass wir keine zweite Welt mehr in der Tasche haben.

 


[1] Ginge es mit der Waldrodung so weiter wie bisher, würde sich der Regenwald am Amazonas bis zum Jahr 2030 um weitere 20 Prozent verkleinern.

[3] Unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW)

[4] siehe zum Thema das von mir erstellte Öl-Dossier (http://www.marco-buelow.de/uploads/media/Marco_Buelow_Oel-Dossier_2011.pdf)

[5] Texaco wird vorgeworfen, 30 Jahre lang Regenwaldflächen im ecuadorianischem Amazonasbecken mit Milliarden Litern giftiger Abwässer und rund 60.000 Tonnen Schweröl verpestet zu haben (Quelle: GEO, 08/2010, S. 20).

[6] REDD = Reducing Emissions from Deforestation and Degradation, dt.: Verringerung von Emissionen aus Entwaldung und zerstörerischer Waldnutzung

[8] z.B. von Rettet den Regenwald e.V.: https://www.regenwald.org/aktion/752/nationalpark-yasuni-in-ecuador-leben-statt-ol

 

dieser Artikel ist in einer leicht gekürzeten Version unter dem Titel “Das Paradies auf Erden” in der Ausgabe 45/11 des Freitag erschienen (http://www.freitag.de/positionen/1145-das-paradies-auf-erden)

 

Warum der Protest globalisiert werden muss, in die Zentren der Finanzwelt gehört und auch Deutschland erreichen wird

 „Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten und einige Leute allezeit, aber alle Leute allezeit zum Narren halten kann man nicht“ (Abraham Lincoln)

Das Imperium schlägt zurück

Trotz aller Unterschiede ist das Aufbegehren der Menschen in Nordafrika, Arabien, Israel, Chile und Südeuropa nicht nur ein Signal für die jeweiligen Machthaber, sondern auch eins für die Weltgemeinschaft. Mit „Occupy Wallstreet“ hat die globale Protestbewegung endlich auch die Finanzmärkte erreicht. Am 15. Oktober sind in 80 Ländern die Kritiker des Raubtierkapitalismus auf die Straße gegangen. Im Westen ist spürbar, dass die Regierungen und Parlamente hilflos und häufig auch willenlos den Vorgaben der eigentlich Mächtigen folgen. Deshalb richtet sich die Empörung nun auf das Zentrum der Finanzwelt, die Wallstreet. Die City of London, Frankfurt, Tokio sollen folgen.

Vor Kurzem schienen die Vorzeichen doch noch ganz andere zu sein. Nach der Bankenpleite riefen die Bosse der Finanzwirtschaft und von großen Konzernen nach der Hilfe des Staates, den sie kurze Zeit vorher noch zum Rückzug drängten. Die Zügelung der Finanzmärkte schien nur noch eine Frage der Zeit. Konservative Politiker entdeckten Keynes und steigerten die Investitionsquote. Die Mehrheit der Bevölkerung sprach unserem Wirtschaftssystem eine gerechte und soziale Ausrichtung ab. Der handlungsfähige Staat stand vor einem Comeback, die Krise sollte zur Chance werden.

Doch nun sind wir auf dem Weg, genau das Gegenteil zu tun. Wir erleben eine Schwächung der Politik, ihrer Regierungen und Parlamente, die sie selbst mit herbeiführt hat und die unsere Demokratie nachhaltig verändern wird. Absurderweise wird dazu wiederum die Krise als Begründung herbeigezogen. Obwohl das dicke Ende der Finanzkrise wohl noch aussteht – viele Banken zocken weiter und fahren erneut riesige Verschuldungen ein -, hat die neoliberale Politik nach dem Finanzcrash schnell wieder die Oberhand gewonnen. Auf die Krise von Banken, Wirtschaft und Euro wird mit alten gescheiterten Konzepten geantwortet: Schuldenbremsen, Kürzungen von Investitionen und Sozialleistungen, Schwächungen der Binnenkonjunktur.

Ausnahme Deutschland?

In Deutschland diskutiert man unterdessen darüber, ob man Griechenland und den Euro überhaupt retten darf oder Südeuropa nicht selber Schuld an seiner Misere sei. Bei aller berechtigten Kritik gegenüber den Rettungspakten und der griechischen Haushaltspolitik, wird auch hier wieder nicht der Gesamtzusammenhang gesehen. Unsere Regierung macht sich im Gegenteil stark dafür, dass Südeuropa radikal spart, Löhne und Sozialleistungen gekürzt werden müssen. Es ist kaum die Rede davon, dass die europäische Krise durch die Finanzkrise beeinflusst wurde und wird. Kein Wort darüber, dass durch Kürzungen der Löhne, Investitionen und Sozialleistungen die Binnenkonjunktur leidet und eine Volkswirtschaft sich so sicher nicht erholen kann. Damit wird insbesondere der deutsche Export geschwächt, weil sich unsere Produkte dann kaum noch jemand leisten kann.

Unsere Regierung suggeriert stattdessen, dass alle nur dem deutschen Vorbild folgen müssten, damit alles wieder in Ordnung kommt. Bei uns gibt es keine Diskussionen – wie in den USA -, dass Vermögende einen größeren Beitrag leisten müssten, obwohl hierzulande das Steueraufkommen auf Vermögen und Erbschaften rekordverdächtig gesunden ist.[1]. Beim Thema Arbeitslosigkeit rühmt sich die Politik gar für eine blitzsaubere Leistung, ohne darauf zu achten, welche belastende Entwicklungen auf den Arbeitsmarkt gerade bei uns zu beobachten sind. Ausgerechnet die FDP erklärt in ihrer offiziellen Halbjahresbilanz, wie vorbildlich die wirtschaftliche Lage in Deutschland sei und welchen tollen Beitrag die Liberalen dazu geleistet hätten.

Profit für die Minderheit

Jahrzehntelang kamen Phasen des Aufschwungs auch bei den Arbeitnehmer/innen und den weniger vermögenden Schichten an. Einen wirklichen sozialen Ausgleich gab es nie, aber die soziale Marktwirtschaft schuf in vielen europäischen Ländern Wohlstand und Wachstum, von denen nicht nur eine Minderheit profitierte. Dass dieses Wachstum schon immer auf Kosten von Verlierern ging und nur durch die Ausbeutung und Plünderung von Ressourcen und Natur ermöglicht wurde, war lange nur ein Randthema. Immer mehr des in den letzten Jahrzehnten erwirtschafteten Wohlstands konzentriert heute auf eine kleine Oberschicht. Die weltweite neoliberale Welle – die auch viele sozialdemokratische und sozialistische Parteien erfasste –, ließ die Kluft zwischen Reich und Arm wachsen.

Von allen OECD-Ländern haben zwischen 2000 und 2008 in Deutschland Einkommensungleichheit und Armut am stärksten zugenommen.[2] Sozialleistungen wurden abgebaut, Fordern wurde groß geschrieben, das Fördern dabei aber meist vernachlässigt. Die Mittelschicht musste den Gürtel enger schnallen und immer mehr Menschen sind vom Abstieg bedroht. Der unbefristete Arbeitsplatz mit steigenden Löhnen ist zur Ausnahme geworden. Von sozialer Marktwirtschaft kann schon lange keine Rede mehr sein.

Aufschwung für wen?

Aber da war doch der tolle deutsche Aufschwung, der in Europa doch nun wirklich Maßstäbe gesetzt hat. Ja, die Arbeitslosigkeit ist erfreulicherweise zurückgegangen. Das ist ein Erfolg, auch wenn die Statistik weiterhin viele Menschen auslässt und der Rückgang fast gar nicht die Arbeitslosengeld II-Empfänger/innen erreicht hat.[3] Und diejenigen, die Arbeit haben, bekommen immer seltener eine faire Entlohnung. Die Arbeitsbedingungen werden eher schlechter, Mitbestimmung wird zurückgeschraubt und den Mitarbeiter/innen wird immer mehr abverlangt. Die prekäre Beschäftigung hat in den letzten Jahren – auch während des Aufschwungs – zugenommen.

  • Ein großer Teil der 2010 geschaffenen neuen Stellen sind im Bereich der Leiharbeit entstanden. Mittlerweile gibt es etwa 1 Mio. Beschäftigte in diesem Sektor.[4]
  • Bereits 2009 erhielten 1,36 Mio. Bürger/innen Arbeitslosengeld II (Hartz IV), obwohl sie berufstätig waren. Der Staat unterstützt also arbeitende Menschen mit über 7,5 Milliarden Euro Steuergeldern, nur weil sie nicht ausreichend bezahlt werden.
  • Etwa sechs Millionen Vollzeit-Arbeitnehmer/innen verdienen im Monat keine 900 Euro Brutto. Sie haben schon jetzt zu wenig zum Leben und steuern so direkt in die Altersarmut. Auch hier werden dann zu einem späteren Zeitpunkt die Arbeitnehmer/innen zur Kasse gebeten, die für diejenigen mitzahlen müssen, die zwar ihr Leben lang gearbeitet haben, aber dennoch nicht ausreichend abgesichert sind.
  • Die Netto-Reallöhne in Deutschland sind seit Anfang der 90er Jahre kaum gestiegen. Von 2004 bis 2008 gingen sie sogar zurück. Dies ist einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik, denn nie zuvor ging eine Phase des Aufschwungs mit einer Senkung der realen Nettolöhne über mehrere Jahre einher. Und auch das Wirtschaftswachstum der letzten beiden Jahre führt für die meisten Arbeitnehmer/innen nicht zu mehr Gehalt.

Schmelzende Mittelschicht

Jeder fünfte Vollzeitarbeitsplatz ist also bereits im Niedriglohnsektor angesiedelt. Da wieder herauszukommen wird immer schwieriger. Es kommt zu einem Verschleiß von Talenten und Möglichkeiten. Abstürze von einem geregelten, gut entlohnten Arbeitsplatz in die Arbeitslosigkeit oder den Niedriglohnsektor sind viel häufiger, als der Aufstieg in diese Gruppe. Insgesamt kommt die Chancengleichheit – die von allen Parteien immer wieder betont wird – unter die Räder. Wer einmal unter die Armutsgrenze gerutscht ist, schafft es immer seltener seine Einkommenssituation wieder zu verbessern. 16 Prozent der Deutschen waren 2008 armutsgefährdet – Tendenz steigend. Die Gebildeten bleiben auf der anderen Seite weitgehend unter sich. Ein Gymnasium besuchten Ende des Jahrzehnts etwa 60 Prozent Kinder aus Akademikerhaushalten, aber nur 10 Prozent von Eltern, die einen Hauptschulabschluss oder keinen Schulabschluss vorweisen. Zu diesen Ergebnissen ihrer langjährigen Untersuchungen kommt das unverdächtige Bundesamt für Statistik.[5] Kinder, die den Mittelschichtstatus der Eltern halten wollen, haben ohne Abitur schon schlechte Aussichten.

Damit ist alles zum Thema: „Leistung muss sich wieder lohnen“ gesagt. Eine Studie des Soziologen Wilhelm Heitmeyer stellte fest, dass das Bürgertum verroht und zunehmend eine Ideologie der Ungleichwertigkeit entsteht. Laut der Hans Böckler Stiftung schmilzt die Mittelschicht: Seit 2000 wächst das untere Einkommenssegment, bis 2008 nahm gleichzeitig die Zahl der Besserverdiener zu. Das abstiegsbedrohte Bürgertum „wehrt“ sich, laut der Studie von Heitmeyer, durch Abgrenzung und durch Abschottung beispielsweise gegenüber Migrant/innen oder anderen Minderheiten.

Radikaler Kurswechsel

Der Blick hinter die Kulissen entblößt, dass auch in Deutschland der Schein trügt und die Verwerfungen auch in der Phase des Aufschwungs nicht eingedämmt wurden. International wird immer deutlicher, was uns alles noch bevorstehen könnte. An den Finanzmärkten hat man nicht dazugelernt. Der Crash wurde nicht von den Verursachern der Krise, sondern von den Staatshaushalten, also von den Bürger/innen, bezahlt. Vieles davon durch massive Neuverschuldungen. Der verspottete angeblich überflüssige Staat war gut genug die Banken zu retten und mit Konjunkturprogrammen Schlüsselindustrien aufzupäppeln.

Wir sollten diese Entwicklungen nicht mehr verschweigen und nicht so tun, als würden wir in Deutschland auf einer Insel der Seligen leben. Wir müssen mutige und auch unpopuläre Maßnahmen ergreifen:

  • Neben der Arbeitslosenstatistik muss auch Gute Arbeit, hauptsächlich unbefristete Beschäftigung und Mitbestimmung, die Richtschnur dafür sein, ob wir am Arbeitsmarkt gut aufgestellt sind. Statt der geplanten Reduzierung brauchen wir mehr Arbeitsmarktinstrumente, die auch Langzeitarbeitslosen noch eine Perspektive geben.
  • Natürlich muss endlich auch in Deutschland der flächendeckende Mindestlohn eingeführt werden und insgesamt die Menschen fair entlohnt werden.[6]
  • Wir werden um Steuererhöhungen nicht herumkommen, wenn wir einen handlungsfähigen Staat wollen, der auch weiterhin Investitionen tätigen kann. Natürlich muss der Schwerpunkt bei den großen Vermögen liegen.
  • Wir müssen stärker den Verbrauch von Schadstoffen und endlichen Ressourcen besteuern, um  die realen Kosten unsers Wirtschaftens abzubilden und die Schäden reduzieren zu können.
  • Wir sollten uns auf internationaler Ebene endlich trauen, der Finanzwirtschaft die Ketten anzulegen. Die Vorschläge dazu liegen lange auf dem Tisch. Hier nur in Stichworten: Bankengröße festlegen (keine Bank darf mehr so groß sein, dass sie bei einer Pleite gerettet werden muss); Geschäfts- und Investmentbanken voneinander trennen; Gläubiger haftbar machen; Persönliche Haftung der Profiteure deutlich verschärfen; Steueroasen schließen (auf Verweigerer wirtschaftspolitischen Druck ausüben); Finanztransaktionsteuer einführen; Ausfallversicherungen für Staatsanleihen verbieten; spekulative Finanzprodukte drastisch einschränken.
  • Die ganze Scheinfinanzwirtschaft, die mehr auf Erwartungen, Spekulationen und Zockerei ausgelegt ist, als auf reale Güter und Dienstleistungen, darf nicht ein Vielfaches des gesamten weltweiten Bruttoinlandsproduktes ausmachen (siehe Spiegel-Grafik).
  • Schuldenbremsen und neoliberale Sparkonzepte werden die Kaufkraft verringern und damit die Wirtschaftskraft schwächen. Es gibt intelligentere Konzepte, die Neuverschuldung zu bremsen und dennoch handlungsfähig zu bleiben[7]. Es gibt zudem riesige Unterschiede, ob man in Zukunftstechnologien und Bildung investiert oder weiterhin Geld in umweltschädliche Subventionen pumpt oder Konjunkturprogramme auflegt, von denen nur wenige Großkonzerne profitieren.
  • Vor allem sollten wir endlich unseren Wachstumsfetisch überwinden, der von links bis rechts die Aufmerksamkeit auf das Wachstum richtet, obwohl damit keine Aussage getroffen wird, wie nachhaltig und zukunftsfähig dieses Wachstum ist. Es kann nicht sein, dass z.B. Waldabholzung oder Waffenlieferungen an Diktatoren unsere Messgröße für Wachstum steigert, Gesundheit, Lebensqualität, Bildungsstand aber nicht als Indikator mitberechnet werden.
  • Wir brauchen eine wirkliche Energiewende, die weit mehr als einen Ausstieg aus der Atomenergie zur Folge hat. Nur der radikale Umbau zu einer dezentralen, erneuerbaren und effizienten Energiewirtschaft wird unseren Wohlstand, Arbeitsplätze und die Energieversorgung langfristig sichern.
  • Wir brauchen einen sozial-ökologischen Zukunftsvertrag – eine Fortentwicklung des Green-New-Deals, der nicht nur die Wirtschaft ökologischer und effizienter machen will, sondern auch die sozialen Verhältnisse einbezieht (siehe dazu meinen Text “Crossoverprojekt Zukunftsvertrag” )
  • Wir müssen zurückkehren zu selbstbewussten Parlamenten und Regierungen, die sich nicht durch Lobbyisten von Großkonzernen und der Finanzwirtschaft erpressen oder zu willigen Vollstreckern machen lassen. Die internationalen Organisationen müssen gestärkt aber gleichzeitig auch besser legitimiert und transparenter werden.

Empören und Alternativen aufzeigen

Dies sind alles nur Ansätze, die von vielen schlauen Leuten längst detaillierter ausformuliert und vorgeschlagen wurden. Bisher ohne große Wirkung, denn statt die gescheiterte Periode von Deregulierung und Privatisierung umzukehren, wird die neoliberale Vorgehensweise konsequent fortgesetzt. Nein schlimmer, die Finanzwirtschaft verlangt absolute Freiheit und Deregulierung für ihre Geschäfte, will aber genau diese neoliberalen Spielregeln nicht einhalten und erwartet in der Krise, dass Staat und Steuerzahler planwirtschaftlich zur Rettung eilen. Eine Pervertierung des freien Marktes. Wie auch bei der Atomenergie gilt das Prinzip: Profit privatisieren, Risiken vergesellschaften. Aber bisher legt kein Staat seine Scheuklappen ab, stattdessen versuchen sie mit den gleichen Methoden, die uns in die Krise reingeführt haben, wieder rauszukommen. Damit ist die nächste Krise vorprogrammiert.

Wir brauchen endlich eine Debatte nicht nur über einzelne Symptome, sondern über unser „Wirtschaften“ im Allgemeinen. Sozial ist unser System schon lange nicht mehr, ökologisch und nachhaltig war es noch nie und auch die vielbeschworene Chancengleichheit ist eine Illusion. Wir schauen zu, wie eine Elite unser ganzes Leben ökonomisiert und den Grundsatz, dass die (Finanz-)Wirtschaft für den Menschen da ist, völlig umkehrt. Lassen wir uns nicht mehr zum Narren halten. Stellen wir endlich die Systemfrage. Nur eine radikale Kurskorrektur, neues Denken wird uns in eine Balance zwischen Wirtschaft, Umwelt und sozialem Leben bringen.

Der Protest und die Empörung auf den Plätzen dieser Welt und an den Finanzmärkten machen langfristig nur dann Sinn, wenn Alternativen angeboten werden. Dazu müssen wir neue zeitgemäße Konzepte erarbeiten – jenseits des überkommenden neoliberalen Denkens, aber auchjenseits des Griffs in die sozialistische Mottenkiste. Der Kommunismus hat weder den undemokratischen Versuchungen standgehalten, noch war er nachhaltig und ökologisch. Die Zeit ist reif für einen dritten sozial-ökologischen Weg, in der die wirtschaftliche und politische Macht international reguliert wird, sie konsequent regionalisiert und ihr völlige Transparenz verordnet wird.

 


[1]  DIW: Nur 2,3% des Steueraufkommens insgesamt (einschließlich Sozialversicherung) stammen in Deutschland noch aus Vermögen. 1965 waren es noch 5,8%. In Frankreich sind es 7,8%, in den USA sogar 12,1%.

[2]  OECD 2008: Growing unequal? Income distribution and poverty in OECD countries, Paris.

[3] Eine 5-Jahres-Bilanz des Deutschen Landkreistages vom August 2011 zeigt einen geringen Rückgang der SGB II-Empfängerzahlen von 7,4 auf 6,3 Mio. (-14,6 %), während allerdings im gleichen Zeitraum die Arbeitslosigkeit von 4,37 auf 2,95 Mio. Personen (-32,6 %) und damit erheblich stärker gesunken ist. Der Anteil der SGB II-Leistungsempfänger an den Arbeitslosen ist von 64 % vor fünf Jahren auf 71 % angestiegen.

[4] Laut dem Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) arbeiten davon 2/3 zu Niedriglöhnen.

[5] Bundesamt für Statistik Datenreport 2011

[6]  Laut der neusten Prognos-Studie würde durch einen Mindestlohns die Erwerbseinkommen der privaten Haushalte um 14. Mrd. ansteigen und der Staat somit Einkommensteuereinnahmen von 2,7 Mrd. verbuchen. Darüber hinaus würden laut dieser Berechnung 1,7 Mrd. unterstützende Transferleistungen entfallen.

[7] Siehe: Tacheles Schuldenbremse stoppen (Mai 2009) http://www.marco-buelow.de/buelow/eigene-texte/tacheles.html

 

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Beitrag für das Debatten-Heft “Der Bürger im Staat”. Die Ausgabe “Aufrechter Gang – Zivilcourage im Alltag” ist hier zu finden.

Angst vor der eigenen Courage

Als Journalist über Courage in der Politik oder im Allgemeinen zu berichten, klingt nach einer reizvollen Aufgabe. Als Abgeordneter aber über die Zivilcourage – oder besser: die häufig nicht vorhandene Courage – in der hohen Politik und meiner Kollegen zu schreiben, wird zu einem Dilemma. Wie gehe ich damit um?

Die Angst vor der eigenen Courage ist mir vertraut. Kaum einer wird sie wirklich los, der seine politische Laufbahn noch nicht abgeschlossen hat. Aber mangelnde Reflexion über dieses Dilemma führt zu jenem Verlust an Demokratie, den wir zur Zeit erleben. Immer mehr Menschen wenden sich von den Parteien ab, weil eine wachsende Anzahl Politiker zu viel Angst vor der eigenen Courage hat.

Mutiges Verhalten in der Politik

Was heißt überhaupt Zivilcourage? Courage, französisch Mut, verband sich in Frankreich im frühen 19. Jahrhundert mit Civis, lateinisch Bürger zu courage civil, dem Mut des einzelnen Bürgers, also kurz Bürgermut.[1] Im Nationalsozialismus und in anderen Diktaturen entwickelte sich das Verständnis von Zivilcourage zu einer Tugend, sich gegen die herrschende Staatsgewalt zur Wehr zu setzen. Gegenwärtig folgen wir meist der Definition des Journalisten Martin Knobbe[2]: „Heute wird unter Zivilcourage ein mutiges Verhalten verstanden, mit dem sich jemand – ohne Rücksicht auf eventuelle Nachteile – für Werte einsetzt, von denen er überzeugt ist. Dies kann eine politisch motivierte Handlung gegen die herrschende Meinung, aber auch eine Hilfeleistung bei einem Übergriff in einer U-Bahn sein.“

Gerade in den letzten Jahren feiert die Zivilcourage eine Art Renaissance. Dies mag dadurch begründet sein, dass in Zeiten der Individualisierung, der Ellbogengesellschaft die Sehnsucht nach Gemeinsinn steigt und mehr selbstloser Mut gefordert wird. Diese Courage kann sich sowohl gegen die Diskriminierung von Minderheiten, oder gegen das rücksichtslose Auftreten von Mehrheiten, von politischen und wirtschaftlichen Eliten oder der Staatsmacht richten. Courage wird also meist durch reine Menschlichkeit oder/und durch politische Überzeugung motiviert.

Zivilcourage muss aktiv und konstruktiv sein

Politik in der Demokratie lebt von Kompromissen und von Mehrheiten. Es ist deshalb wichtig, dass Politiker Mehrheiten anerkennen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass sie ihre Überzeugung aufgeben sollten, wenn sie dafür keine Mehrheit finden. Erst recht bedeutet dies nicht, dass Abgeordnete ihre Meinung je nach Mehrheit ohne wirkliche Überzeugung verändern und anpassen müssen. Kaum einer weiß das besser als der politische Vordenker Erhard Eppler: „Der demokratische Rechtsstaat lebt vor allem von Tugenden, die in einer Diktatur sicher nicht gefragt sind. Dazu gehört die Zivilcourage, eine Form der Tapferkeit. Wer im demokratischen Europa zwei Jahrzehnte früher als die meisten Medien auf ökologische Gefahren aufmerksam macht, muss zwar nicht befürchten, dass morgens um fünf die Gestapo klingelt, aber es gibt ausreichend Methoden, um ihm das Leben zu verleiden. Daher gehört zum politischen Engagement, wenn es nicht allein der Karriere dienen soll, immer noch eine Portion Mut. Wo Zivilcourage rar wird oder gar fehlt, wird demokratische Politik steril, fade, abstoßend. Wo aber Loyalität gegenüber der eigenen Partei und fundierte Überzeugung in der Sache miteinander in Konflikt geraten und Zivilcourage diesen Konflikt sichtbar macht, bekommt Politik ein menschliches Gesicht.“[3]

Ich glaube, dass wir unsere Definition erweitern müssen. Prof. Gerd Meyer hat dazu einen entscheidenden Schritt getan: „Zivilcourage oder sozialer Mut ist ein bestimmter Typ öffentlichen Handelns in spezifischen Situationen und unterschiedlichen sozialen Kontexten: sichtbar, aktiv und risikobereit tritt eine Person ein für allgemeine humane und demokratische Werte, für Integrität und die legitimen Interessen vor allem anderer Menschen, aber auch des Handelnden selbst.“ Wichtig ist dabei die aktive Handlung, die immer schwieriger ist und deutlich weiter geht, als die Kritik an einem Zustand. Für mich bedeutet couragiertes Handeln immer auch den Einsatz für eine Ansicht, für einen Menschen oder für eine Gruppe, die in der Minderheit ist oder sich allein nicht ausreichend selbst zur Wehr setzen kann. Es geht mir darum, deutlich zu machen, wie schwierig die Auslegung von Courage in der Politik sein kann, wie schmal der Grat ist, mehr Courage einzufordern oder sie abzulehnen. Deshalb ist es mir wichtig, auf die erweiterte Definition von Zivilcourage zu setzen, damit sie sich klar von Populismus und unkonstruktivem Genörgel absetzt.

Nestbeschmutzer und Dreckwühler

Den meisten Mächtigen in der Politik, aber auch in der Wirtschaft und in den Medien, sind Kritik und aufrechter Gang aus den eigenen Reihen ein Ärgernis. Gefährlich wird es für die Mutigen vor allem dann, wenn ihre Kritik die personelle Spitze beschädigen könnte. Auch konstruktive Kritik und differenzierte Darstellungen von den Entwicklungen in der Politik werden entweder ignoriert oder heftig bekämpft. Wenige kritische Worte reichen häufig, um als Nestbeschmutzer und Dreckwühler diskreditiert zu werden. Die Geschichte ist voll von Beispielen, bei denen Kritiker die volle Wucht der Diskreditierung aus den eigenen Reihen zu spüren bekamen. „Ein Wort ist zurückgekehrt ins Bewusstsein, in unsere Alltagssprache. Ein einziges Wort, das alle bisherigen Geschwister-Scholl-Preisträger charakterisiert, allen voran unseren heutigen, dreißigsten und selbst erst dreißigjährigen Roberto Saviano: ich spreche von Zivilcourage“. So beginnt eine Laudatio für Roberto Saviano, der es gewagt hat, mit dem Enthüllungsbuch „Gomorrha“[4] über Italiens Unterwelt zu schreiben. Es ist meines Erachtens eines der mutigsten Bücher unserer Zeit. Nachdem das Buch ein Welterfolg wurde, musste der Autor wegen der Racheankündigungen der Camorra untertauchen. Er wird seitdem nicht nur aus Angst gemieden und ausgegrenzt, angeheizt wird die Diskreditierung ausgerechnet von hochrangigen Politikern, wie Silvio Berlusconi, die Saviano als „Nestbeschmutzer“ beschimpfen. Dieses Verhalten wiederum ist so etwas wie der Gegenpol zu Courage und Anstand.

So harte Gegenreaktionen müssen wir in vielen europäischen Länder glücklicherweise nur selten befürchten, dafür haben weniger bekannte Querdenker kaum eine Chance, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Der Grat zwischen „Nestbeschmutzung“ und „Zivilcourage“ ist schmal. Dennoch sollten wir gerade die Arbeit schätzen, die Widerspruch erregt, die enthüllt, die im Schmutz gewühlt hat. Niemand muss zum Günter Wallraff werden, aber einige mehr, die eine ähnliche Richtung einschlagen, könnten wir gut gebrauchen.

Nur selten sind politische Führungen weitsichtig und tolerant genug, konstruktive Kritik als Chance zu erkennen. Nur selten erhalten die Kritiker die Gelegenheit, selbst die Geschicke in die Hand zu nehmen. Meistens werden sie ignoriert oder abgekanzelt.

Natürlich funktioniert Politik nur dann, wenn neben Vor- und Querdenkern viele Teamplayer agieren. Beides muss sich aber auch nicht ausschließen, so wie seriöse Sachpolitiker durchaus Charakterköpfe sein können.

Angepasster Nachwuchs?

Ich sehe es als Stärke, wenn sich eine Parteiführung der internen Kritik stellt und es akzeptiert, eine interne inhaltliche Debatte auch mal zu verlieren. Dazu müsste aber auch ein Großteil der Medien seine Automatismen verändern. Es ist deutlich beliebter, Konfrontationen als schwierige Einigungen in den Fraktionen darzustellen. Aus parteiinternen inhaltlichen Diskussionen werden zu häufig Streit und frontale Angriffe auf das Spitzenpersonal konstruiert.

Es wird niemanden mehr verborgen geblieben sein, dass immer weniger junge Menschen bereit sind, sich in Parteien zu engagieren (laut der Eurostat-Studie „Youth In Europe“ von 2009 sind nur knapp 3% der jungen EU-Bürger in Parteien oder Gewerkschaften aktiv). Dies liegt aber nicht in erster Linie darin begründet, dass die kommenden Generationen weniger politisch, weniger engagiert sind oder gar weniger Zivilcourage beweisen. Alle Untersuchungen – wie z.B. die umfangreiche Shell-Studie – zeigen, dass sich nur die Art und vielleicht die Intensität des Engagements verändert hat. Auch dafür gibt es sicherlich zahlreiche Gründe. Fest steht, dass vor allem die Parteien zu unattraktiv für junge Menschen geworden sind.

Diese Entwicklung ist auch deshalb problematisch, weil die Personaldecke in den Parteien immer dünner wird und die Eliten immer weniger direkt kontrolliert werden. Einigen Politikern passt es sicher gut in den Kram, dass sie erstens weniger Konkurrenz haben und zweitens immer weniger Parteimitglieder oder aktive Bürger ihnen auf die Finger schauen.

Der Mythos, dass Qualität sich immer durchsetzt, ist so weitverbreitet wie naiv. Schon immer und in allen Bereichen halfen und helfen Vitamin B und Kontakte mehr als eine gute Qualifikation. Die Fürsprache von wichtigen Personen erhält man meistens aber nicht, weil man aufmüpfig, unabhängig und couragiert ist, sondern eher, weil der Unterstützer dafür eine Gegenleistung erwartet oder weil er sich der bedingungslosen Loyalität des Zöglings sicher ist.

Demokratie, direkt und parlamentarisch

Welche Untersuchungen aus welchem Jahr man auch heranzieht, das Vertrauen in die Politiker und in die Parteien geht zurück. Die Distanz zwischen Bürgern und Mandatsträgern wird zu einem Graben, der heute fast unüberbrückbar scheint. Politiker haben einen großen Anteil an dieser Entwicklung. Aber die Dauerschleife, „Die da oben machen ja sowieso was sie wollen“ und „Der kleine Mann ist immer der Dumme“, hilft niemanden weiter. Wichtig ist, dass man sich direkt beteiligt und dass man dies aus innerer Überzeugung und aus freien Stücken tut.

Ich halte viel davon, der Bevölkerung deutlich mehr direkte Eingriffsmöglichkeiten zu geben, als alle vier oder fünf Jahre mal ein Kreuz zu machen. Es gibt viele gute Beispiele der Bürgerbeteiligung. Dennoch werden auch diese Möglichkeiten nicht alle Gräben zwischen Politik und Bevölkerung zuschütten oder Probleme lösen. Alles in Allem werden die Probleme immer unübersichtlicher und die Distanz der Bevölkerung zu den Parlamenten immer größer, so dass wir unsere Angst vor der direkten politischen Einflussnahme der Bevölkerung endlich abbauen sollten. Dabei ist es zudem zwingend, die sich dynamisierenden politischen Diskussionen und Beteiligungen, die heute häufig über die neuen Medien ausgeübt werden, in unser politisches System zu integrieren.

Ich bleibe bei aller Offenheit für Neuerungen aber gleichzeitig ein Verfechter unseres parlamentarischen Systems. Auch dazu hat Erhard Eppler die richtigen Worte gefunden: „Könnte man von heute auf morgen die Parteien abschaffen, wollte aber die freien Wahlen und das Mehrheitsprinzip beibehalten, so müssten sich sofort Vereinigungen bilden, die sich zwar nicht mehr Parteien nennen, aber doch deren Funktion übernehmen würden.“[5] Ohne Zweifel würde ein Bundestag ohne Fraktionen unendlich viel Zeit brauchen, um Entscheidungen herbeizuführen. Wahrscheinlich würden die Debatten sogar im Chaos enden. Kein Abgeordneter kann sich in alle Themen einarbeiten. Niemand ist in der Lage, alle wichtigen Entscheidungen zu hinterfragen. Schon deshalb macht Teamwork Sinn.

Im Verbund mit Möglichkeiten der direkten Demokratie müssten sich die Parteien öffnen und den Einfluss ihrer Basis wieder vergrößern. Auch wenn die Probleme der Parteien sicher vielschichtiger sind, wer dort direkten Einfluss nehmen kann und wer seine Vorstellungen ohne großen Anpassungsdruck unbürokratisch einbringen kann, für den wird eine Partei auch wieder attraktiver. Aber um dies noch einmal klar zu sagen: Machen die Parteien unbeirrt so weiter, ziehen sie keine Konsequenzen aus ihrem Vertrauensverlust, öffnen sie sich nicht für die politische Beteiligung außerhalb der althergebrachten Strukturen, dann werden sie immer mehr an Einfluss verlieren. Ich halte es mit einem weiteren Vor- und Querdenker, mit Hermann Scheer: „Demokratische Selbstbestimmung für eigenverantwortliche Selbsterhaltung: Das ist praktisch die Grundbedingung der Politik. Der Staat darf nicht als Relikt der Vergangenheit verstanden werden, sondern als unverzichtbare Gemeinschaftsagentur einer Gesellschaft, insbesondere für ihre schwächsten Mitglieder.“[6]

Ausufernden Lobbyismus stoppen

In über acht Jahren als Bundestagsabgeordneter habe ich immer wieder mitbekommen, wie alle Fraktionen – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung – starke Lobbygruppen übervorteilt oder buchstäblich bedient haben. Ich habe den Eindruck, dass sich der Einfluss von einigen wenigen mächtigen Lobbyisten in den letzten beiden Jahren noch einmal deutlich erhöht hat. Auch wenn vieles im Verborgenen stattfindet, diskutiert die Öffentlichkeit nun immer häufiger und immer kritischer über den Einfluss des Lobbyismus. Zu offensichtlich werden wichtige Entscheidungen ohne intensive Diskussionen im parlamentarischen Eilverfahren durchlaufen, nachdem sie mit wichtigen Interessensgruppen abgestimmt wurden.

Lobbyismus, also die Vertretung von Interessen, ist theoretisch nichts Negatives. Wenn die Lobbyarbeit transparent ist und in geregelten Bahnen abläuft, wenn Abgeordnete nicht nur den profitorientierten Interessensvertretern mit den opulenten Einladungen ihr Gehör schenken, sondern auch den kleinen Initiativen und Verbänden, die sich keine professionelle Lobbyarbeit leisten können, dann könnte er unser parlamentarisches System bereichern. In der Realität zimmern jedoch vor allem einige mächtige Lobbyisten mit den Ministerien Gesetze, beeinflussen Abgeordnete und Journalisten und regieren mehr mit als die meisten Parlamentarier.

Auch wenn man sicher nie eine finanzielle und personelle Waffengleichheit zwischen den verschiedenen Interessensgruppen wird herstellen können, auch wenn Beeinflussung zum politischen Geschäft immer dazugehören wird, müssen wir den ausufernden Lobbyismus begrenzen. Zunächst muss ein Lobbyregister her, das eine bessere Transparenz schafft und Ross und Reiter klar benennt. In Ministerien haben Unternehmensvertreter nichts zu suchen, und Politiker müssen nach ihrer Mandatstätigkeit eine Karenzzeit einhalten, bevor sie selbst in die Wirtschaft oder zu den Lobbyisten wechseln dürfen. Dazu brauchen wir eine Art Ehrenkodex für Abgeordnete, in dem einige Regeln aufgestellt werden, wie wir mit dem Lobbyismus umgehen. Dort könnte beispielsweise erklärt werden, dass man keine Geschenke, opulente Einladungen, Reisen von Unternehmen annimmt, dass man seine Treffen mit Lobbyisten transparent im Internet auflistet, dass man darauf achtet, auch die Meinung der finanziell schlechter ausgestatteten Verbände einzuholen. Die Organisation Lobbycontrol[7] hat sehr viele Vorschläge erarbeitet, die endlich angemessen im Bundestag diskutiert werden sollten. Die Oppositionsfraktionen haben zumindest einige Vorschläge aufgegriffen, doch bisher fehlt der Mehrheit auch hier die Courage, das Thema überhaupt intensiver zu diskutieren.

Mitbestimmungsdemokratie statt Postdemokratie

Lobbyismus ist ein Symptom für eine Entwicklung, die unser demokratisches System insgesamt gefährden könnte. Der Systemwissenschaftler Reinhard Ueberhorst hat schon vor Jahren beschrieben[8], wie Projekte gegen Mehrheiten durchgesetzt werden: Zunächst wird erklärt, dass es zu dem eingeschlagenen Weg keine Alternative gibt. Genehme Wissenschaftler werden dann mit einem Gutachten betraut, die bestätigen, wie wichtig das Projekt ist. Kritiker werden ignoriert oder lächerlich gemacht. Ich möchte dies noch ergänzen: Anstelle ein Gutachten zu vergeben, wird gerne auch eine unlegitimierte Kommission eingerichtet, deren Mitglieder nur von einem ganz kleinen Kreis ausgewählt werden. Sie unterbreitet dann konkrete Vorschläge und denkt auch über deren Umsetzung nach. Am Ende des Prozesses gibt es jedenfalls einen Lösungsvorschlag und natürlich keine Gegenentwürfe. Die Partei- und/oder Regierungsspitze verbindet das Gelingen und die Umsetzung des Projekts mit ihrem Ansehen, so dass Parteimitglieder und Abgeordnete sich kaum mehr trauen dagegen zu stimmen oder gar das Ergebnis zu kritisieren.

Wie weit entfernen wir uns mit solch einem Gebaren von einem idealen Demokratiemodell mit couragierten Politikern? Politikwissenschaftler wie der Brite Colin Crouch geben dazu eine klare Antwort. Sie sprechen von der Postdemokratie[9]. Demnach ist die parlamentarische Demokratie mit freien, periodisch stattfindenden Wahlen und Parteienkonkurrenz formal völlig intakt. Regierungen können abgewählt werden, es gibt keine Pressezensur, und es herrscht Gewaltenteilung. Doch hinter dieser funktionierenden Fassade besteht in der Postdemokratie eine Machtstruktur, die sich vom eigentlichen demokratischen System entfernt hat. Eine Elite beherrscht und kontrolliert die politischen Entscheidungen, Wahlkämpfe sind ein von Medien- und Imageberatern kontrolliertes, meist personalisiertes Spektakel. Die Regierungen handeln Gesetze mit Lobbyisten und nicht mit den Parlamenten aus. Politische Entscheidungen werden hinter geschlossenen Türen und dort von wenigen und meist nicht demokratisch legitimierten Personen getroffen.

Viele Bürger rufen nach mehr Mitbestimmung, wollen direktere Einflussmöglichkeiten und zeigen ihr politisches Engagement in ganz unterschiedlicher Art und Weise. Ich habe das Gefühl, dass der zivile Protest, die Zivilcourage, wieder auf dem Vormarsch ist. Gleichzeitig wächst das Misstrauen in die Parteien und Politiker. Die Parlamente haben sich ihren Einfluss von Regierungen, Kommissionen und Lobbyisten einschränken lassen, verteidigen ihn aber vor der Bevölkerung. Wer die Postdemokratie verhindern will, der muss Courage beweisen, denn die Hindernisse sind hoch und die Gegenspieler mächtig.

Weniger anpassen, mehr Courage!

In der Regel führen Politiker heute Schaukämpfe über Differenzen, die marginal geworden sind und die sich teilweise nur ihre Berater ausgedacht haben. Dabei basierten die meisten großen Veränderungen auf einer Vision, die oft zunächst nicht mehrheitsfähig war. Als Beispiel sei die Ostpolitik von Willy Brandt angeführt, die zunächst selbst in der SPD heftig umstritten war.

Wenn unsere Demokratie wieder lebendiger werden soll, müssen Inszenierungen, übersteigerte Personalisierungen und Showkämpfe auf ein erträgliches Maß reduziert werden. Stattdessen sollte der ehrliche Streit, der Wettkampf um die besseren Ideen und Konzepte in den Mittelpunkt der Politik rücken. Eher selten zielt inhaltliche Kritik darauf ab, einen Minister anzugreifen, und nicht jeder neue Vorschlag düpiert die Vorstellungen eines anderen. Ein öffentlicher Streit um die Sache wird von den Medien leider selten als Beispiel einer offenen Diskussionskultur, sondern zumeist als kritikwürdiges Hauen und Stechen dargestellt.

Ich möchte jeden dazu motivieren, die Diskussion um unsere politische Kultur zu beleben und endlich eine Debatte um unser demokratisches System zu beginnen. Dazu könnte ein Zitat von Albert Einstein uns eine Richtschnur geben: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“



[1] Vgl. Gerd Meyer (2004): Was heißt mit Zivilcourage handeln? In: Gerd Meyer/Ulrich Dovermann/Siegfried Frech/Günther Gugel (Hrsg.): Zivilcourage lernen. Analysen – Modelle – Arbeitshilfen. Bonn, Stuttgart und Tübingen 2004, S. 23–40; hier S. 22.

[2] Martin Knobbe, Die Tugend der Wächter, in: Stern 31/2005, Hamburg 2005, S.113

[3] Erhard Eppler: Auslaufmodell Staat, Suhrkamp 2005, Seite 191

[4] Roberto Saviano: Gomorrha – Reise ins Reich der Camorra, Hanser 2007

[5] Erhard Eppler: Auslaufmodell Staat, Suhrkamp 2005, Seite 195

[6] Hermann Scheer: Die Politiker, Kunstmann 2003, Seite 260

[8] Reinhard Ueberhorst: Über den politischen Umgang mit komplexen Alternativen (In: Festschrift

für Günter Altner, 2001, S. 125ff)

[9] Colin Crouch: Postdemokratie, Suhrkamp 2008

 

Grundsätzlich hat Religion in der Politik nichts zu suchen und ist die Privatsache eines jeden Einzelnen. Deshalb verstehe ich auch einige Argumente derjenigen, die den Besuch des katholischen Oberhauptes kritisieren. Die bisherige im Bundestag beachtete strikte Trennung von Staat und Kirche wird nun beendet. Unverständlich, denn der Papst ist gar nicht darauf angewiesen, im Bundestag zu reden – er kann sich seine eigene Bühne schaffen – und die Abgeordneten haben andere Möglichkeiten, seine Worte und Überzeugungen zu vernehmen.

Wenn das katholische Oberhaupt die Bühne des Bundestages nutzen darf, dann sollte aber zumindest klar sein, dass auch andere Religionsführer in Zukunft die Chance zu einem Auftritt bekommen müssen. Nur so gewährleisten wir einen der wichtigsten Artikels des Grundgesetzes: die Religionsfreiheit. Nur so hat der Papstbesuch nicht das Geschmäckle der Missionierung und einseitigen Einmischung in die Politik. Ob dann wohl auch alle Unionspolitiker begeistert den Reden von anderen Glaubensvertretern folgen werden oder vielleicht doch überlegen, nicht zu erscheinen?

Durch den Besuch des deutschen Papstes wird Religion also zu einem Politikum und damit wird man nahezu gezwungen, sich dazu zu verhalten. Ich selbst sehe einige immer noch sehr konservative Positionen der katholischen Kirche sehr kritisch und ich finde es schade, dass Benedikt XVI bisher leider keinen Anstoß zur Erneuerung der katholischen Kirche gegeben hat und auch die Versöhnung mit den anderen Glaubensgemeinschaften nicht befördert. Dennoch hätte ich mir die Rede – eine Debatte ist es ja leider nicht – angehört, wenn nicht eine Diskussion begonnen hätte, die ich als heftigen Eingriff in die Rechte der Abgeordneten empfinde.

Wenn Abgeordnete den Papstbesuch begrüßen, ist dies zu akzeptieren. Genauso akzeptabel ist es allerdings, dass frei gewählte Parlamentarier die Entscheidung kritisieren und frei entscheiden können, der Rede nicht zur folgen. Ich finde es unerträglich, wenn Abgeordnete dafür beschimpft werden, wenn sie von ihrem Recht der freien Entscheidung Gebrauch machen wollen. Dies gilt für die Ausfälle von Kollegen der Union und erst Recht von katholischen Würdenträgern. Die Kritiker des Bundestagsauftritts als „hässliche Deutsche“ (Kurienkardinal Brandmüller) oder als „besessen“(Kardinal Meisner) zu titulieren, ist intolerant und absurd. Das Mittelalter sollten wir langsam überwunden haben. Hier gilt ein weiteres Grundrecht, das der Meinungsfreiheit, zu verteidigen.

Jeder hat in einer aufgeklärten Republik das Recht, zu kritisieren und kritisiert zu werden. Der Papst darf dabei keine Ausnahme sein. Die Kritik sollte allerdings immer sachlich, nicht verletzend übermittelt werden. Das ist der Respekt, den wir dem Papst aber auch allen anderen Gästen gegenüber schuldig sind. Ansonsten habe ich zunächst Respekt vor jedem Menschen, unabhängig davon welche Funktion oder Titel er besitzt. Ich möchte einem Arbeiter genauso respektvoll begegnen, wie einem Professor, einem funktionslosen Parteimitglied, genauso wie einem Minister und einem einfachen Gläubigen, genauso wie dem Papst. Jeden weiteren Respekt muss sich jeder erarbeiten.

Beide Seiten sollten etwas abrüsten und jeder sollte daran denken, dass wir Abgeordnete uns in erster Linie um die politischen Verhältnisse kümmern sollten und nicht um die Religion. Genau dies werde ich jetzt auch wieder machen.

 

Ein Plädoyer für aktive Parlamentarier

In unserer Demokratie wählt die Bevölkerung Abgeordnete, die ihre Interessen im Bundestag vertreten sollen. Der Bundestag soll deshalb die zentrale Rolle im politischen Entscheidungsprozess einnehmen.

Doch in der Realität liegt die wirkliche politische Macht in der Hand einer kleinen Elite. Finanzstarke Lobbygruppen und Konzerne weisen die Richtung. Regierungen entwerfen Gesetzesvorlagen, die von den Mehrheitsfraktionen der Parlamente meist brav beschlossen werden.

Die Ökonomisierung der Politik und die Entmachtung des Parlaments schadet der Demokratie. Die Einwirkungsmöglichkeiten der Bürger auf ihre direkten Mandatsträger verliert weiter an Wert. Wirtschaftliche Einzelinteressen gelten zunehmend mehr als das Gemeinwohl.

Einflussreiche Lobbyisten und Abgeordnete, die eher Regierung und Parteispitze folgen, als ihrem Gewissen, sind nicht neu. In meinen neun Parlamentsjahren erlebe ich jedoch, wie sich der Machtverlusts des Parlaments beschleunigt.

Dazu meine wichtigsten Beobachtungen:

  • Der Lobbydschungel ist undurchdringbar und viel einflussreicher geworden. Heute kommen acht Lobbyisten auf einen Abgeordneten. Gesetzesentwürfe stammen teilweise direkt aus der Feder der Konzernvertreter.
  • Politiker mit Ecken und Kanten sind Mangelware. Wer heute Karriere machen möchte, ist am besten angepasst, und medial vorzeigbar. Kritische Geister gelten häufig als Nestbeschmutzer und Außenseiter.
  • Gesetzesentwürfe und politische Initiativen entstehen immer seltener im Parlament. Wichtige Regierungsvorgaben werden von der Mehrheit der Abgeordneten meist ohne große Änderungen abgesegnet.
  • Nicht legitimierte Kommissionen und Expertenrunden ersetzen immer wahrnehmbar die parlamentarische Diskussion
  • Fraktionsdisziplin wird häufig zum Fraktionszwang, weil nicht die besseren Argumente, sondern Bastapolitik und Druck die Abgeordneten auf Linie bringen
  • Immer komplexere Gesetze werden im Schweinsgalopp durch das Parlament gejagt, ohne dass die meisten Abgeordneten überhaupt die Möglichkeit haben, sich ein differenziertes Bild über das Thema zu machen.
  • Zeit wird zur Mangelware, Abgeordnete zu Getriebenen, weil sie kaum noch dazu kommen, sich stärker inhaltlich in Themen  einzuarbeiten

Beispiele für diese Beobachtungen gibt es genug. So wurden die milliardenschweren Rettungspakte für die Banken und einen Teil der Wirtschaft, jeweils in kürzester Zeit im Bundestag abgesegnet. Nicht einmal die Fachexperten haben da noch den Durchblick bewahrt.

In der Atompolitik verlängerte die Regierung erst die AKW-Laufzeiten, ein halbes Jahr später vollzogen sie mit dem Ausstieg aus der Atomenergie eine komplette Kehrtwende. Anträge und Papiere -mehrere Hundert Seiten stark – haben wir erst wenige Tage vor den Entscheidungen auf den Tisch bekommen. Keine Chance für wichtige Nachfragen oder gar differenzierte Diskussionen.

Beide Male fiel die Entscheidung im Schnelldurchgang und ohne angemessene Parlamentsbeteiligung. Beide Male gegen den Widerstand von vielen Abgeordnete auch im Regierungslager. Beide Male können die Kritiker das Gesetz nicht einmal verändern und stimmen am Ende dennoch zu.

Deutlicher kann man der Öffentlichkeit kaum vorführen, dass der zugespitzte Begriff des „Abnickers“ leider zur alltäglichen Realität wird. Doch wir sind selber Schuld, denn wir KÖNNTEN anders entscheiden. Es ist die große Politiklüge, wenn Angela Merkel und Co immer wieder erklären, dass es zu diesem oder jenen Gesetz keine Alternative gibt.

Wir Abgeordnete sollten selbstbewusster werden, selber Initiative ergreifen und zur Not auch mal nein sagen. Dazu müssen wir auch unsere Glaubwürdigkeit zurückerkämpfen.

Dazu drei erste Ansätze:

  1. Wir müssen transparenter werden, mehr über unsere Arbeit berichten, die Nebeneinkünfte vollständig offen legen und stark begrenzen.
  2. Wir müssen den ausufernden Lobbyismus in die Schranken weisen. Dazu brauchen wir ein Lobbyregister und klare Regeln im Umgang mit den Lobbyisten. Wir dürfen den finanzstarken Unternehmen nicht mehr Raum geben, als den kleinen Initiativen.
  3. Wir müssen mehr Abstimmungen vom Fraktionszwang befreien und häufiger über Fraktionsgrenzen hinweg nach Lösungen suchen, bei denen die inhaltliche Debatte im Vordergrund steht.

Zunächst aber brauchen wir eine offene Diskussion über unsere Arbeit und darüber wie sich unsere Demokratie entwickeln soll. Dazu möchte ich die gesamte Öffentlichkeit und nicht nur meine Kollegen ermuntern.

Mehr Infos zum Thema: http://www.marco-buelow.de/service/veroeffentlichungen/wir-abnicker-20.html

Ausgestrahlt als Kommentar in der Sendung WDR 5 Politikum am 29. August 2011: http://gffstream-1.vo.llnwd.net/c1/m/1314640426/radio/politikum/wdr5_politikum_20110829.mp3

 

 

Warum wir nach der Abkehr von der Atomenergie jetzt auch das Öl-Zeitalter hinter uns lassen müssen

 Auf dem Weg zu einer echten Energiewende, ist der Ausstieg aus der Atomenergie nur ein wichtiger Schritt. Wenn wir den Umbau hin zu einer Versorgung mit nachhaltigen, bezahlbaren und umweltfreundlichen Energien wirklich schaffen wollen, müssen wir schleunigst auch die Wende weg vom Öl einläuten.

Erdöl als Schmierstoff der Wirtschaft

Erdöl wird sinnbildlich zu Recht als „Schmierstoff“ unserer Wirtschaft bezeichnet. Noch immer ist es mit einem Anteil von ca. 35 Prozent am Primärenergieverbrauch der wichtigste Energieträger weltweit. Die modernen Gesellschaften haben einen großen Teil ihres Wohlstands darauf aufgebaut. Mobilität, unser moderner Lebensstil – all dies funktioniert momentan nur mit Öl. Wenn wir uns in unseren Wohnungen umschauen, werden wir kaum einen Gegenstand finden, bei dem Öl – sei es als Energieträger oder als Stofflieferant – keine Rolle spielt. Wir sind reglerechte Öljunkies, abhängig von der Droge Öl, die unser materielles Leben dominiert.

Peak Oil und die risikoreiche Tiefseeförderung

Öl ist eine endliche Ressource, die uns nur noch auf absehbare Zeit zur Verfügung steht. Es wird seit Jahrzehnten weniger Öl neu entdeckt, als wir verbrauchen. Es kommt gar nicht darauf an, wann der letzte Tropfen Öl verbraucht wird, sondern wann wir Peak Oil (d.h. der Zeitpunkt, ab dem die weltweite Ölförderrate zurückgeht) erreicht haben. Denn ab diesem Zeitpunkt werden die Preise immer weiter ansteigen. Viele Experten gehen davon aus, dass wir das Ölfördermaximum bald erreicht oder bereits hinter uns gelassen haben. Deshalb gehen die großen Ölkonzerne immer höhere Risiken ein, um auch die letzten Reserven aus dem Boden zu holen. Die Explosion auf der BP-Bohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko hat uns die Folgen dieses Handelns erschreckend vor Augen geführt. Doch umgedacht wird nicht. Im Gegenteil: Die Förderung von Öl aus der Tiefsee geht jetzt erst richtig los.

Schmutziges Geschäft

Tankerhavarien und Bohrinselkatastrophen sind nur die medial wahrnehmbaren Spitzen der Schattenseite der Ölförderung. Für die Ölgewinnung werden Landschaften zerstört, Böden verseucht und Wälder abgeholzt. In Ecuador beispielsweise soll einer der artenreichsten Regelnwälder der Ölindustrie weichen.[1] Nachdem das Öl aus dem Boden geholt wurde, bleibt nichts als ödes, chemikalienverseuchtes Land zurück. U. a. in Kanada ist man dazu übergegangen Öl aus Schiefer und Sand zu pressen. Ein ineffizienter Vorgang, bei dem unter Einsatz vieler Chemikalien weite Landflächen zerstört und gigantische Erdmassen verbraucht werden. Abgesehen von der Naturzerstörung artet der Kampf ums Öl häufig in Konflikte oder Kriege aus. Die Verknappung des wichtigen Rohstoffes, wird viele Brandherde weiter anheizen und neue schaffen.

Wie geht es weiter?

Natürliche Herausforderungen und politische Krisen machen die Erschließung der verbleibenden Öl-Ressourcen schwieriger und teurer. Da die weltweite Bevölkerung stetig wächst, steigt gleichzeitig die Nachfrage nach Energie weiter an. Es stellt sich also die Frage, was nach dem Öl-Zeitalter kommt. Nur wer den Umstieg schnell schafft, wird seine Volkswirtschaft vor heftigen Preissteigerungen und bevorstehenden Ölschocks bewahren können. Dabei stehen zwei Strategien zur Auswahl: Weiterer Ausbau der atomaren und fossilen Energiegewinnung oder die Kombination von Energieeinsparung und Erneuerbare Energien.

100 % Erneuerbare Energien

Sowohl aus innenpolitischer (Wirtschaft, Versorgungssicherheit, Umwelt) als auch aus sicherheitspolitischer Sicht, kann nur den Erneuerbaren Energien die Zukunft gehören. Die dabei entstehenden Kosten, sind deutlich geringer, als die Folgekosten, wenn uns der Umstieg nicht gelingt. Ganz zu schweigen von den einzusparenden externen Kosten[2] und Subventionen, die immer noch in die atomaren und fossilen Energieträger fließen. Statt Pseudobekenntnisse, müssen die Fördermechanismen der Erneuerbaren Energien ausgeweitet und die bürokratischen Hemmnisse abgebaut werden. Erneuerbare Energien müssen uns nicht nur mit Strom, sondern auch mit Wärme versorgen. Wir müssen in die Kraftwärmekoppelung, intelligente Stromnetze und Speichertechnologien investieren und ambitionierte Programme zur Energieeffizienz und zur Gebäudesanierung umsetzen. Außerdem brauchen wir endlich die Konzepte, um die Wende „Weg vom Öl“ auch im Mobilitätssektor zu schaffen.[3]

Vor fünfzehn Jahren wurden die Befürworter der Erneuerbaren Energien auch in Deutschland noch verlacht. Doch allen voran Hermann Scheer war beseelt von der Vorstellung einer solaren Weltwirtschaft. Jetzt brauchen wieder eine Vision, Erfindungsgeist, kreative Ingenieure, mutige Unternehmer, die Alternativen zum Öl zu erweitern und uns endlich von der Öl-Droge zu befreien.

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Ich habe zum Thema Erdöl ein umfassendes Dossier erstellt, welches die Thesen dieses „Tachles“ vertieft und einen sachlichen Überblick über das gesamte Thema Erdöl geben soll. Das Dossier findet sich unter:  http://www.marco-buelow.de/uploads/media/Marco_Buelow_Oel-Dossier_2011.pdf


[1] siehe Öl-Dossier, S. 25

[2] externe Kosten sind Kosten, wie Umwelt- oder Gesundheitsschäden, die nicht über den Marktpreis reguliert werden, sondern von der Allgemeinheit, d.h. von Staat und Steuerzahlern und den nachfolgenden Generationen getragen werden müssen

[3] Bioenergie ist dabei keine Lösung, denn sie bringt uns andere Probleme

 

Die Sommerpause naht. Vorher will die Kanzlerin das unleidige Atomthema endlich aus den Schlagzeilen bekommen. Ganze Gesetzespakete zur Energiepolitik werden in einem solchen Eiltempo durch den Bundestag gepeitscht, dass selbst Fachleute überfordert sind. Trotz unnötiger Hetze und inhaltlicher Bedenken, wird der große „Konsens“ in der Atompolitik gefeiert. Bei aller Freude, darf aber nicht übersehen werden, wie undemokratisch wichtige Themen wie die Atomfrage mittlerweile am Parlament vorbei entschieden werden.

Der dreifache Atomdeal
Im Frühjahr 2000 einigte sich Kanzler Schröder mit den Bossen der vier deutschen Atomkonzerne. Endlich schien der Ausstieg aus der Atomenergie besiegelt. Eine Zäsur, die aber nur mit Zugeständnissen erreicht wurde. Jedes Atomkraftwerk durfte von seiner Inbetriebnahme an gerechnet 32 Jahre Strom unter Volllast produzieren. Bei vorübergehender Stilllegung sollte die Produktion nachgeholt werden können, was die Laufzeit verlängert. Klare Gegner, wie auch Befürworter der Atomenergie waren unzufrieden, doch der Atomkonsens befriedete zunächst diesen gesellschaftlichen Konflikt. Vor allem aber ermöglichte er es den Erneuerbaren Energien sich zu etablieren und bei der Bevölkerung zur eindeutig beliebtesten Energieform zu avancieren.

Im Herbst 2010 beschloss die neue Bundestagsmehrheit eine Kehrtwende in der Atompolitik. Die Regierungsfraktionen redeten sich in einen euphorisischen Rausch und die sonst eher sachlich unterkühlte Kanzlerin sprach gar von einer „Energierevolution für die Energieversorgung, die bis 2050 trägt“. Häme und Spott gab es für die Atomgegner. Umweltminister Röttgen nannte seine Amtsvorgänger Gabriel und Trittin „Verantwortungsverweigerer“ und „energiepolitische Blindgänger“. Die Argumente der Opposition diffamierte er als „argumentationsloses Kampfgeschrei“. Der angeblich „große Wurf“ verlängerte aber vor allem die AKW-Laufzeiten. Champagnerstimmung bei den Atomkonzernen, ihre Lobbyarbeit war erfolgreich. Der oberste Atomlobbyist Gerald Hennenhöfer, der von Röttgen direkt nach der Wahl ins Ministerium geholt wurde, um ausgerechnet als Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit den Deal mit seinen bisherigen Kollegen auszuhandeln, konnte sein Siegerlächeln kaum vom Gesicht bekommen. Die neue Regierung feierte mit. Die Parlamentarier von Union und FDP stimmten gehorsam mit Ja, obwohl sie wussten, wie undemokratisch die Gesetze entstanden waren und wie schnell sie durch das Parlament gepeitscht wurden.

Im Frühjahr 2011, kein halbes Jahr nach der Laufzeitverlängerung, verordnete die Kanzlerin ein Atom-Moratorium und ließ sieben AKW vorübergehend stilllegen. Die Regierung bereitete damit die Wende von der Wende in der Atompolitik vor. Die Katastrophe von Fukushima wurde zum GAU für ihre bisherige Energiepolitik. Ohne jegliches Eingeständnis von Fehlern, wurde Anfang Juni die neue Atompolitik verkündet. Die sieben AKW bleiben stillgelegt, 2022 soll dann auch für die letzten Anlagen definitiv Schluss sein. Vielen Politikern von Union und FDP ging dies viel zu schnell, andere konnten ihre Reden nicht schnell genug völlig umkehren. Einwände wurden von der Regierung nicht akzeptiert. Die Taktik gab den Takt vor. Nach den Pleiten bei den Landtagswahlen wusste jeder, dass ein weiterer Schwenk den letzten Kredit verspielen würde. Auch der Opposition fiel es schwer, ihre Position zu finden. Einerseits gab es endlich die Chance den Ausstieg doch noch zu besiegeln. Andererseits hätte es sicher schneller gehen können und es fehlte die Unumkehrbarkeit der Beschlüsse. Zudem befürchtete man, dass die Vorlage Klagen der Betreiber nicht standhält und damit milliardenschwere Schadensersatzforderungen drohen. Ein Dilemma. Am Ende entscheiden auch dort nicht die inhaltlichen Argumente, sondern die Angst, den Wählern ein Nein nicht erklären zu können. Ergebnis: Das politische Restrisiko wird in Kauf genommen. Eine große Mehrheit im Parlaments wird mit unterschiedlichen Bauchschmerzen, ohne substantielle Veränderungen, der Regierungsvorlage zustimmen und diese dann im Brustton der Überzeugung in der Öffentlichkeit vertreten.

Das gehetzte Parlament
Der dreifache Atomdeal zeigt, wie Politik funktioniert und wie wenig das Parlament bei der Entscheidungsfindung eine Rolle spielt. Meist geben einige wenige Führungspolitiker in Absprache mit mächtigen Lobbyisten die Richtung vor, die dann von der Regierungsmehrheit im Parlament abgenickt wird. Sollte es mal anders laufen, heißt dies noch lange nicht, dass dann die Stunde des Parlaments schlägt. Vor allem die schnelle Abfolge von umfangreichen Gesetzesvorlagen und die Zeitnot überfordern die Abgeordneten. Die politische Mitgestaltung wird immer schwieriger. Der eigentliche Anspruch, dass der Bundestag „die zentrale Rolle im politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess“ einnehmen sollte, hört sich schon fast wie ein schlechter Witz an.

Im Eilverfahren hat die Kanzlerin nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima zwei unlegitimierte Kommissionen eingesetzt. Völlig abgekoppelt vom Parlament legten sie innerhalb von sechs und acht Wochen ihre Berichte und Empfehlungen vor. Noch schneller sollte dann alles im Parlament über die Bühne gehen.
Am Montag den 6. Juni beschließt das Kabinett die Vorlage zu 14 Einzelgesetzen, die zu einem Gesamtpaket geschnürt werden. Mit den Anträgen der Opposition kommt es ohne die Last-Minute-Änderungsanträge zu mindestens 29 Abstimmungen. Damit liegen über 1000 Seiten Gesetzesentwürfe und Stellungnahmen der Sachverständigen auf dem Tisch. Dazu mindestens genauso viele Seiten Hintergrundpapiere, Empfehlungen und Beurteilungen von Verbänden, Instituten und Interessensvertretern. Schon am gleichen Tag treffen die Regierungsfraktionen ihre Vorentscheidung. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Sebastian Körber twittert: „Habe gerade über 350 Seiten Papiere auf dem Schreibtisch zur Energiewende und dafür 1,5 Stunden Zeit bis zur Fraktionssitzung.“

Am Mittwoch bekommen die Fachpolitiker vom Leiter der Ethikkommission Klaus Töpfer in knappen 30 Minuten die Ergebnisse der Arbeit präsentiert. Kaum Zeit für wenige Fragen. Ich frage Töpfer, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, das Parlament frühzeitig stärker einzubeziehen. Der ehemalige Politprofi weicht geschickt aus, indem er vorschlägt, dass in Zukunft das Parlament den Prozess durch einen Beauftragten für die Energiewende stärker begleiten sollte. Nach Töpfer findet eine kurze Ausschusssitzung statt, dicht gefolgt von zwei Anhörungen zum Atom- und zum Erneuerbaren Energiegen-Gesetz. Zwölf Stunden lang hämmern Argumente und Gegenargumente auf uns ein. Nach spätestens acht Stunden ist meine Konzentration am Ende. Die Anhörungen verkommen zu reinen Showveranstaltungen, weil die Zeit fehlt, daraus resultierende Erkenntnis noch zu verwerten. Egal was an diesem Tag geraten oder gesagt wird, die Regierungsfraktionen werden die Vorlagen deshalb nicht mal in einem Halbsatz verändern.

Am Donnerstag dann erreichen die Gesetze das Plenum. Sie gelten nun als eingebracht und die „erste Lesung“ ist verbunden mit dem verbalen Schlagabtausch der Fraktionen zur Kernzeit um neun Uhr. Redeten und diskutierten zu diesem Thema bisher meist die Fachpolitiker, kommen jetzt, aufgrund des immensen medialen Interesses, fast nur die Alphatiere der Fraktionen zum Zuge. Nach dieser übervollen Woche gibt es eine kurze Atempause, bevor eine Sitzungswoche später die Entscheidung fällt. Intern wird in den Oppositionsparteien noch einmal debattiert, aber viel Einfluss haben sie sowieso nicht. Die Abgeordneten der Regierungsfraktionen würden auch gerne diskutieren, aber sie dürfen es nicht. Dass sie sich das gefallen lassen, ist für mich keine Disziplin, sondern purer Fraktionszwang.

Überfordert und Übergangen
Alles kein Einzelfall. Immer häufiger werden wir Abgeordnete mit weitreichenden Entscheidungen konfrontiert, die wir selbst mit bestem Willen in so kurzen Zeiträumen nicht durchblicken können. Die Bankenrettung, diverse Rettungsschirme bei denen es um Geldsummen ging, die keiner von uns erfassen kann, wurden ebenfalls im Schweinsgalopp beschlossen. Auch die Fachexperten der eigenen Fraktion, auf die man sich häufig verlässt, sind ab einem bestimmten Punkt überfordert, Natürlich gibt es Entscheidungen, die kaum längere Diskussionen dulden. Das Energiepaket gehört aber sicher nicht dazu.
Schon der Alltag führt viele Abgeordnete und ihre Büros an ihre Grenzen. Im Zeitalter von E-Mail und sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter nehmen Kontaktaufnahmen und Anfragen an die Volksvertreter stetig zu. Das ist begrüßenswert, führt aber zusammen mit der sonstigen Post zu nicht selten 200 Anfragen wöchentlich, die nicht Müll landen, sondern bearbeitet werden müssen. Dazu kommen dann die wachsenden Papierstapel, die zwangsläufig immer häufiger auch von den Fachpolitikern ungelesen oder überflogen im Altpapier landen.

Wann gestehen wir uns endlich ein, dass wir an Einfluss verlieren und dass wir zunehmend überfordert sind? Nur nach der Einsicht wird es eine Offenheit zum konkretes Handeln geben. Immerhin ist das Thema bei den bürgerlichen Medien angekommen. Das ZDF brachte im Juni in der Sendung Berlin direkt einen sehr anschaulichen Beitrag mit dem Titel „Die große Hast.“ Fazit des Journalisten: „Es ist das Parlament selbst, dass sich hier entmachtet.“ Wie Recht er hat. Thomas Hanke forderte im Handelsblatt im April 2011 folgerichtig: „Steht auf, wenn ihr freie Abgeordnete seid.“ Damit sollten wir endlich beginnen. Allerdings dürfen wir uns dafür nicht wirklich viel Zeit lassen. Das Restrisiko könnte sonst schnell zu einer realen Bedrohung werden.

 

Oder die Beobachtung des merkwürdigen Menschen

Wir Menschen sind zwiespältige, fast absurde Wesen. Was wir als normale Entwicklung empfinden, würde jeden neutralen Beobachter des Lebens auf der Erde sicher sehr erstaunen. Ein außerirdischer Zeitreisender, der uns jahrhundertelang beobachtet, wäre von unserer Spezies vermutlich gleichermaßen fasziniert wie schockiert. Was dies mit Migration zu tun hat, versteht man nur, wenn man die Entwicklungsgeschichte des Menschen nachvollzieht.

Vom Affen zum intelligenten Massenvernichter
Der Mensch hat eine unglaubliche Entwicklung hingelegt. Nach der Weiterentwicklung vom Primaten zum Homo Sapiens vor etwa sechs bis acht Millionen Jahren verlief die weitere Entwicklung zunächst im Kriechtempo. Doch dann ging alles ganz schnell. In einer erdgeschichtlich kurzen Zeitspanne von nur etwa 40.000 Jahren hat der Mensch behauene Steine, dann ausdifferenzierte Werkzeuge und schließlich hochspezialisierte Maschinen konstruiert. Von der Höhle ist er über Hütten und einfache Häuser in riesige Wolkenkratzer und Nullenergiehäuser mit allen Annehmlichkeiten gezogen. War die Fortbewegung anfänglich nur auf allen Vieren möglich, hat er sich später auf den Mond katapultiert und rast heute mit Autos und Flugzeugen über den Globus. Fast biblisch hat die Menschheit die Erde in Besitz genommen und sich weit über alle Tiere aufgeschwungen.

Doch wir Menschen haben nach Keule und Speer auch Massenvernichtungswaffen entwickelt und eingesetzt. Wir verpulvern in kürzester Zeit unsere Ressourcen, heizen die Klimaerwärmung an, rotten Tier- und Pflanzenarten schneller aus, als wir sie benennen können, und vernichten jährlich Millionen Hektar Wald . Wir verseuchen unsere Erde mit atomarer Strahlung und chemischen Giftstoffen. Wir haben den Genozid und den Rassismus erfunden, beuten uns gegenseitig aus und überziehen unsere eigene Spezies immer wieder mit Krieg, Hass und Gewalt. Das Eigenartigste daran ist, dass wir als hochentwickelte Lebensform in der Lage sind, dies alles zu erkennen, zu dokumentieren und teilweise sogar zu reflektierten. Dennoch halten wir diese Entwicklung und uns selbst für völlig normal und glauben immer noch, dass der Mensch am Ende der Entwicklungsstufe steht und die „Krönung“ der Schöpfung bildet. Alle die es wagen, unsere „Fortschritte“ in Frage zu stellen, und eine andere Entwicklung einfordern, werden müde belächelt oder als idealistische Spinner betrachtet. Wie würde unser Zeitreisender unser Dasein und unsere Entwicklung wohl beurteilen?

Vielleicht würde sich einem unbeteiligten Beobachter der Eindruck aufdrängen, dass das moralische Empfinden des Menschen, seine soziale Intelligenz und sein globales Bewusstsein mit seinem sonstigen Hirnwachstum und seiner Entwicklung nicht Schritt gehalten haben. Aus wissenschaftlichem Interesse würde er vielleicht einige Fragen auflisten: Leben die Menschen geistig-moralisch immer noch in der Höhle? Wie kommt es zu dieser Diskrepanz? Warum investieren sie so viel Gehirnschmalz in den Zuwachs von Profit und Macht und so wenig in die geistige und moralische Entwicklung? Warum dominieren bei ihnen häufig die destruktiven, diskriminierenden Handlungen und nicht die friedlichen, nachhaltigen Lösungswege? Warum jubeln im angeblich so fortschrittlichen Europa immer noch Massen rechten Populisten zu, die nichts anderes als Vorurteile, Ressentiments und destruktive Aussagen zu bieten haben?

Der Rassismus offenbart uns, was wir alles nicht verstanden haben
Der außerirdische Zeitreisende, der natürlich weit entfernt davon ist, ein menschliches Wesen zu sein, würde wohl vor allem nicht begreifen, wie wir nach so vielen Jahrtausenden immer noch Hass gegenüber anderen Hautfarben, anderer Herkunft predigen können und warum wir den Rassismus trotz unseres Wissensfortschritts nicht überwinden können. Auch wenn es seinem Wissen widerstrebt, kann er vielleicht nachvollziehen, dass in früheren menschlichen Entwicklungsstufen mit rassistischen Ressentiments Stimmung gemacht werden konnte. Wegen der herrschenden Unwissenheit, konnte die Angst vor Fremden allgemein und vor dem Fremden speziell, schnell in Ablehnung oder sogar Hass befördert werden.

Nach vielen Spekulationen und Umwegen sollte der Mensch heute aber doch verinnerlicht haben, dass Hautfarbe, Augenform, Herkunft, Geschlecht nichts mit Intelligenz, Entwicklungsstand oder moralischer Integrität zu tun haben. Wie kommt es also, dass gerade auch die Europäer mit ihrem unglaublichen Fundus an Wissen, nach mittlerweile hunderten Jahren andauernden Fortschritts dennoch immer wieder Populisten für platte und blödsinnige Ressentiments bejubeln? Dieser Beobachtung müsste eine ernüchternde These folgen: Auch die Menschen in Europa haben Ängste, Vorurteile und andere niedere Instinkte nicht überwunden, sondern mit Erklärungen, Regeln, Werten kaschiert und mit „zivilisiertem Gehabe“ übertüncht. Unser Beobachter notiert nüchtern: Vieles gelernt und noch mehr nicht verstanden.

Warum wir alle Migranten sind
Es bedürfte eigentlich keines Außerirdischen, damit uns deutlich wird, warum alles Gerede von unterschiedlichen Rassen mit unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch wissenschaftlich völlig blödsinnig ist. Lange wurde die Auffassung, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei, ignoriert, ja massiv bekämpft. Dabei ist dies keine Weltanschauung, sondern eine simple Tatsache. Die deutsche Öffentlichkeit reagiert dennoch erneut verwirrt, teilweise sogar schockiert, wenn in Untersuchungen festgestellt wird, dass bereits jeder vierte Bewohner unseres Landes einen „Migrationshintergund“ besitzt. Doch streng genommen stammen wir sogar alle von Migranten ab.

Wir sollten mal unser Wissen nutzen und endlich nachvollziehen, wo wir herkommen und wie wir uns entwickelt haben. Europa, Deutschland ist geprägt von unfangreichen Migrationsbewegungen. Die Millionen Gastarbeiter nach dem 2. Weltkrieg bilden dabei nur eine von vielen Gruppen. Allein vor dem 1. Weltkrieg kam damals die gewaltige Zahl von etwa 1,2 Millionen Polen in unser Staatsgebiet. Deutschland als Nationalstaat gibt es noch gar nicht so lange. Davor existierte lange ein Flickenteppich von Königreichen, Herzogtümern und Bistümern. Die wiederum waren Ergebnis auf einer Entwicklung, an der viele verschiedene Volksgruppen von teilweise sehr unterschiedlicher kultureller Herkunft beteiligt waren. Allein die große Völkerwanderung in der Spätantike würfelte die Bevölkerung gerade in Europa komplett durcheinander.

Ganz gleich, welche langen heimischen Stammbaum wir auch präsentieren können, am Ende gehören immer „Nichtdeutsche“ zu unseren Vorfahren und niemand weiß, welche Kulturkreise, welche Volksgruppen eine Familie geprägt haben. Egal, wie blond und blauäugig man auch sein mag, sagt dies gar nichts über seine Wurzeln aus. Auch die „nationalistisch“ gesinntesten Europäer sind das Ergebnis von immer neuen Vermischungen. Wissenschaftlich betrachtet ist diese Durchmischung wichtig, reduziert sich dadurch die Wahrscheinlichkeit von inzestuösen Beeinträchtigungen. Zur weiteren Aufklärung sollten wir aber noch weiter in die Vergangenheit reisen.

Unsere Wiege liegt in Afrika
Genau genommen gibt es nur eine Ursprungsregion für die gesamte Menschheit und die liegt in Afrika. Dies wissen wir schon lange, aber ziehen daraus nicht die richtigen Schlüsse. In Afrika trennte sich die Linie des Menschen von den übrigen Primaten, dort entstanden die ersten menschlichen Rassen und dort entwickelte sich auch der Homo Sapiens. Doch bevor dieser moderne Mensch Europa und die Welt eroberte, wanderte der uns als Neandertaler bekannte Verwandte nach Europa ein. Er war grobschlächtiger und wohl auch weniger weit entwickelt als der moderne Menschentyp. Er konnte sich bis vor etwa 30.000 bis 40.000 Jahren in Europa behaupten. Vor dem Aussterben des Neandertalers zog der moderne Mensch aus Afrika – vermutlich über den Nahen Osten – ebenfalls nach Europa. Dort kreuzten sich die Wege der beiden menschlichen Verwandten. Die meisten Forscher glauben heute nicht daran, dass beide Rassen gemeinsame Nachkommen hatten. Wenn aber doch, dann sind gerade wir – die „überlegenen“ Europäer – auch die Nachfahren einer weniger weitentwickelten Menschenrasse.

Wenn es zu nicht zu einer Vermischung kam, dann stammen alle heutigen Menschen von einer Ursprungsrasse ab. Einer Art, die sich in Afrika entwickelt hat und dann nach vielen Wanderungen kreuz und quer durch die Welt über Jahrtausende zu größtenteils sesshaften Volksgruppen wurde, eigene Sprachen bildete, Kulturen weiterentwickelte und schließlich Nationalstaaten gründete. Die Entwicklung wird weitergehen. Staaten, Kulturkreise werden sich verändern, werden zerfallen und dabei wird Migration immer wieder eine Rolle spielen. Viele Menschen blenden die Vergangenheit aus und denken zudem, dass wir uns an einem Endpunkt der Entwicklung befinden.

Höchste Zeit, die Höhle zu verlassen
Wir Menschen sind meisterhafte Ignoranten und es gelingt uns trotz allen Wissens, uns immer wieder voneinander abzugrenzen, unsere jeweilige nationale Identität über die der anderen zu stellen. Wo wir auch geboren wurden, von wem wir am Ende auch abstammen, wir wähnen uns höhergestellt als die Nachbarn oder die Nachfahren anderer Kulturkreise. Egal ob gegenüber Indianern, Afrikanern oder Muslimen, wir Europäer fühlen uns überlegen, betonen das christlich-kulturelle Erbe, das wir in Verfassungen verankern wollen und das uns abgrenzen soll. Es geht häufig gegen, statt miteinander. Es ist so schön einfach, die verwurzelten Vorurteile zu bedienen, bei Problemen einseitig Sündenböcke zu benennen. Einige können es auch heute nicht lassen und verunglimpfen und beschimpfen diejenigen, die nach ihren eigenen Vorfahren eingewandert sind, zweifeln ihre geistigen Fähigkeiten an. Wenn sie statt Militärkleidung und Springerstiefel Anzug und Krawatte tragen, ihre Botschaften nett verpacken oder mit Halbwahrheiten garnieren, ernten sie damit immer noch viel Applaus.

Selbst gebildete oder aufgeklärte Kreise wollen oder können sich diesem unterentwickelten Verhalten kaum entziehen. Die Gegenwehr gegen Populisten oder deren Vorurteile ist häufig auf zaghafte Debatten in den Feuilletons beschränkt. Parteien, Medien, Unternehmen schrecken vor allzu lautem Widerstand zurück, denn damit könnte man ja eine Mehrheit verschrecken. Unser Zeitreisender ergänzt deshalb nüchtern: Vieles Gelernt und noch mehr nicht verstanden, und die es verstehen, haben Angst vor der eigenen Courage. Genau dies gilt es zu ändern. Wir müssen gerade auch in Punkto Toleranz, Moral und Selbstreflexion endlich die Höhle verlassen. Es ist höchste Zeit, den außerirdischen Beobachter erneut mit den menschlichen Entwicklungsmöglichkeiten zu überraschen.

 

Vor etwa einem Jahr habe ich in meinem Buch „Wir Abnicker“ die Arbeit eines Abgeordneten und den Einflussverlust der Parlamentarier beschrieben. Es ging schwerpunktmäßig um den schmalen Grat zwischen Fraktionsdisziplin und Gewissensfreiheit, den Machtzuwachs von nichtlegitimierten Eliten und Lobbyisten und die damit verbundene Entmachtung der gewählten Politiker. Ich habe aufgezeigt, wie Abgeordnete ihre Entscheidungsmacht wieder zurückgewinnen und wie sie für die Bevölkerung wieder glaubwürdiger werden können.

Das Buch hat viele Diskussionen ausgelöst. Heute sind die Themen aktueller denn je. Haben einige Abgeordnete zunächst noch über den Titel ,„Wir Abnicker“, gelächelt, dämmert immer mehr Kollegen, dass an der provokanten Überschrift mehr dran ist, als ihnen lieb sein kann. Im Buch habe ich meine eigene Fraktion nicht vor Kritik verschont. Doch was ich in den letzten Monaten erlebt habe, übertrifft alle vorherigen Erfahrungen. Die neue Regierung ist seit gut 18 Monaten im Amt und die Entmachtung des Parlaments schreitet im rasanten Tempo voran. Allerdings wächst auch der Widerstand gegen solch eine Entwicklung aus den verschiedensten Richtungen. Es lohnt sich deshalb, ein kurzes aktuelles Fazit zu ziehen.

Übersteigerter Lobbyismus
Der immer größer werdende Einfluss finanzstarker Lobbygruppen auf die deutsche Politik ist seit der Regierungsübernahme durch Union und FDP noch offensichtlicher geworden. Von der Senkung der Mehrwertsteuer für Hoteliers über die Gesundheitsreform bis hin zum Spielerschutz beim Glücksspiel – bei all diesen Entscheidungen ist die Einflussnahme großer Konzerne so augenscheinlich, dass es mehr als einen faden Beigeschmack hinterlässt. Treffen mit Initiativen und direkte Bürgerkontakte werden dagegen immer seltener. Selbst von großen Protestbewegungen – wie die erstarkte Anti-Atombewegung – war die Regierung zunächst überhaupt nicht beeindruckt.

Besonders deutlich wurde die Lobbymacht bei den Vorgängen um die Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke, die ich als Energiepolitiker direkt miterlebt habe. Deshalb möchte ich sie beispielhaft hier anführen:

Es begann damit, dass sich der frischgebackene Umweltminister Norbert Röttgen, drei Monate nach der Bundestagswahl 2009, den obersten Atomlobbyisten Gerald Hennenhöfer in sein Ministerium holte und ausgerechnet zum Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit machte. Er war fortan dafür verantwortlich, die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke mit den Betreibern – also mit seinen ehemaligen Kollegen – auszuhandeln. Dazu wurde das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) beauftragt, ein Gutachten zu erstellen, welches dem Atomdeal eine „wissenschaftliche“ Grundlage verschaffen sollte, die sich in bisherigen Gutachten nicht finden ließ. Pikant ist dabei, dass dieses Institut seine Existenz mit Millionenzahlungen zweier Atomkonzerne (e.on und RWE) sichert. Weder Hennenhöfer noch das Institut sahen darin ein Problem und wiesen Zweifel an ihrer Integrität und Neutralität weit von sich. Für die Ausarbeitung der Vereinbarung mit den Atomkraftwerksbetreibern ließ sich die Bundesregierung dann ausgerechnet von der Anwaltskanzlei Oppenhoff und Partner unter der Führung des Anwalts Lars Böttcher beraten, zu deren Großkunden u. a. der Atomgigant RWE gehört. Im Prinzip hat die Atomlobby das Gesetz also mit sich selbst ausgehandelt und dann dem Bundestag auf den Tisch gelegt.

Tragischerweise wurde erst durch die Katastrophe in Fukushima die ganze Vorgeschichte zur Laufzeitverlängerung wirklich von den Medien aufgegriffen. Der Atomdeal steht leider nur als ein Beispiel in einer Reihe von Entscheidungen, die ebenfalls maßgeblich durch mächtige Lobbygruppen und nicht durch den Sachverstand von Fachpolitikern zu Stande kamen.

Es ist an der Zeit, endlich zu handeln und den Lobbyismus in seine Schranken zu weisen. Es gibt dazu eine Reihe von Vorschlägen, die beispielsweise von LobbyControl eingefordert werden und die ich in meinem Buch aufgeführt habe (ab S. 189). Die Vorkommnisse im Europäischen Parlament, wo einige Abgeordnete sich bereit zeigten, für Geld Änderungsanträge einzubringen, erhöhen die Dringlichkeit zusätzlich. Das Vertrauen in die Politik geht zunehmend verloren. Als erste Schritte müssen ein Lobbyregister auf den Weg gebracht, für Transparenz bei externen Beratern in Ministerien gesorgt und der sogenannte Drehtüreffekt zwischen Politik und Wirtschaft begrenzt werden.

Dazu haben meine Fraktion und auch die beiden anderen Oppositionsparteien Vorlagen in den Bundestag eingebracht (Drucksachen: 17/5230, 17/2486, 17/2096 ), die aber alle von den Regierungsparteien mit fadenscheinigen Argumenten abgelehnt wurden.

Einflussverlust des Parlaments
Immer wieder hat die Bundesregierung die Mitwirkungsrechte des Bundestages, dem eigentlichen Gesetzgeber, missachtet – eine Entwicklung, die sich im letzten Jahr leider auch eher verschlimmert als verbessert hat. Der Euro-Rettungsschirm, die Verhandlungen zur Etablierung eines permanenten Stabilitätsmechanismus für die Eurozone, die Vorgänge um die Laufzeitverlängerungen der Atomkraftwerke oder die Einsetzung einer Ethikkommission zum Atomausstieg sind nur einige von unzähligen Beispielen. Beim Rettungsschirm hat die Bundesregierung wochenlang taktische Spielchen gespielt, um dann unausgegorene Vorschläge ohne ausreichende Beratungszeit durch den Bundestag zu peitschen. Bei den Verhandlungen über den Stabilitätsmechanismus ist sie ihrer Informationspflicht gegenüber dem Parlament viel zu lange nicht nachgekommen und hat verhindert, dass der Bundestag stets eingebunden wurde. In beiden Fällen war es den Abgeordneten nicht möglich, ausreichend über die Regierungsvorschläge zu diskutieren oder gar Änderungsvorschläge zu erarbeiten.

Des Weiteren kann ich auch hier wieder die Debatten über die Atompolitik exemplarisch anführen: Als die Regierung die Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke im Herbst 2010 verlängerte, wurden der Opposition nicht genügend Beratungszeit eingeräumt, die Aussprachen im Umweltausschuss waren eine Farce und der Dimension und Wichtigkeit des Themas nicht angemessen. Einer zeitlich viel zu knapp bemessenen Anhörung folgten zwei Sonderausschusssitzungen, in denen die Regierungsfrak-tionen ihr Mehrheitsrecht überstrapazierten und nur eine Diskussionsrunde zu dem gesamten The-menkomplex zuließen. Dies hatte definitiv eine neue Qualität (Mehr dazu in meiner Persönlichen Erklärung, die ich vor der Abstimmung im Bundestag abgegeben habe). Anstand bewies hier auf Regierungsseite lediglich der Bundestagspräsident Norbert Lammert, der der Regierung vorwarf, die Atomgesetze zu schnell durch das Parlament gepeitscht zu haben. Er sprach von “Zumutung” und “mangelnder Sorgfalt”. Mutig war dies vor allem deshalb, weil er als CDU-Mitglied selbst zu einer Regierungsfraktion gehört und wegen dieser Aussage sicher nicht viel Beifall von seinen Kollegen erhalten hat.

Auch nach Fukushima, als die Regierung zwar verbal eine Kehrtwende bei ihren eigenen Positionen vornahm, gab es leider kein Umdenken bei der Gestaltung des demokratischen Willensbildungsprozesses. Wieder regiert ein enger Zeitplan und wieder soll das eigentliche Entscheidungsgremium, DAS PARLAMENT, am Ende nur die Vorschläge der Regierung abnicken. Erarbeitet wird diese Entscheidung dagegen in der sogenannten Ethikkommission, in der kein einziger Parlamentarier vertreten ist. Ich habe nichts gegen die Beratung durch Wissenschaftler, Ökonomen und Unternehmensvertreter. Doch dafür gibt es Anhörungen, in denen wir Abgeordnete die Fragen stellen und mit den Fachexperten diskutieren können, anstelle uns am Ende die Antworten vorgeben zu lassen. Ich kann nicht verstehen, wie die gewählten Volksvertreter der Regierungsparteien sich durch solche Gremien oder aufgrund angeblicher Zeitnot immer wieder freiwillig entmündigen lassen und am Ende die fremdbestimmten Vorgaben auch noch brav abnicken. Gerade bei der Atomdebatte wird doch absolut offensichtlich, wie wenig die Abgeordneten ihrem Gewissen folgen. Entweder haben Fraktionsmitglieder von Union und FDP bei der Laufzeitverlängerung ihr Gewissen vollständig aufgegeben oder sie tun es, wenn im Sommer die Kehrtwende beschlossen wird.

Wenn der Bundestag und die Abgeordneten wieder zur Entscheidungsmitte in diesem Land werden wollen, müssen sie sich selber ernst nehmen und das Parlament gegenüber der Exekutive stärken. Dazu gehören mindestens eine bessere Ausstattung mit wissenschaftlicher Expertise und die Einräumung von genügend Beratungszeit bei Gesetzesvorhaben. Dazu gehört auch, dass Experten zu Anhörungen eingeladen werden, die die Abgeordneten bei Entscheidungen beraten und nicht selbst die Vorlagen erarbeiten.

Postdemokratisierung
In meinem Buch habe ich auf viele Symptome hingewiesen, die Politikwissenschaftler als Postdemokratie bezeichnen. Ich habe aber auch deutlich gemacht, dass wir es noch selber in der Hand haben, den Einflussverlust von Abgeordneten und Parteien insgesamt einzudämmen und eine generelle Gefährdung unserer parlamentarischen Demokratie abzuwenden. In der letzten Zeit lassen sich dazu zwei Entwicklungen ausmachen. Einerseits schreitet die „Postdemokratisierung“ voran, andererseits erleben wir zunehmend eine Gegenöffentlichkeit.

Das Abnicken ohne ausgiebige oder gar strittige Diskussionen wird für die Regierungsfraktionen immer mehr zur Routine. Die Ökonomisierung der Politik verfestigt sich zunehmend und die Politiker, vor allem die Basisgruppen der Parteien, verlieren ihre politischen Gestaltungsspielräume. Nicht nur in den Fraktionen, sondern auch in den Parteien regieren weiterhin kleine intransparente Eliten, welche die Spitzenfunktionen und Ämter unter sich ausmachen. So kamen nahezu alle Partei- und Fraktionsvorsitzende der verschiedenen Parteien an ihre Positionen und so stellte sich die neue Spitze der FDP auf, die am Ende nur noch der Form halber von einem Parteitag abgesegnet wurde. Schon vorher trat Philipp Rösler in den Medien als zukünftiger Vorsitzender seiner Partei auf. Statt offener Kandidaturen und Diskussionen regiert die Hinterzimmerdiplomatie. In der SPD gab und gibt es zaghafte Bestrebungen, dies nach der harten Wahlniederlage zu ändern. Wir werden sehen ob Urwahl und Mitgliedsentscheidungen sich durchsetzen.

Neben den wenigen Politikakteuren spielen auch einige Medien mit im Machtkarussell. Da werden Politiker wie Steinbrück zu Kanzlerkandidaten hochgejubelt, bevor die betroffene Partei darüber ernsthaft diskutiert. Häufen sich diese Lobhudeleien oder wird eine Name für eine wichtige Funktion nur häufig genug ins Spiel gebracht, wird aus dem medial erkorenen Favoriten automatisch mindestens ein aussichtsreicher Kandidatenaspirant. Genauso werden mögliche Kandidaten runtergeschrieben, womit sie unter Druck geraten und eventuell sogar ihre Favoritenrolle verlieren. Die Meinungsforschungsinstitute tun ihr Übriges. Sie allein treffen die Auswahl, wer in Umfragen als möglicher Konkurrent beispielsweise gegen Merkel gestellt wird. Die eigentlichen Entscheider, die Parteimitglieder, werden so von ihren Spitzen und der medial erzeugten Stimmung gleich doppelt entmündigt.

Der Widerstand wächst
Die Bevölkerung spürt, dass etwas schief läuft mit unserem parlamentarischen System. Viele ziehen sich politisch völlig zurück und bleiben selbst bei Wahlen zu Hause. Andere werden aktiv, beteiligen sich, organisieren Protestaktionen, unterschreiben Petitionen oder wenden sich auch immer häufiger an die Mandatsträger. Das Aufkommen von Anfragen und Gesprächswünschen auch Bürgern und von kleinen Initiativen in meinem Büro ist in den letzten Jahren deutlich angewachsen. Dies entfaltet langsam auch bei den Politikern seine Wirkung. Es gibt immer mehr Abgeordnete, die zumindest einige Regeln für Lobbyisten und auch für sich selbst aufstellen wollen. Einige Vorlagen wurden in den Bundestag zu dieser Thematik eingebracht. Wenn sie auch von den Regierungsfraktionen abgelehnt wurden, so sind es zum ersten Mal die Politiker selbst, die aufzeigen, dass es so nicht weitergehen darf und dass sie das Heft des Handelns wieder selbst in die Hand nehmen müssen. Nun sind diese Bemühungen zaghaft und zu Recht werden Kritiker einwenden, dass sie nur erste Schritte sind und sich erst in Regierungsverantwortung beweisen wird, wie reformwillig die Oppositionsfraktionen wirklich sind. Aber ein Anfang ist gemacht.

Es gibt zudem immer mehr Medienvertreter, die die Situation im Parlament – sei es nun der Lobbyismus oder die Entmachtung der Fraktionen – kritisch hinterfragen und öffentlich machen. Vor allem der Lobbyismus ist im letzten Jahr immer häufiger unter die Lupe genommen worden. Aber die journalistische Kritik weist die Bürger immer mehr auch auf die Gesamtproblematik hin. Schlagzeilen wie: „Steht auf, wenn ihr freie Abgeordnete seid! Die Bundesregierung treibt die Entmündigung des Parlaments voran“ , häufen sich. Auch der Einfluss von Initiativen wie LobbyControl, Transparency International und Campact nimmt zu. Dies beweist z. B. die jüngste Diskussion zur Neuregelung der Veröffentlichungspflicht der Nebeneinkünfte von Abgeordneten. Nach ersten Plänen sollte es eine „Bagatell-Grenze“ von 10.000 Euro/Jahr geben. Die Organisationen haben zu Recht auf die Gefahr der Verschleierung von Einkommen bei einer solchen Regelung hingewiesen, einen beispiellosen Protest organisiert und so dafür gesorgt, dass die Regelung noch einmal überarbeitet wird. Ich hatte in meinem Buch schon gefordert, dass die Nebeneinkünfte der Abgeordneten vollständig offengelegt werden sollen und werde die Initiativen in diesem Bestreben auch weiter unterstützen.

Destruktive Debatten
Neben dem vielen Zuspruch, den ich nach der Veröffentlichung meines Buches bekommen habe, hat es natürlich auch Kritik gegeben. Interessanterweise war aber kaum ein Kritiker bereit, wirklich inhaltlich mit mir über meine Thesen zu diskutieren. Meist wurden die Kritiker persönlich und waren dabei zu feige, namentlich aufzutreten. Auch in den ablehnenden Presseartikeln befasste man sich lieber damit, dass so nun einmal die Spielregeln seien und es naiv wäre, diese ändern zu wollen. Doch in den meisten Medienberichten und auch in vielen Diskussionen, die ich zu dem Thema in der Partei aber auch anderen Gruppen geführt habe, wurde eher über die von mir aufgeworfene Problematik diskutiert. Teilweise durchaus kontrovers, meist aber mit dem Fazit, dass in unserem politischen System einiges im Argen liegt.

Einige Auseinandersetzungen, die bestimmte Medienvertreter und auch Teile der Bevölkerung mit der Politik führen, sind ebenfalls destruktiv. Pauschale Schelten, die nicht selten mit „die Politiker“ beginnen, häufen sich. Für das Fehlverhalten EINIGER werden immer häufiger ALLE in Haftung genommen. Einige Journalisten schaffen es sogar Artikel zu schreiben, in denen sie die Politiker pauschal attackieren, ihnen aber nicht einmal die Gelegenheit geben, selbst zu Wort zu kommen. Dazu gehörte beispielsweise die Berichterstattung von Report Mainz und dem Focus in Bezug auf die Entlohnung der Abgeordneten-Mitarbeiter. Beide Berichte waren nicht nur einseitig, sondern destruktiv und meines Erachtens völlig ungerechtfertigt.

In beiden Berichterstattungen wurde kritisiert, dass die Pauschale, die jeder Abgeordnete für die Bezahlung von Mitarbeitern zur Verfügung hat, viel zu üppig ausfalle und die Politiker reine „Luxus-Abgeordnete“ seien . Mit keinem Wort wurde dabei erwähnt, wie Abgeordnete sonst ihre zahlreichen und wachsende Aufgaben erledigen sollen, wie sie wöchentlich mehrere hundert Mails, Briefe und Anfragen beantworten sollen, wie sie Öffentlichkeitsarbeit, eine Internetseite betreiben, wie sie ihr Fachgebiet intensiv begleiten und bei weitere wichtigen Themen auf dem Laufenden bleiben sollen. Zu Recht wird sonst kritisiert, dass Politikprofis immer seltener schwierige politische Sachverhalte wie die Finanzkrise oder die Energiepolitik überschauen könnten und immer abhängiger von Expertengremien und immer beeinflussbarer durch die zahlenmäßig überlegenen Lobbyisten werden. Genau dies habe ich ebenfalls in meinem Buch aufgelistet. Ich habe die letzten beiden Diätenerhöhungen abgelehnt und halte eine Einschränkung der Nebenverdienste für notwendig, halte es aber für kurzsichtig, die Mitarbeiterpauschale zu kürzen. Im Gegenteil, wir bräuchten mehr wissenschaftliche Zuarbeit, wenn wir unsere Arbeit vernünftig und kompetent erledigen und wenn wir die Aussagen von Lobbyisten und Expertengremien einigermaßen überprüfen wollen. Solche unreflektierten Angriffe auf die Abgeordneten sind kontraproduktiv, weil sie von den wirklichen Problemen ablenken, statt zur Aufklärung beizutragen.

Fazit
Die Thesen meines Buches sind leider aktueller denn je und sie werden glücklicherweise immer häufiger öffentlich diskutiert. Noch immer ist die Debatte über den Zustand unseres parlamentarischen Systems allerdings zu unstet und oberflächlich. Meistens lodern nur Teilaspekte der Problematik auf, wenn an einer Stelle – wie beim Atomdeal – politisches Fehlverhalten besonders offensichtlich wird. Es darf nicht passieren, dass die Empörung mit der Häufung solcher Beispiele abflacht. Stattdessen sollten wir dafür sorgen, dass eine differenzierte Gesamtbetrachtung stattfindet.

Es bleibt für mich dabei, dass wir Politiker selbst dabei vorangehen und vor Selbstkritik nicht zurückschrecken sollten, auch um haltlosen Anschuldigungen glaubwürdiger etwas entgegensetzen zu können. Bei den Lösungsansätzen stehen wir erst am Anfang und es besteht die Gefahr, dass die Postdemokratisierung die Politik schneller durchdringt, als Gegenmaßnahmen sie abwehren kann. Deshalb müssen wir die aufkeimende Kritik schnell in konstruktive Vorschläge umwandeln, die ja teilweise schon existieren. Dazu brauchen wir Politiker den Druck und die Unterstützung der Öffentlichkeit. Ich werde jedenfalls an dem Thema dranbleiben.

 

Wir feiern eine Tötung – doch wer verdient den Tod?

Für viele in der westlichen Welt ist es ganz einfach. Dem personifizierten Bösen wurde der Garaus gemacht und das zu Recht. Der Außenminister begrüßt die Tötung von Bin Laden, die Kanzlerin freut sich gar darüber und für die liebevolle Mutter der Nation von der Leyen ist es Balsam auf die Wunden, die der Terrorist geschlagen hat. Auch Moderatoren freuen sich, einer spricht davon, dass es ein Trost sei, dass das Böse am Ende doch verliert. Eine große liberale Zeitungen titelt euphorisch: „Ein Krieg weniger“. Es ist wie ein tiefer Seufzer, endlich kann man die Welt mal wieder schwarz weiß malen, sie in gut und böse aufteilen.

Wenn es doch nur so einfach wäre. Natürlich wenn nur die Hälfte stimmt, was uns seit 2001 über Bin Laden erzählt wird, dann war er ein grausamer Verbrecher. Wahrscheinlich stimmt davon einiges, aber wir sollten immer fragen, wer erzählt was und aus welchem Grund. Was wird auf der anderen Seite nicht alles über uns, über die Amerikaner und ihre Führer erzählt. Wie reagieren wir, wenn Extremisten einen Mord feiern? Was ist der Preis für Bin Ladens Tod? Was ist mit unseren Werten, die wir so hochhalten, die uns angeblich über alle anderen stellen? Christlich und zivilisatorisch gesehen ist ein Mord – so gerechtfertigt er auch sein mag – und sicher keine Glanzleistung. Darüber zu jubeln offenbart unsere überschätzte Überlegenheit.

Auch wenn ich die meisten Einsätze der Bundeswehr rigeros ablehne, gebe ich zu, dass ich kein Pazifist bin. Im absoluten Ausnahmefall kann ich gewalttätige Gegenwehr nicht ausschließen. Im Extremfall würde der Tod eines Menschen auch von mir in Kauf genommen, aber rechtfertigen könnte ich ihn nie. Ich würde immer einen Preis dafür zahlen müssen und ich würde mich immer fragen müssen, ob es keine andere Möglichkeit gab. Wenn ich dass nicht tue, bin ich nicht so viel besser, als diejenigen die ich bekämpfe. Skrupel ist eine moralische Verpflichtung und keine naive Schwäche.

Gut und Böse bleiben schwierige Kategorien. Dass die Nazis das Böse verkörpern, bestreitet kaum jemand. Die erfolglosen Attentäter Hitlers werden bei uns als Helden verehrt. Doch was ist mit Generälen oder Präsidenten, die Kriege befehligen, die beispielsweise die Verantwortung dafür tragen, dass in Vietnam Napalmbomben auch gegen Zivilisten eingesetzt wurden. Wer bei Bin Ladens Tod bejubelt, hätte der nicht auch den Mord am US-Präsidenten fordern müssen? Eine provokante – für viele eine absurde – Frage, woran man erkennt, welch unterschiedliches Maß angewendet wird und wie schwierig die Beurteilung ist, ob jemand den Tod verdient hat.

Jeder soll seine Meinung dazu äußern dürfen, aber mehr Differenzierung, mehr Nachdenklichkeit würde uns gut tun – selbst bei Bin Laden. Mehr Bescheidenheit darüber, wem wir moralisch alles überlegen sind, würde vielleicht auch einige Konflikte entschärfen.

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