Mrz 112015
 

Im März 2011 ereignete sich in Folge des Tōhoku-Erdbebens, bzw. des Tsunamis der tragische Atomunfall im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi, bei dem vier von sechs Reaktorblöcke schwer beschädigt wurden. Doch die Katastrophe ist längst nicht beendet, nur weil wir nichts mehr davon hören. Sie passiert noch immer, jeden Tag. Noch immer wird am Atomstandort Radioaktivität freigesetzt: Es fließen 300 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer – pro Tag. Als einzelnes Ereignis wäre das eine Schlagzeile für die Haupt-Nachrichten. In Fukushima passiert dies nun seit vier Jahren jeden Tag. Natürlich ist es den Atomlobbyisten Recht, dass die Medien die Situation schnell aus den Augen verlieren, weil sonst deutlich werden würde, wie viel stärker und nachhaltiger solch ein Unfall Natur und Menschen belastet bzw. welche verheerenden Folgen diese Katastrophentechnologie hat.

Ungefähr 360.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren der Region Fukushima werden lebenslang regelmäßig auf Krebs untersucht. Beim ersten Screening wurde bereits bei 109 Kindern Schilddrüsenkrebs festgestellt. Statisch normal wäre bei der Zahl der untersuchten Kinder ca. ein Krebsfall gewesen. Das wahre Ausmaß der gesundheitlichen Folgen wird man aber erst in vielen Jahren sehen können, da die Latenzzeit zwischen der Bestrahlung und dem vermehrten Auftreten von Krebserkrankungen je nach Krebsart unterschiedlich lang ist und z.T. über zehn Jahre betragen kann. Aber auch diese schlimmen Folgen sind ja nur ein Teil der Auswirkungen, die nun, fern der Empörung, von den Menschen in Japan getragen werden müssen.

Kinder auf radioaktiv verstrahlten Spielplätzen?

Der Jahrestag von Fukushima macht nochmal bewusst, welche katastrophalen Folgen die Atomenergie für Menschen haben kann. Auch, wenn es keine für die Medien interessante „Neuigkeiten“ gibt, sollte man sich die Situation dort mal wieder vor Augen führen. Denn all das kann auch hier passieren. Wer möchte gerne aus seiner Heimat zwangsevakuiert werden und zwar dauerhaft? Wer möchte gerne seine Kinder auf Spielplätze schicken, auf denen die Höhe der radioaktiven Belastung des Sandes jeden Tag neu auf Infotafeln notiert wird? Oder auf Schulen, die zwar offiziell dekontaminiert wurden, die aber kurz danach wieder durch Wind und Regen mit radioaktiv kontaminierten Teilchen verseucht sind? Wer möchte in der ständigen Angst leben aufgrund der erhöhten Strahlenbelastung eines Tages an Krebs zu erkranken? Dieser belastende Zustand ist für hunderttausende von Japanern Alltag.

Atomkatastrophe in Europa ausgeschlossen?

Wir können froh sein, dass so etwas in Westeuropa noch nicht passiert ist. Zwar haben wir 29 Jahre nach Tschernobyl im Bundeshaushalt immer noch Titel für die Beseitigung von radioaktiven Wildschweinen z.B. in Bayern. Die große Katastrophe direkt hier bei uns ist aber zum Glück bisher ausgeblieben. Wer sagt aber, dass das so bleiben muss? Noch immer laufen in Europa mehr als 100 Atomreaktoren. Einige davon in Deutschland oder in unmittelbarer Grenznähe. Und diese AKW werden jeden Tag älter. Auch Atomreaktoren altern, es kommt zu Materialermüdungen. In Belgien wurden in den AKW Doel 3 und Tihange 2 aktuell mit neuen Messmethoden über 16.000 Risse in den Reaktordruckbehältern gefunden. Die Laufzeiten der schon seit vierzig Jahren im Betrieb befindlichen Uraltreaktoren Doel 1 und 2 sollen nach Willen der belgischen Regierung sogar nochmal jeweils um zehn Jahre verlängert werden, weil man Stromengpässe befürchtet. Belgien liegt sehr nah an Deutschland und meistens kommt der Wind aus dem Westen. Dass aufgrund mangelnder Zukunftsplanung der belgischen Energieversorger bzw. der belgischen Regierung jetzt die Sicherheit der Bevölkerung zurückstehen muss, ist absolut inakzeptabel. Müssen wir das wirklich einfach so hinnehmen?

Immer nur Zurückhaltung üben?

Unsichere Atomkraftwerke finden wir nicht nur in Belgien, sondern auch in anderen Nachbarländern. Fessenheim in Frankreich läuft seit fast 40 Jahren und hat immer wieder Probleme. Temelin in Tschechien ist schon lange umstritten. Und die ältesten AKW Europas stehen in der Schweiz. Um wirklich sicher zu sein, dass uns und unseren Kindern keine Atomkatastrophe droht, müssen alle Atomreaktoren endgültig abgeschaltet werden. Auch wenn wir Deutsche unseren Nachbarn nichts vorschreiben können, so können wir doch verhandeln und beim Aufbau beispielsweise von Erneuerbaren Energien helfen, um so deren Versorgungssicherheit zu erhöhen. Dies sollte unsere Sicherheit uns wert sein!

Neue Atomkraftwerke zu bauen, wie in Finnland und Frankreich und sogar Milliardensubventionen für AKW-Neubauten zu beschließen, wie in Großbritannien, ist komplett aberwitzig. Da muss sich die Bundesregierung klar gegen positionieren. Wenn die Menschen schon leider viel zu selten vorrausschauend handeln, so sollten sie doch wenigstens in der Lage sein, aus Fehlern zu lernen – ohne dass es auch in Westeuropa erst zu einer Katastrophe kommen muss! Wir sollten uns endlich offensiv dafür einsetzen, dass andere Länder folgen. Sich diplomatisch zurück zu halten, ist bei dem Thema unangebracht. Dafür werde ich mich in meiner Fraktion einsetzen und dies muss endlich auch die Union kapieren.

Okt 162014
 

“Der Versuch, das Teersand-Öl aus Europa herauszuhalten, ist gescheitert. (…)

Nur wenige Tage nach dem offiziellen Abschluss der Verhandlungen zum europäisch-kanadischen Freihandelsabkommen CETA hat die kanadische Regierung damit erreicht, was sie seit Jahren fordert: Freien Zugang auf den europäischen Markt und keine Schutzklauseln gegen ihre Klimakiller. Während die Europäer aus Gründen des Klimaschutzes eine genaue Bewertung des „dreckigen Öls“ für nötig hielten, trommelte die kanadische Politik im Schulterschluss mit der Ölindustrie auf beiden Seiten des Atlantiks für ihr Produkt. (…)

Der neue Vorschlag folgt auf eine umfangreiche Lobbykampagne der Kanadier: Minister und Abgeordnete besuchten die Brüsseler Büros, heuerten PR-Firmen an und entwarfen eine geheime Lobby-Strategie namens „Pan European Oil Sands Advocacy Plan“. Allein in den ersten zwei Jahren organisierten die Kanadier 110 Lobby-Veranstaltungen in Europa, mehr als einen pro Woche. Sie stellten mit zweifelhaften Gutachten die wissenschaftlichen Studien der EU infrage, flogen EU-Politiker zu einseitigen Informationsbesuchen nach Kanada und fanden unter konservativen Energiepolitikern und europäischen Industrievertretern willige Partner.

Der Umweltverband „Friends of the Earth Europe“ in einer Recherche über „Kanadas dreckiges Lobby-Tagebuch“: „Diese konzertierte und gut geplante Lobbykampagne zielte darauf, die europäischen Entscheider in die Irre zu führen und zu spalten, um eine Entscheidung über die Emissionswerte der Teersände zu verzögern.“ Die internen Papiere, die die Umweltschützer von der EU zitieren, belegen auch, dass die Kanadier immer wieder mit dem Abbruch der CETA-Verhandlungen drohten, sollten die Europäer bei ihrer Haltung zu den Teersänden bleiben.”

(Quelle: Die Tageszeitung, 06.10.2014, http://www.taz.de/Oel-aus-Teersand/!147135/)

Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sich kontinuierliche Lobbyarbeit in Brüssel auszahlt. Jeder, der sich mit dem Thema Teersande schon einmal beschäftigt hat, der weiß, dass deren Produktion extrem energieaufwändig und klimaschädigend ist. Zurück bleiben riesige Flächen völlig zerstörter und verdreckter Landschaft. All das weiß auch die noch amtierende EU-Kommission. Kurz vor ihrem Abgang winkt sie im Energiebereich aber plötzlich noch unglaubliche Vorhaben, wie eben Teersandölimporte oder staatliche Beihilfen für AKW-Neubauten durch. Nach mir die Sintflut. Und die Lobbyisten haben sich wieder mal durchgesetzt.

Sep 242014
 

„In Deutschland legt das Unternehmen ExxonMobil freiwillig und lobenswerterweise die Zusammensetzung eingesetzter Frack-Flüssigkeiten offen. Erkennbar ist, dass in der Vergangenheit rund 150 Additive eingesetzt wurden, darunter auch giftige, erbgutschädigende oder umweltschädliche. Und zwar in erheblichen Mengen: Beispielsweise wurden 1998 allein in der Bohrung Damme 3 bei drei Fracks fast 20.000 Kilogramm Additive in den Untergrund gepresst.

ExxonMobil gibt auf seinen Internetseiten das Ziel aus, künftig ohne gesundheits- oder umweltgefährdende Stoffe auszukommen. Falls das gelingt, wäre das ein Erfolg der Forschung. Und zwar einer, der dem Fracking zu mehr Akzeptanz verhelfen könnte.“

(Quelle: Focus 16.09.2014: http://www.focus.de/wissen/experten/frank_frick/fortschritt-durch-forschung-kann-fracking-ohne-gefaehrliche-stoffe-in-zukunft-gelingen_id_4129851.html )

Fracking ist und bleibt Quatsch. Selbst wenn man beim Fracking ganz auf gefährliche Chemikalien verzichten würde, gebe es keinen Grund, die Förderung von Erdgas aus unkonventionellen Schiefergaslagerstätten zuzulassen. Durch Fracking können Erdstöße ausgelöst werden, der Flächenverbrauch erhöht sich, die benötigten Wassermengen sind enorm, gegebenenfalls wird klimaschädliches Methan freigesetzt und vor allem vom immer anfallenden Lagerstättenwasser gehen Gefahren aus, wenn es nicht zu 100% sicher entsorgt wird. Oft weist es hohe Werte an Quecksilber auf, ist radioaktiv und extrem salzhaltig. Es gibt überhaupt keinen Grund irgendein Risiko einzugehen. Das Schiefergaspotential in Deutschland ist gering. Unabhängig von Gasexporten werden wir dadurch nicht. Zudem ist Gas so oder so ein klimaschädlicher Brennstoff und hat von daher keine langfristige Zukunft. Wir brauchen daher kein Fracking.

Aug 142014
 

„Das erste Halbjahr sei das drittwärmste überhaupt gewesen, stellte die amerikanische Regierung fest. (…) Die Temperatur steigt seit Jahren in kleinen, aber steten Schritten. Eis schmilzt in großen Mengen und an Stellen, wo es jahrzehntelang gefroren war. Starkregen und Stürme kommen mit nicht gekannter Häufigkeit übers Land und verheeren ganze Landstriche. Versicherungskonzerne listen größer werdende Schäden auf. Und? Der Mensch nimmt es zur Kenntnis wie einen lästigen Furunkel, an den man sich durchs jahrelange In-den-Spiegel-Gucken gewöhnt hat: hässlich, aber nicht akut bedrohlich. (…)

Doch ergibt sich aus der Summe der Schlüsse ein Befund, der sich nicht schönreden lässt: Es gibt einen gefährlichen Temperaturanstieg. Weil der menschengemacht ist, muss er auch vom Menschen eingedämmt werden. Doch selbst wenn die Ursache eine andere wäre, müsste das geschehen. (…)

Das Phänomen ist aus der internationalen Klimapolitik bekannt. Absichtserklärungen für den Klimaschutz gibt es viele, doch die markantesten Entscheidungen stehen für das Gegenteil: Während die Menge der in die Luft gepusteten Klimagase Jahr für Jahr steigt, nimmt die Zahl der Industriestaaten ab, die sich vertraglich zur Reduzierung von klimaschädlichen Gasen gebunden haben. Japan und Kanada haben sich aus dem Kyoto-Protokoll verabschiedet, seine Vorgaben für Einsparungen verworfen.

Ein besonders schlechtes Vorbild gab unlängst Australien ab: Die Regierung stampfte die Steuer auf Kohlendioxid-emissionen ein, kaum dass sie eingeführt war. Dabei sollte diese Steuer ein anderes marktwirtschaftliches Vermeidungssystem, den Emissionshandel, ablösen. Nun hat das Land mit der höchsten Pro-Kopf-Emission gar kein Regulativ mehr.

Damit kommt den – untereinander zerstrittenen – Europäern wieder ein potentieller Partner in der Klimaschutz-politik abhanden. Andere sind schwer zu finden: China, der nach Tonnen größte Emittent der Welt, ist und bleibt nur ein Hoffnungswert, Amerika ein unsicherer Kantonist. Denn der Kongress wird auch künftig kein bindendes internationales Klimaabkommen ratifizieren.“

(Quelle: FAZ 29.07.2014: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/trotz-klima-alarms-kein-partner-fuer-den-klimaschutz-13069184.html)

In diesem Artikel wird (im ersten, hier zitierten) Teil die aktuelle Problematik des Klimawandels kurz und knapp auf den Punkt gebracht. Selbst wir Mitteleuropäer, für die der Klimawandel bisher kaum so existenzbedrohend ist wie für andere Menschen dieser Welt, registrieren ihn immer häufiger. Es gibt mehr Wind, mehr Starkregen, etc. Trotzdem ist es so wie bei allen langfristigen Problemen: man gewöhnt sich daran, die mediale Berichterstattung nimmt ab, die Politik fühlt sich nicht mehr so unter Druck gesetzt, keiner will mehr voran gehen und kosten darf Klimaschutz sowieso am besten nichts. Wann werden wir Menschen endlich mal dazu lernen und anders, nämlich langfristig und proaktiv handeln?

Apr 292014
 

Heute wäre Herman Scheer 70 Jahre alt geworden. Der 2010 verstorbene Träger des Alternativen Nobelpreises („Right Livelihood Award“) war 30 Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestages.

„Verlieren wir nicht die Courage vor dem selbstständigen politischen Denken! Erkennen wir, dass wir es vielfach mit fragwürdigen Weltbildern zu tun haben, deren „geistige Hegemonie“ (Antonio Gramsci) oft nur noch deshalb besteht, weil vor ihnen geistig kapituliert wird. Denken wir weitläufig und autonom, global, europäisch, staatlich und kommunal. Stellen wir die gesellschaftlichen Wertigkeiten wieder her: den Vorrang der Menschenrechte, des Erhalts der natürlichen Lebensgrundlagen, der demokratischen Selbstbestimmung eines Gemeinwesens, seiner Selbstbehauptung jenseits wirtschaftlicher Dogmen. Diskutieren wir alternative Handlungsoptionen, so lange und laut, dass es andere anregt. Und hören wir, was andere vorschlagen, die auf eine Antwort warten.“ (Hermann Scheer: Die Politiker, 2003)

Die Aufforderungen Hermann Scheers sollten sich alle, die sich mit Politik beschäftigen, mehr denn je vergegenwärtigen. Wir brauchen wieder Politiker, die in größeren Zusammenhängen denken, denen ein positives Welt- und Menschenbild als Grundlage ihres politischen Handels dient, die etwas bewegen wollen für andere und nicht nur primär für sich. Und vor allem Politiker, die sich trauen. Die sich trauen, die ausgetretenen, vorhersehbaren Wege mal zu verlassen. Die sich trauen, auch mal das scheinbar Unmögliche zu denken. Die sich trauen, gegen viele Widerstände Ideen mit langem Atem durchzusetzen.

Heute gibt es leider viel zu wenige solcher Politiker. Hermann Scheer war einer letzten von ihnen. Er würde sicher noch immer mit der gleichen Einstellung und Tatkraft seinen Ideen nachgehen, wäre er nicht vor fast vier Jahren so plötzlich verstorben. Sein Leben lang war er Vordenker in vielen Bereichen und zugleich Querdenker. Unvergessen bleibt er vor allem durch sein frühes und unerschütterliches Engagement für die Erneuerbaren Energien – nachzulesen in seinen Büchern und anschaulich erlebbar in dem Film „Die 4. Revolution – Energy Autonomy“. Hermann Scheer sollte allen heutigen Politikern ein Vorbild sein. Mir war er es immer (siehe auch Nachruf von mir vom Oktober 2010: https://www.solidarische-moderne.de/de/article/117.nerviger-scheer-lieber-hermann.html ).

Nov 262013
 

Mit jedem Klimagipfel sinken die Erwartungen im Vorfeld mehr und mehr. Die gerade beendete UN-Klimakonferenz in Warschau (COP19) war diesbezüglich der bisherige Tiefpunkt. Die Klimakonferenzen werden immer mehr zu einer Farce. Auf der Welt wachsen die Anforderungen an die Konferenzen und vor allem die Probleme, die uns unsere selbstgemachte Klimaerwärmung bescheren. Die verheerenden Auswirkungen des Taifuns Haiyan über den Philippinen hat dies eindrucksvoll bestätigt. Alle ernstzunehmenden Experten bestätigen, dass solche Wetterextreme sich verstärken werden. Doch nicht mal solche Zeichen werden von uns erkannt. In Deutschland diskutiert man lieber über eine lächerliche PKW-Maut statt darüber, dass wir von einem Klimavorreiter zu einem Bremser geworden sind. Die Ergebnisse der Koalitionsvereinbarungen zur Energiewende sind ebenfalls mehr als beschämend. Die alte Energielobby setzt sich mit Schützenhilfe der Politik nach Rückschlägen weltweit wieder durch.

Alternativgipfel organisieren!

Die Klimakonferenz in Polen durchzuführen, zeigte wie wenig ernstzunehmend die Bemühungen der Weltgemeinschaft sind. Parallel zur COP19 hatte der Weltkohleverband zur eigenen Konferenz in Warschau geladen und zwar im Wirtschaftsministerium! Eine Provokation. Ein Wunder, dass viele Klimadiplomaten, die wirklich was verändern wollen und die Umweltverbände dieses Spiel überhaupt mitgespielt haben. Sie hätten längst eine Alternativveranstaltung organisieren müssen.

Als wäre das nicht deprimierend genug, hat Japan pünktlich zum Beginn der Klimakonferenz verkündet, seine Klimaschutzziele zu senken. Und Australien macht von sich Reden, weil es seine gesamte Klimaschutzgesetzgebung kippt. Statt Fortschritt also nur Rückschläge, dabei haben wir schon so viele Jahre verschlafen und je länger wir warten, desto drastischer müssten wir handeln, um den Klimawandel doch noch wirksam eindämmen zu können.

Stattdessen beschließt man wieder nur den nötigen Minimalkonsens, um den gesamten Prozess überhaupt am Laufen zu halten und nicht eingestehen zu müssen, dass die Klimakonferenzen in ihrer derzeitigen Form zum Scheitern verurteilt sind. Auch diesmal hat man sich vorgenommen, beim nächsten, bzw. übernächsten Mal (2015 in Paris) aber dann wirklich den großen Wurf zu präsentieren. Wie oft hat man das schon gehört? Kyoto liegt schon 16 Jahre zurück. Wer glaubt das noch? Wann wachen wir endlich auf?

Deutschland: Von der Champions League zum Absteiger

Man sollte allerdings nicht ständig nur mit dem Finger auf die anderen bösen Länder zeigen. Deutschland hat seine selbst formulierte Vorreiterrolle beim Klimaschutz in den letzten Jahren ad acta gelegt. Die Frau, die sich 2007 beim G8-Gipfel in Heiligendamm noch als Klimakanzlerin feiern ließ, meldet sich schon seit Ewigkeiten nicht mehr zu Wort beim Thema Klima. Dementsprechend desinteressiert und unambitioniert ist mittlerweile auch ihre Politik.

Leider kommt auch von der Spitze der Sozialdemokraten kein Gegendruck mehr. Innerhalb der SPD herrscht ein heterogenes Bild bezüglich der Energie- und Klimapolitik. Bei den Koalitionsverhandlungen konnte man das traurige Ergebnis dieser Entwicklung verfolgen. Deutschland ist folgerichtig im u.a. von Germanwatch veröffentlichten Klimaschutzindex erstmals überhaupt aus den Top Ten gerutscht – von Platz 8 auf 19! In der EU ist Deutschland nicht mehr Antreiber, sondern Blockierer. Da hat man sich gegen ein ambitioniertes Klimaziel ausgesprochen, wollte nicht, dass die Emissionszertifikate verknappt werden und hat im Sinne der deutschen Hersteller großer Spritfresser CO2-Emissionsbeschränkungen für PKWs verwässert. Viele Grüße an den ehemaligen Merkelvertrauten und Staatsminister im Kanzleramt von Klaeden, der jetzt Chef der Autolobby ist.

Wie kommt wieder Bewegung in die Klimaschutzdiskussion?

1. Wir müssen den Einfluss von Lobbyisten eindämmen, vor allem dürfen nicht nur die großen Player gehört werden, sondern müssen z.B. auch mal Klimaschutzinitiativen, Wissenschaftler, innovative Unternehmen, die klimafreundliche Produkte herstellen etc. zu Wort kommen. Solange Frau Merkel sich aber nur mit Vertretern der großen Energieversorger und mit Ölmultis trifft (wie ich mit einer Anfrage im Kanzleramt herausgefunden habe), ändert sich nichts.

2. Es muss wieder Vorreiter geben, die andere hinter herziehen. Wenn alle nur Angst davor haben, sich zu viel zu bewegen, weil sie sonst angeblich einen Nachteil gegenüber den Verweigerern haben, passiert nichts. Es gab immer so lange Bewegung bei Klimaschutzgesprächen, wie Staaten bereit waren voran zu gehen. Deutschland hatte keinen Nachteil durch seine frühere Vorreiterrolle. Im Gegenteil, es hat wirtschaftlich von seinem Ruf profitiert, dass es im Bereich Klimaschutz, Erneuerbare Energien und Effizienztechnologien führend war. Um da wieder hinzu kommen, müssen in der CDU/CSU, aber auch in der SPD endlich wieder diejenigen mehr zu Wort kommen, die gerade bei den wichtigen Verhandlungen kalt gestellt wurden. Dazu müssen die Medien noch mehr den Einfluss einiger weniger Lobbyisten aufdecken und statt über PKW-Maut und andere Nebenplätze mehr über die wirklich brisanten Themen berichten.

3. Im Prinzip geht es immer nur ums Geld. Sobald Klimaschutz Geld kostet, will kaum einer mehr zahlen. Jeder denkt zuerst an sein Portemonnaie. Wir brauchen also mehr nachvollziehbare Berechnungen mit konkreten und aktuellen Beispielen, die zeigen wie teuer uns der Klimawandel zu stehen kommt. Der Stern-Report hat 2006 erstmals die Kosten des Klimawandels thematisiert und damit hohe Wellen geschlagen. So etwas muss wieder auf den Tisch, und zwar in der Form, dass den Leuten klar wird, dass jeder auch finanziell davon betroffen ist, bzw. es sein wird. Erst dann wird es wieder mehr öffentlichen Druck geben, Klimaschutz wieder Ernst zu nehmen.

4. Alle diejenigen, die unzufrieden sind mit den letzten Ergebnissen bei den Weltklimakonferenzen, also NGOs, Wissenschaftler, Vertreter von Parteien und Parlamenten etc. sollten einen Alternativgipfel organisieren. Deutschland sollte so einen Gipfel beispielweise ausrichten. Ziel ist es hierbei, dass der Druck auf die eigentliche Weltklimakonferenz erhöht wird, damit dort doch noch etwas passiert. So müssten jetzt zügig Anforderungen formuliert werden, was in Paris erreicht werden soll. Sollte beim Klimagipfel in Paris 2015 nicht der ganze große Wurf gelingen, der die Staaten wirklich verbindlich verpflichtet, eklatant mehr gegen den Klimawandel zu unternehmen, dann kann man sich diese UN-Klimakonferenzen auch endgültig schenken. Dann müssen neue, effektivere Formen der Zusammenarbeit beim internationalen Klimaschutz gefunden werden.

Jul 242013
 

“Die Geschichte der erneuerbaren Energien war einst stark von RWE geprägt, stärker als von jedem anderen der vier großen deutschen Energiekonzerne […]

Für Hans Bünting, Chef der RWE Innogy GmbH markiert 2013 eine Zeitenwende im Essener Konzern: „Der Anteil der erneuerbaren Energien an unserer Stromerzeugung stieg von 7,6 auf 8 Prozent. Damit haben Erneuerbare bei RWE erstmals die Kernenergie überholt.“ […]

 Aber natürlich kommt dieser Wandel für den Gesamtkonzern nicht ganz freiwillig: Die beiden RWE-Meiler in Biblis mussten nach Fukushima vom Netz gehen. Ohne den japanischen Super-Gau wäre diese Zeitenwende im Hause RWE noch immer weit entfernt. […]

Von 227 Milliarden Kilowattstunden Eigenleistung kamen im Jahr 2012 gerade 12,4 Milliarden aus erneuerbaren Quellen. Dem stehen 30,7 Milliarden Kilowattstunden Atomstrom gegenüber und mehr als 140 Milliarden Kilowattstunden Kohlestrom. RWE ist damit heute der größte CO2-Emittent Europas.

Die Erneuerbaren haben an der Eigenerzeugung nur einen Anteil von fünf Prozent. Im bundesweiten Strommix wurde ein solcher Wert schon zur Jahrtausendwende erreicht – so gesehen, liegt RWE in Sachen Energiewende als mehr als ein Jahrzehnt zurück. […]” (aus: Neue Energie, Nr. 06/Juni 2013, S. 71-73)

Statt rechtzeitig die Zeichen der Zeit zu erkennen, hat man zu lange an den alten Stromversorgungsstrukturen festgehalten. Jetzt ist man sehr spät dran. RWE kommt nicht darum herum, stark in Erneuerbare Energien zu investieren, weil das ansonsten andere übernehmen und RWE immer mehr Marktanteile verliert. Das Problem für das Unternehmen ist, dass jedes neue Windrad, jede Solaranlage etc. die Rendite der konventionellen Kraftwerke verringert. Die Quintessenz: immer vorausschauend handeln und innovativ sein, statt an alten Strukturen festhalten und neue zu bekämpfen!

Dez 182012
 

Wir organisieren Weltklimagipfel nach Weltklimagipfel. Doch jedes Jahr enden die Klimakonferenzen ohne wirkliche Ergebnisse, während der Klimawandel beschleunigt voranschreitet. Auch Doha (Katar) war wieder eine Enttäuschung, obwohl mittlerweile nicht mal mehr die Optimisten noch große Erwartungen gehabt hatten. Allein, dass in Doha rumgetrickst werden musste, um überhaupt ein Ergebnis vorweisen zu können, zeigt doch, dass die Weltklimagipfel in ihrer bisherigen Form keine Zukunft mehr haben. Es kann doch nicht sein, dass man mittlerweile einem Verhandlungsführer dafür dankbar sein muss, dass er einfach sein lächerliches Ergebnispaket verliest, dieses damit als entschieden verkündet und die Einwände anderer – in diesem Falle Russlands – einfach ignoriert. Ohne dieses autoritäre Verhalten von  Abdullah bin Hamad al-Attiyah wäre der Klimagipfel komplett gescheitert. Vielleicht wäre ein solches Scheitern sogar mal nötig, damit wir doch noch aufwachen.

Leider hat Franz Alt recht: „Je mehr internationale Konferenzen stattfinden, um das Klima zu schützen, desto schlechter geht es ihm.“ Möglicherweise brauchen wir die UN-Konferenzen auch weiterhin, weil man die Hoffnung nicht aufgeben darf oder – so sarkastisch es sich auch anhört – weil wir so zumindest einmal im Jahr unser Scheitern vor Augen geführt bekommen.

Doch wer sich allein an einen einzigen brüchigen Strohhalm klammert, der wird untergehen. Wenn wir weiterhin auf den letzten Bremser warten, dann werden wir zwangsläufig so lange warten bis die Erwärmung nicht mehr zu stoppen ist. Schon jetzt sprechen immer mehr Experten davon, dass wir uns mehr auf Maßnahmen konzentrieren sollten, mit denen wir uns dem Klimawandel anpassen anstatt Klimaschutz zu praktizieren. Doch das wäre fatal. Wenn wir nichts tun, könnten aus zwei auch schnell drei oder vier Grad Erwärmung werden. Dann wird nämlich nach Aussagen von Wissenschaftlern aus einer starken Erwärmung mit schlimmen Folgen eine Klimakatastrophe, die uns absolut überrollen könnte. Der direkte Klimaschutz bleibt also unser höchstes Gebot. Er sollte lediglich durch Anpassungsmaßnahmen ergänzt werden.

Was wir brauchen sind Vorreiter, Staaten, die gemeinsam vorangehen, die zeigen, dass Klimaschutz funktioniert und mittelfristig sogar ökonomische und soziale Vorteile bringt. Wir brauchen eine Koalition der Willigen, die sich zusammen tun, sich Regeln geben und damit auch die anderen Länder unter Druck setzen. Deutschland hat diese Vorreiterrolle längst eingebüßt. Großspurigen Worten sind halbherzige oder sogar kontraproduktive Taten gefolgt. Insgesamt ist die Diskussion auch in Deutschland ins Hintertreffen geraten, obwohl die Situation immer brenzliger wird. Wenn Deutschland wieder vorangeht und die EU klare Signale setzt, dann machen auch internationale Klimaverhandlungen Sinn, denn dann entsteht dort Druck und dann kann über gute Vorschläge diskutiert werden.

Klimawandel schreitet schneller voran als Pessimisten prophezeit haben

Wer vor Jahren deutlich auf die Probleme des Klimawandels hingewiesen hat, wurde des „Alarmismus“ bezichtigt. Klimaskeptiker haben an Gewicht gewonnen, obwohl die Entwicklungen der letzten Jahren dramatischer ausfallen, als selbst Pessimisten dies vorausgesagt haben.

Die neuesten Erkenntnisse der Klimaforscher können alarmierender nicht sein. Schätzungen gehen davon aus, dass der CO2-Ausstoß 2011 wieder um drei Prozent angestiegen ist. Die letzten zehn Jahre gehören zu den zwölf wärmsten Jahren seit Aufzeichnung durch die US-Wetterbehörde. Im letzten Jahr schmolz das Meereis am Nordpol so stark wie noch nie, und zwar um eine Fläche der Größe Deutschlands und Frankreichs zusammen. Dementsprechend steigt auch der Meeresspiegel schneller als prognostiziert. Forscher des Potsdam-Instituts für Klimaforschung erwarten mittlerweile einen Anstieg um 1,2 Metern bis zum Ende des Jahrhunderts. Ein solcher Anstieg wäre für viele Inseln und flache Küstenländer katastrophal. Allein in Bangladesch leben derzeit mit ca. 160 Millionen Einwohnern doppelt so viele Menschen wie in Deutschland.

Strikter Klimaschutz ist also dringlicher als je zuvor, wird aber mit jedem Jahr immer unwahrscheinlicher. Wer also jetzt immer noch meint, die Lösung des Treibhausgasproblems aufschieben zu wollen, soll erklären, wie er das zukünftigen Generationen gegenüber verantworten will.

Info: Die wichtigsten Ergebnisse von Doha im Einzelnen:

  • Das Kyoto-Protokoll wird bis 2020 verlängert. Das bedeutet u. a.: die EU und zehn weitere Staaten verpflichten sich, weiterhin ihre CO2-Emissionen zu vermindern. Die EU will bis 2020 ihren Kohlendioxidausstoß um 20 Prozent gegenüber 1990 reduzieren. Dies stellt keinerlei Fortschritt dar. Länder wie Deutschland haben ihre Reduktionsziele bereits erfüllt und könnten sich jetzt zurücklehnen anstatt ambitioniert weiter etwas für den Klimaschutz zu tun. 2014 soll es allerdings eine Überprüfung der zugesagten Ziele für die Minderung des CO2-Ausstoßes geben mit der Möglichkeit einer Korrektur nach oben.
  • An der zweiten Verpflichtungsperiode bis 2020 werden Australien, die 27 EU-Länder sowie weitere europäische Staaten teilnehmen, die für rund 15 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich sind. Russland, Kanada, Japan und Neuseeland sind mittlerweile ausgetreten.
  • Die meisten Kyoto-Staaten haben erklärt bis 2020 keine Emissionsgutschriften osteuropäischer Staaten (so genannte „Heiße Luft“) zu kaufen. Diese kann ein Land auf seine eigenen Reduktionsziele anrechnen lassen und muss somit selber weniger Klimaschutzmaßnahmen ergreifen.
  • Bis 2015 soll ein neues weltweites Abkommen ausgehandelt werden und erst 2020 in Kraft treten. Dabei müssen endlich die beiden größten Emittenten China und USA eingebunden werden.
  • Im nächsten Jahr sollen erstmals Instrumente geschaffen werden, mit denen man einen Ausgleich schafft für durch Klimawandel entstandene Schäden, z.B. für Ernteausfälle in Entwicklungsländern.
  • Es gab keine Entscheidung darüber, wie Entwicklungsländer beim Klimaschutz finanziell unterstützt werden. Beim Klimagipfel in Kopenhagen 2009 wurden 100 Milliarden Dollar jährlich zugesagt. Jetzt soll eine Arbeitsgruppe klären, woher das Geld kommen soll. Einige europäische Staaten wollen für die nächsten zwei Jahre sieben Milliarden Euro bereitstellen.
Okt 012012
 

„Ohne die Wälder gibt es keine Zukunft, für niemanden. Wenn der Planet schweigt, wie werden wir leben? Wohin werden wir gehen, wenn wir unsere Welt zerstört haben?“
Davi Kopenawa (Yanomami)

Ein Paradies auf Erden
Papageienrufe, ein Chor von Tierstimmen und Geräuschen. Dichter, grüner Wald, besprenkelt mit bunten exotischen Blumen. Flüsse voller Fische und Heimat rosafarbender Delfine. So stellen wir uns das Paradies vor, das Urbild Amazoniens, der großen, grünen Lunge der Welt. Doch das Paradies schrumpft. Etwa ein Fünftel der Waldflächen in Amazonien sind bereits verschwunden und die Rodungen gehen täglich weiter.
Eines dieser wenigen Paradiese ist der ecuadorianische Yasuní-Nationalpark im westlichen Amazonasgebiet, der 1989 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt wurde. Es ist wissenschaftlich belegt worden, dass Yasuní einer der artenreichsten Gebiete auf der Erde ist (Bass et al. 2010). Er beherbergt mehr Baumarten als ganz Nordamerika. Auf einem Baum finden sich mehr Käferarten als in ganz Europa. Fast nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele verschiedene Arten von Amphibien, Vögeln, Säugetieren und Pflanzen. Der Nationalpark ist aber auch der Lebensraum des indigenen Volkes der Huaorani und anderer Stämme, die sich vor der Zivilisation zurückgezogen haben.
Der Yasuní-Regenwald könnte bewahrt werden, gäbe es nicht die zunehmende Gier nach dem Schmierstoff der Weltwirtschaft: Erdöl. Noch immer ist Öl mit einem Anteil von ca. 35 % am Primärenergieverbrauch der weltweit wichtigste Energieträger. Die Industriegesellschaft hat einen großen Teil ihres Wohlstands auf Öl aufgebaut. Mobilität, Raum- und Siedlungsstrukturen, unser moderner Lebensstil, all dies funktioniert (momentan) nur mit Öl. 850 Mio. Barrel dieses Rohstoffs, mit einem geschätzten Wert von über 7 Mrd. Dollar, lagern unter dem Yasuní-Paradies.

Zum Wert von Öl und Wald
Was hat Vorrang, Wald oder Öl? Diese Frage stellt sich in einer ökonomisierten Welt eigentlich gar nicht mehr. Und die Bedeutung des Waldes für das Klima, für einzigartige Tier- und Pflanzenwelt inklusive vieler unentdeckter Arten und Stoffe ist nur schwer bilanzierbar. Der Nutzen bemisst sich zunächst nur nach dem (einmaligen) Verkaufswert des Holzes und des Bodens. Gegen kurzfristige Profite, den die Ölförderung, neue Weideflächen oder der Anbau von Soja bringen, haben ideelle Werte offensichtlich keine Chance (Reichholf 2010).
Jedes Jahr wird weltweit eine Fläche von ca. 13 Mio. ha Wald zerstört. (Bildlich gesprochen bedeutet dies, dass jede Minute ein Waldgebiet in der Größe der Rasenfläche aller deutschen Fußballstadien der 1. und 2. Liga abgeholzt werden). Wälder beherbergen aber nicht nur unzählige Pflanzen- und Tierarten, sie sind auch Lebensraum für rund 1,6 Mrd. Menschen. Sie bieten Schutz vor Erosion, Lawinen und Über-schwemmungen und regulieren als natürliche Speicher den Wasserhaushalt (WWF Schweiz 2011). Ein Drittel der großen Städte der Erde beziehen einen bedeutenden Teil ihres Trinkwassers aus Wäldern. Zudem speichern Wälder etwa die Hälfte des auf der Erde gebundenen Kohlenstoffs, obwohl sie „nur“ ein Drittel der Landoberfläche bedecken. Allein in der Biomasse der Wälder sind ca. 283 Mrd. t Kohlenstoff gebunden. Während ihres Wachstums nehmen Wälder Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf, speichern es in Biomasse und Boden und bilden so eine Kohlenstoff-Senke, bremsen also den Klimawandel (FAO 2010).
Doch dies alles scheint nichts wert zu sein, wenn es um schnelle Einnahmen aus der Ölförderung, dem Sojaanbau oder dem Holzverkauf geht. Einnahmen, von denen einige große Unternehmen (und ihre Aktionäre) profitieren, von denen aber nur wenig bei der breiten Bevölkerung verbleibt. Selbst dort, wo mühselige Erfolge im Waldschutz errungen wurden, wächst der Druck. Das zeigen beispielsweise die Diskussionen um das Waldgesetz in Brasilien, aber auch in vielen anderen Ländern, die noch viel ursprüngliche Natur besitzen.

Schwarze Hölle
Das Geschäft mit dem Öl ist meist dreckig und zerstörerisch (Bülow 2011). Dennoch hat bisher kein Land der Welt auf die Förderung von Erdöl verzichtet. Für den Bau der Pipelines und die Exploration des Öls wurden und werden an vielen Orten die ursprünglichen Bewohner vertrieben. Nicht nur im Amazonas-Gebiet tritt aus vielen Rohren unkontrolliert Öl aus. Flüsse werden verseucht und das Grundwasser wird verunreinigt. Das Öl enthält krebserregende Stoffe und radioaktive Elemente. Studien über die Gesundheitsrisiken in Ölförderregionen haben ergeben, dass das Krebsrisiko der Bevölkerung sich deshalb vervielfacht.
Es wäre zu einseitig, diese Problematik allein auf die Südhalbkugel zu fokussieren. So setzt beispielsweise Kanada auf die Ölförderung aus Teersanden (Greenpeace 2010). Dabei werden etwa 23 % mehr an klimaschädlichen Gasen freigesetzt als bei der konventionellen Ölför-derung. Hinzu kommt eine teils massive Waldzerstörung, die Entste-hung von giftigen Abwässern, die Verseuchung der Fische und damit der Nahrung für viele Menschen. Eine unglaubliche Fehlentwicklung, die dazu führen muss, dass die EU einen Import von Öl aus Teersanden ausschließt.
Wir sollten immer bedenken, dass die übermäßige Ölförderung vor allem durch den Energiehunger und den Lebensstil der nördlichen Industrieländer angetrieben wird. Weil einwohnerstarke Länder wie China, Indien und Brasilien mit Meilenstiefeln ebenfalls unseren Reichtumsstand entgegenstreben – wer sollte ihnen das verdenken – wird die Situation immer dramatischer. Es müsste immer mehr Öl gefördert werden, um den wachsenden Energiehunger zu stillen.
Steigender Verbrauch und knapper werdende Reserven führen zu steigenden Preisen. Deshalb werden immer größere Risiken eingegangen, um an die Ressource Öl zu gelangen. Risiken, die, wie beim Unfall der Ölplattform Deepwater Horizon (2010) und der Elgin-Havarie (2012), zu großen ökologischen und ökonomischen Belastungen werden können.

Die ITT-Initiative – ein innovativer Vorschlag
Die internationale Politik hat beim Thema Öl und Wald bisher kläglich versagt. Deshalb sind die außergewöhnlichen Vorschläge dringend erforderlich. Ein solcher Vorstoß kam von der ecuadorischen Regierung: die ITT-Initiative, benannt nach den Ölquellen Ishpingo, Tambococha, Tiputini. Der Vorschlag: Ecuador schützt den Yasuní-Nationalpark und verzichtet auf die Hälfte des Profits der möglichen Ölverkäufe. Die andere Hälfte soll die internationale Staatengemeinschaft beisteuern. Der Wald bleibt, das Öl auch. Durch den Nutzungsverzicht würden etwa 1200 Mio. t CO2-Emissionen vermieden, weitere 800 Mio. durch die nicht stattfindende Abholzung.
Die praktische Umsetzung der ITT-Initiative wäre ein Paradigmenwechsel mit Vorbildcharakter (grundlegend hierzu WBGU 2002, 2004 und 2009). Denn sie vereint drei Ziele: (1) Klimaschutz durch Nichtausbeutung fossiler Brennstoffe, (2) Erhalt der Artenvielfalt und (3) Schutz der indigenen Völker. Das Geld – schätzungsweise 3,6 Mrd. US-Dollar in 13 Jahren – soll, so ein weiteres Detail des Vorschlages, von den Vereinten Nationen in einem Treuhandfonds verwaltet werden, der ausschließlich zur Finanzierung nachhaltiger Projekte in Ecuador verwendet werden darf. Die lokale Bevölkerung soll aktiv in den Schutz des Yasuni-Nationalparks eingebunden werden. Absichernd gibt es eine Garantieerklärung der Rückzahlung der Mittel, falls eine neue Regierung in Ecuador den Vorschlag zurückziehen oder annulieren sollte.

Wir brauchen mehr als REDD
Der Yasuní-Vorschlag unterscheidet sich von dem sonst von vielen Staaten favorisierten REDD-Mechanismus (REDD = Reducing Emissions from Deforestation and Degradation), der einen finanziellen Ausgleich für die Verringerung der Entwaldung gewährleisten soll. So wichtig REDD auch sein könnte, bis heute ist die Finanzierung nicht geklärt. Eine Idee besteht darin, REDD in den Emissionshandel zu integrieren, was bedeuten würde, dass man für vermiedene Entwaldung Emissionszertifikate bekäme. Die Gefahr dabei ist, dass der Markt mit Emissionsrechten überschwemmt und die ohnehin tief-preisigen Kohlendioxid-Märkte weiter geschwächt werden könnten.
Beim Yasuni-Vorschlag verstecken sich viele Staaten hinter REDD und begründen ihre sonstige Untätigkeit damit, dass es dieser Mechanismus schon richten werde. Tut es aber nicht. Nur wenn Staaten vorangehen, wenn erneuerbare Energien den Markt erobern, wenn Eigeninitiativen von Kommunen und Regionen die Energiewende vorantreiben, wird es sichtbare Resultate geben können. Die Hoffnung auf den Emissionshandel hat sich nicht erfüllt. Ähnliches steht bei einer einseitigen Festlegung auf REDD zu befürchten.

Zur Rolle Deutschlands
Vertreter internationaler Umweltverbände sprechen zunehmend häufig vom „schlafenden Riesen“ Deutschland. Lange Zeit gehörte Deutschland zu den Antreibern des internationalen Waldschutzes. Das deutsche Engagement hatte Signalwirkung für viele andere Länder, ebenfalls mitzuziehen. Bis zum Regierungswechsel 2009 gehörte Deutschland auch zu den Unterstützern der Yasuní-Initiative. Weil man bei zahlreichen Konferenzen hatte erleben müssen, wie mühselig konkrete Beschlüsse zum Wald- oder Klimaschutz vorankamen, erkannte man Yasuní als neue Chance. Das zuständige Bundesministeri-um (BMZ) stellte – unterstützt durch fast alle Fraktionen im Deutschen Bundestag – 50 Mio. Euro jährlich für die ITT-Initiative in Aussicht.
Von dieser Vorreiterrolle ist nicht viel übrig geblieben. Zwar hat die derzeitige Bundesregierung verschiedene Versprechungen zum Wald- und Klimaschutz abgegeben, doch tatsächlich passiert ist in den letzten Jahren wenig. So droht „der Riese“ vollends einzuschlafen. Damit verliert Deutschland seine Sogwirkung und der immer notwendigere Waldschutz kommt unter die Räder. Besonders schlimm ist es bei der Yasuní-Initiative selbst.
Das BMZ blockiert die in Aussicht gestellten Gelder weiterhin. Trotz des Drucks von Umweltverbänden und der Opposition soll nichts in den Fonds fließen. Stattdessen sollten einmalig 34,5 Mio. Euro für den allgemeinen Waldschutz in Ecuador zur Verfügung gestellt werden. Nachdem sich das BMZ lange nicht mit Ecuador einigen konnte, wie das Geld zu verwenden sei, verständigte man sich im Mai 2012 doch darauf, dass wenigstens die einmalige Zahlung erfolgen soll.
Die vorgebrachten Argumente für die Ablehnung der ITT-Initiative sind fadenscheinig. Man wolle keinen Präzedenzfall schaffen, der in immer neue Forderungen münde, finanzielle Mittel zum Unterlassen von Umweltschädigungen bereitzustellen. Die deutsche Regierung negiert damit aber auch den Rat der eigenen Berater: Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen hatte in drei seiner Gutachten (WBGU 2002, 2004, 2009) die Sinnhaftigkeit von Anreizen zu Nutzungsverzichtserklärungen von Ressourcen detailliert begründet. Die ecuadorische Regierung hat da gelernt, wo die deutsche Regierung offenbar nicht lernen will.
Der Yasuní-Nationalpark ist also vorerst nicht gerettet, weil nach dem deutschen „Vorbild“ auch andere Länder ihre Zusagen für den Fonds zurücknehmen werden. Ohne Erfolgsmeldung aber wird die ecuadorianische Regierung immer mehr unter Druck, den Weg zu gehen, den sonst alle gehen. Wir, die Deutschen, hätten einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, dass ein Naturparadies doch noch gerettet wird.

Den schlafenden Riesen wecken!
Statt die Vorreiterrolle im Klima- und Waldschutz weiterzuentwickeln, scheint die deutsche Regierung nicht nur im Fall von Yasuní in eine andere Richtung zu marschieren, wie beispielsweise der Bau eines brasilianischen Atomkraftwerks in einer Risikoregion zeigt, das mit einer Hermes-Bürgschaft abgesichert werden soll. Diese Prioritätensetzung zeigt, wie verflochten man immer noch mit den alten Energiestrukturen und ihren einflussreichen Lobbys ist. Der Beschluss zum mittelfristigen Atomausstieg macht allein noch keine Energiewende – und die Wende zu einer nachhaltigen Entwicklungshilfepolitik müssen wir offenbar erst noch einleiten.
Die aktive Unterstützung der Yasuní-Initiative wäre ein innovativer Schritt in diese Richtung gewesen. In Zeiten unzureichender Ergebnisse der globalen Umweltpolitik brauchen wir mehr konkrete Projekte des Yasuní-Typs. Warum wir dafür zahlen sollen? Weil wir mitverantwortlich dafür sind, dass unser Planet abgeholzt wird. Weil in Europa kaum noch ein ursprünglicher, artenreicher Wald existiert. Weil unsere energie- und ressourcenintensive Wirtschaftsweise den Klimawandel weiter anheizt. Und weil wir es trotz unseres Reichtums bisher nicht geschafft haben, nach den Prinzipien der Nachhaltigkeit zu leben.

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Literatur
Bass, M. S., A. Finer, C. N. Jenkins, H. Kreft, D. F. Cisneros-Heredia et al.: Global Conservation Significance of Ecuador’s Yasuní National Park. 2010. In: Public Library of Science 5, Nr.1: e8767. doi:10.1371/journal.pone.0008767.
Bülow, M.: Dossier Erdöl. Berlin 2011. http://www.marco-buelow.de/uploads/media/Marco_Buelow_OEl-Dossier.pdf
FAO: Global Forest Resources Assessment. Rome 2010.
Greenpeace e.V.: Ölsand-Abbau in Kanada. Hamburg 2010.
Reichholf, J. H.: Der tropische Regenwald. Frankfurt a. M. 2010.
WBGU: Entgelte für die Nutzung globaler Gemeinschaftsgüter. Politikpapier 2. Berlin 2002.
WBGU: Welt im Wandel. Armutsbekämpfung durch Umweltpolitik. Hauptgutachten. Berlin 2004; insbes. Kapitel 4.2.2.6 und 5.6.
WBGU: Welt im Wandel. Zukunftsfähige Bioenergie und nachhaltige Landnutzung. Hauptgutachten. Berlin 2009; insbes. Kapitel 10.5.2.
WWF Schweiz: Die Wälder der Welt. Ein Zustandsbericht. 2. Auflage. Zürich 2011.

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Dieser Artikel ist erschienen im Jahrbuch Ökologie 2013 - Wende überall? Von Vorreitern, Nachzüglern und Sitzenbleibern, S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2012. Mehr Infos hier.

 

 

Jul 282011
 

Die globale Erwärmung schreitet ungebremst voran. 2010 war das global wärmste Jahr seit Beginn der Wetter-Aufzeichnungen. Manche Folgen der Erwärmung überholen die Prognosen der Klimaforscher, etwa der Meeresspiegelanstieg und der Eisschwund in der Arktis.

„Die wissenschaftliche Einschätzung wichtiger Risiken der Erwärmung ist in den letzten Jahren deutlich pessimistischer geworden. Das betrifft den Meeresspiegelanstieg, der schon bis Ende des Jahrhunderts beim mehr als einem Meter liegen könnte, und die Gefahr, »Kipp-Punkte« des Klimasystems zu überschreiten und dabei den grönländischen Eisschild zu destabilisieren oder große Methanmengen aus dem Permafrost freizusetzen. (…)

Aus der nötigen Geschwindigkeit der umfassenden Transformation ergibt sich, dass bei den UN-Verhandlungen das Tempo nicht von den Langsamsten bestimmt werden darf. Im Zweifel müssen die entschlossenen Länder auch ohne die USA vorangehen. Wir haben auch keine Zeit abzuwarten, bis den schneckenhaft dahinkriechenden UN-Verhandlungen der große Wurf gelingt: das verbindliche, globale Klimaschutzabkommen. Die Klimawende muss hier und heute vorangebracht werden.”

Dies schreibt einer der führenden Klimaforscher Stefan Rahmstorf vor kurzem im Magazin zeozwei (Vollständiger Artikel: http://www.zeozwei.de/allgemein/okostrom-eu-und-du_29-03-2011_581). Recht hat er, aber trotz aller Erkenntnisse macht die Politik sogar Rückschritte, anstatt endlich Handlungsfähig zu werden. In Europa konnte man sich im Juni nicht einmal auf eine CO2-Reduzierung von 25 Prozent einigen. Wir müssen endlich aufhören die Bremser und Blockierer das Tempo bestimmen zu lassen. Dies gilt weltweit, wie auch in Europa und in Deutschland.

Nach dem Atomausstieg (der zwar dringend notwendig war, aber nicht die Klimadiskussion überlagern darf) müssen wir endlich die Themen Energieeffizienz, Mobilität und Nutzung erneuerbarer Wärme wirklich anpacken. Auch die Ausbremsung der Erneuerbaren Energien durch die Bundesregierung wird uns wieder wertvolle Zeit kosten, um eine wirkliche Energiewende hinzubekommen.

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